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Schweinemast: 1000, 2000 oder 3000 neue Mastplätze?

Der Wachstumswille in der Schweinemast scheint im Gegensatz zur Ferkelerzeugung in vielen Betrieben nach wie vor ungebrochen. Die Ergebnisse der letzten Wirtschaftsjahre geben den Schweinemästern Recht. So hatten die Ferkelerzeuger ein katastrophales Wirtschaftsjahr 2007/2008. Schweinemastbetriebe hingegen haben seit dem Wirtschaftsjahr 2005/2006 keinen vergleichbaren Einbruch der Gewinne zu verzeichnen. Im Gegenteil. Im Landkreis Vechta umfasst ein durchschnittlicher Bauantrag mittlerweile 3000 Mastplätze. 1996 waren es noch 400 Plätze.

Derartige Wachstumsschritte werden häufig mit mehr als 70 % Fremdkapital finanziert. Damit steigen die finanzwirtschaftlichen Risiken einer solchen Investition stark an. Umso wichtiger ist es, jeden Stallbau sorgfältig zu planen. Vielfältige Informationen über eigene Leistungsdaten aus Betriebszweigauswertung und/oder Buchführung, Steuern, Finanzierung, bauliche Konzepte und technische Neuheiten sind erforderlich.

Im Folgenden wird an einem Beispielbetrieb aufgezeigt, welche Überlegungen anzustellen sind. Der ausgewählte Betrieb hat zurzeit 1400 Schweinemastplätze und bewirtschaftet 80 ha Acker. Derzeit ist 1 Arbeitskraft (Ak) für die Bewirtschaftung des Betriebes erforderlich. Langfristig stehen dem Betrieb 1,5 Familien-Ak zur Verfügung, so dass aus arbeitswirtschaftlicher Sicht ein weiterer Wachstumsschritt erfolgen könnte. Auch die bisher erzielten Leistungsdaten liegen im oberen Viertel der Betriebe und ermutigen zu einem Investitionsschritt. Bezüglich der Nährstoffbilanz des vorliegenden Betriebes ist festzustellen, dass die aus der vorhandenen Schweinehaltung anfallenden Nährstoffe auf den vorhandenen 80 ha Acker verwertet werden können. Die Nährstoffsituation ist ausgeglichen.

Wie sieht es nun mit der Gewerblichkeitsgrenze aus? Nach dem Bewertungs- und Einkommensteuerrecht gehören Tierbestände in vollem Umfang zur Landwirtschaft, wenn im Wirtschaftsjahr

für die ersten 20 ha   nicht mehr als  10 VE/ha
für die nächsten 10 ha  nicht mehr als    7 VE/ha
für die nächsten 20 ha  nicht mehr als    6 VE/ha
für die nächsten 50 ha  nicht mehr als    3 VE/ha
und für die weitere Fläche nicht mehr als 1,5 VE/ha

erzeugt oder gehalten werden. Bei 1400 vorhandenen Mastplätzen und 2,8 Umtrieben werden, wenn die Ferkel mit ca. 29 kg eingestallt werden, 470 Vieheinheiten erzeugt. Die vorhandene Fläche reicht für 480 Vieheinheiten. Mit einem neuen 1000er Schweinemaststall würden 336 Vieheinheiten zusätzlich erzeugt, und es wären, wenn dieser Betrieb steuerrechtlich neu eingerichtet würde, aufgrund der Vieheinheitenstaffelung 41 ha LF für eine landwirtschaftliche Erzeugung erforderlich. Bei einem 2000er Stall wären es 672 zusätzliche VE bzw. 188 ha und bei einem 3000er Stall 1008 VE bzw. 412 ha. Da insbesondere beim 2000er und 3000er Stall eine Flächenaufstockung sehr unwahrscheinlich ist und in veredlungsintensiven Regionen mit Pachtpreisen für Ackerland weit über 700 € je ha zu teuer ist, kommen in der Praxis häufig andere Varianten zum Tragen:

1000 Mastplätze als § 51a KG
In diesem Fall wird eine Gesellschaft gemäß 51 a des Bewertungsgesetzes (BewG) gegründet. Diese Gesellschaft bewirtschaftet keine Flächen und kann trotzdem landwirtschaftlich betrieben werden. Die beteiligten Betriebe übertragen ihre freien Vieheinheiten auf die Gesellschaft. Als Gesellschaftsform wird in den meisten Fällen eine Kommanditgesellschaft (KG) gewählt, bei der der neu hinzukommende Gesellschafter als Kommanditist nur mit seiner Einlage und der andere Gesellschafter als Komplementär unbeschränkt haftet. In unserem Beispiel werden von den erforderlichen 336 Vieheinheiten 330 Vieheinheiten durch einen benachbarten Ackerbaubetrieb für 9 € je VE zur Verfügung gestellt. Einschließlich einer Gewinnbeteiligung werden Kosten in Höhe von 3.360 € für die Vieheinheiten unterstellt.

Die Betriebe brauchen nicht insgesamt gemeinschaftlich betrieben werden. Voraussetzungen sind jedoch, dass alle Beteiligen hauptberuflich Landwirte und Landwirte im Sinne des Gesetzes über die Alterssicherung sind. Außerdem müssen alle Beteiligten freie Vieheinheiten auf die Gesellschaft übertragen. Insgesamt dürfen jedoch nicht mehr Vieheinheiten genutzt werden als sich aus der Summe der von den Mitgliedern genutzten landwirtschaftlichen Fläche ergibt. Die Betriebe der Landwirte dürfen außerdem nicht mehr als 40 Kilometer von dem neuen Maststall entfernt liegen. Da diese 51 a Gesellschaft keine eigenen Flächen bewirtschaftet, übernimmt häufig der Unternehmer, der freie VE auf die Gesellschaft überträgt, die anfallende Gülle, so dass keine Kosten für die überbetriebliche Gülleverwertung entstehen.

Für einen 1000er Maststall werden brutto 464 € je Platz für die Gebäudekosten und 100 € je Platz für das zu finanzierende Umlaufkapital veranschlagt (s. Übersicht 2). Insgesamt entsteht ein Investitionsbedarf in Höhe von 564.100 €. Der Betrieb hat 150.000 € als Eigenmittel zur Verfügung, so dass 414.100 € Fremdkapital aufgenommen werden müssen. Die Kosten für Abschreibung, Zinsen, Unterhaltung und Versicherung steigen damit um 41.839 € auf 92.965 €. Unter den getätigten Annahmen könnte der Gewinn von ursprünglich 79.730 € auf 106.941 € gesteigert werden

1000 Mastplätze als Gewerbebetrieb
In veredlungsintensiven Gebieten gestaltet es sich oftmals schwierig, in einem Radius von 40 km, einen Betrieb zu finden, der freie Vieheinheiten abgeben könnte. Der neue Maststall wird daher in einem neu zu gründenden Betrieb gewerblich betrieben. Dies erfordert keine zusätzliche Fläche aufgrund der Vieheinheitenregelung, sehr wohl aber für die Gülleverwertung. Letzteres kann über eine überbetriebliche Gülleverwertung organisiert werden. Bei einem Gülleanfall von einem Kubikmeter bei Breiautomaten und Verwertungskosten von 5 € je Kubikmeter, müssen 5.000 € für die überbetriebliche Gülleverwertung aufgewendet werden. In vieharmen Regionen könnten 5.000 € als Güllewert positiv verbucht werden. Das sind im Vergleich zwischen den Regionen 10.000 € Vorteil für einen Betrieb in einer Ackerbauregion.

Ein wesentlicher Nachteil eines gewerblichen Tierhaltungsbetriebes ist, dass er der Regelbesteuerung unterliegt. Das heißt, es müssen Umsatzsteuereinnahmen und Umsatzsteuerausgaben (Vorsteuer) mit dem Finanzamt verrechnet werden. Des Weiteren erhält der Betrieb auf den Verkauf seiner landwirtschaftlichen Produkte nicht mehr die Umsatzsteuerpauschale von 10,7 %, die für die sogenannten pauschalierenden Betriebe gilt, sondern nur den Umsatzsteuersatz von 7 %. Vorteilhaft ist jedoch, dass die gezahlte Vorsteuer auf Investitionen erstattet wird.

Der Neubau des Maststalles erfordert bei unterstellten Baukosten von 390 €/Platz (netto) und 93 €/Platz für das Umlaufkapital eine Investitionssumme von 564.100 € brutto. Das gewerblich betriebene Unternehmen kann sich über die Umsatzsteuererklärung die Vorsteuer auf die Investition und für das Umlaufkapital in Höhe von 80.642 € vom Finanzamt erstatten lassen. Unter Anrechnung der Vorsteuer und der 150.000 € aus Eigenmitteln, sind 333.458 € über Fremdmittel zu finanzieren. Der Betrieb erreicht unter diesen Annahmen ein Gewinnniveau von 96.111 €. Obwohl ca. 80.000 € weniger zu finanzieren sind als in der pauschalierenden § 51 a KG, ist der Gewinn in dem regelbesteuerten Gewerbebetrieb ca. 11.000 € niedriger. Das heißt, der Nachteil der gewerblichen Schweinemast beträgt in diesem Beispiel ca. 11 € je Schweinemastplatz.

2000 Mastplätze gewerblich
Gegenüber der Planung mit 1000 Mastplätzen ist eine Kostendegression in Höhe von 30 € je Platz auf 360 € je Platz angenommen worden. Insgesamt sind 1.056.800 € zu finanzieren. 149.884 € Vorsteuer werden vom Finanzamt erstattet, so dass unter Anrechnung der Eigenmittel 756.916 € fremdfinanziert werden müssen. Außerdem entstehen 10.000 € Kosten für die Gülleverwertung. Des Weiteren wurde unterstellt, dass Aushilfslöhne in Höhe von 7.500 € anfallen. Unter diesen Annahmen errechnet sich ein möglicher Gewinn in Höhe von 108.193 €. Damit ist das wirtschaftliche Ergebnis eines 2000er Schweinemaststalles im Gewerbe fast vergleichbar mit dem eines 1000er Maststalles, der landwirtschaftlich pauschalierend betrieben werden kann.

3000 Mastplätze gewerblich
Bei dem Bau eines 3000er Maststalles ist eine weitere Kostendegression auf 330 € je Platz angenommen worden. 3000 Kubikmeter Gülle werden für 15.000 € überbetrieblich verwertet. Die Kosten der Betriebsteilung, das sind im Wesentlichen Steuerberatungs- und Buchführungskosten, schlagen mit ca. 3.800 € zu Buche. Außerdem steigen die Aushilfslöhne auf 15.000 €, so dass ein Gewinn in Höhe von 125.957 € erwartet werden könnte.

Liquidität
Nachdem die Rentabilität betrachtet wurde, soll nun ein Blick auf die Liquidität, d.h. der Fähigkeit des Unternehmens seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, geworfen werden (s. Übersicht 3). In Schweinemastbetrieben spielt dies aufgrund des vergleichsweise stark schwankenden Schweinemarktes eine immer größere Rolle. Ein Maßstab für die Liquidität ist der Geldüberschuss (Cash flow III). Mit Hilfe des Cash flow III kann vereinfachend unter der Annahme, dass alle anderen Bedingungen gleich bleiben, errechnet werden, wie tief der Schweinepreis absinken darf, damit allen Zahlungsverpflichtungen noch nachgekommen werden kann. Hierzu ein Beispiel: Im Plan 3 werden 2000 Plätze neu errichtet. Der Cash flow beträgt 85.999 €. Teilt man diesen Betrag durch die erzeugten Mastschweine, hier 9520 Stück, so errechnet sich eine Liquiditätsreserve je erzeugtem Mastschwein in Höhe von 9,03 € je Schwein. Der Schweinepreis dürfte somit um ca. 9 Cent je kg fallen. Bis dahin kann der Betrieb seinen Zahlungsverpflichtungen noch nachkommen. Im Ist-Betrieb lag das Liquiditätspolster noch bei ca. 19 € je Schwein. Durch den hinzukommenden Kapitaldienst und die höheren Einkommensteuerlasten bei steigenden Gewinnen sinkt die Liquiditätsreserve auf ca. 13 € je Schwein bei 1000 zusätzlichen Mastplätzen und auf nur noch ca. 7 € je Schwein bei 3000 zusätzlichen Plätzen.

Fazit:
Die Wirtschaftlichkeit von Stallneubauten in der Schweinemast steht und fällt mit den einzelbetrieblichen Voraussetzungen, dazu zählen in erster Linie:

1. Das Leistungsniveau – Nur Betriebe im oberen Leistungsniveau
    sollten größere Wachstumsschritte vollziehen

2. Die Flächenausstattung – Kann der Stall landwirtschaftlich 
    betrieben werden oder muss der Stall gewerblich mit einem
    Nachteil von ca. 10 € je Platz betrieben werden? Wird der
    Stallplatz mit Kosten der Gülleverwertung belastet oder kann
    sogar ein Güllewert positiv verbucht werden?

3. Die finanziellen Möglichkeiten: Muss die Investition vornehmlich mit
    Fremdkapital finanziert werden, so steigt das finanzwirtschaftliche
    Risiko in dem nächsten Preistief, den Kapitaldienst zumindest
    zeitweise nicht leisten zu können deutlich an.

4. Die arbeitswirtschaftliche Möglichkeiten: Fremdarbeitskräfte in
    Verbindung mit steigenden Fremdkapitalanteilen erfordern
    zunehmend eine Vollkosten deckende Produktion und erhöhen
    das Liquiditätsrisiko erheblich.

5. Der Standort: Ist der Wachstumsschritt mit zusätzlichen Gebäude-
    und Betriebskosten einer Abluftreinigung von mindestens 10 € je
    Platz belastet?

Das vorgestellte Planungsbeispiel zeigt deutlich, dass die Größe des Wachstumsschrittes allein kein Erfolgsgarant ist: Ein 1000er Maststall landwirtschaftlich als § 51 a KG betrieben hat in diesem Fall fast den gleichen Einkommensbeitrag wie ein gewerblicher 2000er Maststall.


Kontakt:
Ruth Beverborg
Fachreferentin Betriebswirtschaft, Wirtschaftsberatung
Telefon: 0441 801-304
Telefax: 0441 801-392
E-Mail:


Stand: 10.11.2010