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Wie viele Biogasanlagen gibt das Land her?

In Niedersachsen können aktuell 1.405 Biogasanlagen 8 % des hiesigen Strombedarfs erzeugen. Bei einem dafür benötigten Flächenbedarf von 276.000 ha bzw. 10,4 % der LF sowohl für ihre Versorgung mit Gärsubstrat als auch für die Verwertung ihres Gärrestes stellt sich die Frage, ob das Land noch weitere Anlagen hergeben kann, um den Ausstieg aus der Kernenergie stemmen zu können. Denn die Flächen sind inzwischen knapp geworden und in Regionen mit gleichzeitig hoher Viehdichte erhebliche Nährstoffüberschüsse entstanden. Durch die damit verbundene Kostensteigerung und inzwischen eingetreten Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen scheint sich der Boom beim Anlagenzubau allerdings inzwischen ohnehin abzuschwächen. 

Aufgrund der Neuausrichtung der Energiepolitik nimmt der Anteil erneuerbarer Energien kontinuierlich zu. Grafik 1 zeigt, dass sich dieser Anteil an der gesamten niedersächsischen Stromerzeugung seit 2003 auf 28 % erhöht hat und den Anteil der Kernenergie bereits auf 34 % zurückdrängen konnte. An dieser Steigerung war zu 60 % in erster Linie die Stromerzeugung der Windkraftanlagen und zu 22 % die der Biogasanlagen beteiligt. Biogasanlagen haben den Vorteil, dass sie eine hohe Grundlastfähigkeit besitzen und den Strom gleichmäßig liefern, während die Leistung der Windkraftanlagen je nach Windstärke ständig sehr starken Schwankungen unterworfen ist und Lösungen für den Ausgleich von Unter- und Überkapazitäten erfordert.

Grafik 2 zeigt die Entwicklung des Zubaus an Biogasanlagen in Niedersachsen seit 2003. Daraus ist ein kontinuierlicher Verlauf ersichtlich, bei dem der Zubau im Gleichklang mit einer Zunahme der installierten elektrischen Leistung und des Maisanbaus erfolgt ist. Aus diesem Gleichklang ergibt sich zum einen, dass die Ø installierte Leistung der Anlagen mit 0,5 MW relativ konstant geblieben ist. Zum anderen ergibt sich aus dem Gleichklang der jeweiligen Entwicklungsverläufe, dass die Biogaserzeugung in allererster Linie auf Mais basiert und der Maisanbau insoweit dem Zubau an Anlagen gefolgt ist.

Nach den Daten des Landesbetriebes für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN) zum niedersächsischen Energiemix 2011 hat die Stromerzeugung der Biogasanlagen 4.396.126 MWh betragen und damit einen Anteil an der gesamten Bruttostromerzeugung von 6,2 % sowie von 22,2 % an der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen erreicht. Hinter diesem Anteil steckt eine ganz beachtliche volkswirtschaftliche Leistung, die jedoch -leider- im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) nicht unmittelbar dem Wirtschaftssektor Landwirtschaft, als Energieerzeugung zugerechnet wird. Vielmehr findet dieses neuartige landwirtschaftliche Erzeugungsmerkmal nur durch eine anteilige Aufwertung der Maiserzeugung Berücksichtigung, soweit sie als Energiesubstrat dient. Der hauptsächliche monetäre Energiewert aber wird dem Wirtschaftssektor Energie und nicht dem Wirtschaftssektor Landwirtschaft zugerechnet.

Ein weiterer volkswirtschaftlicher Aspekt, der beim Thema Biogaserzeugung nicht unerwähnt bleiben sollte, sind die durch den Bau von Biogasanlagen ausgelösten Investitionen. Bei einem Ø Investitionsvolumen von 1,5 Mio. €/Anlage ergibt sich für die insgesamt registrierten 1.405 niedersächsischen Biogasanlagen ein Investitionsvolumen von 2,1 Mrd. €. Damit hat die Landwirtschaft neben der Bereitstellung erneuerbarer Energie einen besonderen Beitrag zur Konjunkturbelebung geleistet und entsprechende Beschäftigung generiert.   

Die neuesten Daten zu den niedersächsischen Biogasanlagen sind das Ergebnis einer in diesem Jahr durchgeführten Erhebung des 3 N Kompetenzzentrums. Danach waren am 31.12.2011 1.405 Biogasanlagen mit einer insgesamt installierten elektrischen Leistung von 743 MW am Netz. Sie sind in der Lage, jährlich annähernd 6.000.000 MWh und damit 8 % des hiesigen Strombedarfs zu erzeugen. Von den 1.405 Anlagen werden 1.337 mit nachwachsenden Rohstoffen (NaWaRo) und 68 mit Kofermenten betrieben. Die typische NaWaRo Anlage hat eine installierte elektrische Leistung von 500 kW bzw. 0,5 MW. Anlagen dieses Typs werden in der Regel mit Silomais als Hauptsubstrat und darüber hinaus mit Gülle sowie z. T. auch mit Mist betrieben. Davon ist der Biogasanlage der Flächenbedarf für das Hauptsubstrat von etwa 180 ha anzurechnen, was 0,36 ha/kWel. entspricht. Die eingesetzten Gülle- und Mistmengen, die 1:1  als Gärrest wieder anfallen, sind dem Flächenbedarf der Viehhaltung zuzurechnen. Insgesamt können die 1.337 NaWaRo Anlagen 5,5Mio. MWh Strom erzeugen und benötigen dafür 247.000ha.

Im Gegensatz zu den NaWaRo Anlagen ging die Anzahl der Kofermentanlagen zurück. Infolge der Bonusvergütung bei verstärktem Gülleeinsatz und gestiegener Kosten im Kofermentsektor haben mehrere Betreiber auf NaWaRo umgestellt. Die Berechnung des Flächenbedarfs für die mit Ø 850 kWel.  wesentlich größeren 68 Kofermentanlagen gestaltet sich gegenüber den NaWaRo Anlagen sehr viel schwieriger, weil die Zusammensetzung der Substrate stark variieren kann. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass hier Gülle, Mist und Bioabfälle als Gärsubstrat zum Einsatz kommen, davon aber Gülle und Mist ohnehin anfallen und deshalb wiederumdem Flächenbedarf für die Dungverwertung aus der Viehhaltung zuzurechnen sind, so dass  nur ein Flächenbedarf für die Entsorgung des Gärrestes aus Bioabfällen besteht. Da es sich jedoch bei diesen Bioabfällen insbesondere um sehr viel Stickstoff hinterlassende Flotate mit erheblicher Flächenbindung handelt und schließlich auch ein zusätzlicher Einsatz pflanzlicher Substrate nicht auszuschließen ist, wird für Kofermentanlagen ein über dem Bedarf für NaWaRo Anlagen liegender Flächenbedarf von 0,5 ha/kW angenommen. Daraus ergibt sich für die 68 Kofermentanlagen ein Flächenbedarf von 29.000 ha bei einer möglichen Stromerzeugung von 0,5 Mio. MWh.

Vom Erhebungsergebnis des 3 N Kompetenzzentrums bildet die Kartengrafik die wichtigsten Details nach Landkreisen ab und verdeutlicht, dass sich die Biogasanlagen landesweit sehr unterschiedlich etabliert haben. Ganz offensichtlich liegt eine Konzentration im südlichen Weser-Ems Gebiet und dem Gebiet der Lüneburger Heide vor. Insgesamt stehen in den ehemaligen Regierungsbezirken Weser-Ems (580) und Lüneburg (470) allein 1.050 der insgesamt 1.405 Anlagen. Es folgen die Bezirke Hannover und Braunschweig mit 246 bzw. 109 Anlagen. Die höchsten Dichten nach installierter elektrischer Leistung in kW/ha LF liegen in den Landkreisen Cloppenburg und Rotenburg (Wümme) mit jeweils 0,6 kW/ha vor. Relativ hohe Dichten bestehen auch in den Landkreisen Celle, Heidekreis, und Oldenburg mit jeweils 0,50 kW/ha sowie im Emsland, in Diepholz und Grafschaft Bentheim mit jeweils 0,40 kW/ha. Entsprechend hoch sind dort auch die Zunahmen beim Maisanbau ausgefallen. Der Landkreis Rotenburg z. B. verzeichnet mit 30.000 ha eine absolute Höchstzunahme des Maisanteils an der Ackerfläche um 30 %.

Gunststandorte der Biogasanlagen sind somit Regionen mit geringer Bodengüte, in denen die Flächenbewirtschaftung allein zu wenig abwirft und deshalb Produktionsalternativen zur Erzielung ausreichender Einkommen wahrgenommen werden müssen. Die Weser-Ems- und Heideregion weisen jedoch bei den jeweils vorherrschenden Betriebsgrößen und Viehbesatzstärken erhebliche Unterschiede auf. Während die Betriebe in der Heide um 20 ha größer sind als in Weser-Ems, halten diese aufgrund ihrer Größennachteile doppelt so viel Vieh. Das führt u. a. dazu, dass sich der Flächenbedarf für Biogasanlagen regional ganz unterschiedlich auswirkt.

Grundsätzlich wirkt sich eine NaWaRo basierte Biogasanlage auf der von ihr benötigten Fläche nährstoffneutral aus. Was zur Deckung ihres Substratbedarfs von der Fläche geerntet und dadurch an Nährstoffen entzogen wird, wird über den Gärrest auch wieder ausgeschieden und der Fläche wieder zugeführt. Daraus resultiert ein Kreislauf von In- und Output, bei dem der Nährstoffbedarf stets gedeckt ist. Ein bislang ohne Viehhaltung betriebener Ackerbaubetrieb, der die erzeugte Erntemenge als Output abgegeben hat und mangels Wirtschaftsdüngeranfall auf Dünger als Input angewiesen war, benötigt bei Umstellung auf die Biogaserzeugung kein Düngeinput mehr. Ein Betrieb mit Viehhaltung dagegen wird bei zusätzlicher Biogaserzeugung einen über dem Bedarf liegenden Nährstoffanfall aufweisen und entsprechende Mengen als Output an andere Betriebe abgeben müssen. Gleichzeitig muss er das bislang auf der jetzt für die Biogasanlage benötigten Fläche selbst erzeugte Futter für seine Viehhaltung durch Zukauf (Input) ersetzen.

Aufgrund dieser Zusammenhänge haben Biogasanlagen in Veredelungsregionen besonders viel Flächenbedarf entfaltet, so dass hier, von einzelbetrieblichen Gegebenheiten abgesehen, eine Sättigung erreicht zu sein scheint. Aber auch in den übrigen Regionen zeichnet sich eine Abschwächung des Booms beim Anlagenzubau ab. Das liegt insbesondere daran, dass die Substratkosten durch die inzwischen überall eingetretene Flächenverknappung stark gestiegen sind und aufgrund der erneuten Novellierung des EEG nicht mehr aufgefangen werden können. Somit dürfte der Beitrag von Biogasanlagen zur Energiewende weitgehend ausgeschöpft sein. Bis Ende 2012 wird noch ein weiterer Zubau um 75 Anlagen auf 1.480 Biogasanlagen mit einer insgesamt installierten elektrischen Leistung von 780 MW prognostiziert. Sehr viel mehr Biogasanlagen dürfte das Land voraussichtlich nicht mehr hergeben.  


Kontakt:
Kirsten Murek
Agrarstatistik, Qualitätssicherung Tier
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E-Mail:


Stand: 22.11.2013



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