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Fachtagung für Frauen in der Landwirtschaft: Für Veränderungen das Gewohnte verlassen

Ob Farming 4.0, blinde Flecken in der Mitarbeiterkommunikation, Stressbewältigung durch Selbstfürsorge, Dimensionen des Erfolgs oder Fragen zum Minijob. - Vielfältig gestaltete sich das Themenangebot der 3. Fachtagung für Frauen in der Landwirtschaft. Sie fand am 13. Oktober in der Stadthalle Walsrode statt. Mit über 200 Gästen war die Veranstaltung ausgebucht.

 „Laptop, Overall und Küchentisch“ – das Motto der Veranstaltung deutete auf den vielschichtigen Arbeitsplatz „landwirtschaftlicher Familienbetrieb“ für Frauen in der Landwirtschaft hin. Fünf Themenstudios beleuchteten das Thema Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven. Je nach Interesse konnten sich die Teilnehmerinnen so ihre individuelle Tagung zusammenstellen. So vielschichtig wie das Thema, so vielseitig zeigen sich die Lebensentwürfe von Frauen in der Landwirtschaft. Die Agrarsoziologin Dr. Simone Helmle erinnerte in ihrem Auftaktvortrag daran, dass Frauen oft die Pionierinnen auf den Höfen seien. Sie wären besonders bildungsaffin und initiierten mit neuen Ideen Einkommenskombinationen. Dadurch könne durchaus ein Beitrag zum Familieneinkommen geleistet werden.

Farming 4.0 ist das Stichwort

Die Digitalisierung macht vor der Landwirtschaft nicht Halt, stellte Prof. Dr. Michael Clasen, Experte für Electronic Business, Hochschule Hannover, in seinem Themenstudio klar. Er referierte über Chancen und Risiken moderner Informationsverarbeitung im landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Die Arbeit auf den Höfen würde in Zukunft von der IT stark erleichtert, zeigt sich Clasen überzeugt. „Durch bessere IT bekommen wir bessere Daten und können darum bessere Entscheidungen treffen“, lautet eine seiner Thesen. Es sei denkbar, dass die Arbeitskraft des Landwirts für das operative Geschäft nicht mehr im bisherigen Umfang benötigt würde. Die Entscheidungen träfen die Betriebsleiter zukünftig vorm Monitor und nicht mehr im Stall oder auf dem Feld, so Clasens Blick in die Zukunft. Denn Prozesse könnten sich in naher Zukunft selbst steuern. Farming 4.0 sei hier das Stichwort. Arbeiten in der sogenannten Cloud werde normal, prophezeite Clasen. Weniger Fixkosten machten diese Technologie interessant. Dennoch müsste man sich über Datenhoheit Gedanken machen. Lebhaft diskutierten die Teilnehmerinnen über die provokant formulierten Thesen des Redners. Vor allem zeigten sich die Zuhörerinnen verunsichert über die Aussicht, dass mehr und mehr Entscheidungen vor dem Rechner aufgrund vorliegender Daten getroffen würden.

Führung nicht ohne Selbstreflexion
„Delegieren und Lebensqualität gewinnen. Mitarbeiter gezielt gewinnen und optimal einsetzen“, nannte Urte Rötz, stellvertretende Geschäftsführerin Bauernverband Nordost Niedersachsen ihr Themenstudio. „Mitarbeiterführung und -motivierung können nicht delegiert werden“, stellte die Referentin gleich zu Beginn klar. Als Führungsinstrument sieht sie das Mitarbeitergespräch ganz oben auf der Liste. Aber, so mahnte sie, es will gut vorbereitet werden und darf keinesfalls zwischen “Tür und Angel“ oder nebenbei am Frühstückstisch durchgeführt werden. Für die Führungskraft gelte, neben den offensichtlichen Stärken und Schwächen des Mitarbeiters, auch die sog. „blinden Flecken“  zu reflektieren. Also jenes Verhalten bzw. diejenigen Merkmale des Mitarbeiters, welche für andere zwar offensichtlich, ihm selbst jedoch unbekannt sind. Führung gehe nicht, so simpel es sich anhören würde, ohne Selbstreflexion und Kommunikation, so die Referentin.

Erfolg ist nicht gleich Glück
„Erfolg muss von jedem individuell definiert werden“, so das Fazit des Themenstudios von Pastorin Ricarda Rabe. Sie lud ihre Zuhörerinnen ein, über Erfolgserlebnisse in Büro, Stall und Familie – symbolisch als Laptop, Overall und Küchentisch dargestellt, nachzudenken. Denken Sie an Dinge, auf die Sie stolz sein können, an Dinge die geklappt haben“, forderte sie auf. Erfolg sei aber keinesfalls gleichzusetzen mit Glück, erklärt Rabe.

Absichern, aber schnell!
Wiebke Wohler, sozioökonomische Beraterin der Landwirtschaftskammer referierte in ihrem Themenstudio über die passende Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft. Was passiert, wenn der Hofeigentümer stirbt, oder die Scheidung will? Welche erbrechtlichen Aspekte müssen dann beachtet werden? Wohler appellierte an die Teilnehmerinnen: „Überprüfen Sie die eigene Absicherung und passen Sie sie bei Bedarf schleunigst an.“

Sich Auszeiten erlauben – ohne schlechtes Gewissen
Der Bereich Arbeit nimmt eine überproportional große Stellung im Leben vieler Frauen aus der Landwirtschaft ein. Die Vielzahl der Arbeitsbereiche und die erhebliche Arbeitsbelastung lassen Lebensbereiche in Dysbalance geraten. Ist es möglich, in Zeiten besonderer Belastung eine angemessene Selbstfürsorge zu schaffen? Dies thematisierte Diplompsychologin Mechthild Iburg im vierten Themenstudio.

Stress als Folge von hoher Arbeitsbelastung äußere sich auf verschiedenen Ebenen, so die Referentin. Zum einen auf der kognitiven Ebene, erkennbar an mangelnder Konzentrationsfähigkeit oder nachlassender Kreativität. Auch auf der emotionalen oder körperlichen Ebene, geäußert durch Gereiztheit, Verspannungen und vielem mehr, mache sich Stress bemerkbar. Werde er chronisch und würde keine ausreichende Regeneration geschaffen, drohten Burnout und Depressionen, warnt die Expertin. Genau hier läge der Knackpunkt. "Die meisten Frauen aus der Landwirtschaft erlauben sich keine Auszeit, nicht einmal kurze Verschnaufpausen", weiß sie. „Gestehen Sie sich zu, dass Sie Erholung brauchen und akzeptieren Sie die Verlangsamung“, appelliert die Rednerin. Nur die Teilnehmerinnen selbst könnten ihr Verhalten ändern. „Erlauben Sie sich selbst, zu entspannen und das, ohne schlechtes Gewissen“, lautete eine zentrale Aufforderung der Expertin.

In einer moderierten Grußwortrunde hatten Thomas Dosch vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Agnes Witschen, Vorsitzende des LandFrauenverbandes Weser-Ems und Regina Wegener, Unternehmerin aus Liethe bei Wunstorf das Wort. Frauen seien in der Gremienarbeit unterpräsentiert und müssten sich noch mehr einmischen, ist Moderatorin Dr. Angelika Gördes-Giesen der Meinung. Insbesondere im Erzeuger-Verbraucher-Dialog hätten sie die besseren kommunikativen Fähigkeiten.

Mut steigt mit der Gelegenheit
„Veränderung braucht Mut“, zeigte sich Hanna Opel, Beraterin der Landwirtschaftskammer überzeugt. Als Abschlussrednerin gab sie Impulse, wie Frauen in der Landwirtschaft mit Veränderungen am Arbeitsplatz „landwirtschaftlicher Familienbetrieb“ umgehen können. „Denken Sie darüber nach, welche Chancen die Veränderung bieten kann“, empfiehlt sie. „Wollen Sie Veränderung auf dem Betrieb, erklären Sie sie den Beteiligten und stellen Sie dar, warum sie notwendig ist. Machen Sie deutlich, was passiert, wenn sich die Beteiligten gegen die Veränderung wehren“, so Opel weiter. Veränderung habe immer etwas mit Ungewissheit zu tun. Darum sei der Austausch mit Berufskolleginnen so wertvoll, weiß die Beraterin. Sie forderte die Teilnehmerinnen auf, eine gewisse Fehlerfreudigkeit an den Tag zu legen. Und schließlich solle die angestrebte Veränderung, sofern sie geglückt ist, auch gefeiert werden. „Wir müssen aus dem Gewohnten heraus, wenn wir Veränderung wollen“, resümiert die Beraterin.

Hinweis: In den kommenden Tagen werden die Zusammenfassungen der einzelnen Referenten hier als pdf-Datei zum Download eingestellt. 

Die Fachtagung wurde veranstaltet von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, dem Niedersächsischen LandFrauenverband Hannover und dem LandFrauenverband Weser-Ems. Sie wurde gefördert von


Kontakt:
Iris Kracke
Beraterin Hauswirtschaft
Telefon: 0511 3665-4432
E-Mail:


Stand: 29.10.2015