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Pioniergewinne sichern das wirtschaftliche Überleben

Wovon leben die Landwirte? „Von der Substanz“, werden nicht nur Zyniker und Spötter spontan sagen, sondern auch „kühle“ Ökonomen, die die Agrarberichte der Bundesregierung und die Veröffentlichun-gen des Bauernverbandes aufmerksam lesen sowie die Berater, die die Verhältnisse auf den Höfen genau kennen.
Dies gilt aber nicht für alle Landwirte. In der Kombination mit außerlandwirtschaftlichen Einkünften (meistens der Ehefrau) lässt sich durchaus auch sehr stabil wirtschaften. Dar-über hinaus gibt es natürlich auch diejenigen, die ordentliche Gewinne erzielen und nachhaltig Eigenkapital bilden. Dass auch letzteres möglich ist, zeigen ebenfalls die Agrarberichte, aber es ist nicht immer ganz einfach.

Bei den klassischen Agrarerzeugnissen wie Getreide, Milch, Fleisch und Eier handelt es sich markttechnisch gesehen immer um Rohstoffe, die weitgehend homogen und damit austauschbar sind. Die Agrarindustrie und die Ernährungswirtschaft können diese Rohstoffe problemlos europaweit und zum Teil auch weltweit beziehen, um daraus Lebensmittel in mehr oder weniger stark verarbeiteter Form herzustellen.

Die Märkte für diese Agrarrohstoffe sind nicht zuletzt auch durch die Einführung des Euro als einheitliche europäische Währung sehr transparent und übersichtlich geworden. Gleichzeitig gibt es für die (potentiellen) Erzeuger bis auf die jetzt noch gültigen Hürden in der Milchproduktion praktisch keine Beschränkungen für den Markteintritt. Wer Gewinnchancen für sich erkennt, kann die Erzeugung von Agrarrohstoffen in Abhängigkeit von Standortvoraussetzungen jederzeit neu aufnehmen oder aber die vorhandene Produktion ohne Begrenzungen erweitern.

Unter diesen Bedingungen herrscht ein nahezu vollkommener Wettbewerb, der nach der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie dann auch dafür sorgt, dass mögliche Gewinne wegkonkurriert werden und letztlich verschwinden. In einem Markt für homogene, austauschbare Güter mit einem freien Marktzutritt und hoher Transparenz gibt es keine Gewinne! So weit die Theorie. In der Praxis sind all diese Bedingungen für landwirtschaftliche Agrarrohstoffe weitgehend gegeben. Deswegen ist auch auf fast allen Agrarmärkten ein harter Preis- und Verdrängungswettbewerb festzustellen, der für die meisten landwirt-schaftlichen Betriebe dazu führt, dass die Einkommen unzureichend sind.

Trotzdem geht es einer Reihe von Landwirten wirtschaftlich durchaus gut, auch wenn sie auf diesen hart umkämpften Rohstoffmärkten agieren. Woran liegt das?
An einer aktiven Preisgestaltung kann es nicht liegen. Geringfügig höhere Preise lassen sich meist nur dadurch erreichen, dass eine bessere Qualität geliefert wird und nicht durch besondere Präferenzen der Käufer, wie das bei etlichen anderen Produkten (z.B. Schlepper, Autos) der Fall ist.
Wenn trotzdem ein Teil der Landwirte auch ordentliche Gewinne mit Agrarprodukten erzielt, liegt das in erster Linie an dem Wettbewerbsvorsprung, den sie sich aufgrund einer hohen Arbeits- und Kapitalproduktivität sowie durch niedrige Stückkosten infolge einer effektiven und effizienten Produktion geschaffen haben und auch immer wieder schaffen.

Der Vorsprung wird erzielt und im Idealfall auch gehalten durch so genannte „Pioniergewinne“. Diese kommen dadurch zustande, dass technischer Fortschritt in welcher Form auch immer, schneller und konsequenter genutzt wird und dass Marktchancen früher erkannt und auch mutiger ergriffen werden. Diese Behauptung soll nachfolgend durch einige Beispiele näher belegt und untermauert werden.
Zunächst muss man fairerweise aber auch feststellen, dass nicht jede technische Neuerung zu deutlichen Leistungssteigerungen und/oder deutlicher Kostenreduzierung führt. Auch vermeintliche Marktchancen können sich als Flop (siehe Biodiesel) erweisen, weil sich Rahmenbedingungen unerwartet ändern.

Rückblickend betrachtet gab es in den zurückliegenden Jahrzehnten einige technische „Quantensprünge“, die heute meist völlig selbstverständlich sind, ihren Nutzern damals aber deutliche Vorteile bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe brachten. Wer zu spät kam, existiert heute als Unternehmer nicht mehr.

Ackerbau
In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Pferdewirtschaft konsequent durch den Schlepper abgelöst. Dadurch konnten viele Arbeitskräfte freigesetzt werden, die Arbeitsproduktivität erhöhte sich in der Außenwirtschaft schlagartig. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Technisierung der Außenwirtschaft immer weiter verbessert und verfeinert. Nicht nur immer größere, sondern auch exakter arbeitende Maschinen insbesondere für die Ernte von Getreide, Kartoffeln und Rüben kamen zum Einsatz und führten zu Kosteneinsparungen und zu Leistungssteigerungen.
Ähnliche Wirkungen hat die Entwicklung und Anwendung des chemischen Pflanzenschutzes entfaltet. Deutliche Ertragssteigerungen und Qualitätsverbesserungen sind neben der Kostenersparnis auf der Habenseite zu buchen. Ansonsten wird der Pflanzenbau aber eher durch kontinuierliche Verbesserungsprozesse als durch „Quantensprünge“ geprägt. Allenfalls könnte man die grüne Gentechnik als Beispiel nennen. Dieser ist aber der Durchbruch in Europa aus verschiedenen Gründen bisher nicht gelungen.

Milchviehhaltung
Der technische Fortschritt in der Milchviehhaltung zeigte sich vor allem in der Entwicklung der Melktechnik und in der Rationalisierung der Futterwirtschaft. Ein Quantensprung bedeutete die Entwicklung hin zum Boxenlaufstall Ende der siebziger Jahre. Hier zeigte sich der technische Fortschritt in Kombination von strohloser Aufstallung, revolutionärer Melk-technik mit dem Fischgrätenmelkstand und dem befahrbaren Futtertisch. Hinzu kam die Entwicklung der Silagetechnologie.
Mit der gleichzeitigen Einkreuzung von HF-Bullen gab es in den „Pionierbetrieben“ einen massiven Produktionsschub, der letztlich zu erheblichen Mengenüberschüssen und dann auch zur Einführung der Milchquotenregelung 1983 führte. Milchviehhalter, die rechtzeitig auf das innovative Stallsystem umgestiegen waren, konnten sich trotz aller Abzüge eine relativ hohe Referenzmenge sichern, und in den Folgejahren eine gute „Kontingentsrente“ einstreichen. Sie hatten und haben teilweise auch heute noch einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Berufskollegen, die mit geringen Referenzmengen in das Quotenregime starten mussten, und in den Folgejahren nur mühsam über Pacht und Zukauf von Milchquoten in eine „boxenlaufstallwürdige“ Bestandsgröße hineinwachsen konnten. Einige haben es bis heute nicht geschafft und werden vermutlich spätestens mit dem Auslaufen der Quotenregelung „die Segel streichen“ müssen. Insofern hat die Quotenregelung die Übernahme des technischen Fortschritts erheblich verzögert. Einen neuerlichen Produktivitätssprung für mittelgroße Milchviehbetriebe gibt es zurzeit wieder über die automatischen Melksysteme.

Schweinehaltung
In der Schweinehaltung ist die Arbeitsproduktivität vor allem durch die strohlosen Hal-tungsformen zunächst mit Teilspalten-, später dann mit Vollspaltenböden verbessert worden. In den heutigen Hochburgen der Schweinehaltung im Nordwesten Deutschlands wurden diese Haltungsformen besonders früh und intensiv eingeführt.
Zusammen mit der Automatisierung der Fütterung kann heute eine Arbeitskraft rund 3000 bis 4000 Mastschweine versorgen. In der Sauenhaltung gelten heute rund 300 Sauen je Arbeitskraft als Maßstab.
Aktuell gibt es wieder einen besonderen Leistungsschub durch biologisch-technischen Fortschritt. Alle Genetiken, aber insbesondere die dänische Genetik mit 30 und mehr abgesetzten Ferkeln pro Sau und Jahr und täglichen Zunahmen in der Mast von über 900 Gramm lassen die Produktionskosten je kg Fleisch deutlich sinken.
Man kann davon ausgehen, dass durch die besonderen Bedingungen im „Produktionsumfeld Schwein“ die Vorteile sehr schnell im Markt „eingepreist“ werden. Den Pionieren haben sie aber wieder einige wenige Jahre Vorsprung gesichert, der dann evtl. zu weiterem Kapazitätswachstum, zu Landkauf, zum Abbau von Fremdkapital oder zur außerlandwirtschaftlichen Kapitalanlage genutzt wurde oder noch wird.

Pioniergewinne werden aber nicht nur durch eine zeitige Übernahme des technischen Fortschritts, sondern auch durch das manchmal mutige, immer aber konsequente Ergreifen von Marktchancen ermöglicht. Dafür einige Beispiele:

Hähnchenmast
Bei einem Selbstversorgungsgrad von rund 70 % in Deutschland vor 10 Jahren errichtete die Firma Emsland-Frischgeflügel einen neuen (ihren ersten) Geflügelschlachthof in Meppen, den sie konsequent auf Frischfleischvermarktung ausrichtete. Auch durch den Einstieg der großen Lebensmitteldiscounter wie Aldi und Lidl in die Frischfleischvermarktung ergab sich eine stetig wachsende Nachfrage nach Hähnchenfleisch. Die Rohstoffe, sprich die Hähnchen, lieferten überwiegend emsländische Landwirte, die meist als Neueinsteiger ohne spezielle Vorkenntnisse für diese Produktionsrichtung zunächst ein oder zwei, später dann auch vier oder acht Ställe mit je 30-40.000 Plätzen auf einmal errichteten. In den letzten 10 Jahren wurden allein im Landkreis Emsland die Masthühnerbestände von rund 9 Mio. auf rund 28 Mio. Plätze ausgeweitet. Durch den sehr starken Produktionsanstieg in dieser Region wurde die Lücke im Selbstversorgungsgrad zügig und fast im Alleingang geschlossen. Er liegt heute deutlich über 100 %. Die deutschen Schlachtereien müssen mehr und mehr in andere EU-Staaten und auch in Drittländer exportieren. Die Stückgewinne gehen jetzt spürbar zurück und werden durch den Neueinstieg von Mästern auch in anderen Regionen Deutschlands weiter sinken, weil die Kapazitätsausweitungen das Wachstum der Nachfrage (das es für Hähnchenfleisch gibt) übersteigen.
Die emsländischen „Pioniere“ haben ihre Ställe mit den sehr guten Gewinnen im letzten Jahrzehnt oft abbezahlt und können dem Bestreben der Neu-Kollegen deshalb relativ gelassen entgegen sehen.

Eiererzeugung
So genannte Käfigeier werden vom Verbraucher abgelehnt und dürfen in Deutschland ab 2010, in der EU ab 2013 nicht mehr produziert werden. Der Markt ist knapp versorgt. Der ohnehin niedrige Selbstversorgungsgrad in Deutschland ist von rund 70 % auf aktuell rund 55 % gesunken. Größere Vermarkter haben deshalb bereits vor Jahren attraktive langfristige Verträge für die Eiererzeugung in alternativen Haltungsformen angeboten.
Vor dem Hintergrund der Preismisere auf den gesättigten Milch- und Schweinemärkten haben einige Landwirte bereits vor Jahren die Chancen in der Eierproduktion erkannt und erweitern nach sehr guten Erfahrungen jetzt vielfach ihre Kapazitäten.
Bei dem allgemeinen Interesse für die Eiererzeugung ist es aber nur eine Frage der Zeit, wann die Lücke im Selbstversorgungsgrad geschlossen sein wird. Bis dahin werden die Pioniere allerdings schon einen Großteil ihrer Investitionen erwirtschaftet haben und sind dann in der Lage, mit den zwangsläufig sinkenden Preisen zu Recht zu kommen oder auch Kapazitäten von den Kollegen zu übernehmen, die zu spät kamen und ökonomisch scheitern.

Biogas
Die Biogaserzeugung ist ein Beispiel dafür, dass es im Einzelfall sehr schwer ist, den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg zu finden. Die Pioniere, die vor Jahrzehnten die Technologie ohne staatliches „Sicherheitsnetz“ einführten, sind meist nicht glücklich damit geworden. Erst Anfang dieses Jahrtausend war mit verbesserter Technologie und mit der Absicherung durch das EEG der richtige Zeitpunkt für den Einstieg gekommen. Dort wo es technisch gut läuft, werden auch sehr gute Gewinne erzielt, die nur gefährdet sind, wenn in einzelnen Gemeinden soviel Biogasanlagen entstehen, dass die Fläche für den Maisanbau sehr knapp und sehr teuer wird und über die Beschaffungs- und Entsorgungskosten die Vorteile (teilweise) an die Landbesitzer transferiert werden müssen.

Neue Marktchancen in der Agrarrohstofferzeugung bieten sich nicht sehr häufig. Oft sind sie von (unsicherer) politischer Gestaltung (Verbot der Käfighaltung, EEG) oder von der besonderen Leistungsfähigkeit eines speziellen Marktpartners abhängig.
Dagegen sind die Chancen, die Produktivität im eigenen Unternehmen zu erhöhen, dadurch mit gleichen Kapazitäten mehr zu erzeugen, die Stückkosten zu senken und auf diese Weise die Stückgewinne (meist vorübergehend) und den Unternehmensgewinn insgesamt zu erhöhen, gerade im landwirtschaftlichen Sektor mit seiner großen Transparenz und einer Vielzahl von Beratungs- und Informationsangeboten besonders hoch. Hier muss nur immer wieder zügig und konsequent der technische Fortschritt genutzt werden. Dazu muss z. B. neue Technik auf dem Acker und in den Ställen verwendet werden (mechanisch-technischer Fortschritt). Dazu muss z. B. neue Genetik oder ein neuer Impfstoff eingesetzt werden (biologisch-technischer Fortschritt). Dazu muss z. B. ein Mehrwochenrhythmus in der Sauenherde praktiziert werden oder (ganz banal) eine automatische Nachtreibehilfe im Laufstall installiert werden (organisatorisch-technischer Fortschritt).

Viele Landwirte tun sich oft schwer mit der Übernahme von Neuerungen, auch wenn sie im Einzelfall außer der Verhaltensänderung wenig oder gar nichts kosten. Ein Beispiel dafür war die Einrichtung von Fahrgassen im Getreidebau, die erst über einen Zeitraum von fast 30 Jahren überall in Deutschland zur Selbstverständlichkeit wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Outdoorhaltung von Kälbern, die als Vorbild aus Amerika stammend, erstmals vor fast 40! Jahren in deutschen Milchviehbetrieben eingeführt wurde. Die langen Zeiträume sind auch ein Indiz dafür, dass sich in der Vergangenheit Betriebe lange bis zur Betriebsaufgabe halten konnten.

Die heute wirtschaftenden Unternehmer-Landwirte agieren meist schneller und treiben mit der Nutzung des technischen Fortschritts die Kostensenkung wesentlich schneller als früher voran. Sie bewirken damit aber auch eine Beschleugung im Preissenkungsmechanismus, der automatisch mit den Mengensteigerungen in weitgehend gesättigten oder sogar schrumpfenden Märkten verbunden ist.

Die Pioniergewinne werden zukünftig tendentiell immer geringer werden, weil „Quanten-sprünge“ nicht mehr unbedingt zu erwarten sind (Ausnahmehoffnung: Gentechnologie), weil die Agrarrohstoffmärkte aufgrund der Bevölkerungsentwicklung in Europa (das ist unser Hauptmarkt) überwiegend schrumpfen und nicht wachsen, und weil das „Übernahmetempo“ die „Pioniergewinne“ schneller reduziert

Sie anzustreben und zu realisieren bleibt aber die wichtigte Herausforderung für alle Landwirte, weil nur sie das ökönomische Überleben sichern.


Kontakt:
Arnold Krämer
Leiter Bezirksstelle Emsland und Fachgruppe Betrieb / Tier
Telefon: 05931 403-101
Telefax: 05931 403-111
E-Mail:


Stand: 10.11.2010