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Betriebe in der Krise - nicht warten, bis die Ampel rot wird!

Demnächst liegen die neuen Jahresabschlüsse wieder auf dem Tisch mit den letzten Wirtschaftsergebnissen. Dort steht es nun Schwarz auf Weiß, wie es finanziell im Betrieb bestellt ist. Gibt oder gab es während des Wirtschaftsjahres Anzeichen, auf die ich unbedingt achten soll, um rechtzeitig zu handeln?

Immer wieder die gleiche Situation: Felder werden im Frühjahr bestellt und gedüngt, bescheren dicke Rechnungen von Landhandel und Genossenschaften, denen keine entsprechenden Gutschriften gegenüber stehen. Diese  können erst mit der Ernte bezahlt werden. Eigentlich sollten die Rücklagen aus der Ernte auch für die Frühjahrsbestellung im nächsten Jahr mit ausreichen.
Wer nicht beizeiten genügend Geld zurücklegen kann, gerät immer wieder in diesen finanziellen Engpass. Ob eine derartige Situation bedrohlich wird oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die jedoch rechtzeitig erkannt werden müssen. 
Eine Ampelkennzeichnung – ähnlich wie in anderen Lebensbereichen – kann auch hier helfen, Warnzeichen zu senden und  zu handeln, um „das Steuer in der Hand zu behalten und die Fahrtrichtung selbst zu bestimmen“.
Im Folgenden werden das Ampel – (Frühwarn)- System  erläutert und Hinweise zum Gegensteuern gegeben:


„Grüne Welle“: Freie Fahrt!
Ertragsschwankungen sind in der Landwirtschaft in fast allen Produktionsrichtungen normal und naturbedingt. Entscheidend ist der Umgang mit ihnen. Wenn in Hoch-Zeiten Geld zurückgelegt werden – beispielsweise auf Tagesgeldkonten – lassen sich Tiefs gelassener auffangen. Die Liquidität wird nicht gefährdet.  Dazu bedarf es jedoch einer vorausschauenden Betriebsführung mit Hilfe einer gründlichen Liquiditätsplanung. Diese ist ein wichtiges Arbeits- und Entscheidungsmittel im landwirtschaftlichen Unternehmen. Alle zu erwartenden Ein- und Auszahlungen werden darin monatsweise aufgeführt und  den vorhandenen „flüssigen“ (liquiden) Mitteln gegenübergestellt. Diese Planung sollte für alle Produktionszweige und das Gesamtunternehmen möglichst weit vorausschauend durchgeführt und anhand der laufenden Zahlungsvorgänge zeitnah aktualisiert werden. So kann die Unternehmerfamilie feststellen, wie sich die Zahlungsfähigkeit entwickelt hat so wie wann und in welcher Höhe Finanzengpässe auftreten. Nur so kann zügig gegengesteuert werden.

Merkmale, die auf ausreichende Liquidität hinweisen
• Das laufende Konto ist mindesten einmal jährlich im Plus.
• Rechnungen werden stets sofort bezahlt, und zwar unter Abzug von Skonti, soweit möglich.
• Keine Lieferantenkredite!
• Anstehende Gebäude – und Maschinenreparaturen und Ersatzinvestitionen können überwiegend
  durch Rücklagen/ Eigenkapital investiert werden.
• Trotz erheblicher Investitionen werden Verbindlichkeiten anschließend kontinuierlich zurückgefahren.
• Für die Ausbildung und Abfindung der Kinder sind ausreichend Rücklagen und Einkommen vorhanden.
• Die Risikoabsicherung für Familie und Betrieb ist individuell angepasst und ausreichend vorhanden.
• Es besteht eine eigene Altersvorsorge, um nach der Hofübergabe finanziell unabhängig vom Hof zu sein.

„Gelb“: Warnsignale erkennen und handeln!
Wer frühzeitig versucht, das Steuer herumzureißen, hat noch Handlungsspielraum und kann den Kurs selbst mit gestalten und bestimmen. Der richtige Zeitpunkt ist dann, wenn eines oder mehrere der Warnsignale auftreten. Sie sind vergleichbar mit einer „gelben Ampel“.

Erste Warnsignale
• Rücklagen auf Spar- und Tagesgeldkonten schrumpfen von Jahr zu Jahr.
• Das laufende Konto bleibt ganzjährig im Minus.
• Der Betrieb wird durch Ersatzinvestitionen „in Schuss“ gehalten, aber ohne Abbau von
  Fremdkapital.
• Lieferantenkredite steigen allmählich.
• Die Betriebsprämie wird an Gläubiger abgetreten.
• Betriebliches Wachstum unterbleibt mangels Eigenkapital.
• Masttiere werden vor Erreichen des „Idealgewichtes“ verkauft.
• Die Rücklagen für Abfindung und Altersversorgung fließen allmählich in den Betrieb.

Leider werden diese Warnsignale aber häufig nicht gesehen oder ausgeblendet. Stattdessen wird noch mehr Energie in die praktische Arbeit auf dem Hof gesteckt. Für den „Schreibtisch“ ist keine Zeit. Gelbe Ampeln werden auch im Straßenverkehr gerne ignoriert und verharmlost. Dabei sollte das „Blinken der gelben Ampel“ als deutliches Signal gesehen werden, innezuhalten, über die künftige Fahrtrichtung nachzudenken.

„Rot“ = Stop!  Höchste Alarmstufe!
Finanzielle Probleme sind in der Regel nicht das Resultat plötzlich auftretender Engpässe. Vielmehr haben sie ihren Ursprung in anhaltend nicht ausreichenden Wirtschaftsergebnissen in Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Zustand wird leider für viele zur Gewohnheit. Diese jedoch abzustellen, ist für alle in jeder Lebenslage leichter gesagt als getan! Deshalb wird ein Gegensteuern leider oftmals  auch erst dann in Erwägung gezogen, wenn die Ampel auf „rot“ steht beziehungsweise die Bank oder ein anderer Gläubiger „die rote Karte“ zeigt.
In der Regel ist dann die “ Fahrt zu Ende“.  Die meisten Wege zur Weiterfahrt sind versperrt. Es bleibt der Weg in die Insolvenz. Allerdings ist er für viele im Nachhinein durchaus segensreich zu sehen, weil viele Familien nur durch die Möglichkeit der Restschuldbefreiung wieder die Chance für einen Neustart bekommen können.

Kennzeichen für  „Rot“ – höchste  Alarmstufe!
• Der Anteil der kurzfristigen Verbindlichkeiten am Gesamtfremdkapital steigt stetig an.
• Tilgungsraten werden vom Kontokorrentkredit bedient.
• Lieferantenkredite nehmen in Anzahl und Höhe zu.
• Vieh- und Betriebsmitteleinkäufe werden nicht sofort bezahlt, sondern mit späteren Verkäufen verrechnet.
• Ställe bleiben ganz oder teilweise leer stehen, weil das Geld für den Kauf fehlt.
• Eigene Forderungen wie beispielsweise die Betriebsprämie, die Tierpässe oder die Ernte
  im Herbst werden regelmäßig an die Bank oder andere Gläubiger abgetreten.
• Die Verbindlichkeiten steigen kontinuierlich an, ohne dass Nettoinvestitionen erfolgen.
• Ersatzinvestitionen werden mit Fremdkapital finanziert.
• Notwendige Reparaturen werden  hinausgezögert oder unterbleiben ganz.
• Zur Verbesserung der Liquidität werden noch nicht verkaufsreife Tiere oder Produkte abgesetzt
  oder überstürzte Landverkäufe getätigt.
• Ställe werden nicht mehr belegt, Felder nicht bestellt, weil das Geld dafür fehlt.
• Banken sind nicht mehr zur Umschuldung oder weiteren Kreditgewährung bereit.
• Mahnschreiben werden nicht mehr geöffnet.
• Versicherungsbeiträge werden nicht mehr bezahlt, so dass existenzbedrohende Risiken nicht
  mehr  abgesichert sind (Zum Beispiel: Berufsunfähigkeit, Tod, Feuer, Haftpflicht)
• Abgeschlossene Verträge zur privaten Altersvorsorge werden gekündigt, verkauft, beitragsfrei gestellt
  oder vom Soll des laufenden Kontos bedient.

Schritt für Schritt zum Ziel
Bei akuten Problemen geht es zunächst um Schritte der „Ersten Hilfe“ wie Beantragung von Wohngeld, Aussetzung der Säumniszuschläge bei den Sozialversicherungsträgern, Einrichtung eines Pfändungsschutzkontos und ähnlichen Maßnahmen. Im früheren Stadium lässt es sich noch mit der Bank über Tilgungsaussetzungen oder einen Überbrückungskredit verhandeln.
Erhebliche finanzielle Schwierigkeiten sind nicht im Handumdrehen und in der Regel auch nicht ohne Hilfe von außen zu bewältigen. Je früher sie in Anspruch genommen wird, umso leichter ist es, eine Lösung nachhaltig hinzubekommen.
Der erste Schritt ist dabei die Analyse der Ist-Situation. Diese sollte sich nicht auf die Buchführungsergebnisse beschränken, sondern auch die Darlehensverträge, offenen Rechnungen und dergleichen einbeziehen. Wie stehen die Familienmitglieder der Situation gegenüber? Sind alle informiert? Welche Zielvorstellungen und Ideen haben die einzelnen Beteiligten? Wer hat welche Ausbildung? Wo befinden sich Schwachstellen in der Produktion? Wie ist die Arbeit organisiert? Wo gibt es Einsparpotenzial in Familie und Betrieb? Dabei gehören auch die Privatausgaben auf den Prüfstand. Wie sind die Darlehn strukturiert, gibt es die Möglichkeit der Umschuldung oder Streckung? Lässt sich der Pachtaufwand reduzieren?
Im zweiten Schritt sollte gemeinsam mit allen das Ziel und der Weg dorthin festgelegt werden. Dabei ist es hilfreich, erst einmal die Vorstellungen und Wünsche aller Familienmitglieder zu sammeln und auf ihre Chancen und Risiken zu überprüfen, bevor vorschnelle Entscheidungen getroffen werden, nur weil sie gerade modern sind (z.B. Bau einer Biogasanlage) oder die Nachbarn es „auch so machen“. Hierbei sollte auch über neue Wege in der Produktion, über neue Betriebszweige im Dienstleistungsbereich, über die Umstellung auf Nebenerwerb oder den geordneten Rückzug nachgedacht werden.
Daraus ergibt sich dann die Festlegung eines Handlungskonzeptes. Wer macht was? Mit wem? Bis wann? Denn nur wer ein schlüssiges Konzept vorlegt, kann letztendlich ein Entgegenkommen der Bank erwarten.
Mut tut gut!
Neuer Betriebszweig, Nebenerwerb oder Hofaufgabe – alles sind unternehmerische Entscheidungen mit weit reichenden Konsequenzen für das Leben aller Familienmitglieder. Es erfordert sehr viel Mut, einen neuen Weg einzuschlagen und ihn auch durchzuhalten, wenn er mal nicht so gerade verläuft. Während es jedoch für „klassische“ Wege wie Stallbau, Umstellung der Produktion selbstverständlich ist, diese unternehmerische Entscheidung durch Beratung begleiten zu lassen, scheuen sich viele, dies auch bei „Kursänderungen“ zu tun. Das muss nicht sein!
Es ist viel leichter, offensiv mit seiner Entscheidung umzugehen, sie mit Dritten zu durchdenken, um dann mutig die wohlüberlegten Schritte zu gehen, so lange die Familie den Kurs noch selbst bestimmen kann und das „Schiff“ Familienunternehmen nicht fremden Händen überlassen muss. Je weiter der finanzielle Engpass allerdings fortschreitet, desto enger werden die Spielräume für ein Gegensteuern.
Patentrezepte gibt es nicht! Nur individuelle Lösungen, die mit der Familie entwickelt und von ihr umgesetzt werden, haben Aussicht auf Erfolg. Je früher eine Kurskorrektur oder auch –änderung erfolgt, umso größer sind die Erfolgsaussichten.
Denn wie schrieb schon Bertold Brecht:“ Ist das nötige Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut!“

Krise in der Familie – Kommunikation als wichtiger Erfolgsfaktor!
Nicht selten geht eine betriebliche Krise mit einer familiären einher.  Die Frage, was zuerst war, ist so ähnlich zu beantworten wie die Frage nach Huhn oder Ei. Fakt ist, dass es für die Krisen innerhalb der Familie und zwischen den Generationen „gelbe“ Warnzeichen gibt:
• Keine klare Trennung der Lebens- und Arbeitsbereiche
• Keine Rollenklärung  und Rollenabgrenzung (Sohn – Chef – Vater – Ehemann -…)
• Absprachen werden nicht getroffen oder nicht eingehalten.
• Tabus werden nicht angetastet.
• Erwartungen werden nicht ausgesprochen (es wird vorausgesetzt, dass der oder die andere weiß,
  was “man“ denkt).
• Hilfe von außen  wird zu spät oder gar nicht geholt.
• Keine gute vertragliche Absicherung aller Beteiligten.
• Keine oder unzureichende gegenseitige Wertschätzung  (Lob, Dank, Entschuldigung erfolgen nicht
  oder wesentlich seltener als Kritik und Vorwürfe)
• Keine oder wenig gegenseitige Toleranz
• Fehlende Streitkultur


Kontakt:
Anne Dirksen
Leiterin Sachgebiet Familie und Betrieb / Sozioökonomische Beratung
Telefon: 0441 801-329
Telefax: 0441 801-819
E-Mail:


Stand: 12.09.2014