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Umgang mit Belastungen: Auf einem schwankenden Schiff fällt nur der um, der sich nicht bewegt

Der Milchpreis hat sich allmählich wieder erholt – doch das Preistief sitzt den landwirtschaftlichen Familien noch sehr „in den Knochen“! Es war für viele eine harte Zeit: Die Banken machten Druck, die Arbeit wurde immer mehr, da kein Geld für Mitarbeiter oder Lohnunternehmer vorhanden war. Auch der familiäre und persönliche Frieden war vielfach gestört. Hinzu kamen der gesellschaftliche und politische Druck durch kritische Berichterstattungen und immer höhere Auflagen.  Das alles hat dazu geführt, dass das innere Gleichgewicht stark ins Wanken geraten ist.

Wie schaffen es landwirtschaftliche Familien, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen – auch für jedes einzelne Familienmitglied? Wie wappnen sie sich für das möglicherweise nächste Preistief?

Die finanzielle Betrachtung

Die langen Phasen niedriger Erzeugerpreise führen zu vielen finanziellen Engpässen bis hin zur Existenzgefährdung. Hier gilt es, möglichst frühzeitig gegenzusteuern. Liquiditätspläne geben einen guten Überblick über die zu erwartenden Ausgaben und Einnahmen. Daran lässt sich auch die ein oder andere Schraube erkennen, an der gedreht werden kann, um zahlungsfähig zu bleiben oder wieder zu werden. So können beispielsweise Zahlungstermine besser übers Jahr verteilt, bestimmt Beiträge können gestundet oder herabgesetzt werden. Wichtig ist es hier, aktiv das Gespräch mit Banken, Versicherungen, Lieferanten zu suchen und auch bei Erholung der Situation im Gespräch zu bleiben. Die Milchkrise hat die Bedeutung der Liquiditätsplanung sehr deutlich gemacht. Auch wenn Banken dieses wichtige Kontrollinstrument für landwirtschaftliche Unternehmen jetzt vielleicht nicht mehr fordern, sollte es unbedingt weiter gepflegt werden, um frühzeitig die Signale zu erkennen, wenn sich die Situation wieder verschlechtern sollte.

Viele Familien können aufgrund ihrer Einkommenssituation, der Haushaltsgröße und der Belastungshöhe Wohngeld bekommen. Andere tun gut daran, Alterskassenzuschuss und/oder Kinderzuschlag zu beantragen. Sie sollten sich nicht scheuen, die Anträge zu stellen. Die Auswirkungen des niedrigen Milchpreises spiegeln sich erst im nächsten und übernächsten Jahresabschluss wieder. Dieser ist für die meisten der genannten Leistungen die Grundlage. Also versäumen Sie nicht, sich rechtzeitig zu informieren, denn eine rückwirkende Antragstellung ist nicht möglich.

Eine begleitende Anpassung der Risikoabsicherung ist ebenso dringend angebracht. Denn gerade bei angespannter Einkommenssituation ist es existenznotwendig, eine gute Risikoabsicherung gegen Feuer, Haftungsschäden oder auch bei Berufsunfähigkeit oder Tod zu haben. Leider haben einige Unternehmer ihre Beiträge im vergangenen Jahr nicht gezahlt und hatten oder haben somit keinen Versicherungsschutz! Das kann im Ernstfall fatale Folgen haben! Bessern Sie gegebenenfalls nach.

Auf dem Weg aus der Krise ist es wichtig, sich über Denkverbote hinwegzusetzen, denn nur so kann es gelingen, unter den vielen Möglichkeiten diejenige herauszufinden, die zu den Menschen passt. Es verdient sehr viel Respekt und erfordert eine gute Begleitung, wenn landwirtschaftliche Familien sich entscheiden, ihr Betriebskonzept zu ändern. Diese unternehmerische Entscheidung kann ich Richtung Zu- oder Nebenerwerb gehen oder die Aufnahme eines neuen Betriebszweiges bedeuten oder aber der geordnete Rückzug sein. Übergänge zwischen diesen Formen können sinnvoll sein. Allesamt können sie dazu dienen, das Einkommen zu sichern und das Vermögen zu erhalten. Hierbei ist jedoch darauf zu achten, dass keine arbeitsmäßige Überforderung droht. Diese Gefahr besteht derzeit auf vielen Höfen.

Die Preiserholung ist eine gute Chance, über die zukünftige Betriebsausrichtung nachzudenken. Warten Sie nicht bis zur nächsten Krise, denn auf einem schwanken Schiff fällt nur der um, der sich nicht bewegt! Behalten Sie also das Steuer in der Hand und lenken rechtzeitig gegen! Holen Sie sich für eine bestimmte Zeit einen Lotsen in Form eines unabhängigen Beraters an die Seite, um das Schiff wieder in ruhigere Fahrwasser zu bekommen.

Die familiäre Betrachtung

Familiengeführte Unternehmen sind gekennzeichnet durch eine starke Verflechtung von Familie und Betrieb. Das bietet große Vorteile wie hohe Leistungsbereitschaft, hohe Flexibilität, die Kombination von Erfahrung und guter Ausbildung, Ausdauer – aber auch Risiken wie die Gefahr der Überlastung und Überforderung durch (unausgesprochene) Erwartungen und die fehlende klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Der Betrieb ist immer dabei. Das wird sehr deutlich an der Möglichkeit, per Videokamera die Abläufe im Abkalbestall direkt ins Schlafzimmer zu übertragen. Aber auch die Gespräche am Familientisch sind oftmals reine Dienstbesprechungen. Oder aber es wird wenig geredet, weil ja jeder denkt, "die anderen wissen ja, was ich denke…". Durch diese „Sprachökonomie“ sind Konflikte vorprogrammiert! Als die Preise im tiefen Keller waren, ließen sich viele Konflikte noch verbergen, aber jetzt kommen sie immer mehr zum Vorschein! Wie bei einem Topf mit brodelnder Suppe, bei dem der Deckel irgendwann abspringt und sich nicht wieder schließen lässt – mit unangenehmen Folgen für die Umgebung! Leider warten landwirtschaftliche Familien (viel zu) lange, diese Konfilkte anzugehen. Dabei sollte es so selbstverständlich sein wie der Anruf beim Tierarzt, wenn eine Kuh krank ist.

Nicht umsonst gibt es seit über 20 Jahren landwirtschaftliche Sorgentelefone in Niedersachsen, bei denen jedes Familienmitglied anonym anrufen sich „Luft machen“ kann. Die ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater am Ende der Leitung haben alle landwirtschaftlichen „Stallgeruch“ und eine besondere Aus- und Fortbildung für ihre Tätigkeit erhalten.

Gerade in schweren Zeiten hilft es, sich auf die Stärken der Familie zu besinnen. Der Betrieb ist nicht alles! Ein gemeinsamer Ausflug mit den Kindern muss nicht teuer sein und ist keine Zeitverschwendung – im Gegenteil: er hilft allen, die Akkus wieder aufzuladen und den Alltag ein wenig hinter sich zu lassen. 

Die persönliche Betrachtung

Und wo laden Sie Ihre persönlichen Akkus auf? Wann war ihr letzter Termin mit sich selbst bzw. für sie selbst? Wie steht es um ihre persönliche Balance aus Arbeit und Freizeit? Wann haben sich mit Freunden getroffen, ohne dabei nur über Landwirtschaft zu reden? Solche Aktivitäten geraten leicht ins Hintertreffen, wenn Arbeit und Sorgen im Vordergrund stehen. Dabei wirkt ein wenig Abstand oftmals wahre Wunder, weil die Chance besteht, die eigene Welt mit anderen Augen zu betrachten. Sport wirkt stressabbauend. Passende Angebote gibt es sicher in der Nähe. Gerade zu Beginn ist es hilfreich, sich diese Termine wie auch die mit der Familie oder der Partnerin/dem Partner fest in den Kalender einzuplanen. Bedingung: das Handy bleibt im Büro liegen. Darüber hinaus hilft ein wöchentlicher Paarabend, Abstand vom Betrieb und Nähe in der Beziehung zu pflegen. Besonders entlastend ist eine tägliche Pause von mindestens 30 Minuten ohne Handy! So kann jede/r er einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, auch in Zukunft den anstehenden Aufgaben im Betrieb und im Haushalt gewachsen zu sein.

Denn bei all den Initiativen für Umweltschutz und Tierwohl darf eines nicht vergessen werden: Jetzt ist die beste Zeit für die Initiative „Bauernwohl“ – egal was die Nachbarn und Verwandten dazu sagen!


Kontakt:
Anne Dirksen
Leiterin Sachgebiet Familie und Betrieb / Sozioökonomische Beratung
Telefon: 0441 801-329
Telefax: 0441 801-819
E-Mail:


Stand: 29.06.2017