Webcode: 01015544

Genomische Zuchtwertschätzung startet

Mit der August-Veröffentlichung werden genomisch unterstütze Zuchtwerte (gZW) für Holsteins in Deutschland offiziell. Die im Rahmen des EuroGenomics-Projektes erweiterte Lernstichprobe macht die genomischen Zuchtwerte deutlich sicherer. Somit können Bullen dann auch ohne Testeinsatz offiziell als Vererber vermarktet werden.

Seit August letzten Jahres stehen den Zuchtorganisationen erste genomische Zuchtwerte aus dem neu entwickelten genomischen Zuchtwertschätzverfahren zur Verfügung. Seither erfolgte unter Einbeziehung der bisherigen Erfahrungen in der Zuchtwertschätzung eine ständige Weiterentwicklung des Systems „Genomische Zuchtwertschätzung“. Diese Weiterentwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Schließlich handelt es sich um eine völlig neue Methodik, deren statistisch genetische Grundlagen erst entwickelt werden mussten. Es wird anhand einer möglichst großen Anzahl von sicher geprüften und zusätzlich genomisch untersuchten Bullen - einer so genannten Lernstichprobe - die Beziehung zwischen dem Genmuster und den Zuchtwerten als Ausdruck der wahren genetischen Leistungsvererbung abgeleitet.
Die Verwandtschaftsinformationen eines Kandidaten selbst spielen bei der Berechnung des direkten genomischen Zuchtwertes keine Rolle, d.h. die genomische Formel ist unabhängig vom Pedigree für alle Tiere mit dem gleichen Gen-Muster gleich.

EuroGenomics Lernstichprobe
Die Anzahl von sicher geprüften Bullen, die die aktuell in der deutschen Population vorhandene Genetik gut repräsentieren, ist jedoch begrenzt. Zur Erhöhung der Sicherheit  konnten die vier Partner der EuroGenomics-Kooperation Deutschland, Frankreich, Niederlande und Skandinavien durch einen Genotypenaustausch die Lernstichprobe aber auf über 16.000 Bullen vergrößern.

Für die Qualität der genomischen Formeln sind nicht nur der Umfang, sondern auch die Qualität der Lernstichprobe sowie die Qualität der einzelnen Zuchtwerte innerhalb der Lernstichprobe wichtig. Deutschland ist hier insbesondere im Vergleich zu außereuropäischen Ländern mit seiner großen MLP-Dichte sowie seiner umfassenden Datenerhebung und konventionellen Zuchtwertschätzung führend. So liegen z.B. nur in Deutschland von allen Probemelken die Zellzahlen für die Zuchtwertschätzung vor. Und nur in Deutschland gibt es Informationen von allen Besamungen und Abkalbungen für die Zuchtwertschätzung.

Die breite Leistungserfassung und konventionelle Zuchtwertschätzung bleiben also auch im genomischen Zeitalter wichtig. Genomische Formeln beruhen auf der Beziehung von konventionellen Zuchtwerten zu den genomischen Informationen: je unsicherer die konventionellen Zuchtwerte, desto unsicherer sind auch die genomischen Zuchtwerte. Die Entwicklung von genomischen Formeln für weitere, insbesondere funktionale Merkmale wie z.B. direkte Gesundheitsmerkmale setzt daher eine vorherige breite Datenerfassung und gute konventionelle Zuchtwertschätzung voraus.

Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte 
Durch die Verwendung der EuroGenomics-Lernstichprobe mit über 16.000 Bullen können Sicherheiten auch ohne Töchter- oder Eigenleistungen von knapp 50 % bis 75 % erreicht werden (Tab. 1). Eine Sicherheit von 75 % für die Milchleistungszuchtwerte sind im Vergleich zu bisherigen ersten offiziellen Töchterzuchtwerten mit bereits etwa 80 % Sicherheit noch etwas geringer. Anders ausgedrückt entsprechen genomische Milchleistungszuchtwerte in ihrer Sicherheit einem konventionellen Zuchtwert auf der Basis von ca. 50 Töchtern mit 3 Probemelken in der ersten Laktation (siehe Töchterequivalent in Tab. 1). Auch die gZW-Sicherheit für Exterieurmerkmale liegt knapp unterhalb den bisher gewohnten offiziellen „Einstiegs“-Zuchtwerten von neuen geprüften Besamungsbullen. Für die funktionalen Merkmale hingegen brauchen die gZW junger Bullen den Vergleich mit den bisherigen Zuchtwerten auf Basis von Töchtern in der ersten Laktation jedoch nicht zu scheuen. Das absolute Niveau der Sicherheiten liegt mit ca. 50 % etwas niedriger als für die anderen Merkmale. Zu beachten ist aber hier die Tatsache, dass bisher veröffentlichte konventionelle Zuchtwerte dieser Merkmale aufgrund der erst spät anfallenden Daten anfangs ebenfalls nur begrenzt genau sind. Insbesondere für die Nutzungsdauer ist der gZW eines jungen Bullen bereits genauso sicher wie der eines heutigen Vererbers, dessen erste ca. 30 Töchter bereits die 2. Laktation begonnen haben. Dies entspricht also etwa der Sicherheit des Zuchtwertes für Nutzungsdauer eines Bullen nach drei konventionellen Schätzterminen (vgl. hierzu Sicherheiten des gZW junger Bullen im Vergleich zu töchtergeprüften Vererbern in Abb. 1).

Tabelle 1: Sicherheiten der genomischen Zuchtwerte junger Tiere/ Bullenkälber im Vergleich zur Sicherheit des Pedigree-Zuchtwerts

 

Sicherheit P.I.

Sicherheit gZW

Töchter-Equivalent

RZM

33 %

75 %

ca. 50 mit 3 PM

RZS

31 %

75 %

ca. 85 mit 3 PM

RZE

30 %

69 %

ca. 25

RZN

27 %

53 %

ca. 100 1. La. + 70 2. La.

RZR

28 %

48 %

ca. 80 1. La.

KV pat.

33 %

45 %

ca. 40 Kalbungen

KV mat.

28 %

43 %

ca. 40 Erstkalbungen

RZD

28 %

70 %

ca. 30

P.I.:  Pedigree-Zuchtwert
gZW junger Tiere: genomisch unterstützter Zuchtwert
Töchter-Equivalent: gZW-Sicherheit junger Bullen entspricht einem konventionellen Zuchtwert mit der entsprechenden Töchterzahl (PM = Probemelken)

Den gesamten Artikel mit der dazugehörigen Grafik entnehmen Sie bitte der angehängten pdf-Datei.


Kontakt:
Dr. Stefan Rensing
vit, Verden
Yvonne Konersmann
Tierzucht, Tierhaltung
Telefon: 0441 801-608
Telefax: 0441 801-634
E-Mail:


Stand: 18.08.2010