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Melkautomat die richtige Wahl?

Bei der Entscheidung, für oder gegen ein automatisches Melksystem sind viele Punkte zu berücksichtigen. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass die Kühe den Melkautomaten mehrmals täglich freiwillig aufsuchen müssen. Damit dies gelingt, sind beispielsweise eine gute Anordnung des Melkautomaten im Stall und eine gute Abstimmung zwischen Futtervorlage im Trog und Kraftfutterangebot im Melkautomaten von großer Bedeutung.

Viele Betriebsleiter stellen sich die Frage, ob der Einsatz eines automatischen Melksystems für sie in Frage kommt. Neben der Arbeitszeiteinsparung ist es vor allen Dingen die flexiblere Arbeitszeit, wovon sich die Landwirte den größten Vorteil versprechen. Häufig wird aber nicht bedacht, dass nicht nur eine andere Melktechnik zum Einsatz kommt, sondern auch Auswirkungen auf das Managen der Milchkühe zur Folge hat. Hierzu gehört beispielsweise, dass rund um die Uhr gemolken wird oder dass keine Total-Misch-Ration (TMR) gefüttert werden kann. Deshalb spielt die Gewichtung dieser Faktoren durch den einzelnen Landwirt eine zentrale Rolle bei der Frage, ob der Melkautomat für seinen Betrieb die richtige Melktechnik ist.

Wie oft melken
Ein wichtiges Kriterium für das automatische Melken ist das Leistungsvermögen des automatischen Melksystems. Mit einem Melkautomaten ist möglich, die Kühe ohne zusätzlichen Aufwand mehrmals täglich zu melken. Sinnvoll ist es, im Herdenschnitt etwa 3 Melkungen pro Kuh und Tag anzustreben. Tiere mit einer hohen Tagesleistung werden pro Tag häufiger und Kühe mit einer geringeren Milchmenge weniger oft gemolken. So ist im Vergleich zum 2xmaligen konventionellen Melken eine Milchleistungssteigerung von ca. 7 % erreichbar. Dazu ist es erforderlich, dass die Zwischenmelkzeiten möglichst gleichmäßig sind. Im Gegensatz zum konventionellen Melken, wo die Zeiten zwischen dem Melken relativ konstant sind, können sie beim automatischen Melken deutlicher abweichen. Ein zu kurzer Zeitabstand zur letzten Melkung (unter 6 Stunden), wie auch ein längerer Zeitabstand von über 14 Stunden wirken sich negativ auf die Milchmenge und die Eutergesundheit aus. Ein zu frühes Melken kann unterbunden werden, indem eine Kuh erst wieder eine Melkberechtigung erhält, wenn die zu erwartende Milchmenge bei rund 10 Liter liegt. Überfällige Tiere müssen von Hand rangeholt werden. Dies sollte regelmäßig erfolgen, macht aber zusätzlich Arbeit.

Ein kompletter Melkvorgang vom Eintritt der Kuh in die Melkbox bis zum Verlassen der Melkbox dauert bei einer Milchmenge von etwa 10 l zwischen 7 und 8 Minuten. Somit kann eine Einzelbox ca. 8 Melkungen pro Stunde schaffen, nach Abzug des Zeitaufwandes z.B. für die Hauptreinigungen verbleiben etwa 22 Stunden pro Tag für die Melkarbeit, so dass rund 175 Melkungen pro Box und Tag erreichbar sind. Bei drei Melkungen pro Kuh und Tag bedeutet dies, dass max. 58 zu melkende Kühe je Einzelbox möglich sind. Werden aber nur 2,5 Melkungen pro Kuh und Tag angestrebt, erhöht sich die mögliche zu melkende Kuhzahl je Einzelbox auf 70. Im Vergleich zum dreimaligen Melken können beim 2,5xmaligen Melken pro Kuh zwar mehr Kühe am Melkautomaten gehalten werden, dies führt aber im Vergleich zum 2xmaligen konventionellen Melken zu keiner Milchleistungssteigerung, weil die Zwischenmelkzeiten mehr schwanken.

Leistungsfähigkeit
Die volle Leistungsfähigkeit vom automatischen Melksystem wird nur dann erreicht, wenn die Kühe die Melkbox mehrmals täglich (min. 4xmal) freiwillig aufsuchen. Dazu ist es zwingend erforderlich, dass der Kuhverkehr funktioniert. Hierbei sind unter anderem der Standort des Melkautomaten, die Gebäudeverhältnisse, die Tiergesundheit und ganz besonders das Fütterungssystem zu beachten. Der Einfluss ob der Kuhverkehr frei oder gelenkt durchgeführt wird, ist häufig von geringerer Bedeutung, da Fehler bei eingangs genannten Aspekten nicht oder nur geringfügig über die Kuhsteuerung ausgeglichen werden können.

Der Standort des Melkautomaten sollte so gewählt werden, dass er vom Stall aus gut einsehbar, frei zugänglich und gut erreichbar ist. Altgebäude mit engen, dunklen Wegen oder Sackgassen wirken sich negativ auf den Kuhverkehr aus und reduzieren die mögliche Anzahl Melkungen des Melkautomaten. Auch ist bei vorhandenen Stallungen häufig das Problem, nicht genügend günstig gelegene Liegeboxen für das automatische Melksystem zur Verfügung haben. Die Wege zwischen Liegebox und Melkautomat sollten kurz sein.

Um die Kühe zum Melkautomaten zu locken, werden bei jeder Melkung min. 0,5 bis max. 2,5 kg Kraftfutter vorgelegt. Die max. Kraftfuttermenge ergibt sich aus dem Zeitbedarf für Kraftfutteraufnahme. Höhere Kraftfuttermengen könnten die Tiere nicht mehr während des Melkens aufnehmen, so dass der Melkautomat durch das Füttern für das Melken blockiert wäre. Deshalb ist es in der Regel sinnvoll, zusätzlich eine Kraftfutterabrufstation zu nutzen.

Die Bereitschaft der Kühe freiwillig zum Melkautomaten zu gehen, ist umso größer, je schmackhafter das angebotene Futter dort ist. Diese Laufbereitschaft leidet jedoch erheblich, wenn die im Futtertrog vorgelegte Silage mit schmackhaften Futterkomponenten aufgewertet wird. Die daraus folgende mangelnde Bereitschaft den Melkautomaten freiwillig aufzusuchen, führt zu einem erhöhten Arbeitszeitaufwand für das Nachtreiben der Kühe, um auf die angestrebte Anzahl von Melkungen pro Kuh und Tag zu kommen.

Melkautomaten können Ausfallzeiten kaum und bei einer hohen Auslastung gar nicht aufholen, da keine frei Zeit zur Verfügung steht. Deshalb ist es besonders wichtig, Störungen schnell zu beheben. Hierbei ist z.B. der Servicehändler von großer Bedeutung, unabhängig davon ob er das Problem vor Ort oder Online lösen kann.

Soll ein automatisches Melksystem auch in Kombination mit Weidegang eingesetzt werden, ist darauf zu achten, dass immer melkberechtigte Kühe im Stall sein bzw. den Melkautomaten aufsuchen müssen. Dazu ist es erforderlich den Kuhverkehr zur Weide und zurück zu regeln. Der Weidezugang kann beispielsweise über ein Selektionstor am Stallausgang geregelt werden, welches nur gemolkenen Kühen oder Kühen die erst ein einigen Stunden gemolken werden sollen, den Weidezugang zu erlauben. Darüber hinaus sind aber Kühe die bereits länger auf der Weide sind und gemolken werden müssen, in den Stall zurückzuholen. Gerade bei gut ausgelasteten Melkautomaten ist dies sehr wichtig, unabhängig davon ob die Weide nur als Auslauf oder zur Futterversorgung genutzt wird. Hier sind unterschiedliche Varianten möglich. Welches die sinnvollste ist, muss unter Berücksichtigung der betrieblichen Gegebenheiten entschieden werden.

Zeiteinsparung
Häufig wird als Argument für das automatische Melken die Einsparung einer Fremdarbeitskraft angeführt. Dies trifft bis zu einem gewissen Grad auch zu, jedoch haben wachsende Betriebe einen steigenden Arbeitszeitbedarf und müssen doch früher oder später über fremde Hilfe nachdenken. Dann stellt sich die Frage ob eine Fremdarbeitskraft besser auf einem Betrieb mit konventioneller oder automatischer Melktechnik eingesetzt werden kann. Hier gehen die Meinungen und Erfahrungen weit auseinander, so dass eine allgemeine Aussage dazu nicht möglich ist.

Ein Melkautomat (Einboxenanlage) ermöglicht einem Betrieb mit 75 Kühen (Herdengröße) gegenüber einem 2 x 6 Fischgrätenmelkstand im Mittel eine Zeiteinsparung von etwa 35 %. Diese bezieht sich auf die Gesamtarbeitszeit für das Melken, die Boxenpflege und das Herdenmanagement usw. Somit spart ein Betrieb in dieser Größeneinheit etwa 1 bis 1,5 Stunden pro Tag. Bei Betrieben mit mehreren Melkautomaten ist die Arbeitszeiteinsparung dementsprechend größer. Jedoch werden diese Werte in der Praxis nicht von allen Betrieben erreicht.

Darüber wie sich das Arbeitszeiteinsparpotential auf Betrieben mit mehr als 4 Einzelboxen verhält, liegen bislang wenige Erfahrungen vor. Auf diesen Betrieben besteht das Problem, dass die arbeitswirtschaftlichen Vorteile aufgrund der dann erforderlichen dezentralen Anordnung der Melkautomaten verloren gehen können. Dies ist besonders dann gegeben, wenn an jedem Melkautomat ein Selektions- und/oder Strohbereich angegliedert ist. Außerdem sollte bei dieser Betriebsgröße der Melkautomat mit einem Melkkarussell oder größeren Gruppenmelkstand verglichen werden.

Kosten
Die Anschaffungskosten für einen Melkautomaten mit einer Einzelbox mit  Milchprobeentnahmegerät und einem Selektionstor liegen bei etwa 135.000 €. Jedoch gibt es je nach angebotener Ausstattung erhebliche Preisunterschiede. Die baulichen Maßnahmen liegen häufig im Bereich zwischen 10.000 und 20.000 €.  Darüber hinaus sind die Kosten für die Milchkühlung, für eine Kraftfutterabrufstation, für die Tiererkennung (z.B. Halsbänder) oder für den Einbau des Melkautoamten mit zu berücksichtigen. Aufgrund der vielfältigen Einflussmöglichkeiten sind Preisvergleiche sehr schwierig möglich. Werden die variablen und festen Kosten für Technik und Bauen sowie die Arbeitsentlohnung berücksichtigt liegen Kosten pro Liter Milch beim automatischen Melken oftmals um etwa 1,5 Cent höher als beim konventionellen Melken.

Fazit
Bei der Entscheidung, für oder gegen ein automatisches Melksystem sind viele Punkte zu berücksichtigen. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass die Kühe den Melkautomaten mehrmals täglich freiwillig aufsuchen müssen. Damit dies gelingt, sind beispielsweise eine gute Anordnung des Melkautomaten im Stall und eine gute Abstimmung zwischen Futtervorlage im Trog und Kraftfutterangebot im Melkautomaten von großer Bedeutung. Den arbeitswirtschaftlichen Vorteilen stehen in der Regel etwas höhere Kosten pro l Milch entgegen.


Kontakt:
Alfons Fübbeker
Berater Landtechnik
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Stand: 04.01.2017