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Lehrfahrt der ndr. Schafzuchtverbände nach Baden-Württemberg

Jährlich im Herbst wird den Schafhaltern der vier niedersächsischen Schafzuchtverbände eine mehrtägige Lehrfahrt angeboten. Die letzte Fahrt führte nach Baden-Württemberg, wo interessante Zuchtbetriebe und Schäfereien besichtigt wurden.

Bei der Fahrt durch den Schwarzwald und das Biosphärengebiet Schwäbische Alb waren die Teilnehmer angetan von der hügeligen und abwechslungsreichen Landschaft. Auffällig war, dass an den Schafweiden kaum Festzäune zu finden sind. Vielfach wird mit Elektroknotengittern eingezäunt und in größeren Schäfereien werden die Herden traditionell gehütet. Insgesamt wurde über fehlenden Grasaufwuchs und Futterknappheit infolge des trockenen Sommers geklagt.

Hinsichtlich der Schafzahlen steht Baden-Württemberg in Deutschland mit über 200.000 Schafen hinter Bayern an zweiter Stelle. Es gibt etwa 2.700 Halter mit mehr als 20 Mutterschafen, darunter c.a. 130 hauptberufliche Schafhalter und ca. 20 Wanderschäfer. Entsprechend dem bundesdeutschen Trend ist auch in Baden-Württemberg die Schafhaltung in den letzten fünf Jahren stark rückläufig gewesen, hier sogar um fast 30%. Die Rasse Merinolandschaf („Württemberger“) ist mit ca. 70 Prozent des Gesamtschafbestandes  die dominierende Rasse. Vor allem wegen ihrem asaisonalem Brunstzyklus ist sie interessant für Direktvermarkter und Betriebe, die ganzjährig Schlachtlämmer vermarkten. Die Schlachtkörpereigenschaften dieser Rasse wurden in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Daneben gibt es zahlreiche Landschafrassen und Fleischschafrassen wie Schwarzkopf, Suffolk, Texel und zunehmend auch Ile de France. Letztere werden gerne an Merinoschafe zur Erzeugung von fleischigen Schlachtlämmern angepaart.

In Begleitung von Karl Bauer, dem ehemaligen Vorsitzenden des Zuchtverbandes wurden die Zuchtbetriebe Belz, Gundelsheim, Streicher, Ilsfeld, Bauer, Wildberg und Hagenlocher, Wildbad, besichtigt. Der Suffolzüchter Belz hat etwa 140 Mutterschafe und war vielen schon bekannt. Denn im Frühjahr war er einer der erfolgreichsten Aussteller auf der bundesweiten Eliteauktion in Verden. Jährlich werden etwa 30 gekörte Böcke  und 50 Zuchtlämmer vermarktet. Bewirtschaftet werden etwa 40 ha, darunter auch mehrere Streuobstwiesen. Seit einiger Zeit werden auch Coburger Fuchsschafe im Herdbuch gezüchtet. Belz ist gelernter Metzger und bewirtschaftet den Betrieb im Nebenerwerb. Beides gilt auch für den Betrieb Streicher, der Ile de France und Schwarzköpfe  züchtet und hauptberuflich auf einer Schweinebesamungsstation arbeitet. Streicher wünscht sich vor allem bei den Schwarzköpfen einen verbesserten Zuchttierabsatz. Aus arbeitswirtschaftlichen Gründen wurde die Direktvermarktung von Lammfleisch eingestellt. Heute werden alle Schlachtlämmer an einen Schäferkollegen abgegeben und dort geschlachtet. Das Lammfleisch wird an Privatkunden und Metzgereien abgegeben. Betriebsleiter und Sohn gründen gerade einen weiteren Betriebszweig und steigen in die Freilandhaltung von Legehennen ein. In Baden-Württemberg gibt es attraktive Förderprogramme zum Stallbau, wenn das Bauvorhaben den gewünschten Tierwohlkriterien entspricht.

Im Betrieb Bauer im Nordschwarzwld werden insgesamt 850 Mutterschafe, darunter 250 eingetragene Tiere der Rasse Merinolandschaf gehalten. Vater und Sohn bewirtschaften insgesamt 160 ha, darunter 35 ha Ackerland. Für 150 Stalltage im Jahr wird viel Grundfutter benötigt. Neben Merinoböcke kommen auch  fleischbetonte Böcke anderer Rassen zum Einsatz. Beim großen Kreuzungsversuch mit Merinoschafen haben Schwarzkopf – und Suffolkböcke tendenziell besser als Texel – und Charollaisböcke abgeschnitten. Die Mastlämmer werden im Stall ausgemästet und an die Erzeugergemeinschaft Württemberger Lamm vermarktet. Leider können Großabnehmer wie EDEKA selbst von der EZG nicht ganzjährig beliefert werden, sondern nur im Rahmen von Aktionen. Für eine einzige große Vermarktungsaktion werden annähernd 2.500 Lämmer benötigt. Überrascht waren die Lehrfahrtteilnehmer beim Besuch des Betriebes Hagenlocher. Denn hier wird mit100 Weißköpfigen Fleischschafen intensiv gezüchtet. Die  Rasse findet man ansonsten fast nur in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Hagenlocher achtet in seiner Zucht auf typische Rassemerkmale wie bewollter Schopf, schwarze Klauen und pigmentierte Nasen. Er schätzt die Robustheit und die guten Muttereigenschaften der Rasse. Neben den Schafen werden noch 30 Ziegen zur Landschaftspflege eingesetzt. Der Betrieb mit 65 ha Grünland wird im Nebenerwerb betrieben.

In der Schäferei Stotz in Münsingen sind 15 Mitarbeiter beschäftigt. Zahlreiche Auszubildende haben hier den Beruf des Schäfers erlernt. Zum Betrieb gehören über 2.000 Mutterschafe, 800 ha Grünland, ein eigenes Schlachthaus und  mehrere Ställe, darunter  ein nagelneuer Schafstall – größer als 2 Reithallen. Vermarktet werden Lammfleisch (Gastronomie, Metzger, Privatkunden), Schlachtlämmer, Jungschafe, F1- Kreuzungstiere, Rohwolle, verarbeitete Wolle usw. Interessant war auch, dass ein Teil der Merinowolle – nach dem Waschen und Kardieren im Ausland - im nahe gelegenen Münsingen zu modischen Kleidern verarbeitet wird. Bis es so weit war mussten viele Menschen von der Eignung deutscher Merinowolle überzeugt werden. Dazu bedurfte es Ausdauer und Geschick. Beides ist auch erforderlich, um diese große und moderne Schäferei erfolgreich zu managen.

Ein Höhepunkt der Lehrfahrt war der Besuch der Körung und Auktion in Herrenberg. 12 Züchter stellten 78 Böcke – überwiegend Jährlinge - der Rassen Merinoland, Ile de France, Suffolk und Schwarzkopf vor. Viele Böcke konnten verkauft werden und einige Merinoböcke erzielten Spitzenpreise von über 1.000 Euro.

Am letzten Reisetag wurde die Schäferei Gimber in Lobbach (Odenwald) besichtigt. Gimber ist Landesvorsitzender in Baden-Württemberg und Vorstandsmitglied der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände,VDL. Zum Betrieb gehören 800 Merinolandschafe, wovon 200 im Herdbuch eingetragen sind. Ein Großteil der Tiere wird von einem angestellten Schäfer gehütet. Der Hofnachfolger ist selber Schäfermeister und im Familienbetrieb helfen alle mit. Die Lämmer werden mit 20 kg abgesetzt. Durch das frühe Absetzen werden die Muttertiere eher wieder brünstig. Die Ausmast der Lämmer auf etwa 45 kg erfolgt im Stall. An drei Wochentagen werden das ganze Jahr über jeweils 10-20 Lämmer  geschlachtet.  An muslimischen Feiertagen helfen zusätzlich mehrere Metzger. Vermarktet werden nur halbe oder ganze Schlachtkörper. Ein Teil der Felle wird zur Gerbung gegeben und ab Hof oder auf Weihnachtsmärkten verkauft. Besonders gefragt sind  bunte Felle, die durch Kreuzung verschiedener Rassen entstehen. Gimber erläuterte die gute Zusammenarbeit mit dem Landesministerium. Gemeinsam wurde ein Nachhaltigkeitsprojekt zur „Weiterentwicklung der Schafhaltung in Baden-Württemberg zur Sicherstellung ihrer vielfältigen Funktionen“ erarbeitet und die Ergebnisse in einem Leitfaden veröffentlicht.  Die Gäste aus Niedersachsen bedankten sich bei Gimber und den anderen Betriebsleitern für die Möglichkeit zum Betriebsbesuch, die vielen Informationen und die herzliche Aufnahme und Gastfreundschaft.

 


Kontakt:
Klaus Gerdes
Tierzucht, Tierhaltung
Telefon: 0441 801-611
Telefax: 0441 801-634
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Stand: 11.03.2016