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Zuchtfortschritt nutzen, Sortenempfehlungen für das Grünland

Die Sortenempfehlung der Gräser wurde aktuell neu überarbeitet. Zur Vorbereitung auf das Vegetationsjahr gehört es, sich jetzt Gedanken über notwendige Nach- oder Neuansaaten auf Ihren Grünlandflächen zu machen. Verzichten Sie dabei nicht auf den Zuchtfortschritt und wählen Sie hochwertige Grünlandmischungen mit den für die nordwestdeutsche Region empfohlenen Sorten. Mehr Details entnehmen Sie dem Beitrag.  

 

Im Ackerbau wird dem neuen Sortenmaterial stets viel Beachtung geschenkt. Mit regelmäßigen Feldtagen für die jeweilige Ackerkultur, Frühverkaufsrabatten und auffälligen Werbeanzeigen macht man auf die neue Genetik aufmerksam. Im Vergleich zwischen der Züchtung im Ackerbau und im Gräserbereich könnte man meinen, dass letztere ein Schattendasein fristet. Doch der Schein trügt. Die Entwicklung verläuft nur ruhiger. Die Prüfungswege sind bis zum endgültigen Eintrag einer Sorte in die Beschreibende Sortenliste des Bundessortenamtes aufwändiger und langwieriger. Dafür kann man aber mit einer längeren Beständigkeit der Sorte auf dem Markt rechnen. Prinzipiell hat sich die Gräserzüchtung stetig weiter entwickelt. Erkennbar ist das nicht nur durch eine höhere Anzahl an gelisteten Sorten der Futtergräser. Besonders bei dem wichtigsten Gras des Grünlandes, dem Deutschen Weidelgrases, lässt sich nachweisen, dass die Sorten winterhärter, ausdauernder und ertragreicher geworden sind. In der Züchtungsarbeit lag der Fokus vor allem bei den tetraploiden Sorten des Deutschen Weidelgrases. Die frühere Verallgemeinerung, dass sich diploide Sorten im Vergleich zu tetraploiden Sorten durch eine höhere Narbendichte, Ausdauer, und Winterhärte auszeichnen, ist heutzutage als viel zu pauschal zu bewerten. In den Eigenschaften Ausdauer und Winterhärte haben tetraploide Sorten aufgeholt und können sich durchaus mit diploiden Sorten messen. Vor dem Hintergrund ist das Einmischen des Anteils an tetraploiden Genotypen in Mischungen schon lange nicht mehr begrenzt. Es ist also an der Zeit, sich genauer ein Bild über Sorteneigenschaften zu verschaffen.

Das Prinzip der Sortenempfehlung

Die regionale Bewertung von Sorten des Deutschen Weidelgrases erfolgt durch die Landessortenprüfung. Hierbei arbeiten die Landwirtschaftskammern im nordwestdeutschen Raum (Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen) eng zusammen. Es wird auf typischen Grünlandstandorten in den drei Bundesländern das gleiche Prüfsortiment angebaut und über drei Nutzungsjahre das Ertragsverhalten bei sehr intensiver Schnittnutzung gemessen sowie das Ausdauerverhalten, die Narbendichte und das Auftreten von Krankheiten bonitiert. Im Anschluss erfolgt eine Gesamtauswertung, die alle drei Nutzungsjahre und alle Prüfstandorte einbezieht. Das Ergebnis dieser mehrjährigen Leistungsprüfung fließt direkt in die Sortenempfehlung ein, welches in einem Faltblatt veröffentlicht wird. Die Neuauflage des Faltblattes erfolgt im Turnus von zwei Jahren. Dieses so genannte Grüne Faltblatt mit dem Titel „Qualitätsstandard Mischungen für Grünland; Sortenempfehlung 2016 – 2018“ wurde aktuell neu überarbeitet und ist bis zum Jahr 2018 gültig.

Sorteneigenschaften und Bewertung für den Praktiker

Welche wichtigen Rückschlüsse der Grünlandwirt aus der Sortenempfehlung ziehen kann, wird im Folgenden dargestellt. In Abbildung 1 sind die Relativerträge (Jahresertrag und Ertrag des 1. Schnitts) der aktuell empfohlenen Sorten aus der späten Reifegruppe dargestellt. Daraus wird zunächst eine große Streubreite im Jahresertrag von 96 bis 105 % deutlich. Wo also viel Masse vom Grünland produziert werden muss, ist man gut beraten, Mischungen mit ertragsstarken Sorten auszuwählen. Anhand der Grafik ist des Weiteren erkennbar, dass einige Sorten vor allem im ersten Aufwuchs viel Ertrag bringen, im Jahresertrag aber eher unterdurchschnittlich sind. Man spricht hier von frühjahresbetonten Sorten. Sorten mit diesen Eigenschaften machen dort Sinn, wo im Betrieb viel Masse insbesondere von den beiden ersten Aufwüchsen gebraucht wird und das Nachwuchsverhalten der Folgeaufwüchse durchaus verhaltener sein darf. Es gibt aber auch Sorten mit einem sehr ausgewogenen Wachstumsverhalten. Diese Sorten zeichnen sich durch eine überdurchschnittliche Bewertung im Jahresertrag und im Ertrag des ersten Aufwuchses aus. Diese Beispiele zeigen, dass es Sinn macht, sich mit der Sortenzusammensetzung von Grünlandmischungen detaillierter vor dem Kauf der Saatgutware zu befassen.

Ertrag ist nicht alles

Wenn es um die Frage einer nachhaltigen Nutzung des Dauergrünlandes geht, ist eine Sorteneinschätzung nur auf Grundlage des Ertrages unzureichend. Zu weiteren wichtigen Eigenschaften gehören die Winterhärte, das Vermögen zur Revitalisierung und die Krankheitsanfälligkeit. Mit dem Merkmal „Ausdauer“ werden im Faltblatt zur Sortenempfehlung die Winterhärte und das Vermögen zur Revitalisierung beschrieben. Die Winterhärte setzt sich beispielsweise aus einer Bonitur vor und einer Bonitur nach dem Winter zusammen. Ist der Stand der Sorte nach dem Winter deutlich schlechter als vor Winterbeginn, so können anhand dieser Aufzeichnungen entsprechende Rückschlüsse für die Winterhärte gefasst werden. Es gibt aber auch Sorten, die nach dem Winter einen schlechten Stand aufweisen, sich aber verhältnismäßig rasch von den Wintermonaten erholen. Solche Eigenschaften werden erfasst, indem auch der Deckungsgrad (also die Bodenbedeckung der Gräser) auf der Versuchsparzelle bewertet wird. Verbessern sich die Boniturergebnisse zum Deckungsgrad im Verlauf des Vegetationsjahres, so lässt sich daraus ein gutes Revitalisierungsvermögen ableiten. In der Sortenbewertung fließt diese Eigenschaft indirekt in das Merkmal „Ausdauer“  ein. Werden im Vegetationsjahr zusätzliche Besonderheiten beobachtet, so erfolgen hierzu weitere Bonituren. Das betrifft zum Beispiel das Vorkommen von Mehltau, die Rostanfälligkeit oder den Schneeschimmel. Im Faltblatt zur Sortenempfehlung wird dem Rost eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Rostanfällige Sorten mindern den Ertrag und die Futterakzeptanz der beweideten Flächen. Zudem verschlechtert sich die Futterqualität durch das Auftreten der Pilzkrankheit. Im Rahmen der Landessortenprüfung werden die Bestände so intensiv genutzt und über das gesamte Vegetationsjahr hinreichend mit Nährstoffen versorgt, dass Rost relativ selten vorkommt. Wenn dennoch Rost auftritt, so waren für diese Pilzkrankheit die entsprechenden Witterungsbedingungen gegeben. Die genetische Neigung zur Rostkrankheit kann durch die Prüfbedingungen gut erkannt und eine sichere Unterscheidung zwischen Rost anfälligen und Rost resistenten Sorten getroffen werden. Im Faltblatt zur Sortenbewertung gibt es drei verschiedene Einstufungen zur Rostresistenz (durchschnittlich, gut, sehr gut).

Mooreignung

Etwa 38 % des Dauergrünlandes in Niedersachsen sind Moorstandorte. Mit den besonderen Eigenschaften von Moorstandorten hat das Deutsche Weidelgras, welches normalerweise den besseren Mineralstandorten entstammt, seine Schwierigkeiten. Da dieses Futtergras auch im Winter noch grün bleibt, reagiert es auf stark schwankende Temperaturunterschiede, Wechselfröste und dauerhaft hohen Grundwasserständen sehr empfindlich. Diese Empfindlichkeit ist allerdings bei den Sorten des Deutschen Weidelgrases unterschiedlich ausgeprägt. Eine entsprechende Bewertung erfolgt durch Anbauprüfungen des Deutschen Weidelgrases auf Moor. Sorten, die auf den insgesamt vier Prüfstandorten besonders gute Ergebnisse in Bezug auf ihre Bodenbedeckung und Winterfestigkeit  erlangen, werden als so genannte „M-Sorten“  eingestuft. Die Mooreignung ist gleichfalls dem Faltblatt als sachdienlicher Hinweis zu entnehmen. Es kann damit zugleich der Rückschluss gezogen werden, dass M-Sorten bei harten Wintern und unter langem Nässeeinfluss entsprechend robust sind.

Futterqualität

Die Futterqualität der Sorte wird im Faltblatt nicht dargestellt, denn nicht nur die Genetik, sondern vor allem der Schnittzeitpunkt sowie die Witterung beeinflussen die Nährstoffzusammensetzung und damit den Futterwert. Im Allgemeinen haben sich die Gräser durch züchterische Einflüsse verändert. Wie Untersuchungen bei den Landessortenprüfungen zeigen, sind insbesondere der erste und der zweite Aufwuchs durch hohe Zuckergehalte geprägt. Oft ist hierbei der Gehalt an Zucker deutlich höher als der des Rohproteins. Zu einem umgekehrten Verhältnis von Zucker und Rohprotein kommt es erst mit den Sommer- und Herbstaufwüchsen. Um auf den Proteingehalt im Aufwuchs gezielter Einfluss zu nehmen, sollten Grünlandmischungen mit Weißklee ausgewählt werden. Es besteht zudem durch  Nachsaaten die Möglichkeit, den Weißklee nachträglich anzusiedeln. Weißklee ist ein sicherer Proteinlieferant. Zudem trägt der Weißklee zur Nutzungselastizität bei, da er nicht so schnell Rohfaser im Entwicklungsverlauf einlagert wie die Graspartner.

Struktur oder Nutzungselastizität

Aktuell gibt es bei der Konzeption von Grünlandmischungen zwei gegenläufige Entwicklungen:

Die von der Landwirtschaftskammer empfohlenen Qualitätsstandard-Mischungen berücksichtigen die Standortverhältnisse und die Nutzungsintensität. Prinzipiell sind diese Mischungen so konzipiert, dass sie als ausdauernde Gräsermischung mit guter bis sehr guter Ertragsleistung einzustufen sind.

Auf dem Gräsermarkt finden sich seit einiger Zeit aber auch Mischungskonzeptionen, die unter der Bezeichnung „Strukturmischungen“ firmieren. Derartige Mischungen werden von den Anbietern dann empfohlen, wenn die Futterration sehr Mais betont ist. Als zusätzliche Mischungspartner sind in der Saatgutware beispielsweise Rohrschwingel, Festulolium, Welches Weidelgras oder frühe Sorten des Deutschen Weidelgrases zu finden. Es muss für diese Mischungen einzelbetrieblich entschieden werden, ob und zu welchen Flächenanteilen sie im Betrieb sinnvoll sind.

Bei Witterungsbedingungen wie im Vorjahr läuft man mit diesen Mischungen Gefahr, dass bei einer zwangsläufigen Verzögerung des Erntezeitpunktes sehr altes Futter siliert und das Ziel für Struktur in der Gesamtration weit überschritten wird. Das Für und Wider von Strukturmischungen wird an anderer Stelle im Rahmen eines Grundfutter- und Futterkonservierungstages im Juni des Jahres noch diskutiert. Wir werden dazu einladen und im Wochenblatt berichten.

Wir fassen zusammen

Mit der Vorbereitung auf das Vegetationsjahr sind auch Überlegungen zu treffen, welche Grünlandflächen durch Nach- oder Neuansaaten zu verbessern sind. Verzichten Sie dabei nicht auf den Zuchtfortschritt und wählen Sie hochwertige Grünlandmischungen mit den für die nordwestdeutsche Region empfohlenen Sorten. Die Sortenempfehlung der Gräser wurde aktuell neu überarbeitet. Ein Blick in das neu aufgelegte „Grüne Faltblatt“ ist vor dem Kauf von Grünlandmischungen immer zu empfehlen, um sicher zu sein, dass man von ausdauerndem und leistungsfähigem Sortenmaterial profitiert. Im Beitrag erfahren Sie mehr Details, wie die Zahlen zur Sortenbewertung zu interpretieren sind.


Kontakt:
Dr. Christine Kalzendorf
Komm. Leiterin Feldversuchsstation für Grünlandwirtschaft und Rinderhaltung, Beraterin Grünland, mehrj. Ackerfutterbau und Futterkonservierung
Telefon: 0441 801-428
Telefax: 0441 801-432
E-Mail:
Dr. Matthias Benke
Leiter Fachbereich Grünland und Futterbau
Telefon: 0441 801-420
Telefax: 0441 801-432
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Stand: 13.02.2017