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Schlägt die Stunde der Stärkekartoffel?

Das Auslaufen der Marktordnung für Stärkekartoffeln im Jahr 2011 jährt sich mit der kommenden Frühjahrbestellung zum fünften Mal. Wie hat sich die Stärkekartoffel ohne staatliche Unterstützung im Wettbewerb behauptet und wie sehen die Zukunftsperspektiven aus?

Nach mehreren Jahren mit überwiegend auskömmlichen oder sogar guten Preisen zeigen die volatilen Märkte nun aus Erzeugersicht ihre unangenehme Seite. Anders sieht es bei der Kartoffelstärke aus. Auf ihren Regionalversammlungen berichtet die AVEBE von guten Preisen auf dem Stärke-Weltmarkt und wirbt um zusätzliche Flächen für den Stärkekartoffelanbau.

Für die Anbauentscheidung von Jahr zu Jahr bemisst sich die Wettbewerbskraft einer Frucht unter anderem an der Höhe ihres erwarteten Deckungsbeitrages. Welche zusätzlichen Leistungen bringt ein weiterer angebauter Hektar und welche zusätzlichen Kosten verursacht er, jeweils im Vergleich zu den Alternativfrüchten? Maschinenfestkosten und Arbeitskosten bleiben beim Deckungsbeitrag außer Betracht, da unterstellt wird, dass sie sich in der kurzfristigen Betrachtung nicht verändern.

Wesentliche Kenngrößen für die Kalkulation sind die erwarteten Erträge und Preise. Hier hat die AVEBE ein detailliertes Preismodell entworfen. Es enthält Früh- und Spätlieferprämie, Qualitäts- und Erfüllungsprämie, Lagervergütung sowie eine Transporterstattung für die Selbstanlieferung. Nur nicht den endgültigen Preis auf den sich alle Zu- und Abschläge beziehen. Die Anbauplanung ist daher auf die Preise und die Preisentwicklung in der Vergangenheit angewiesen. Die AVEBE gibt an, dass der sogenannte Leistungspreis der letzten Kampagne mit 78,41 €/t der höchste bisher erreichte Preis gewesen sei. Und das soll nicht das Ende der Fahnenstange sein. Über 90 €/t sind das angepeilte Ziel für die nächsten Jahre. Der Anbauumfang kann im Rahmen der vorhandenen Genossenschaftsanteile variiert werden: je Anteil müssen mindestens 4 t Stärke geliefert werden, es können aber bis zu 5 t Stärkelieferung vertraglich vereinbart werden.

Die Emsland-Stärke GmbH in Wietzendorf bietet interessierten Anbauern zusätzliche Anteile für je 400 € an. Sie berechtigen zur Lieferung von 30 t netto Kartoffeln und können bis zum 30. September zur nächsten Kampagne gekündigt werden (mit 19% Stärke sind dies 5.700 kg Rohstärkemenge). Die Anteile werden verzinst. Dem Anbauvertrag liegt eine konkrete Preistabelle entsprechend des Stärkegehaltes zu Grunde. Weitere Preisbestandteile sind eine Lagerprämie, eine Schmutzprämie bzw. ein Schmutzabzug je nach Schmutzanteil, außerdem ein Getreidepreisausgleich, eine Marktausgleich- sowie eine Treueprämie. Soviel zunächst zu den Preismodellen. Wie sagte schon Altkanzler Kohl? „Entscheidend ist, was hinten raus kommt.“

Mit welchen Kulturen konkurriert die Stärkekartoffel um die knappe und daher teure Fläche? Zunächst ist es der Kartoffelanbau selbst, der verschiedene Verwertungsrichtungen ermöglicht. Intensive Speisekartoffelanbauer könnten nach der letzten schmerzhaften Preismisere planen, durch etwas mehr Vertragsanbau ihre Gewinnschwankungen zu glätten. Hier bietet neben der Stärkekartoffel auch die Industriespeisekartoffel eine Chance zum Vertragsanbau. Je nach Unternehmen sind Preise zwischen ca. 10 und 14 €/dt zu erzielen. Die vorgeschriebenen Sorten sind jedoch oft ertragsschwächer und die geforderten Qualitäten höher, als im Stärkesegment. Entsprechend höher können auch die Anforderungen an die Qualität des Lagers sein.

Für Betriebe, die im Umfeld einer Zuckerfabrik ihren Standort haben, könnten die „freien Liefermengen“ der Nordzucker ab 2017 eine Anbaualternative bieten. Mit dem Wegfall der EU Quotenregelung muss die Zuckerrübe endgültig ihren Titel „Königin der Feldfrüchte“ abgeben und sich dem Wettbewerb stellen.

Eine Frucht mit geringem Arbeitszeitbedarf stellt der Energiemais dar. Beim Verkauf ab Feld und einer Aussaat über den Maschinenring verbleibt relativ wenig Arbeit beim Anbauer.

Da die Kartoffelbetriebe in der Regel Beregnungsbetriebe sind, könnte auch über den Sommerbraugerstenanbau nachgedacht werden. Da die Sommergerste in trockenen Jahren aber auch gern 5 bis 6 Wassergaben verlangt, dürfen das Wasserkontingent, sowie die Beregnungs- und Arbeitskapazität keine begrenzenden Faktoren für den Anbauer sein.

Als Winterung, die eine bessere Ausnutzung der Wasserkapazität des Bodens ermöglicht, steht in diesem Vergleich der Winterraps. Die Beregnungsversuche der Kammer haben gezeigt, dass der Raps, ähnlich wie die Zuckerrübe, nicht so stark auf eine reduzierte Beregnung reagiert. Beim Rapsanbau liegen die Probleme mehr im Bereich der Zulassungs- und Resistenzsituation bei den Insektiziden.

Im Vergleich der Deckungsbeiträge in Tabelle 1 haben die beiden Kartoffelproduktionsverfahren bei den hier unterstellten Ertrags- und Preiserwartungen die Nase vorn. Die Orientierung am Deckungsbeitrag unterstellt jedoch, dass die Arbeitszeit nicht knapp ist, also ohne zusätzliche Kosten zur Verfügung steht (zum Beispiel durch Familienarbeitskräfte). Das außer Acht lassen der Maschinenfestkosten ist nur in der kurzfristigen Betrachtung legitim. Wird eine Ersatzbeschaffung notwendig, werden die Festkosten variabel. Die Investition in eine neue Maschine ist nur dann betriebswirtschaftlich sinnvoll, wenn die jeweilige Frucht ihre anteiligen Maschinenfestkosten auch trägt.

Zu diesen längerfristigen Überlegungen sagen nun manche Ökonomen „in the long run we are all dead“, was wohl heißen soll „lieber kurzfristig liquide als langfristig rentabel“. Die Lebenszeit von Maschinen ist jedoch sehr begrenzt. Und auch die Arbeitszeit ist auf den meisten Betrieben ein sehr knapper und teurer Faktor. Die bessere Kennzahl zum nachhaltigen Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit ist deshalb die Direktkosten- und Arbeitserledigungskosten freie Leistung (DAL). Hier werden, ausgehend vom Deckungsbeitrag, zusätzlich die Arbeitskosten und auch die Maschinenfestkosten in Abzug gebracht.

In der Tabelle 2 sind die Gleichgewichtspreise für die untersuchten Früchte dargestellt. Der Gleichgewichtspreis bedeutet, dass bei diesem Preis eine DAL erreicht wird, die genau jener der Stärkekartoffel entspricht. Kommen beim Stärkekartoffelanbauer letztlich 7,50 Euro/dt an, so kann er beispielsweise mit 2,75 Euro/dt beim Zuckerrübenanbau oder mit 34,71 Euro/dt beim Anbau von Raps die gleiche Direktkosten- und Arbeitserledigungskosten freie Leistung erzielen. Sollte der Auszahlungspreis der Stärkekartoffel aber 8,50 Euro/dt erreichen, sind bei der Rübe 3,42 Euro/dt und beim Raps 45,82 Euro/dt für eine identische DAL notwendig. Die DAL der Stärkekartoffel steigt dabei von -44 € (7,00 €/dt) auf 706 € (8,50 €/dt).

Die genannten Zahlen und Wettbewerbsverhältnisse können für den Anbauer leider nur ein grober Anhalt sein. Die einzelbetrieblichen Ertragsverhältnisse zwischen den Früchten können durchaus anders sein, als hier unterstellt. Und auch die Höhe und Relation der Arbeitserledigungskosten variiert in der Praxis in einer Größenordnung von mehreren Hundert Euro je Hektar. Die Kenntnis der eigenen Kostenstruktur ist daher eine Voraussetzung für die richtige Anbauentscheidung. Das betriebliche Controlling, beispielsweise mehrjährige Betriebszweigabrechnungen auf Vollkostenbasis, liefert dem Betriebsleiter die Datengrundlage für die Steuerung des Unternehmens.

Neben der ökonomischen Bewertung müssen weitere Überlegungen in die Anbauentscheidung einfließen. Hier wäre der Vorfruchtwert zu nennen, aber auch der Wert für die gesamte Fruchtfolge hinsichtlich der Förderung oder Reduzierung von Nematoden und weiteren Schädlingen sowie von pilzlichen Krankheiten, beispielsweise Fusarien. Weiterhin gewinnt der Wechsel zwischen Sommerungen und Winterungen für eine wirkungsvolle Ungras- und Unkrautbekämpfung mehr und mehr an Bedeutung. Die Bodenhygiene ohne chemischen Pflanzenschutz wird in den nächsten Jahren immer mehr im Vordergrund stehen.

Die Berechnungen zeigen, dass die Stärkekartoffel in der aktuellen Phase der schwachen Agrarmärkte eine interessante Frucht sein kann. Dies umso mehr, je näher sich die Auszahlungspreise in Richtung der von der AVEBE prognostizierten 9 Euro bewegen.

Aber wie sagte schon Mark Twain: „Vorhersagen sind sehr schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“.


Kontakt:
Rolf Fricke
Berater Berufsbildung Landwirt/in, Unternehmensberatung
Telefon: 0581 8073-144
Telefax: 0581 8073-155
E-Mail:


Stand: 18.05.2016



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