Genomische Zuchtwertschätzung startet
Mit der August-Veröffentlichung werden genomisch unterstütze Zuchtwerte (gZW) für Holsteins in Deutschland offiziell. Die im Rahmen des EuroGenomics-Projektes erweiterte Lernstichprobe macht die genomischen Zuchtwerte deutlich sicherer. Somit können Bullen dann auch ohne Testeinsatz offiziell als Vererber vermarktet werden.
Die Verwandtschaftsinformationen eines Kandidaten selbst spielen bei der Berechnung des direkten genomischen Zuchtwertes keine Rolle, d.h. die genomische Formel ist unabhängig vom Pedigree für alle Tiere mit dem gleichen Gen-Muster gleich.
EuroGenomics Lernstichprobe
Die Anzahl von sicher geprüften Bullen, die die aktuell in der deutschen Population vorhandene Genetik gut repräsentieren, ist jedoch begrenzt. Zur Erhöhung der Sicherheit konnten die vier Partner der EuroGenomics-Kooperation Deutschland, Frankreich, Niederlande und Skandinavien durch einen Genotypenaustausch die Lernstichprobe aber auf über 16.000 Bullen vergrößern.
Für die Qualität der genomischen Formeln sind nicht nur der Umfang, sondern auch die Qualität der Lernstichprobe sowie die Qualität der einzelnen Zuchtwerte innerhalb der Lernstichprobe wichtig. Deutschland ist hier insbesondere im Vergleich zu außereuropäischen Ländern mit seiner großen MLP-Dichte sowie seiner umfassenden Datenerhebung und konventionellen Zuchtwertschätzung führend. So liegen z.B. nur in Deutschland von allen Probemelken die Zellzahlen für die Zuchtwertschätzung vor. Und nur in Deutschland gibt es Informationen von allen Besamungen und Abkalbungen für die Zuchtwertschätzung.
Die breite Leistungserfassung und konventionelle Zuchtwertschätzung bleiben also auch im genomischen Zeitalter wichtig. Genomische Formeln beruhen auf der Beziehung von konventionellen Zuchtwerten zu den genomischen Informationen: je unsicherer die konventionellen Zuchtwerte, desto unsicherer sind auch die genomischen Zuchtwerte. Die Entwicklung von genomischen Formeln für weitere, insbesondere funktionale Merkmale wie z.B. direkte Gesundheitsmerkmale setzt daher eine vorherige breite Datenerfassung und gute konventionelle Zuchtwertschätzung voraus.
Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte
Durch die Verwendung der EuroGenomics-Lernstichprobe mit über 16.000 Bullen können Sicherheiten auch ohne Töchter- oder Eigenleistungen von knapp 50 % bis 75 % erreicht werden (Tab. 1). Eine Sicherheit von 75 % für die Milchleistungszuchtwerte sind im Vergleich zu bisherigen ersten offiziellen Töchterzuchtwerten mit bereits etwa 80 % Sicherheit noch etwas geringer. Anders ausgedrückt entsprechen genomische Milchleistungszuchtwerte in ihrer Sicherheit einem konventionellen Zuchtwert auf der Basis von ca. 50 Töchtern mit 3 Probemelken in der ersten Laktation (siehe Töchterequivalent in Tab. 1). Auch die gZW-Sicherheit für Exterieurmerkmale liegt knapp unterhalb den bisher gewohnten offiziellen „Einstiegs“-Zuchtwerten von neuen geprüften Besamungsbullen. Für die funktionalen Merkmale hingegen brauchen die gZW junger Bullen den Vergleich mit den bisherigen Zuchtwerten auf Basis von Töchtern in der ersten Laktation jedoch nicht zu scheuen. Das absolute Niveau der Sicherheiten liegt mit ca. 50 % etwas niedriger als für die anderen Merkmale. Zu beachten ist aber hier die Tatsache, dass bisher veröffentlichte konventionelle Zuchtwerte dieser Merkmale aufgrund der erst spät anfallenden Daten anfangs ebenfalls nur begrenzt genau sind. Insbesondere für die Nutzungsdauer ist der gZW eines jungen Bullen bereits genauso sicher wie der eines heutigen Vererbers, dessen erste ca. 30 Töchter bereits die 2. Laktation begonnen haben. Dies entspricht also etwa der Sicherheit des Zuchtwertes für Nutzungsdauer eines Bullen nach drei konventionellen Schätzterminen (vgl. hierzu Sicherheiten des gZW junger Bullen im Vergleich zu töchtergeprüften Vererbern in Abb. 1).
| Sicherheit P.I. | Sicherheit gZW | Töchter-Equivalent |
|---|---|---|---|
RZM | 33 % | 75 % | ca. 50 mit 3 PM |
RZS | 31 % | 75 % | ca. 85 mit 3 PM |
RZE | 30 % | 69 % | ca. 25 |
RZN | 27 % | 53 % | ca. 100 1. La. + 70 2. La. |
RZR | 28 % | 48 % | ca. 80 1. La. |
KV pat. | 33 % | 45 % | ca. 40 Kalbungen |
KV mat. | 28 % | 43 % | ca. 40 Erstkalbungen |
RZD | 28 % | 70 % | ca. 30 |
P.I.: Pedigree-Zuchtwert
gZW junger Tiere: genomisch unterstützter Zuchtwert
Töchter-Equivalent: gZW-Sicherheit junger Bullen entspricht einem konventionellen Zuchtwert mit der entsprechenden Töchterzahl (PM = Probemelken)
Den gesamten Artikel mit der dazugehörigen Grafik entnehmen Sie bitte der angehängten pdf-Datei.


