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Erziehungszeiten sinnvoll aufteilen

Wenn Ehepartner Eltern werden, erhält derjenige die Erziehungszeiten auf seinem Renten­konto gutgeschrieben, der das Kind überwiegend erzieht, meist die Ehefrau. Doch manchmal kann es sinnvoll sein, diese Zeiten auch untereinander aufzuteilen. Lesen Sie, was dabei zu beachten ist.

 

Manuela und Joachim Meyer sind vor einem Jahr das erste Mal Eltern geworden. Bis zum Mutterschutz arbeitete Manuela als Produktmanagerin bei einem Futtermittelhersteller. Kurz nach der Geburt erhielt sie ein Schreiben von der Deutschen Rentenversicherung wegen der Kindererziehungszeit.
Grundsätzlich erhält derjenige Elternteil die Kindererziehungs­zeit angerechnet, der das Kind über­wiegend erzieht. Da Manuela auf das Schreiben der Deutschen Rentenversicherung nicht weiter reagiert hat, wird davon ausgegangen, dass sie als die Mutter das Kind überwiegend erzieht. Somit  werden Manuela die Rentenansprüche für die drei Jahre Kindererziehungszeit auf ihrem Rentenkonto gutge­schrieben.
Ein Jahr nach der Geburt  geht Manuela wieder arbeiten. Damit sind ihr Mann und sie beide berufstätig und erziehen ihre Tochter gemeinsam. Sie können entscheiden, wem die Kindererziehungszeiten ab jetzt zugeteilt werden sollen.

Entscheidung endgültig
Dabei sollte abgewogen werden, für wen die Anrechnung vorteilhafter ist. Diese Entscheidung kann nur bis zu zwei Monate rückwirkend getroffen werden und ist nachträglich nicht mehr zu ändern. Formell geschieht das über eine übereinstimmende Erklärung beider Elternteile, dass die Kindererziehungszeit ab jetzt dem Vater zugeordnet werden soll. Bevor diese Entscheidung getroffen wird, sollten aber alle Facetten bedacht sein.
Verdient die Mutter gut und arbeitet kurz nach der Geburt wieder, wird sie nicht von den vollen Rentenansprüchen der Kindererziehungszeit profitieren.
Für  Kindererziehungszeiten zahlt der Staat Beiträge in die Deutsche Rentenversicherung ein, entsprechend dem Bruttojahreseinkommen eines Durchschnittsverdieners (2017: 37.103 €). Ein Verdienst von 37.103 € entspricht einem Entgeltpunkt der Renten­versicherung.
Maximal ist es möglich, pro Jahr Rentenansprüche auf Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze zu erhalten. Die liegt zurzeit bei 76.200 € und entspricht 2,05 Entgeltpunkten. Arbeitet eine Mutter, der die Kindererziehungszeiten gutgeschrieben werden, während dieser Zeit für einen Bruttoverdienst von mehr als 39.097 € (76.200 € minus 37.103 €), so wird sie nicht die vollen Rentenansprüche für die Kindererziehungszeit erhalten.

Verlust für Gutverdiener
Als die Tochter ein Jahr alt ist, kehrt Mauela in den Beruf zurück. Sie verdient 45.000 € brutto und zahlt darauf entsprechende Rentenversicherungsbeiträge. Bei der Zuordnung der Kinder­erziehungszeit bekäme sie nur im ersten Jahr einen ganzen Entgeltpunkt, in den Jahren zwei und drei nur 0,84 Entgelt­punkte pro Jahr. Manuela erreicht zusammen mit den Rentenansprüchen aus ihrer beruflichen Tätigkeit mehr als das Maxi­mum. Ihr gehen damit für die zwei Jahre 0,32 Entgeltpunkte verloren. Für die späterere Monatsrente aus Kindererziehungszeit würde dies heute 83,16 € statt 93,09 € bedeuten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 1 Kindererziehungszeit für Mutter


Etwas ungerecht ist, dass diese genaue Rechnung nur für zukünftige Rentner gilt. Um Verwaltungsaufwand zu sparen, wurde im Zuge der „Mütterrente“ allen Bestandsrentnern, die Kindererziehungs­zeit für vor 1992 geborene Kinder vorweisen, pauschal ein weiterer Rentenpunkt pro Kind am 1. Juli 2014 gutgeschrieben (Abbildung 2). Hier wurde nicht geprüft, ob sie zu der entsprechenden Zeit bereits wieder gut verdient haben und die Rentenansprüche aus den Kindererziehungszeiten und der Beschäftigung zusammen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze lagen. 
  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2 Entgeltpunkte für Kindererziehungszeiten  

Mindestzeiten auffüllen
Paare, die Kinder im Alter von über drei Jahren haben und noch nicht Rentner sind, haben keine Handlungsmöglichkeit mehr. Manuela und Joachim dahingegen können noch reagie­ren. Wenn sie ab dem Zeitpunkt, ab dem Manuela wieder arbeitet, Joachim die Kindererziehungszeit zuordnen, bekäme dieser die vollen Rentenpunkte auf sein Rentenkonto bei der Deutschen Rentenversicherung (Abbildung 3). Denn Manuelas Mann Joachim ist Landwirt und zahlt Beiträge zur landwirtschaftlichen Alterskasse. In die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hat er nur während seiner Lehre drei Jahre eingezahlt. Um später eine Rente aus der DRV zu bekommen, muss er aber die Mindestversicherungszeit von fünf Jahren erfüllt haben. Auch deshalb könnte es sinnvoll sein, wenn Manuelas Mann mit den Renten­ansprüchen der Kindererziehungszeit seine Mindestversicherungszeit auffüllt.

 

 

 

 

 

 

  

 

Abb. 3 Kindererziehungszeit für Vater

 

Vorzeitiges Versterben
Manuela muss dennoch bedenken, dass sie einen Rentenanspruch an ihren Mann abgibt, der ansonsten ihr zusteht. Daher sollte sie auch die weiteren Punkte durchdenken. Genießen Joachim und Manuela ihre Renten später gemeinsam, ist es unerheblich auf wessen Rentenkonto die Rentenansprüche lagern. Sie geben das Geld zusammen aus. Sollte Joachim aber vor seiner Frau versterben, hätte sie ab diesem Moment die Rente aus den Kindererziehungszeiten nur noch zu einem Teil über die Witwenrente oder auch gar nicht mehr zur Verfügung – das ist vom jeweils anzuwendenden Witwenrentenrecht abhängig. Kleine und große Witwen­rente, Neu- und Altrecht, sowie Hinzuverdienstgrenzen seien hier nur als Schlagworte genannt.

Rechtslage bei Scheidung
Sollten Manuela und Joachim sich einmal scheiden lassen, würde der Versorgungsausgleich geregelt. Sämtliche während der Ehezeit erworbenen Rentenansprüche bei der landwirtschaftlichen Alterskasse, der Deutschen Rentenversicherung, aus betrieblicher Altersvorsorge, aus privaten Renten­versicherungen und dergleichen würden aufgeteilt. Für das Ehepaar bedeutet das: Lassen sie sich scheiden, würden auch die Kindererziehungszeiten aufgeteilt. Bleiben sie hingegen bis ins hohe Alter zusammen, könnten sie die Rente aus der Kindererziehungszeit zusammen ausgeben, egal auf wessen Rentenkonto sie verbucht sind.
Haben die beiden aber den Versorgungsausgleich in ihrem Ehevertrag ausgeschlossen, was in der Landwirtschaft vielfach der Fall ist, so bleiben die Kindererziehungszeiten im Scheidungsfall bei dem, der sie auf seinem Rentenkonto hat.
Wäre Manuela Beamtin, so würde auch im Versorgungssystem der Beamten die Kindererziehungs­zeit in ähnlichem Umfang angerechnet. Auch hier gibt es Begrenzungen nach oben. Wenn das Ruhegehalt einschließlich des Kindererziehungszuschlags, wie es hier heißt, die erreichbare Höchstversorgung überschreitet, wird der Kindererziehungszuschlag auch hier entsprechend gekürzt.

Hinweis:
Das oben Genannte gilt seit dem 01.01.2005 gleichermaßen für Lebenspartner in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft. Auch sie müssen in gleicher Weise gemeinsam diese Entscheidung treffen.

Fazit:

  • Grundsätzlich erhält derjenige Elternteil die Kindererziehungszeit angerechnet, der das Kind über­wiegend erzieht.
  • Verdient die Mutter gut und arbeitet kurz nach der Geburt wieder, wird sie nicht von den vollen Rentenansprüchen der Kindererziehungszeit profitieren.
  • Hat einer der beiden Partner noch nicht die fünf Jahre Mindestwartezeit in der Deutschen Rentenversicherung erfüllt, so kann die Auffüllung mit Kindererziehungszeiten eine interessante Option sein.
  • Im Scheidungsfall werden im Zuge des Versorgungsausgleichs sämtliche während der Ehezeit erworbenen Rentenansprüche geteilt, also auch die Kindererziehungszeiten, wenn keine ehevertragliche Regelung vorliegt.
  • Sind Ehemann oder Ehefrau verbeamtet, so kann die Anrechnung der Kindererziehungszeiten beim anderen Partner zusammen mehr Geld im Rentenalter bedeuten.

Kontakt:
Wiebke Wohler
Beraterin Sozioökonomische Beratung
Telefon: 0441 801-814
Telefax: 0441 801-819
E-Mail:


Stand: 24.11.2017