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Rente mit 63 - auch ein Thema in der Landwirtschaft

Zum 1. Juli ist es soweit: Das Rentenpaket tritt in Kraft! Neben der Mütterrente, die die Kindererziehung für vor 1992 geborene Kinder mit einem zusätzlichen Entgeltpunkt belohnt, ist die Rente mit 63 das Kernstück der Reform. Im Gesetz über Leistungsverbesserungen in der gesetzlichen Rentenversicherung (RV-Leistungsverbesserungsgesetz) geht es unter anderem um die ungekürzte Altersrente ab 63 Jahren. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Landwirte, Ehegatten und Mitarbeiter landwirtschaftlicher Betriebe früher in Ruhestand gehen.

Die Altersrente für besonders langjährig Versicherte ist nicht neu: Schon seit Anfang 2012 besteht die

Möglichkeit, bei Erfüllung einer Wartezeit von 45 Jahren ohne Abzüge mit 65 Jahren in Rente zu gehen. Neu ist die Herabsetzung dieser Altersgrenze auf 63, allerdings nur für Versicherte der Geburtsjahrgänge bis einschließlich 1952. Für jüngere Versicherte wird das Zugangsalter für die ungekürzte Rente wieder schrittweise angehoben, und zwar jahrgangsweise um zwei Monate. So können sich 1953 Geborene erst mit 63 Jahren und zwei Monaten verrenten lassen. Versicherte des Jahrgangs 1960 müssen sogar bis 64 Jahren und 4 Monate warten (s. Anhang).

Wer die Wartezeit von 45 Versicherungsjahren nicht erfüllt hat, kann auch eine vorzeitige Rente beziehen, allerdings nicht vor dem 65. Lebensjahr. Außerdem muss er sich für jeden Monat vor Eintritt des gesetzlichen Renteneintrittsalters eine lebenslange Rentenkürzung von 0,3 Prozent pro vorzeitigen Monat  gefallen lassen. Deshalb lohnt es sich, genau zu prüfen, ob die 45 Jahre erfüllt werden können. Dazu ist ein lückenloser Versicherungsverlauf der deutschen Rentenversicherung sehr hilfreich. Nicht nur Pflichtbeitragszeiten als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer zählen dazu, sondern auch andere Rentenzeiten:

  1. Kindererziehungs- und Kinderberücksichtigungszeiten: Letzteres sind die Zeiten bis zum zehnten Geburtstag eines Kindes, bei mehreren Kindern, die einen Altersabstand von unter zehn Jahren haben, die Zeit bis zum zehnten Geburtstag des jüngsten Kindes. Wer in dieser Zeit mehr als geringfügig selbständig tätig war (z.B. als Landwirtin oder Landwirt!) oder im Betrieb des selbständigen Ehepartners mitgearbeitet hat, bekommt die Berücksichtigungszeiten nicht angerechnet, wohl aber die Kindererziehungszeiten, d.h. die ersten zwei beziehungsweise drei (bei Geburten ab 1992) Lebensjahre des Kindes.
  2. Pflegezeiten - vorausgesetzt, es bestand oder besteht dafür Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung. Das bedeutet: Die Pflegeperson ist als solche bei der Pflegekasse des Patienten gemeldet, pflegt mindestens 14 Wochenstunden und ist nicht mehr als 30 Wochenstunden erwerbstätig. Dann zahlt die Pflegekasse für die Pflegeperson Rentenbeiträge ein – allerdings nicht rückwirkend, sondern nur ab Antragstellung!
  3. Zeiten des Bezugs von Schlechtwetter-, Insolvenz – und Kurzarbeitergeld
  4. Zeiten des Bezugs von Arbeitslosengeld I, allerdings nicht, wenn diese Zeiten in die letzten zwei Jahre vor Bezug der abschlagfreien Rente fallen. Damit soll verhindert werden, dass Betriebe ihre Mitarbeiter mit Hinblick auf die Rente mit 63 vorzeitig entlassen. Ausgenommen sind jedoch Arbeitslosigkeitszeiten in diesem Zeitraum wegen Insolvenz oder vollständiger Betriebsaufgabe durch den Arbeitgeber.
  5. Zeiten mit Arbeitslosengeld –II-Bezug oder Arbeitslosenhilfe werden dagegen nicht mit angerechnet, da  es sich hierbei um Fürsorgeleistungen und nicht um Versicherungsleistungen handelt.
  6. Freiwillige Beiträge, jedoch nicht, wenn sie in den letzten zwei Jahren vor der Frühverrentung bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit gezahlt werden. Außerdem ist Bedingung, dass mindestens 18 Jahre Pflichtbeiträge aus Arbeitnehmerbeschäftigung oder selbständiger Tätigkeit (Handwerker) eingezahlt wurden.

Vorzeitiges Altersgeld 
Versicherte der landwirtschaftlichen Alterskasse haben ebenfalls ab dem 1. Juli die Möglichkeit, nach 45 Versicherungsjahren abschlagfrei das Altersgeld in Anspruch zu nehmen. Der Vorteil: Die Alterskasse zählt die oben genannten Zeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung  unter bestimmten Voraussetzungen mit! So können die 45 Jahre nicht nur durch Beitragszeiten als Unternehmer, Ehegatte oder mitarbeitendes Familienmitglied (Mifa) erfüllt werden, sondern zum Beispiel auch durch vor- oder nachgelagerte Pflichtbeitragszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung oder durch Kindererziehungs- oder Pflegezeiten. Aber hier gilt die Besonderheit: Wer sich aufgrund dieser Zeiten von der Alterskassenpflicht befreien lassen hat, bekommt sie von der Alterskasse nur angerechnet, wenn er zu dem Zeitpunkt als Ehegatte versichert war, nicht als Unternehmer!
Umgekehrt erkennt die gesetzliche Rentenversicherung  Zeiten der Versicherung in der Alterskasse nicht an!

Aus der Praxis folgende Beispiele
1. Angestellte im landwirtschaftlichen Unternehmen
Angestellte im landwirtschaftlichen Betrieb können die 45 erforderlichen Versicherungsjahre durchaus erreicht haben. Für sie erscheint die vorgezogene ungekürzte Rente mit 63 Jahren auf den ersten Blick sehr attraktiv zu sein:  Der Landwirtschaftsmeister  Karl Meyer  ist am 15.7.1951 geboren und arbeitet seit Ausbildungsbeginn am 1.7.1969 ununterbrochen in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Zu seinem 63. Geburtstag am 15.7.2014 kann er auf 45 Versicherungsjahre zurückblicken und somit ab dem 1. August 2014 seine Altersrente abschlagfrei beziehen. Zusätzlich hat er Anspruch auf Leistungen aus der Zusatzversorgung der Arbeitnehmer in der Land- und Forstwirtschaft. Neben seiner Rente darf er einen Minijob ausüben. Seine Frau kann ebenfalls vorzeitig in Rente gehen, das gemeinsame Haus ist abbezahlt und die Kinder stehen finanziell auf eigenen Füßen.
Daher entscheidet sich Karl Meyer, die Gelegenheit bei Schopfe zu packen, und wird die Rente beantragen.

In dieser Lage sind jedoch nicht alle Mitarbeiter auf landwirtschaftlichen Betrieben. Deshalb wird es auch nach Aussage von Matthias Brandner, Referent für die Arbeitnehmerberatung an der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, eher keine Welle von Frühverrentungen in diesem Kreis geben. Stets heißt es nämlich abzuwägen, wie sich die Situation netto für die Haushaltskasse darstellt: Die Rente wird niedriger sein als das aktuelle Nettoeinkommen. Genaues Kalkulieren ist angesagt: Kann eventuell auf das zweite Auto verzichtet werden? Welche weiteren Kosten fallen als Rentner nicht mehr an? Wie viele Haushaltsmitglieder müssen von dem Geld leben?  So wird sich manch einer entscheiden, bis zum Eintritt der Regelaltersrente weiter zu arbeiten, um mehr Geld in der Kasse zu haben und die spätere Rente ebenfalls zu erhöhen.

2. Landwirtschaftliche Unternehmer
Für landwirtschaftliche Unternehmer kann die Rente mit 63 ebenfalls durchaus ein interessanter Weg sein. Alfred Müller ist im Juli 1952 geboren. Nach der Schule hat er eine zweijährige Ausbildung absolviert, war bei der Bundeswehr und anschließend angestellt bei einem Lohnunternehmen, bevor er den elterlichen Betrieb gepachtet und später übernommen hat. Auch Herr Müller bekommt die erforderlichen 45 Versicherungsjahre zusammen, da die Landwirtschaftliche Alterskasse die Zeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung (Ausbildung, Bundeswehr, Angestellter) mitrechnet. Alfred Müller kann die ungekürzte Rente aus der Alterskasse mit 63 Jahren beziehen. Die Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung kommt dann mit 65 Jahren und sechs Monaten hinzu (Regelaltersgrenze).

Hätte er sich von der Alterskassenpflicht befreien lassen, als ihm seine Beteiligung an einer Biogasanlage monatliche Einnahmen von über 400 € einbrachte, so hätte er die 45 Jahre nicht zusammen bekommen.
Auch für die vorzeitige Altersrente ist die Betriebsabgabe Voraussetzung. Alfred Müller hat einen Hofnachfolger, der bereit und in der Lage ist, die Unternehmensführung zu übernehmen. Somit ist für ihn der Weg in die Frühverrentung frei.
Hätte er keinen Nachfolger, sondern die Absicht, die Bewirtschaftung bis zum Erreichen des Renteneintrittsalters auslaufen zu lassen, so kann es sinnvoll sein, sich gedanklich mit der Rente ab 63 auseinander zu setzen, um so gut zwei Jahre früher die Leistung der Alterskasse zu beziehen. Damit verbunden wäre dann auch die frühere Verpachtung der Flächen, der Verkauf des Inventars, der Wegfall etlicher Kosten, beispielsweise im Versicherungsbereich, einschließlich des Beitrags zur Alterskasse. Aber auch für diesen Fall gibt es keine Pauschalempfehlung, sondern bedarf es der gründlichen und individuellen Beratung. Dazu muss die gesamte Einkommens- und Vermögenssituation betrachtet werden.

Übrigens: Auch bei Nichterfüllung der 45jährigen Wartezeit müssen Landwirte nicht bis zum Renteneintrittsalter warten, um ihren Betrieb auf – bzw. zu übergeben. Im Gegenteil: oftmals ist es auch finanziell attraktiv, frühzeitig aus der Unternehmertätigkeit auszusteigen, um dann beispielsweise über einen Arbeitsvertrag die Rente aus der gesetzlichen Rente aufzubessern.

3. Ehegatte eines landwirtschaftlichen Unternehmers
Meike Schröder ist gelernte Verwaltungsangestellte, geboren  am 3.8.1953 und seit 1980 mit einem landwirtschaftlichen Unternehmer verheiratet. Als 1982 das erste Kind das Licht der Welt erblickte, hat sie sich beurlauben lassen und nach der Geburt des zweiten Kindes gekündigt. Seitdem kümmert sie sich nicht nur um Familie und Haushalt, sondern erledigt die stetig anwachsenden Arbeiten im Büro und hilft bei Bedarf im Betrieb mit. Seit 1995 zahlt sie eigene Beiträge zur landwirtschaftlichen Alterskasse. Als ihre Schwiegermutter 2011 pflegebedürftig wurde, hat sie sich bis zu deren Tod 2013 von der Beitragspflicht  zur Alterskasse befreien lassen. Meike Schröder kann mit 63 Jahren und zwei Monaten, also zum 1.November 2016, Rente von der Alterskasse beziehen, da sie aufgrund der dortigen Beitragsjahre, aber auch der Beitragsjahre ihres Mannes seit der Heirat bis 1995 sowie die eigenen Zeiten in der Rentenversicherung durch Ausbildung, Arbeitsvertrag, Kindererziehungszeiten, Kinderberücksichtigungszeiten, Pflegezeiten, die 45 Jahre Wartezeit erfüllt. Die Besonderheit: Wäre Meike Schröder selbst Unternehmerin gewesen, z.B. weil sie Alleineigentümerin, Pächterin oder GbR-Partnerin wäre, würde die Alterskasse die Befreiungszeiten nicht mitzählen! Unternehmer und Unternehmerinnen sollten daher auch aus diesem Grund sehr gut abwägen, bevor sie von der Möglichkeit der Befreiung von der Beitragspflicht zur Alterskasse Gebrauch machen!

Fazit
Die abschlagfreie Rente mit 63 kann auch für Unternehmer, Ehegatten und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im landwirtschaftlichen Bereich ein interessanter Weg sein, den Ruhestand früher zu beginnen. Allerdings bedarf es individueller und umfassender Überlegungen im Vorfeld, bevor übereilt ein Antrag gestellt wird. Dazu gehört neben der Betrachtung des Haushaltsbudgets vorher /nachher auch die penible Überprüfung des Versicherungsverlaufs, den die Rentenversicherung verschickt. Dies ist dann gleichzeitig die Gelegenheit, fehlende Zeiten  mit entsprechenden Belegen nachtragen zu lassen. Für wen dann alle Voraussetzungen erfüllt sind, die oder der sollte einen Antrag stellen, sich gedanklich auf den Ruhestand vorbereiten, um dann die zusätzlichen Rentenjahre wirklich genießen zu können!

Es darf bei der Diskussion auch nicht vergessen werden, dass es sich bei der Rente mit 63 lediglich um eine Übergangslösung handelt, die nur für die Geburtsjahrgänge 1951 und 1952 in Frage kommt. Für alle jüngeren Versicherten wird das frühesten Renteneintrittsalter schrittweise auf die schon länger bestehende Rente mit 65 für langjährig Versicherte hingeführt!

 

 

 

 


Kontakt:
Anne Dirksen
Leiterin Sachgebiet Familie und Betrieb / Sozioökonomische Beratung
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Stand: 04.09.2014