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Neue Väter: Legende oder Realität?

Die Forschung über junge Väter steckt noch in den Kinderschuhen. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) führt in seiner Ausgabe DJI-Impulse 1-2016 verschiedenste Untersuchungen zusammen - von Geschlechtersoziologen bis zur Entwicklungspsychologin.

Da ist einerseits die wachsende Gruppe von Vätern, die für "mehr als nur für den Gute-Nacht-Kuss da sein wollen". So hat es die ehemalige Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) formuliert, als sie vorschlug, ein Familiengeld einzuführen:Weniger Wochenstunden für beide Elternteile und bis zu zwei Jahre 300 EUR monatlich pro Kind unter acht Jahren.

Die CSU lehnt das Familiengeld ab, weil nur ein kleiner Teil der Eltern dieses Arbeitszeitmodell wählen würde. Laut DJI-Expertise würde es auch aus anderen Gründen auf der Strecke noch etwas holpern: Tradierte Familienbilder hielten sich hartnäckig. Noch immer wird der Frau die größere Kompetenz in der Kinderbetreuung zugeschrieben. Wenn der Vater sich wirklich ernsthaft an der Betreuung beteiligen will, kann sie das auch als Bedrohung empfinden", so Michael Meuser, Professor für Geschlechterverhältnisse. Mütter wollten den Rahmen bestimmen, in dem der Mann die Rolle des Vaters ausfüllt. Meuser nennt dieses Phänomen "mütterliches Gatekeeping", über Jahrhunderte eingeschliffene Verhaltensmuster.

In Presse, Funk und Fernsehen wird das neue Vaterbild „Immer mehr Männer in Elternzeit“ oder „Jeder 3. Vater bezieht Elterngeld“ begeistert verkündet: „Er nimmt liebend gerne Elternzeit, um sich aufopfernd um den Nachwuchs zu kümmern“. . . Fakt ist, seit Einführung des Elterngeldes 2007 steigen die Bezugszahlen von Männern jährlich um 2 - 3 Prozent.
Für mehr als jedes dritte Kind (34,2 %), das 2014 geboren wurde, bezog nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater Elterngeld. 6 Jahre vorher war es erst jedes Fünfte (20,8 %). Doch diese vermeintlich positive Entwicklung ist kritisch zu hinterfragen, denn 80 % der Männer nehmen nur zwei Vätermonate in Anspruch.

Seit Generationen wird diskutiert, was denn genau eine "gute Mutter" ausmache. Die Rolle des "guten", des "neuen" Vaters ist erst jetzt stärker zum Thema geworden.
In Ratgeberheften für Eltern gibt es immer wieder Tests, die lauten: "Sind Sie ein guter Vater?" Punkten können Männer darin, wenn sie am Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen haben. Eher schlecht schneiden sie ab, wenn sie auf die Frage, was sie tun, wenn das Kind am frühen Morgen zum Sportwettbewerb muss, antworten: "Da schlafe ich dann mal richtig schön aus."

Beim DJI ist man da mehr in die Tiefe gegangen, beobachtet "neue Selbstverständlichkeiten", die zwar nicht revolutionär seien, aber doch frischen Wind in die Arbeits- und Familienwelt brächten.
Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert der Uni Wien forscht über Vater-Kind-Beziehungen und kommt noch zu einem überraschenden Nebenresultat: Berührungen, Kuscheln und Knuddeln mit Babys aktivieren auch bei Männern eine Art Fürsorglichkeitsbiologie: Der Testosteronspiegel sinkt. Väter müssten diesen Effekt allerdings nicht fürchten, so Ahnert: "Am nächsten Morgen hat sich der Testosteronspiegel erholt."

DJI-Chef Thomas Rauschenbach fasst das Thema der neuen Väter ernüchternd zusammen: "Nachhaltige Veränderungen in den gelebten Familienmodellen sollte man nicht in Jahrestakten erwarten, sondern eher im Horizont von Generationen und mehreren Jahrzehnten."


Kontakt:
Marianne Riecke
Beraterin Hauswirtschaft
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Stand: 03.08.2017