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Volkswirtschaftlicher Stellenwert der Landwirtschaft in Niedersachsen

 

Der volkswirtschaftliche Stellenwert der Landwirtschaft lässt sich den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) entnehmen. Er bemisst sich nach dem Anteil der landwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung (BWS LuFF) an der gesamten Bruttowertschöpfung (BWS insgesamt) einer Volkswirtschaft. Die BWS insgesamt ist die Summe der BWS aller Wirtschaftszweige (WZ) wie z. B. der Land- und Forstwirtschaft oder etwa dem Baugewerbe. Die BWS wird zu Herstellungspreisen bewertet und ergibt sich für jeden einzelnen WZ aus dem Bruttoproduktionswert zu Herstellungspreisen abzüglich der Vorleistungen zu Anschaffungs-preisen. Während der Anteil der Landwirtschaft in den meisten Industrienationen Europas nur noch 0,5 – 1 % beträgt, lag der Anteil in Niedersachsen im Jahr 2010 bei 1,55 % und in einigen Regionen des Landes mit bis zu 6 % noch deutlich darüber, so dass der Stellenwert hierzulande nach wie vor Bedeutung hat. Dies umso mehr, weil die Landwirtschaft ein unentbehrliches Glied in der Wertschöpfungskette zwischen dem vor- und nachgelagerten Bereich ist.

Die Darstellung der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Landwirtschaft leidet darunter, dass sie bei globaler Einbindung und stetiger Verteuerung des Betriebsmittelaufwandes lediglich austauschbare Rohstoffe mit geringer Konsumreife zu schwankenden, aber dauerhaft nicht steigenden Preisen produziert. Deshalb landet von den Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel der weit überwiegende Anteil im nachgelagerten Bereich wie insbesondere der Nahrungsmittelindustrie. Mit z.B. nur etwa 7 % Anteil an den Verkaufserlösen für Brot findet die Wertschöpfung aus dem dafür benötigten Rohprodukt Getreide fast komplett im Handel und Bäckereihandwerk statt. Selbst bei den hoch konsumfähigen Produkten Fleisch, Milch und Eier beträgt der Anteil der Landwirtschaft nur 25 bzw. 39 bzw. 51 %. Gleichzeitig bringt die Landwirtschaft zum Zweck ihrer Produktion noch enorme Vorleistungen für Saatgut, Dünge- und Futtermittel, Maschinen, Gebäude usw. auf, die dem vorgelagerten Bereich zugute kommen.

Somit entfaltet die Landwirtschaft ihre tatsächliche volkswirtschaftliche Bedeutung in anderen Wirtschaftszweigen, die ihr vor- und nachgelagert sind und trägt auf diesem Weg ganz erheblich mehr zum wirtschaftlichen Erfolg bei, als es ihre scheinbar geringe Bruttowertschöpfung vermuten lässt. Der tatsächliche Stellenwert der Landwirtschaft in Niedersachsen zeigt sich eher daran, dass ihr Anteil so viel höher ausfällt als in anderen Bundesländern und in Deutschland insgesamt. Davon profitieren in erster Linie die Ernährungsindustrie und damit auch die Bevölkerung vor Ort. An der gesamten landwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung Deutschlandes war Niedersachsen 2010 mit 16 % (!) beteiligt.

Revision 2011 der VGR

Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen stellen das umfassendste statistische Instrumentarium der Wirtschaftsbeobachtung dar und sind in das Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG) eingebunden, das der vergleichbaren Beschreibung dient. Um neue Konzepte einzuführen, methodische Verbesserungen zu realisieren und neue Datenquellen zu erschließen, werden die Ergebnisse der VGR generell in etwa 5- bis 10-jährigen Abständen im Rahmen von Revisionen überarbeitet. Eine solche Überarbeitung bzw. Revision hat nunmehr in 2011 stattgefunden und zu erheblichen Änderungen geführt, so dass die revidierten Ergebnisse mit den bisherigen nur noch eingeschränkt vergleichbar sind. Von der Revision der VGR mitbetroffen sind die Statistiken des Arbeitnehmerentgelts und der Erwerbstätigenzahlen. Revisionsbedingt gab es in allen betroffenen Bereichen für längere Zeit einen Datenstau.

 Landwirtschaft in der VGR weiterhin mit Baumschulen aber ohne Garten- und Landschaftsbau

Die Revision 2011 diente in erster Linie der Umstellung der VGR auf die neue Klassifikation der Wirtschaftszweige. Sie beziehen sich fortan auf die Ausgabe 2008 (WZ 2008). Die neue Klassifizierung der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2008, ist eine sehr komplexe und gegenüber der vorherigen Ausgabe 2003 eine wesentlich differenziertere Gliederung der Wirtschaftszweige. Sie unterscheidet von A bis U in 21 Abschnitte, die wiederum in 88 Abteilungen, 272 Gruppen, 615 Klassen und 839 Unterklassen aufgehen. Der Abschnitt A beinhaltet den Wirtschaftszweig Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (LuFF) und ist von der Revision stark betroffen. Denn der bislang zu diesem Abschnitt gehörende Garten- und Landschaftsbau wurde in den neu geschaffenen Abschnitt N ausgegliedert, der die Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen beinhaltet. Beim WZ LuFF im Abschnitt A geblieben sind aber die allgemein dem Gartenbau zugeordneten Leistungen der Baumschulen. Innerhalb des neuen WZ Abschnitts N stellen die gärtnerischen Leistungen nur eine Untergröße dar und gehen jetzt mit ihrer BWS in der gesamten BWS der Erbringung von sonstigen Dienstleistungen auf. Das betrifft die Erwerbstätigenrechnung in gleicher  Weise. Die Erwerbstätigen des Garten und Landschaftsbaus tauchen nicht mehr unter denen der Landwirtschaft auf, sondern in der Summe der Erwerbstätigen des Wirtschaftszweiges sonstige Dienstleistungen.

Für die Beurteilung der BWS bedeutet das, dass die gärtnerischer Leistungen in der Summe der BWS Erbringung sonstigen Dienstleistungen untergeht, dass die Landwirtschaft um den auf Garten- und Landschaftsbau entfallenden Anteil geringer ausfällt und damit der Anteil der Landwirtschaft an der BWS insgesamt entsprechend gesunken ist. Das ist für den volkswirtschaftlichen Stellenwert der Landwirtschaft nachteilig. Gleichwohl bewirkt dieser nachteilige Effekt auch einen Vorteil. Der liegt darin, dass sich die Vergleichbarkeit der Landkreise untereinander erhöht hat. So enthielten beispielsweise Landkreise wie Göttingen und Hildesheim aufgrund der dazugehörigen Großstädte, die im Grunde genommen zur besseren Vergleichbarkeit als kreisfreie Städte geführt werden müssten, einen großen Anteil gärtnerischer Leistungen für die Pflege von Park- und Gartenanlagen sowie Grünflächen usw., die jetzt weggefallen sind und einem objektiven Vergleich nicht mehr im Wege stehen. Das Gleiche gilt für alle kreisfreien Städte. Der neben Baumschulen auch noch sehr stark auf landwirtschaftlich geprägten Garten- und Landschaftsbau ausgerichtete Landkreis Ammerland hingegen muss durch die Einbuße dieses gärtnerischen Anteils bei der landwirtschaftlichen BWS eine ganz leichte volkswirtschaftliche  Unterbewertung seiner Landwirtschaft hinnehmen.

Erste Ergebnisse der Revision 2011 stehen seit Februar 2013 für die Jahre 2008 bis 2010 auf Kreisebene zur Verfügung. Die Revision der Zeitreihen 1991-2007 ist noch nicht abgeschlossen und diese Ergebnisse sind erst bis Jahresende zu erwarten, so dass zurzeit keine langfristigen Entwicklungen aufgezeigt werden können. In der Übersicht ist das Kreisergebnis 2010 für Niedersachsen ausgewertet. Zur Vermeidung von Fehlinterpretationen dieser Auswertung bedarf es einiger grundlegender Informationen. Zunächst ist festzustellen, dass das Jahr 2010 sowohl bei der BWS insgesamt als auch bei der BWS Land- und Forstwirtschaft, Fischerei nach der Wirtschaftskrise 2009 noch kein tatsächliches Abbild der wirtschaftlichen Verhältnisse liefert, allenfalls ein leicht konsolidiertes. Das zeigt sich auch an den Landesergebnissen, die bereits für 2011 veröffentlicht worden sind und für Niedersachsen bei der BWS insgesamt mit 200.359 Mio. € gegenüber 192.362 in 2010 sowie bei der BWS LuFF mit 3.564 Mio. € gegenüber 2.980 deutlich höher liegen.

Vorauszuschicken ist auch, dass die Direktzahlungen an die Landwirtschaft seit deren Entkoppelung von der Produktion im Jahr 2005 nicht mehr in die Berechnung der BWS LuFF eingehen. Wäre das nicht so, würde die niedersächsische BWS um 875 Mio. € höher ausfallen und sich der Anteil an der gesamten BWS von 1,55 um 0,45 auf 2,0 % erhöhen. Außerdem bleibt die monetäre Leistung der landwirtschaftlichen Energieproduktion bei der Berechnung der Berechnung der BWS LuFF unberücksichtigt; sie subsummiert im WZ Abschnitt D unter Energieversorgung. Es liegt auf der Hand, dass der Landwirtschaft dadurch nochmals eine ganz erhebliche Leistung nicht zugerechnet wird, die den BWS Anteil ansonsten zusätzlich deutlich erhöhen würde.

Dies vorausgeschickt ist darauf hinzuweisen, dass die sehr hohen Ergebnisse für die kreisfreien Städte nicht repräsentativ sind. Bedingt durch die hier auf sehr engem Raum vorhandenen Produktionsstätten und Arbeitsplätze wird zwar in den Städten eine sehr hohe BWS von durchschnittlich über 30.000 €/Einwohner generiert, jedoch entfällt sie nicht tatsächlich nur auf die direkten Einwohner, sondern auch in einem hohen Maß auf Einpendler. Klassisches Beispiel hierfür ist die kreisfreie Stadt Wolfsburg. Hier pendeln sehr viele Arbeitnehmer aus den umliegenden Kreisen bei VW ein und transferieren die dort generierte BWS mit ihrem Arbeitsentgelt in nicht unerheblicher Höhe beispielsweise in die Landkreise Gifhorn oder Helmstedt. Diese Landkreise wiederum erscheinen mit einer BWS von 13.267 bzw. 15.597 €/Einwohner bitterarm, partizipieren aber tatsächlich am scheinbaren Wohlstand von Wolfsburg, wofür sich rein rechnerisch eine utopische BWS von 81.867 €/ Einwohner ergibt.

Drei andere Beispiele zeigen, dass bei der Beurteilung der BWS Daten auch sonstige wirtschaftliche Einflüsse berücksichtigt werden müssen. Das betrifft exemplarisch die Landkreise Wesermarsch, Emsland und Hameln-Pyrmont. Sie weisen mit 30.341 bzw. 28.362 bzw. 24.996 € jeweils eine sehr hohe BWS pro Einwohner aus, die im Vergleich mit den jeweiligen Nachbarkreisen nicht nachvollziehbar ist und auch nicht wirklich vor Ort greift. Ursächlich sind die dortigen Kernkraftwerke, die kaum Arbeitsplätze, aber sehr viel BWS generieren. Diese wird zwar den betreffenden Landkreisen zugeordnet, fließt jedoch in Wirklichkeit in die Kassen der Energieunternehmen E.ON und RWE mit Betriebssitzen in Nordrhein-Westfalen und wird dort wirksam. Aus einer solchen rein buchtechnischen Aufblähung der BWS insgesamt resultiert für die Landwirtschaft vor Ort der Nachteil, dass deren Anteil entsprechend geringer ausfällt.

Nach alledem wird deutlich, dass  die Interpretation der VGR Sachkenntnis und Information erfordert. Deshalb ist der interessierte Leser gehalten, die von ihm fokussierten Kreisdaten sorgfältig auszuwerten und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Ohne Zweifel zeigt sich aber, dass es die Weser-Ems Region ist, in der Landkreise mit sehr hohen BWS LuFF Anteilen von über 3 % vorkommen, in denen gleichzeitig auch die BWS insgesamt hoch ausfällt. Allen voran der Landkreis Vechta, der ohne Großstadt, ohne Einflüsse, wie die von Kernkraftwerken usw. eine sehr hohe ungeschönte BWS insgesamt von 28.615 €/Einwohner ausweist und bei der BWS LuFF einen Anteil von 4,31 % sowie eine alles überragende Höhe von 117.893 €/Betrieb. Im Landkreis Cloppenburg beträgt der Anteil der BWS LuFF sogar 6,06 %, allerdings bei weniger BWS insgesamt. Auf allen BWS Ebenen vergleichbare hohe Werte erreichen auch die Landkreise Ammerland, Emsland und Grafschaft Bentheim. Hohe BWS LuFF Anteile zeigen sich ansonsten noch bei etlichen anderen Landkreisen, jedoch fallen die BWS‘en dort pro Betrieb niedriger aus und/oder resultieren in der Regel aus einer niedrigen BWS insgesamt. Das ist z.B. in Cuxhaven und Lüchow-Dannenberg der Fall, wo die BWS LuFF Anteile 5 bzw. 6 % betragen, die BWS insgesamt jedoch niedrig ist.

Weiterhin ermöglicht die Auswertung einen Vergleich der regional unterschiedlich ausgerichteten Betriebe hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und ihres volkswirtschaftlichen Stellenwertes untereinander. Dafür eignet sich als Parameter die in €/ha LF ausgedrückte Wertschöpfung. Nach diesem Parameter sind die bei geringer Bodengüte und Flächenausstattung auf intensive Wirtschaftsweise angewiesenen und auf Veredelung ausgerichteten Betriebe der Weser-Ems Region den übrigen weit voraus. Bei einer gegenüber den Betrieben der übrigen Regionen unterdurchschnittlichen Größe von nur 50 ha erwirtschaften sie mit 1.500 €/ha das 1,5 fache ihrer Berufskollegen. Höchste BWS’en LuFF erzielen die im Durchschnitt nur bis zu 45 ha großen Betriebe in Vechta (2.600 €/ha), Cloppenburg (2.300 €/ha), Emsland und Grafschaft Bentheim (jeweils1.700 €/ha) sowie die Betriebe des Ammerlandes (1.850 €/ha), wozu allerdings auch etliche Baumschulbetriebe gehören. Hinter dieser hohen Intensität stehen die großen, meist viehlos betriebenen Ackerbaubetriebe in den übrigen Regionen weit zurück, und zwar auch in denen mit Gunststandorten (Börde). Ob ihrer überdurchschnittlichen Größe erzielen sie zwar hohe BWS’en pro Betrieb, erreichen aber aufgrund ihrer geringen Intensität vielfach keine 1.000 €/ha, so dass die Summe ihrer landwirtschaftliche Wertschöpfung unterdurchschnittlich ausfällt.

Fazit: Bei regionalen Unterschieden zeigt sich insgesamt beurteilt ein nach wie vor relativ hoher Stellenwert der Landwirtschaft. Am Beispiel Weser-Ems wird besonders deutlich, dass eine prosperierende Wirtschaft sehr eng mit einer gut aufgestellten Landwirtschaft korreliert. Weser-Ems generiert von Niedersachsens BWS insgesamt ein Drittel und von Niedersachsens BWS LuFF die Hälfte. Deshalb ist der volkswirtschaftliche Stellenwert der Landwirtschaft hier besonders hoch.

 Rainer Schütte, LWK Niedersachsen


Kontakt:
Kirsten Murek
Agrarstatistik, Qualitätssicherung Tier
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Stand: 22.11.2013