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7. Biogastagung: Bereit für die zweite Halbzeit?

 7. Biogastagung in Verden, ein Bericht von Thomas Gaul, veröffentlicht in der Land & Forst

Die siebte Biogastagung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen am Mittwoch vergangener Woche in Verden stand in diesem Jahr ganz im Zeichen des Fortbestands der Biogasanlagen. Unter dem Motto „Halbzeit bei Biogas – anpassen und ausrichten“ wurden in den Vorträgen Anpassungsstrategien für die restliche Laufzeit der EEG-Vergütung vorgestellt. Dabei geht es darum, die Anlagen mit Blick auf die anstehende Novellierung des EEG auszurichten und die zu erwartenden Verschärfungen im Dünge- und Umweltrecht zu beachten. Es gibt aber auch noch Reserven im Anlagenbetrieb, etwa in der Wärmenutzung, die vorrangig gehoben werden sollten. Soll in die Anlagen investiert werden, interessiert sich nicht nur die finanzierende Bank dafür, was die Biogasanlage eigentlich noch wert ist. Denn auch wenn Gesellschafter ausscheiden oder im Zuge der Weitergabe in der Erbfolge ist eine Kenntnis des Anlagenwertes notwendig.

An das Motto der Tagung anknüpfend, bemühte Hermann Hermeling, Vizepräsident der LWK Niedersachsen, weitere Analogien aus der Fußballsprache. Wenn Biogas einem Fußballspiel gleicht, komme es für die zweite Halbzeit darauf an, die Kräfte zu bündeln und möglicherweise auch die Spieler auszuwechseln. Mit etwa 2 500 Biogasanlagen gibt es in Niedersachsen eine große Anzahl von Anlagen, die noch zehn Jahre Laufzeit vor sich haben und sich somit gerade vor Beginn der zweiten Halbzeit befinden. Sie wurden in den Jahren 2004 bis 2008 gebaut. Das EEG 2009 löste mit seinen diversen Boni noch einmal einen Bauboom aus. Und so gibt es in Niedersachsen rund 3 500 Anlagen, die noch eine restliche Laufzeit von 14 bis 16 Jahren vor sich haben. Dieser Zeitraum mit einer gesicherten EEG-Vergütung ist ausreichend lang bemessen, um noch größere Investitionen vorzunehmen. Anders sieht es dagegen mit den Anlagen aus, die von 2000 bis 2003 gebaut wurden. Davon stehen zwischen Ems und Elbe etwa 1000 Anlagen. Bei ihnen ist das Ende der Laufzeit bereits in greifbare Nähe gerückt und damit auch die Frage, ob sich Investitionen angesichts der unsicheren politischen Rahmenbedingungen überhaupt noch lohnen.

Die Nord LB als Spitzeninstitut der Sparkassen hat 400 Biogasanlagen finanziert, davon die Hälfte in den Jahren bis 2009. „Wir haben überwiegend landwirtschaftsnahe Anlagen finanziert“, sagte Dr. Rüdiger Fuhrmann, Leiter des Agrarbankings der Nord LB. Eine Wertermittlung der Anlagen sei schwierig, da jede Anlage spezifisch ist, erläuterte Fuhrmann: „Mit der Taxationslehre aus dem Studium hat das wenig zu tun.“ Letztlich dreht es sich um die Frage, welche Sicherheiten noch vorhanden sind. Bei einer Biogasanlage handelt es sich um eine „Spezialimmobilie“, was eine anderweitige Verwertung schwierig macht. Bei der Ermittlung der Beleihungsgrenze für neue Kredite arbeiten die Banken daher mit Sicherheitszuschlägen. Andererseits haben gerade die Anlagen der mittleren Alterskohorte von 2004 bis 2008 bereits einen Teil der Kredite zurückgezahlt. Mit fortschreitender Tilgung wird die Zinsbelastung geringer. „Da gibt es also wieder Luft“, machte Fuhrmann deutlich. Verändert hat sich auch die Kapitalmarktsituation, in der Kreditnehmer vom niedrigen Zinsniveau profitieren.

Offensichtlich laufen die landwirtschaftlichen Anlagen weitgehend wirtschaftlich stabil. So sind von den finanzierten Anlagen gerade einmal zwei notleidend geworden, so Fuhrmann: „Wir haben daher relativ wenig Erfahrung damit, Anlagen zu verwerten.“ Eher tritt der Fall ein, dass Landwirte Anlagen von Investoren und Fondsgesellschaften aus der Insolvenz übernehmen. Gerade die Investorenanlagen wurden häufig (zu) teuer gebaut und mit einem aufwendigen elektronischen Controllingsystem versehen, das jedoch nicht für eine entsprechende Mehrleistung der Anlage sorgte. Der wichtigste Grund für die wirtschaftlichen Probleme dürfte in den meisten Fällen jedoch die fehlende Absicherung von Preis und Menge bei der Substratversorgung gewesen sein. Denn im Gegensatz zu den landwirtschaftlichen Anlagen sind die Anlagen von Investoren auf den Zukauf der Rohstoffe angewiesen. Wer sich als Landwirt für eine Anlage im sogenannten Sekundärmarkt interessiert, sollte daher genau auf die wertbestimmenden Anlagenparameter schauen. Das sind bei der Anlagenausstattung die Qualität der verbauten Komponenten, die Ausgestaltung von Verträgen mit Dritten, Wärmekonzept und Wärmeabsatz sowie der absehbare Reparatur- und Instandsetzungsaufwand.

Auch ein Erbfall, eine Ehescheidung oder ein Wechsel des Gesellschafters sind Anlässe, eine Biogasanlage bewerten zu lassen. Aus Sicht eines Sachverständigen schilderte Dr. Heinz Peter Jennissen, stellv. Vorsitzender des Hauptverbandes der landwirtschaftlichen Buchstellen (HLBS) die Lage bei einem Gesellschafterwechsel. Bei der Wahl der Bewertungsmethode sei zu berücksichtigen, dass eine Biogasanlage ein Unternehmen sei und nicht nur eine Immobilie. Um die individuelle Zukunft des Unternehmens beurteilen zu können, müsse zunächst die tatsächliche Ertragskraft des Unternehmens in der Vergangenheit ermittelt werden. Zur Ermittlung des Verkehrswertes wird das Ertragswertverfahren eingesetzt. Die zu erwartenden Geldflüsse, das dürfte in erster Linie die Vergütung für den produzierten Strom sein, werden dabei abgezinst. Bei der Nutzungsdauer legen die Gutachter die Restlaufzeit des EEG zugrunde. Eine Besonderheit der landwirtschaftlichen Biogasanlagen ist die mitunter schwierige Abgrenzung zu anderen Bereichen. Denn oftmals wird der Radlader der Biogasanlage auch zum Getreideverladen im landwirtschaftlichen Betrieb eingesetzt. Auch der verwendete Diesel und die eingesetzten Arbeitskräfte werden häufig nicht getrennt erfasst. Grundsätzlich sollte auch ein Unternehmerlohn angesetzt werden, der durch einen Betriebsvergleich oder Untersuchungen von Branchenverbänden ermittelt werden kann.

Wie können Anpassungsstrategien für die 1 600 Biogasanlagen in Niedersachsen aussehen? Damit befasste sich Ulrich Keymer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in seinem Vortrag. Den Rahmen hat die Politik mit dem Umstieg auf die bedarfsorientierte Stromproduktion gesetzt. Durch den Verzicht für Regelungen nach den 20 Jahren EEG werde aus Biogas, der Erneuerbaren Energie der Zukunft, schnell eine Energie der Vergangenheit, wenn keine Revision der Politik erfolgt. Nichtsdestotrotz sollten Anlagenbetreiber die Chancen nutzen, die mit der Flexibilisierung und dem Einstieg in den Markt für Regelenergie verbunden sind. So ist derzeit die Minutenreserve mit den Vier-Stunden-Blöcken eine Möglichkeit für Anlagenbetreiber, am Markt für Regelenergie teilzunehmen. Das rechnete Keymer am Beispiel einer 500 kW-Biogasanlage vor, die ganzjährig anbietet. Bei einer durchschnittlichen Leistung von 475 kWel in der HT/NT-Fahrweise seien so mit Leistungspreisen von 2015 im Jahr Erlöse am Strommarkt in Höhe von 7 400 Euro zu erlösen. Bei der negativen Sekundärregelleistung mit 250 kWel sind es dagegen nur 4 900 Euro im Jahr.

Wie Keymer berichtete, ist in Niedersachsen nur eine Leistung von 29,2 MWel für die Flexprämie angemeldet. Und das angesichts einer installierten Leistung von 890 MWel insgesamt. „Warum ist die Praxis so zögerlich?“, fragte Keymer. Jeder Betreiber solle eine individuelle Anpassungsstrategie fahren, riet der Biogas-Experte: „Es kann auch sinnvoll sein, eine 800 kW-Anlage auf 500 kW herunterzufahren.“ Das gilt beispielsweise dann, wenn der Wert des nicht eingespeisten Stroms die Substratkosten übersteigt. Die Chancen der Flexibilisierung sollten insbesondere Anlagen mit einer Bemessungsleistung von 500 kWel und mehr nutzen, empfahl Keymer: „Für kleinere Anlagen macht es in der Regel keinen Sinn.“ Bei der Modernisierung sollte als vorweggenommene Ersatzbeschaffung ein neues BHKW mit einem höheren Wirkungsgrad gekauft werden, während das alte betriebsbereit daneben stehen bleibt.

Anpassungen müssen die Betreiber auch beim Gärrestlager vornehmen, da künftig eine längere Lagerdauer für Gärreste vorgeschrieben wird. Das könnte gerade für Niedersachsen unerwünschte Folgen haben, wie Ulrich Keymer deutlich machte: „Die Erhöhung der Lagerdauer von 210 auf 270 Tage wird dazu führen, dass Gülle aus den Anlagen herausgenommen wird.“ Denn durch den hohen Wassergehalt steigt der Bedarf für Lagerraum. Ihn neu zu schaffen, ist teuer. Keymer bezifferte die Kosten für ein Gärrestelager mit 2 500 m3 auf 90 Euro je m3. Doch nicht nur der teure Lagerraum könnte sich zu einem Hindernis für den Gülleeinsatz in Biogasanlagen entwickeln. Denn auch die Düngeverordnung begrenzt in ihrer zu erwartenden Neufassung mit dem Grenzwert von 170 kg N/ha/a die Ausbringung von Gärresten auf der Fläche, die dadurch zunehmend knapper wird. Das könnte dazu führen, dass die Biogasanlagen gerade so viel Gülle einsetzen, wie sie zum Erhalt des Güllebonus benötigen (30 Masseprozent), ansonsten aber Substrate einsetzen, die wenig Wasser, aber viel Energie haben. Das dürfte Hühnertrockenkot, Mais und Getreide begünstigen. „Auch die Zuckerrübe dürfte an Wirtschaftlichkeit verlieren“, blickte Keymer voraus. Denn auch sie ist ein wasserreiches Substrat, entsprechend steigt der Lagerbedarf für Gärreste.

Wenn das Lager und die N-Verwertung Engpässe bilden, riet auch Peter Schünemann-Plag dazu, die „Fremdgülle“ aus der Anlage herauszunehmen. Der Biogas-Berater in der Außenstelle Verden der LWK Niedersachsen erläuterte, dass die Vorgabe des Güllebonus‘ zu einem teuren „Fremdgülle“-Einsatz zwinge, der nur unter günstigen Voraussetzungen durch eine Veränderung der Ration verändert werden könne. Auch seinen Berechnungen zufolge kann die Gülle in der Ration entfallen und durch Mais ersetzt werden. Die Frage ist nun, mit welchen Vergütungen die Betriebe zurechtkommen müssen, die zudem jetzt vor großen Investitionen stehen. Einen Ausblick auf die Zukunft von Biogas wagte Harald Wedemeyer, beim Landvolk Niedersachsen zuständig für Erneuerbare Energien.

Grundsätzlich ist das Instrument der Ausschreibung, das die Festvergütung ablösen soll, bereits im EEG 2014 enthalten. In dem Referentenentwurf des EEG 2016, der seit einigen Tagen mehr oder weniger inoffiziell kursiert, ist vorgesehen, dass es für die Bioenergie nur eine Ausschreibungsrunde im Jahr geben soll, und zwar für feste und gasförmige Biomasse gemeinsam. Einbezogen sind auch Bestandsanlagen, die erstmals vor dem 1. Januar 2012 ausschließlich mit Biomasse in Betrieb gegangen sind. Bei einem Zuschlag auf ihr Gebot erhalten sie eine Vergütung für einen Zeitraum von 10 Jahren. Für Unmut unter den Betreibern dürfte auch der vorgesehene Höchstwert sorgen: Er ist bei Strom aus Biomasse auf 14,88 ct/kWh festgesetzt. „Welche NawaRo-Anlage wird dazu in der Lage sein?“, fragte Wedemeyer. Die niedrigsten Gebote erhalten den Zuschlag, bis die ausgeschriebene Leistung erreicht ist. „Gezahlt wird das, was geboten wurde“: Ein Bieter mit einem niedrigen Gebot profitiert also nicht davon, wenn ein etwas höheres Gebot den Zuschlag erhalten würde. Zusätzlich gilt ein Höchstpreis, den die Gebote nicht überschreiten dürfen. Er orientiert sich an der bisherigen Förderhöhe. Die Forderung des Ausschusses Erneuerbare Energien im Landvolkverband Niedersachsen lautet, auskömmliche und von der Anlagengröße abhängige Höchstwerte festgesetzt werden sollten. Vor allem sollten aber konkrete Regelungen zur Ausschreibung im Gesetzestext selbst stehen und nicht mit einer unverbindlichen Verordnung geregelt werden. Neben Neuanlagen sollten sich auch Bestandsanlagen zum Weiterbetrieb nach 20 Jahren und zur Erweiterung bewerben dürfen. „Wenn nichts passiert, geht der Anlagenbestand zurück!“, warnte Harald Wedemeyer.

Über die weiteren Vorträge zu Reserven in der Wärmenutzung und Alternativen informiert ein weiterer Beitrag in einer der nächsten Ausgaben der LAND & Forst.

Fazit: So schlecht stehen die meisten niedersächsischen Biogasanlagen wirtschaftlich betrachtet gar nicht da. Umso mehr gilt es, die Betriebsführung zu optimieren und die Anlagen auf die „Restlaufzeit“ des EEG anzupassen. Betreiber sollten sich schon einmal mit dem Thema Ausschreibungen befasse. Sie werden kommen, auch wenn um Details noch im politischen Prozess gerungen wird.

THOMAS GAUL


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Annette Klee
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Stand: 25.04.2016