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Stark-Stärker-Schwiegertochter

Wie landwirtschaftliche Familien ihr Zusammenleben gestalten können, gerade auch bei konflikthaften Situationen, erläutert die Beraterin der LWK Niedersachsen, Dr. Ulla Becker.

Ist das generationenübergreifende Zusammenleben landwirtschaftlicher Familien ein Auslaufmodell?

Nein, ich denke nicht. Häufig ist die Wohnsituation so, dass ein Betriebsleiterhaus vorhanden ist, das für zwei Familien Wohnraum bietet.  Die ältere Generation möchte ja gern auf dem Hof bleiben und die jüngere Generation braucht die Nähe zum Arbeitsplatz. So ein Zusammenleben kann durchaus für beide Seiten Vorteile haben: die Altenteiler können in die Betreuung der Enkel eingebunden werden und in Ihrem Alltag werden sie von den jungen Leuten unterstützt. 

 

Warum ist dann nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“?

Eierkuchen ist eben nicht jedermanns Geschmack…

So ein Zusammenleben der Generationen ist heute in der Gesellschaft nicht mehr üblich. Es verlangt von allen Beteiligten ein hohes Maß an Toleranz. Die soziale Kontrolle ist hoch. Ob die Schwiegereltern die Eingeheiratete akzeptieren, hängt von vielen Faktoren ab. Möchte die Schwiegertochter weiter in ihrem erlernten Beruf arbeiten, die Schwiegereltern aber ein nicht mehr zeitgemäßes Frauenbild vertreten: „Die Frau gehört auf den Hof und zu den Kindern“, dann führt das unweigerlich zu Konflikten, die wiederum das Zusammenleben negativ beeinflussen.

 

Macht es dabei einen Unterschied, ob die Frau einen landwirtschaftlichen Hintergrund hat?

Wenn die junge Frau keinen landwirtschaftlichen Hintergrund hat, bringt sie möglicherweise eine andere Kultur in die Familie. Das kann bereichern oder aber auch zu Unverständnis bei den Schwiegereltern führen, denn man möchte sich ungern auf Neues einlassen. Aber die Bereicherung wird oft unterschätzt und nicht als solche wahrgenommen. Umgekehrt müssen die Schwiegertöchter akzeptieren, dass Familie in landwirtschaftlichen Betrieben einen hohen Stellenwert hat. 

 

Muss die Schwiegertochter zwingend auf dem Betrieb mitarbeiten, gerade wenn sie einen eigenen Job hat?

Natürlich nicht. Ich empfehle ihnen: „Machen Sie das, was Sie gut können und Ihnen Freude macht.“  Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist ein festes außerlandwirtschaftliches Einkommen u.U. sogar finanziell interessanter, als die Arbeitskraft auf dem Hof einzusetzen.

 

Sollten sich junge Frauen Hilfe holen, wenn die Schwiegereltern immer wieder verletzende Bemerkungen machen. Auch wenn noch kein Konflikt ausgebrochen ist?

Unbedingt! Je früher, desto besser. Wenn das Zusammenleben als Belastung empfunden wird, dann ist es häufig hilfreich, sich externe Hilfe zu holen. Auch wenn die Familie das kritisch sieht - Konflikte lösen sich nicht von alleine. Je mehr gekränkt und verletzt wird, desto festgefahrener wird das Verhältnis auf Dauer.

 

Wie beraten Sie dann konkret?

Das kann sehr unterschiedlich sein, da jede familiäre Situation anders ist. Manchmal reichen ein oder zwei Gespräche aus, wenn es z.B. darum geht, klare Regeln im Zusammenleben zu vereinbaren. Wenn es aber darum geht, weitreichendere Entscheidungen zu treffen, dann benötigen wir für die Gespräche mehr Zeit, manchmal mehrere Monate, z. B. wenn die Frage geklärt werden soll, wie stark sich die junge Frau im Betrieb engagieren möchte. In den Beratungsprozessen sollen sich die Betroffenen darüber bewusst werden, wie die nächsten Schritte aussehen könnten: z. B. etwas gemeinsam oder allein zu verändern.  Ich vermeide es, Ratschläge zu geben.

 

Ach nein, können Sie dann überhaupt helfen?

Ich sehe meine Aufgabe nicht im Helfen.  Ich kann die Ratsuchenden stärken. Dazu gehören übrigens auch alle anderen Familienmitglieder, auch die Männer. Ich versuche, den Betroffenen auch ihre eigene Rolle im Konflikt deutlich zu machen. Dadurch kann der Blickwinkel verändert werden und vielleicht auch die Sicht der anderen Familienmitglieder besser verstanden werden.  

Machen psychologische Angebote nicht das Gleiche?

Sich mit Problemen, die im Zusammenhang mit der besonderen familiären Situation eines landwirtschaftlichen Betriebes stehen, einem Berater anzuvertrauen, ist nicht selbstverständlich. Die sozioökonomische Beratung bietet den Ratsuchenden die Sicherheit, dass wir um die besondere Lebenssituation in landwirtschaftlichen Familien wissen.

Zu guter Letzt, was kostet Ihre Beratung?

Die Unterstützung von einem der sozioökonomischen Berater der LWK Niedersachsen kostet 74 Euro plus Mehrwertsteuer pro Stunde.


Kontakt:
Dr. Ulla Becker
Beraterin Sozioökonomie, Supervisorin
Telefon: 05551 6004-183
Telefax: 05551 6004-160
E-Mail:


Stand: 21.06.2017