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Finanzieller Engpass - nicht warten bis die Bank den Geldhahn zudreht

Das Getreide ist reif – doch es wird nicht abgeerntet, da der Lohnunternehmer noch auf die Bezahlung seiner Arbeiten im letzten Jahr wartet. Die Kühe bekommen kein Kraftfutter mehr, weil bei Landhändler und Genossenschaft noch Rechnungen offen sind. Diese und ähnliche Situationen sind leider keine Einzelfälle. Handeln Sie rechtzeitig, um trotzdem „das Heft selber in der Hand zu behalten“.

 

Finanzielle Probleme sind in der Regel nicht das Resultat plötzlich auftretender Engpässe. Vielmehr haben sie ihren Ursprung in anhaltend nicht ausreichenden Wirtschaftsergebnissen in Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Zustand wird leider für viele zur Gewohnheit. Diese jedoch abzustellen, ist für alle in jeder Lebenslage leichter gesagt als getan! Deshalb wird ein Gegensteuern auch erst dann in Erwägung gezogen, wenn die Bank oder ein anderer Gläubiger „die rote Karte“ zeigt. So weit sollte es aber gar nicht erst kommen!

 

Engpässe rechtzeitig erkennen

Wer frühzeitig versucht, das Ruder herumzureißen, hat noch Handlungsspielraum und kann den Kurs selbst mit gestalten und bestimmen. Der richtige Zeitpunkt ist dann, wenn eines oder mehrere der Warnsignale auftreten, wie sie im Folgenden beschrieben sind:

  1. Die Kontostände der laufenden Konten sind dauerhaft im Minus und können nicht mehr mindestens einmal jährlich auf Null gebracht werden.
  2. Eigene Forderungen wie beispielsweise die Betriebsprämie oder die Ernte im Herbst werden an die Bank oder andere Gläubiger abgetreten.
  3. Die Verbindlichkeiten inklusive der Anzahl und Höhe unbezahlter Rechnungen steigen an, ohne dass Investitionen getätigt wurden.
  4. Investitionen unterbleiben oder werden zu 100 Prozent fremdfinanziert.
  5. Ställe werden nicht mehr belegt, Felder nicht bestellt, weil das Geld dafür fehlt.
  6. Abgeschlossene Verträge zur privaten Altersvorsorge werden gekündigt, verkauft, beitragsfrei gestellt oder vom Soll des laufenden Kontos bedient.
  7. Zur Verbesserung der Liquidität werden noch nicht verkaufsreife Tiere oder Produkte abgesetzt oder überstürzte Landverkäufe getätigt.
  8. Skonti und Frühbezugsrabatte können nicht in Anspruch genommen werden.
  9. Mahn- und Pfändungsverfahren werden eingeleitet.
  10. Schecks und Zahlungsanweisungen (auch per EC-Karte) werden zurückgewiesen.

Wichtig ist es, diese Anzeichen einer finanziellen Gefährdung des Unternehmens zu erkennen und ernst zu nehmen, statt sie sich schön zu reden oder zu ignorieren.

Schritt für Schritt zum Ziel
Bei akuten Problemen geht es zunächst um Schritte der „Ersten Hilfe“ wie Beantragung von Wohngeld, Aussetzung der Säumniszuschläge bei den Sozialversicherungsträgern, Einrichtung eines Pfändungsschutzkontos und ähnlichen Maßnahmen.
Erhebliche finanzielle Schwierigkeiten sind nicht im Handumdrehen und in der Regel auch nicht ohne Hilfe von außen zu bewältigen. Je früher sie in Anspruch genommen wird, umso leichter ist es, eine Lösung nachhaltig hinzubekommen.

Der erste Schritt ist dabei die Analyse der Ist-Situation. Diese sollte sich nicht auf die Buchführungsergebnisse beschränken, sondern auch die Darlehensverträge, offenen Rechnungen und dergleichen einbeziehen. Wie stehen die Familienmitglieder der Situation gegenüber? Sind alle informiert? Welche Zielvorstellungen und Ideen haben die einzelnen Beteiligten? Wer hat welche Ausbildung? Wo befinden sich Schwachstellen in der Produktion? Wie ist die Arbeit organisiert? Wo gibt es Einsparpotenzial in Familie und Betrieb? Dabei gehören auch die Privatausgaben auf den Prüfstand. Wie sind die Darlehn strukturiert, gibt es die Möglichkeit der Umschuldung oder Streckung? Lässt sich der Pachtaufwand reduzieren?

Im zweiten Schritt sollte gemeinsam mit allen das Ziel und der Weg dorthin festgelegt werden. Dabei ist es hilfreich, erst einmal die Vorstellungen und Wünsche aller Familienmitglieder zu sammeln und auf ihre Chancen und Risiken zu überprüfen, bevor vorschnelle Entscheidungen getroffen werden, nur weil sie gerade modern sind (z.B. Bau einer Biogasanlage) oder die Nachbarn es „auch so machen“. Hierbei sollte auch über neue Wege in der Produktion, über neue Betriebszweige im Dienstleistungsbereich, über die Umstellung auf Nebenerwerb oder den geordneten Rückzug nachgedacht werden.
Daraus ergibt sich dann die Festlegung eines Handlungskonzeptes. Wer macht was? Mit wem? Bis wann?Denn nur wer ein schlüssiges Konzept vorlegt, kann letztendlich ein Entgegenkommen der Bank erwarten.

Mut tut gut!
Neuer Betriebszweig, Nebenerwerb oder Hofaufgabe – alles sind unternehmerische Entscheidungen mit weit reichenden Konsequenzen für das Leben aller Familienmitglieder. Es erfordert sehr viel Mut, einen neuen Weg einzuschlagen und ihn auch durchzuhalten, wenn er mal nicht so gerade verläuft. Während es jedoch für „klassische“ Wege wie Stallbau, Umstellung der Produktion selbstverständlich ist, diese unternehmerische Entscheidung durch Beratung begleiten zu lassen, scheuen sich viele, dies auch bei „Kursänderungen“ zu tun. Das muss nicht sein!
Es ist viel leichter, offensiv mit seiner Entscheidung umzugehen, sie mit Dritten zu durchdenken, um dann mutig die wohlüberlegten Schritte  zu gehen, so lange die Familie den Kurs noch selbst bestimmen kann und das „Schiff“ Familienunternehmen nicht fremden Händen überlassen muss. Je weiter der finanzielle Engpass allerdings fortschreitet, desto enger werden die Spielräume für ein Gegensteuern.
Patentrezepte gibt es nicht! Nur individuelle Lösungen, die mit der Familie entwickelt und von ihr umgesetzt werden, haben Aussicht auf Erfolg. Je früher eine Kurskorrektur oder auch –änderung erfolgt, umso größer sind die Erfolgsaussichten.

 Warten Sie nicht zu lange, denn „ auf einem schwankenden Schiff fällt nur der um, der sich nicht bewegt“.


Kontakt:
Anne Dirksen
Fachreferentin Sozioökonomie
Telefon: 0441 801-329
Telefax: 0441 801-392
E-Mail:


Stand: 28.07.2011