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Vorsorgevollmacht statt Ohnmacht: Klare Regelungen sichern Einkommen und Vermögen

Eine Vorsorgevollmacht auszufüllen, dauert etwa fünf Minuten! Dennoch wird dieses Thema gerne in den Stapel „Müssen-wir-mal-machen“ geschoben. „Und überhaupt ist es nur ein Thema für alte Leute, die ins Pflegeheim kommen!“ Diese Auffassung ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Jeder kann z.B. durch einen Unfall plötzlich die Kontrolle verlieren. Dann sichern klare Regelungen die Betriebsentwicklung, das Familienvermögen und damit das Einkommen für die Menschen, die auf und für diesen Betrieb leben.

Jeder volljährige Bürger sollte sich mit den Aspekten der Betreuung auseinandersetzen, denn mit Vollendung des 18. Lebensjahres endet das Sorgerecht der Eltern. Auch der Trauschein regelt nicht die Frage der Betreuung!
Ohne Vorsorgevollmacht entscheidet das Gericht, wer die Vertretung für einen Menschen übernimmt, der nicht mehr für sich sorgen kann, weil er beispielsweise im Koma liegt, dement geworden ist oder aufgrund einer schweren Krankheit keine Entscheidungen mehr treffen kann.
Das folgende Beispiel zeigt, welchem Risiko der Betrieb ausgesetzt ist, dessen Eigentümer keine Vorsorgevollmacht besitzt.

Betreuer verkauft Flächen!
Gerhard Huber ist 75 Jahre alt. Eigentlich wollte er den Hof schon seit Rentenbeginn an seinen Sohn Frank übergeben, „aber irgendwie kam immer etwas dazwischen“. Dann stellte sich plötzlich eine Demenz ein, so dass der Notar die Beurkundung nicht mehr vornehmen konnte. Also lief alles so weiter. Frank bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Frau den Hof als Pächter. Die Tochter Meike absolviert eine landwirtschaftliche Ausbildung, um später ebenfalls den Familienbesitz weiter zu führen. Die Betreuung und Beaufsichtigung des Seniors im Alltag übernahm die Familie anfangs gemeinsam mit der Mutter. Im Laufe der Zeit gestaltete sich das aber immer schwieriger, so dass sich die Familie auf Anraten des Arztes schweren Herzens zur Unterbringung im Pflegeheim entschied. Mittlerweile war ein Betreuer gerichtlich bestellt worden. Ein Mann, den die Familie vorher nicht kannte, übernimmt seither die vertraglichen und finanziellen Angelegenheiten und ist auch der Ansprechpartner für Ärzte, Behörden und das Heim – für die Familie, insbesondere für Ehefrau Maria eine unangenehme Situation. Die Heimkosten wurden zunächst aus der Rente und der Pachtzahlung des Sohnes, sowie den Ersparnissen von Gerhard Huber beglichen. Als letztere aufgebraucht waren, begann der Betreuer, Flächen zu verkaufen. Frank Huber hat als Pächter keine Handhabe, um das zu verhindern. Wollte er den Familienbesitz zusammen halten, müsste er selbst kaufen, wozu ihm jedoch das Geld fehlt. Die Bank ist aufgrund fehlender Sicherheit nicht zur Darlehnsgabe bereit. Das Geld, das Frank im Laufe der Jahre in den Betrieb (Stallumbau, Wohnhausrenovierung) investiert hat, bekommt er nicht zurück, denn es ist nirgends abgesichert.
Eigentlich sollte ein neuer Stall gebaut werden, um das Familieneinkommen weiterhin zu  sichern, wenn Tochter Meike in den Betrieb einsteigt. Die Baugenehmigung liegt vor. Der Betreuer hat die Pläne jedoch gestoppt, um das Vermögen von Gerhard Huber nicht zu  belasten. Aus seiner Sicht eine verantwortungsvolle Entscheidung zur Absicherung seines Mandanten. Ob der Hof für Frank und seine Familie überhaupt noch eine Perspektive bietet, steht allerdings sehr in Frage. Besonders kritisch wird es, falls Frank vor seinem Vater versterben sollte. Denn dann hat seine Familie keinerlei Ansprüche an den Hof!

 Was ist zu tun?
Familie Huber kann leider nicht mehr viel gestalten, sondern vor allem hoffen.
Das Beispiel macht jedoch sehr deutlich, wie wichtig es ist, im Vorfeld klare Regelungen zu treffen, denn wie bei der Schluckimpfung gilt: Vorbeugen ist besser als heilen! Reden Sie in Ihrer Familie offen über diese Dinge: Was wäre, wenn jemand von Ihnen nach einem Unfall im Koma liegt oder aufgrund einer Krankheit nicht mehr selbst handeln kann? Demenz tritt nicht erst in der Altersgruppe 80plus auf! Nehmen Sie sich die Zeit, die Eventualitäten gemeinsam durchzuspielen. Beteiligen Sie auch Ihre volljährigen Kinder an diesen Themen.
Überlegen Sie gemeinsam und gegebenenfalls mit fachlicher Unterstützung von außen, welche Maßnahmen für Sie erforderlich und umsetzbar sind und packen Sie sie an. Stecken Sie sich gemeinsam Ziele für die zeitliche Umsetzung. So ist der gegenseitige Druck da, den Worten Taten folgen zu lassen anstatt dem inneren Schweinehund die Aufschieberitis zu gestatten.

1.Schritt: Vorsorgevollmacht
Mit einer schriftlichen Vorsorgevollmacht erlauben Sie einer von Ihnen benannten Person, an Ihrer Stelle zu handeln, wenn Sie dazu aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage sind.
Eine derartige Bevollmächtigung setzt voraus, dass die- oder derjenige später in Ihrem Sinne handeln und ihr Vertrauen nicht missbrauchen wird. Das bedeutet, dass Sie sich die Zeit nehmen sollten, Ihre Wünsche und Vorstellungen für die jeweilige Situationen mit der bevollmächtigten Person zu besprechen. Wenn Sie nicht so weit gehen möchten, dann kommt als Alternative die Betreuungsverfügung in Frage. Damit setzen Sie fest, wer im Falle des Falles vom Gericht als Betreuer eingesetzt werden soll. Diese Person unterliegt dann auch der gerichtlichen Aufsicht.
Eine Vorsorgevollmacht bedarf nicht der notariellen Beurkundung, um rechtswirksam zu sein. Sie empfiehlt sich in vielen Fällen jedoch. Außerdem sind grundbuchwirksame Handlungen wie Verkäufe oder Kreditaufnahmen nur mit notarieller Vollmacht möglich.
Bedenken Sie: Banken akzeptieren die Vorsorgevollmachen nicht, sondern wollen eine separate Kontovollmacht. Dabei sollten Sie beachten, dass diese über den Tod hinausgeht.
Jedes volljährige Familienmitglied benötigt eine eigene Vorsorgevollmacht. Die Entscheidungen sollten alle zwei bis drei Jahre überprüft und gegebenenfalls geändert werden, um die Aktualität sicher zu stellen.
Vordrucke gibt es bei den Betreuungsstellen der Landkreise und kreisfreien Städten, in den Landvolk-Geschäftsstellen oder auch im Internet. Der Mangel an geeigneten Exemplaren ist jedenfalls keine gute Begründung für Aufschieben oder perfektes Nichthandeln!

2. Schritt: Klare vertragliche Regelungen
Wenn Sie schon dabei sind, die „Was wäre, wenn…“- Themen zu erörtern, dann gehören auch Aspekte wie Testament und Hofübergabe mit auf den Tisch. Vielfach herrscht in landwirtschaftlichen Familien ein blindes Urvertrauen in die Höfeordnung. Diese schützt den Hof als wirtschaftliche Einheit zur Existenzsicherung im Falle des Todes und hat hierbei auch ihre Daseinsberechtigung. Die Einzelheiten sind aber in den meisten Fällen nicht so geregelt, dass sie den speziellen Erfordernissen des Einzelbetriebes und seiner Bewohner gerecht werden. Es besteht fast immer ergänzender Regelungsbedarf, der in Form von Testament, Erbvertrag, Hofübergabevertrag und zusätzlicher finanzieller Absicherung geklärt werden muss. Nur so können Sie Ihren Wunsch nach nachhaltiger Einkommenssicherung Ihrer Familie und Vermögenserhalt Ihres Lebenswerkes sicherstellen. „Müsste ich mal machen…“ kann plötzlich zu spät sein!

3. Schritt: Notfallordner
 Und was ist mit der Fortführung Ihres Betriebes, falls Sie als Betriebsleiter ausfallen oder Ihre Frau, die die gesamte Büroarbeit erledigt? Wie findet sich ein Betriebshelfer zurecht? Wo sind wichtige Unterlagen zu finden?
In solchen Fällen ist ein gut geführter Notfallordner eine wichtige Hilfe und schont darüber hinaus die ohnehin überstrapazierten Nerven der Familienangehörigen sowie Ihr Bankkonto. Die sozioökonomischen Beraterinnen und Berater der Landwirtschaftskammer haben zu diesem Zweck ein spezielles Beratungsangebot geschaffen und unterstützen die Familie im Vorfeld bei der Erstellung eines betriebs- und familienindividuellen Notfallordners. 

Fazit: Handeln statt aufschieben!
Die eigenen Verhältnisse durchdacht zu regeln ist aktives Risikomanagement und wichtige Betriebsleiteraufgabe. „Unvollständig begonnen ist immer noch besser als perfekt nicht gehandelt!“ Wenn Sie die angesprochenen Themen im Kreise Ihrer Familie erörtert und Schritt für Schritt umgesetzt haben, werden Sie feststellen, dass es sehr viele positive  Effekte hat: Sie wissen vieles voneinander, was Sie eventuell vorher nie erahnt haben, und sind dadurch als Familie und Ehepaar vielleicht ein Stück weiter zusammengewachsen. Sie können sich erst mal beruhigt zurücklehnen, weil Sie es – endlich – geregelt haben. Beides sind ideale Voraussetzungen für eine gute und nachhaltige betriebliche Entwicklung!


Kontakt:
Anne Dirksen
Leiterin Familie und Betrieb / Sozioökonomische Beratung
Telefon: 0441 801-329
Telefax: 0441 801-816
E-Mail:


Stand: 18.11.2015