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Elbtalaue: Flussauenmanagement zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels

Landwirtschaft in der Elbtalaue findet unter besonderen Herausforderungen statt:
schwankende Elb- und Grundwasserstände, besondere naturschutzfachliche Auflagen und Schadstoffbelastungen sind nur einige Stichworte. Um auch in Zukunft unter sich ändernden klimatischen Bedingungen dem Naturraum, der Wasserwirtschaft und der Landwirtschaft gerecht zu werden, muss frühzeitig ein Austausch zwischen den unterschiedlichen Disziplinen stattfinden. Gutes Wassermanagement (Gewässerunterhaltung, steuerbarer Wasserrückhalt) und attraktive Vertragsnaturschutzangebote können auch in Zukunft dazu beitragen, die vielfältigen Funktionen der Landwirtschaft in der Elbtalaue zu erhalten.

 

Die Landwirtschaft in der Aue der Unteren Mittelelbe hat eine lange Tradition. Die heutigen Deichlinien zum Schutz der Dörfer und Äcker wurden zum großen Teil schon im 12. Jahrhundert angelegt. Besonders die Bewirtschaftung der überwiegend als Grünland genutzten Flächen im Überschwemmungsgebiet der Elbe birgt vielfältige Herausforderungen. Regelmäßig tritt hier die Elbe über ihre Ufer und hinterlässt dabei Nährstoffe und Sedimente. Durch die oftmals hohe Belastung der Sedimente, die aus dem Einzugsgebiet des Oberlaufs stammen, ist die Nutzung des Aufwuchses jedoch stark eingeschränkt. Gleichzeitig sind Anforderungen des Naturschutzes zu berücksichtigen. Die Überschwemmungsgebiete von Hohnstorf bis Schnackenburg sind Bestandteil des Gebietsteils C der Biosphäre Niedersächsische Elbtalaue und unterliegen einem besonderen Schutz.
Durch die vielfältige Nutzung durch Beweidung, Mahd und Ackerbau sowie durch  Vertragsnaturschutzmaßnahmen leistet die Landwirtschaft einen wertvollen Beitrag zum Erhalt dieser einzigartigen Kulturlandschaft.
Auf den geschützten eingedeichten Flächen dominiert der Ackerbau, hier liegen die produktivsten Ackerstandorte der Betriebe. Grobe Flussschotter im Untergrund bewirken eine starke Kopplung des Grundwasserstandes an den Pegel der Elbe (MONTENEGRO & HOLFELDER 1999), so dass das Wassermanagement in der Fläche eine zentrale Rolle spielt. Über Pumpstationen, Wehre, Einstau und Dränungen werden die Grundwasserverhältnisse den landwirtschaftlichen Erfordernissen des Ackerbaus und der Grünlandbewirtschaftung angepasst. In den letzten Jahrzehnten wurden auf Teilflächen leichter Standorte auch Beregnungssysteme eingeführt, um während Sommertrockenheit die Pflanzen mit ausreichend Wasser zu versorgen.

Die allgemeinen Trends des Strukturwandels in der Landwirtschaft sind auch in der Elbtalaue zu spüren. Auch hier liegt die Wachstumsschwelle der milchviehhaltenden Betriebe bei ca. 100 Milchkühen. Die Tierzahlen und auch die landwirtschaftlichen Flächen der Betriebe nehmen seit Jahrzehnten kontinuierlich zu. Mit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und auch durch Extensivierungsanreize auf Grünland nahm der Maisanteil auf Kosten des Getreideanbaus zu. Besonders bei den Grünlandflächen im Vordeichsbereich führen die Bewirtschaftungseinschränkungen aufgrund der Schadstoffbelastungen zu einem schleichenden Rückzug der Landwirtschaft aus der Flächenbewirtschaftung. Die (Noch)-Bewirtschaftung dieser Grünlandflächen ist vor allem den Transferzahlungen (Direktzahlungsbeihilfen) der EU und den Vertragsnaturschutzvarianten im Biosphärenreservat  zu verdanken.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt KLIMZUG-NORD beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels u.a. auf die Landwirtschaft und deren mögliche Anpassungsansätze. Informationen zum Klimawandel werden vom Max-Planck-Institut für Meteorologie Hamburg (MPI) bereitgestellt. Unter der Annahme der Emissionsszenarien A2, A1B und B1 (IPCC 2000) simulieren die regionalen Klimamodelle REMO und CLM (jeweils angetrieben mit Ergebnissen des Globalmodells ECHAM5-MPIOM, MPI 2006) für die Niedersächsische Elbtalaue eine Temperaturzunahme zwischen 0,9 und 2,1 K zur Mitte und 2 bis 3,4 K zum Ende des 21. Jhd. Die Erwärmung soll im Winter stärker sein als im Sommer. Es kommt zu einem erhöhten, aber räumlich und zeitlich umverteilten Jahresniederschlag. Mehr Niederschlag soll (mit erhöhten Regenanteilen) im Winter fallen und in der Tendenz weniger im Sommer (weitere Informationen zu Klimaprojektionen: CSC Report 6).

Höhere Temperaturen bedeuten eine höhere Evaporation und Transpiration. Bei geringem Niederschlag kann das zu Wasserstress bei den Pflanzen führen. Dieser Effekt kann noch verstärkt werden, wenn durch geringe Niederschläge im Einzugsgebiet der Elbe der Pegel während der Vegetationszeit absinkt. Durch die starke Kopplung an das Grundwasser kann es dann zu einem Abriss des kapillaren Aufstiegs und damit zu Engpässen in der Wasserversorgung der Pflanzen kommen.
Eine langfristige Folge sich verändernder Standortbedingungen kann eine räumliche Verlagerung von Biotoptypen sein, die dann auch Auswirkungen auf die Grünlandnutzung hat. Während es in der Vegetationsperiode eher trockener wird, ist zu Zeiten von Aussaat und Ernte eine Niederschlagszunahme zu erwarten. Zu nasse Bodenverhältnisse führen bei Befahrung zu Bodenverdichtung und -scherung mit einer (Zer-)Störung des Bodengefüges. Um sowohl Wasserüberschuss als auch Wassermangel zu begegnen, sind ein durchdachtes Wassermanagement und ordnungsgemäße stetige Gewässerunterhaltungen unerlässlich.

 

 

 

 
 

Abbildung 1 Vernässte Flächen im Amt Neuhaus und Sperrschieber zur Wasserstandsregulation (Foto: LWK Niedersachsen)

 


Ein Beispiel für die Bedeutung eines integrierten Wassermanagements ist die Rögnitz. Entlang dieses linksseitigen Zuflusses der Sude, die wiederum in die Elbe mündet, kam es aufgrund mangelnder Gewässerunterhaltung zu massiven Vernässungsschäden verbunden mit Bearbeitungsproblemen und Ernteausfällen (Abbildung 1). Im Rahmen eines Runden Tisches, den die Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) initiierte, wurde ein Konzept mit der Wasserwirtschaft und dem Naturschutz erarbeitet, das die künftige Unterhaltung sichern soll und die Wünsche aller Beteiligten weitgehend berücksichtigt. So kann in Zeiten des Wasserüberschusses eine effektive Abführung des Wassers erreicht und eine bodenschonende Ernte ermöglicht werden.

Generell können in Gewässern, in denen nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) eine temporäre Undurchlässigkeit zulässig ist, Maßnahmen zur Durchflussregulation sinnvoll sein (Abbildung 2). So sind die Elbauen durch ein Netz von Entwässerungsgräben durchzogen. Lokal ermöglichen viele  Einstauhaltungen einen bis zu 14 –tägig verzögerten Abfluss, womit bei drohender Trockenheit Wasser in den Flächen länger zurückgehalten werden kann. Bei allen Maßnahmen muss stets gewährleistet sein, dass die Gewässerprofile jederzeit ein schadloses Abführen von Hochwasserereignissen ermöglichen. Dies setzt eine laufende, ordnungsgemäße Unterhaltung der Gewässer und deren technischen Einrichtungen voraus. 

 

 

 

 

Abbildung 2 Regenrückhaltung und Anhebung des Grundwasserspiegels durch kontrollierte Stauhaltung in der Vegetationsperiode zur Reduzierung von Beregnungseinsätzen im Wasser- und Bodenverband Lucie (Foto: Rainer Claaßens, Wasser- und Bodenverband Lüchow)

 


 

Aus Sicht des Naturschutzes ist eine temporäre Stauhaltung zwiespältig. Einerseits unterbricht diese die ökologische Durchgängigkeit, andererseits ermöglicht sie einen zeitweisen Rückstau und den Erhalt von Feuchtwiesen – die eine besondere Bedeutung für die Wiesenlimikolen haben. Nur durch einen intensiven Dialog sind die Interessen von Wasserwirtschaft, Naturschutz und Landwirtschaft hier in Einklang zu bringen.

In Hinblick auf die Schadstoffbelastung vieler Standorte insbesondere in den Überschwemmungsgebieten der Elbe  ist eine energetische Nutzung in Biogasanlagen eine Alternative, um das Risiko der Futter- und Lebensmittelbelastungen zu vermeiden. Untersuchungen der Landwirtschaftskammer im Auftrage des Landwirtschaftsministeriums zeigten, dass eine Verwertung der Biomasse aus dem Elbvorland durch Monovergärung in Biogasanlagen nahezu wirtschaftlich sein könnte.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Aue ist die extensive Nutzung des Grünlandes im Überschwemmungsgebiet. Aus Sicht der Biosphärenreservatsverwaltung, die in der Elbtalaue die Funktion der Unteren Naturschutzbehörde hat, ist diese Form der Nutzung ideal für die ökologische Funktion der Flächen. Auch der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) empfiehlt für artenreiches Grünland eine extensive Bewirtschaftung durch:
- späte1-2 schürige Mahd,
- reduzierte N-Düngung,
- Verbot der  Grünlanderneuerung  und
- reduzierte Besatzdichten für eine extensive Beweidung.

Auch andere Quellen belegen, dass besonders die Beweidung - u.a. durch die selektive Entnahme von Futtergräsern- eine höhere Artenvielfalt fördert (ISSELSTEIN, 2011).
Für die Landwirte sind Zahlungen aus dem Vertragsnaturschutz eine Möglichkeit Ertragseinbußen und Mehraufwand auszugleichen. Wenn aber das Grünland einen immer geringeren landwirtschaftlichen Nutzen bietet, wird es zu einem vermehrten Rückzug der Landnutzung kommen. Die Folge ist eine zunehmende Verbuschung, insbesondere der nicht mahdfähigen Uferareale. Die sich einstellende Rauigkeit könnte zu höherem Auflaufen von Hochwässern führen und die Deichsicherheit gefährden. Erforderlich ist auch hier ein integriertes Nutzungskonzept der gesamten Vordeichsflächen.
Durch angemessene  Vertragsnatur- und Hochwasserschutzmaßnahmen kann die Kulturlandschaft erhalten und das Abflussprofil gleichzeitig freigehalten werden. Landwirtschaft dient damit auch dem Natur- und dem Hochwasserschutz.
Als Reaktion auf den Klimawandel sind vorhandene Vertragsnaturschutzmaßnahmen auf ihre Schutzziele zu überprüfen und ggf. anzupassen.

Um den vielfältigen Anforderungen in den Elbtalauen zu begegnen, ist ein Integriertes Flussauenmanagement unerlässlich. Der Arbeitskreis Rögnitz ist dabei nur ein Beispiel für die Zusammenarbeit aller Akteure zum Erreichen gemeinsamer Ziele. Wenn Naturschutz, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft an einem Tisch sitzen, können alle Beteiligten von Anfang an ihre Positionen darstellen, ihre Interessen können berücksichtigt werden und die möglichen Folgen des Klimawandels frühzeitig einbezogen werden.

Neben der Zusammenarbeit auf überbetrieblicher Ebene ist auch eine Betrachtung der Betriebsebene wichtig. Um den Landwirten Hilfe zur Anpassung ihrer Betriebe an den Klimawandel zu geben, wird im Projekt KLIMZUG-NORD seitens der LWK ein Beratungssystem entwickelt, das die ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekte eines Betriebes systemdynamisch vernetzt. Dadurch sollen Schwachstellen aufgedeckt und wirkungsvolle Optimierungspunkte festgestellt werden. Der Betriebsleiter kann in diesem Beratungssystem Betriebsanpassungen durchrechnen lassen und deren Auswirkungen abschätzen.
 


Kontakt:
Enno Eiben
TÖB, Nachhaltige Landnutzung, Ländliche Entwicklung
Telefon: 0581 8073-192
Telefax: 0581 8073-160
E-Mail:
Jürgen von Haaren
Leiter Fachgruppe Ländliche Entwicklung
Telefon: 0581 8073-134
Telefax: 0581 807399-134
E-Mail:


Stand: 09.01.2014