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Fungizideinsatz im Winterweizen – Strategien für die Küstenregion 2018

 

Die Handlungsmöglichkeiten im Pflanzenschutz werden durch die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Wirkstoffgenehmigung auf EU-Ebene und einhergehend mit dem Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel in Deutschland deutlich eingeschränkt. Der hoffentlich vorübergehende Verlust des Wirkstoffes Chlorthalonil in Form des Produktes Bravo 500 ist hier nur der Beginn einer Entwicklung, die in den kommenden Jahren durch das zusätzliche Thema Wirkstoffsubstitution auf EU-Ebene noch verschärft wird. Viele langjährig verfügbar gewesene Wirkstoffe, vor allem aus der Wirkstoffgruppe der Triazole, wie u.a. das Epoxiconazol, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Diese Wirkstoffgruppe stellt jedoch die Basis der Pilzbekämpfung im Getreide dar. Vor diesem Hintergrund ist vor allem in den Marschgebieten mit i.d.R. höherem Befallsdruck bei Septoria (Zymoseptoria tritici) bereits jetzt eine umfassende Strategie zur Krankheitsbekämpfung, die alle integrierten Möglichkeiten so gut wie möglich ausschöpft, unumgänglich. Zunächst können pflanzenbauliche Maßnahmen wie Bodenbearbeitung, Fruchtfolge, Aussatttermin und vor allem die Sortenwahl den Infektionsdruck möglichst gering halten. Beim Fungizideinsatz gegen Septoria ist ein zukunftsgerichtetes Wirkstoffmanagement nötig, um mit den zur Verfügung stehenden Wirkstoffen eine dauerhaft sichere Krankheitsbekämpfung zu ermöglichen.

 

Die Winterweizenbestände hatten im vergangenen Herbst teilweise einen sehr schlechten Start, die anhaltenden Niederschläge haben für sehr schwierige Aussaatbedingungen gesorgt. Regional konnte nur ca. ein Drittel der Winterweizenfläche bestellt werden. Die anhaltenden Niederschläge bis Ende Januar, gefolgt von längeren Frostperioden im Februar und März haben für zusätzlichen Stress gesorgt, insbesondere dort, wo nach dem Frost Sauerstoffmangel aufgrund von Staunässe auftrat, da die tieferen Bodenschichten noch nicht frostfrei waren. Die späten Saattermine haben jedoch für einen weitestgehend geringen Ausgangsbesatz mit Septoria gesorgt, auch Roste sind bisher nicht aufgetreten.

Die über die Jahre wirtschaftlich bedeutsamste Krankheit im Winterweizen bleibt, neben einzelnen Gelbrostjahren, die Blattseptoria. Für die erfolgreiche Bekämpfung ist das Zusammenspiel von Pflanzenentwicklung (Beginn erster Maßnahmen ab BBCH 31/32 – Schieben von F-2 als erste ertragsrelevante Blattetage), Ausgangsbefall auf der Pflanze und der Witterung entscheidend. Für die Verbreitung im Bestand sind längere Perioden niederschlagsreicher Witterung notwendig. Die von Septoria gebildeten Pyknosporen können nur über Regentropfenspritzer auf höher gelegene Blattetagen gelangen und benötigen für eine Infektion eine Mindestblattnässedauer von 36 Stunden, bei kühleren Temperaturen bis zu 48 Stunden. Die Tücke des Erregers besteht in seiner langen Latenzzeit von 3-4 Wochen, d.h. beim Auftreten erster Blattflecken hat sich der Pilz bereits im Pflanzengewebe ausgebreitet und neues Sporenmaterial vorbereitet. Eine erfolgreiche Bekämpfung muss sich daher am Infektionstermin orientieren, da bei Sichtbarwerden der Symptome keine Bekämpfung mehr über kurativ (heilend) eingesetzte Fungizide erfolgen kann. Darüber hinaus hat die kurative Leistung der Fungizide in den letzten Jahren deutlich nachgelassen (Azolshifting), so dass bei erfolgten Infektionsereignissen spätestens nach 5-7 Tagen behandelt werden muss. Neben der Erfassung von Infektionsereignissen über Septoria-Timer im Bestand, können mittlerweile auch Prognosemodelle, z.B. über ISIP, als Unterstützung dienen. Über das relativ einfach anwendbare Modell „SIG-Getreide“ (Schaderreger-Infektions-Gefahr) werden auf der Basis regionaler Wetterdaten die täglichen Infektionsbedingungen für die wichtigsten Blattkrankheiten in Wintergetreide berechnet und angezeigt. Darüber hinaus gibt es zur speziellen Prognose von Septoria in Winterweizen das Modell „SEPTRI“. Es berechnet, ob die Wetterbedingungen (Temperatur, Niederschlag, relative Luftfeuchtigkeit, Blattnässe) für Neuinfektionen durch Septoria günstig waren und ob eine Erstinfektion auf den oberen drei Blattetagen (F-0 bis F-2) stattgefunden hat. Weitere Informationen dazu finden Sie unter www.isip.de. Diese Entscheidungshilfen stehen allen Beziehern des Hinweisdienstes der Bezirksstellen kostenlos zur Verfügung.

Die Ergebnisse aktueller Resistenzuntersuchungen belegen neben dem Shifting der Azolwirkstoffe, welches zu allmählich zunehmenden Wirkungsverlusten führt, auch das erste Auftreten einzelner, resistenter Septoria-Stämme im Hinblick auf die neue Wirkstoffgruppe der Carboxamide im Feld. Bisher ist noch keine nennenswerte Verbreitung in Praxisflächen bekannt, so dass nach Fungizideinsätzen noch kein Wirkungsverlust in der Fläche beobachtet werden kann. Dennoch müssen diese Ergebnisse im Resistenzmanagement berücksichtigt werden:

Kasten: Grundsätze des Resistenzmanagements bei der Septoriabekämpfung

  • Carboxamide und Strobilurine maximal einmalig in der Vegetation ab BBCH 39 anwenden
  • Wirkstoffwechsel bei Azolen in Spritzfolgen
  • Nutzung von Kontaktfungiziden
  • Einsatz von Prochloraz (Septoriarassen)
  • Einsatz sich unterstützender Wirkstoffkombinationen
  • Kurativleistung der Wirkstoffe nicht überfordern
  • Benetzung optimieren (Wasseraufwandmenge > 200 l/ha)

Bei den Kontaktwirkstoffen Chlorthalonil und Mancozeb sind bisher keine Resistenzen aufgetreten. Der Grund dafür sind die vielen unspezifischen Wirkorte im Pilzorganismus (Multisite-Inhibitoren), die dem Pilz eine Anpassung erschweren. Der protektive Einsatz dieser Wirkstoffe, insbesondere des Chlorthalonils, hat in den letzten Jahren zu sehr guten Bekämpfungserfolgen geführt, so dass bei Vorhersage wechselhafter Witterung ein Einsatz sinnvoll sein kann, um den Befallsdruck niedrig zu halten und die übrigen Wirkstoffgruppen zu entlasten. Im weiteren Vegetationsverlauf ist insbesondere auf den einmaligen Einsatz der Carboxamide ab dem Fahnenblattstadium zu achten. Diese hochgradig wirksamen, aber auch sehr resistenzgefährdeten Wirkstoffe können ihr Wirkpotential nur bei abgeschlossenem Wachstum des Blattapparates voll ausschöpfen. Die Abschlussbehandlung mit einem Azol sichert in Fällen einer Dreifachbehandlung die lange Wirkungsdauer des Carboxamids ab und verhindert zusätzlich die Auslese resistenter Pilzstämme. Dabei sollte in den Spritzfolgen ein Wirkstoff-Wechsel bei den Azolen vollzogen werden: z.B. Prochloraz (Cirkon) – Prothioconazol (Proline) – Difenoconazol (Taspa).

Neben Gelbrost und Septoria ist je nach Witterungsgeschehen und Fruchtfolgegestaltung auch Halmbruch von Bedeutung. Dabei sind der Saattermin für das Erreichen des BBCH-Stadiums 23 und die Witterung im Zeitraum der infektionsanfälligen Stadien von BBCH 23 bis 49 entscheidende Einflussfaktoren auf einen möglichen Befall. Die Sortenanfälligkeit ist ebenfalls zu beachten. Viele aktuell stärker im Anbau befindliche Sorten zeichnen sich nämlich durch eine höhere Anfälligkeit aus (z.B. Kashmir, Gustav, Lear). Weitere wichtige Einflüsse gehen vom Befall der Vorjahre, der Vorfruchtkombination der beiden Vorjahre und einer schlechten Strohrotte aus. Die eher späten Saattermine im vergangenen Herbst dürften für diese Saison auf einen geringeren Befall hoffen lassen.

 

Neue Präparate 2018

In dieser Saison steht erstmalig ein Präparat mit zwei Carboxamidwirkstoffen und einem Azolpartner zur Verfügung. Das Ascra XPro enthält neben dem bekannten Bixafen (65 g/l) zusätzlich den Wirkstoff Fluopyram (65 g/l), der bereits im Winterraps zum Einsatz kommt. Kombiniert sind diese beiden Wirkstoffe mit dem Azolwirkstoff Prothioconazol (130 g/l). Das Fungizid ist im Winterweizen mit 1,5 l/ha gegen alle relevanten Krankheitserreger zugelassen. Durch den Wirkstoff Fluopyram, der sehr schnell in die Pflanze aufgenommen wird, kommt es zu einer guten Unterstützung der heilenden Wirkung von Prothioconazol. Die Versuchsergebnisse des vergangenen Jahres zeigten eine vergleichbare Wirkung dieses Poduktes zu den bekannten Produkten Adexar und Elatus Era.

Das folgende Versuchsergebnis aus dem Vorjahr bestätigt die o.g. Einstufung von Ascra Xpro, die Ergebnisse aller Präparate sind vergleichbar. Die Einmalbehandlung erfolgte am 27.05.2017 auf das voll entwickelte Fahnenblatt in eine Kurativsituation (6 Tage nach Infektion). Die für Septoria anfällige Sorte Henrik zeigte leichten Ausgangsbefall auf den unteren Blattetagen, F bis F-2 waren noch symptomfrei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1: Fungizidvergleich Einmalbehandlung, Bremervörde 2017

Eine weitere Neuheit stellt das Präparat Priaxor (Xemium 75 g/l + Pyraclostrobin 150 g/l) dar. Diese azolfreie Kombination wird im Pack mit Osiris (1:1) vermarktet und ist ein erster Hinweis auf Produktstrategien nach dem künftigen Wegfall von Epoxiconazol. Weiterhin wird ab dieser Saison das Präparat Magnello (Tebuconazol 250 g/l + Difenoconazol 100 g/l, Zulassung seit 2015) vertrieben. Es ist im Winterweizen mit 1,0 l/ha gegen Septoria-Blattdürre, Braunrost, Blatt- und Spelzenbräune und Fusarium-Arten zugelassen und ist vergleichbar mit der bekannten Kombination Taspa + Folicur.

 

Fungizidempfehlung Marsch 2018

Es ist davon auszugehen, dass in gering bis mittel anfälligen Sorten eine kurative Leistung der Azolfungizide von maximal 5 Tagen gegen Septoria besteht. Daher muss die Behandlung mit in Abbildung 2 aufgeführten Mitteln ab dem Schieben von F-2 (BBCH 31/32 = T1) jeweils spätestens fünf Tage nach einer 36 stündigen Blattnässedauer erfolgen. Bei Sorten mit hoher Anfälligkeit gegen Septoria verkürzt sich die oben genannte Behandlungszeitspanne auf maximal 3 Tage nach nur einer 24 stündigen Blattnässedauer. Tritt bei der zu behandelnden Sorte gleichzeitig Gelbrost auf, kann ab BBCH 31/32 Cirkon durch Eleando 1,75-2,5 l/ha ersetzt oder mit einem weiteren Azol (z.B. Alto 0,3 l/ha, Rubric / Epoxion 0,5 l/ha oder Folicur / Orius 0,5 l/ha verstärkt werden. Eine Zugabe von Dithane NeoTec 1,5-2,0 kg/ha sichert die protektive Wirkung gegen weitere Infektionen ab. Der in den Versuchen der letzten Jahre deutlich gewordene Wirkungsnachteil von Dithane NeoTec gegenüber dem Bravo 500 muss leider in Kauf genommen und durch eine hohe Aufwandmenge möglichst ausgeglichen werden. Hier wird deutlich, wie wichtig die Wiederzulassung einzelner Wirkstoffe, insbesondere des Kontaktwirkstoffes Chlorthalonil für die Bekämpfung der Blattseptoria ist. Bei hohem Ausgangsbefall in einer anfälligen Sorte und angekündigten langanhaltenden Niederschlägen, muss neben dem Kontaktwirkstoff Mancozeb ein weiterer Azolpartner in robuster Aufwandmenge ergänzt werden, um Septoria ausreichend zu bekämpfen, z.B. eine Mischung aus Proline 0,6 l/ha + Cirkon 1,1 l/ha.

Der Zeitraum der Blattbildungsphase der letzten drei ertragsrelevanten Blätter (BBCH 31/32 bis 39) kann je nach Aussaatdatum, Herbst- und Frühjahreswitterung von 10 bis über 30 Tage variieren, so dass bei einer Wirkungsdauer der Fungizide, je nach Witterung von 10 bis maximal 14 Tagen, eine Lücke entstehen kann. Daher sollte die erste Behandlung, sofern das Infektionsgeschehen es zulässt, nicht zu früh platziert werden.

Sobald der Blattapparat vollständig ausgebildet ist, kann mit verschiedenen Kombinationen aus Carboxamiden und Azolen gearbeitet werden. Sofern das Risiko für eine Fusariuminfektion in der Blüte durch pflanzenbauliche Voraussetzungen gering ist (resistente Sorte, Rapsvorfrucht, angepasste Bodenbearbeitung), kann diese Behandlung bereits die Abschlussmaßnahme sein. In diesem Falle müssen hohe Aufwandmengen gewählt werden, um einen ausreichenden Dauerschutz gewährleisten zu können.

Bei anhaltendem Befallsdruck und unbeständiger Witterung ab dem Fahnenblattstadium besteht die Möglichkeit, die bewährte Wirkung von Chlorthalonil über den Zusatz von Amistar Opti 1,25 l/ha zu den Azol-Carboxamid-Kombinationen zu nutzen. Hier ist auch noch der Einsatz von Credo denkbar, die Aufbrauchfrist läuft noch bis zum 30.11.2018.

Ist dagegen das Risiko einer Fusariuminfektion zur Weizenblüte gegeben (mittel anfällige Sorte, Mais- oder Getreidevorfrucht, reduzierte Bodenbearbeitung), muss eine Abschlussbehandlung in diesem Zeitraum eingeplant werden. Bewährt hat sich dabei ein Applikationstermin zur beginnenden Vollblüte ab BBCH 63. Der optimale Zeitpunkt wäre jeweils nahe am Infektionstermin. Dies gestaltet sich in den Marschen häufig als schwierig, da sich die potentiellen Infektionstermine hier über 14 Tage erstrecken können. Die sicherste Möglichkeit, die Fusariuminfektionsgefahr zu minimieren, liegt daher weiterhin in der pflanzenbaulichen Vorsorge über die Art der Bodenbearbeitung (Pflug), die Vorfrucht (kein Mais) und die Sortenwahl (gering anfällige Sorten).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2: Fungizidstrategie Winterweizen 2018, Küste
Zweifachbehandlung: mittlerer Befallsdruck Septoria, Roste

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 3: Fungizidstrategie im Winterweizen 2018, Küste
Dreifachbehandlung: hoher Befallsdruck Septoria, Roste

 

Die in der Abb. 2 und 3 aufgeführten Präparate sind bis auf Dithane NeoTec, Elatus Era und Amistar Opti (5 m) bei Einsatz einer Düse, die eine Abdriftminderung von 90% erreicht, bis auf den länderspezifischen Gewässermindestabstand einzusetzen (Länderregelung Niedersachsen 1,0 m). Denken Sie bitte daran, am Gewässer zur Erreichung der Abdriftminderung von 90% den für Ihre Düse erforderlichen Druck einzustellen und die Fahrgeschwindigkeit anzupassen (vgl. jeweilige Düsentabelle). Auf diese Weise ist am Gewässerrandbereich auf einer Mindestbreite von 20 m zu arbeiten, anschließend kann wieder der Normdruck eingestellt werden.

 

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass die Krankheitsbekämpfung im Winterweizen vor großen Herausforderungen steht. Der Ausgangsbefall ist in diesem Frühjahr zwar relativ gering, aber feststellbar. Das Witterungsgeschehen der kommenden Wochen wird über den weiteren Krankheitsverlauf entscheiden. Der Hinweisdienst gibt dabei Informationen zum Infektionsgeschehen und den jeweiligen Infektionsverläufen der Erreger, ersetzt aber nicht die eigenen Beobachtungen im Feld. Vor dem Hintergrund zunehmender Resistenzen ist bei den einzelnen Maßnahmen bestmöglich zwischen den Wirkstoffgruppen und auch innerhalb einer Gruppe zu variieren.

 

Neben den in den Artikeln bzw. Tabellen genannten Präparaten mit einer deutschen Zulassung gibt es so genannte parallel gehandelte Pflanzenschutzmittel. Diese sind in einem Mitgliedstaat der EU oder des EWR zugelassen, stimmen mit einem in Deutschland zugelassenen Pflanzenschutzmittel überein und sind als parallel gehandelte Pflanzenschutzmittel von der Zulassungsbehörde genehmigt. Eine Liste der verkehrsfähigen.Parallelimporte ist im Internetangebot des BVL verfügbar:


http://www.bvl.bund.de/DE/04_Pflanzenschutzmittel/04_Anwender/04_Parallelhandel/psm_Parallelimporte_node.html

 


Kontakt:
Lüder Bornemann
Leiter Fachgruppe Pflanze
Telefon: 04761 9942-161
Telefax: 04761 9942-169
E-Mail:


Stand: 11.04.2018