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Interview: Perspektiven für Ferkelerzeuger

Den Sauenhaltern bläst der Wind sehr hart ins Gesicht, hohe Futterkosten und geringe Ferkelerlöse belasten gerade die klassischen Familienbetriebe derzeit stark. Wenn dann auch noch Umbauten anstehen oder es Probleme bei einer Genehmigung gibt, verlieren gerade diese Betriebe – die gesellschaftlich und politisch gewollt sind - die Perspektive. Frau Christa Diekmann-Lenartz von der Land & Forst sprach hierüber mit Ruth Beverborg von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Bricht die Ferkelerzeugung in Niedersachsen weg?

Große Probleme haben langfristig Familienbetriebe mit kleinen und mittleren Sauenbeständen, wenn sie nicht eine gut funktionierende Direktbeziehung zum Mäster haben, da sich die Ferkelpartien nur noch mit deutlichen Abschlägen vermarkten lassen. Gleichzeitig erfordert die ab 2013 verbindliche Gruppenhaltung Investitionen, die unter solchen Bedingungen schwer zu tragen sind. Der zunehmende Kostendruck bei gleichzeitig niedrigen Ferkelpreisen wird den Strukturwandel in der Ferkelerzeugung erheblich beschleunigen, da der bäuerliche Ferkelerzeuger in den von den Mästern geforderten Größenordnungen oftmals nicht wachsen will oder nicht wachsen kann.   

Ferkel genug gibt es ja auf dem Markt, worin sehen Sie die Gefahr, wenn es hier keine nennenswerte Ferkelerzeugung mehr gäbe?

Dies würde zu erheblichen Abhängigkeiten führen. So liegt der Selbstversorgungsgrad bei Ferkeln im Oldenburger Münsterland schon jetzt nur bei etwa 40 %. Besonders gravierend wirken sich solche Abhängigkeiten in Seuchensituationen aus.

Wie sollen Ferkelerzeuger auf die sehr schwierige Marktsituation reagieren?
In spezialisierten Ferkelerzeugerbetrieben ist derzeit die Liquiditätssicherung oberstes Gebot. Ein offenes, frühzeitiges Gespräch mit der Bank ist anzuraten. Dafür sollte ein Liquiditätsplan aufgestellt und überlegt werden, ob Zahlungsverpflichtungen wie etwa Pachten oder Tilgungsleistungen zeitlich verschoben oder andere Zahlungen, wie zum Beispiel Einkommensteuervorauszahlungen ganz ausgesetzt werden können. Aufgrund der vergleichsweise guten Wirtschaftsjahre 2008/2009 und 2009/2010 sind hohe Einkommensteuervorauszahlungen festgesetzt worden, die in diesem Jahr das Konto der Ferkelerzeuger zusätzlich belasten.

Trotz oder gerade wegen der schwierigen Situation sollten Ferkelerzeuger die weitere Entwicklung des Betriebes im Blick behalten. Auch die Aufgabe der Sauenhaltung kann eine richtige unternehmerische Entscheidung sein. So haben unsere Berechnungen ergeben, dass in Sauenbetrieben, die im Schnitt der Jahre weniger als 350 € DkfL erzielt haben, die notwendigen Investitionen zur Umstellung auf die Gruppenhaltung wirtschaftlich nicht vertretbar sind.

Eine individuelle, strategische Entwicklungsplanung ist unverzichtbar, so kommt für den ersten Betrieb der Umbau des Sauenstalles zum Schweinemaststall, für den zweiten der Weg ins geschlossene System, für den dritten das weitere Wachstum in der Ferkelerzeugung oder für den vierten  vielleicht ein ganz neues Standbein wie die erneuerbaren Energien oder die Legehennenhaltung in Betracht.

Stichwort Liquidität, wer kann die Liquiditätshilfedarlehen der Rentenbank in Anspruch nehmen? 

Die landwirtschaftliche Rentenbank hat ihr Programm zur Liquiditätssicherung Ende August 2011 für Ferkelerzeuger ausgedehnt. Die Unternehmen müssen Ergebnisrückgänge in Höhe von 30 % gegenüber der Hausbank nachweisen. Bei der Hausbank erfolgt nämlich die Antragstellung. Gefördert werden Unternehmen der Landwirtschaft unabhängig von der Rechtsform und der steuerlichen Einkunftsart.

Im Rahmen der Liquiditätssicherung werden Ratendarlehen mit einer Laufzeit von vier, sechs sowie zehn Jahren und fünf Jahren Sollzinsbindung angeboten. Alle Varianten haben ein tilgungsfreies Jahr. Je nach Laufzeit liegt der effektive Zinssatz in der günstigsten Preisklasse A zurzeit zwischen 2,01 % und 2,54 %.

Im Frühjahr 2012 können voraussichtlich Anträge auf Agrarinvestitionsförderung (AFP) gestellt werden. Können diese Mittel helfen, die hiesige Ferkelerzeugung zu stärken?

Ja, die Agrarinvestitionsförderung könnte insbesondere auch von Ferkelerzeugern genutzt werden, die ihre Stallungen noch auf die Anforderungen der Gruppenhaltung bis Ende 2012 anpassen müssen. Im Antragsverfahren 2011 ist das Kontingent für die Schweinehaltung allerdings erheblich überschritten worden, so dass derzeit die Mittel lediglich an Schweinehalter mit Schwerpunkt Ferkelerzeugung oder Ferkelaufzucht vergeben werden können, die im Punktesystem des AFP fünf Punkte erreicht haben und deren Baugenehmigungsdatum für die zu fördernde Maßnahme vor dem 22.03.2011 liegt. Sollten die Förderbedingungen des Jahres 2011 auch 2012 gelten, sollten interessierte Ferkelerzeuger sich derzeit unbedingt um die entsprechende Baugenehmigung bemühen, die zur Antragstellung 2012 vorliegen muss.

Statt der normalen Förderung mit 20 % Zuschuss sollten insbesondere Ferkelerzeuger mit notwendigen Umbauinvestitionen zur Gruppenhaltung überlegen, ob für sie die erhöhte Förderung mit 30 % für eine besonders tiergerechte Haltung in Betracht kommt. Dafür müsste im Wartebereich eine um 20 % größere nutzbare Bodenfläche als nach TierSchNutzVO vorgeschrieben, vorgesehen werden. Bei einer Gruppengröße von über 40 Sauen müssten statt 2,05 qm mindestens 2,46 qm je Sau vorgesehen werden. Das kommt den Beratungsempfehlungen zum Umbau ohnehin entgegen.

Im AFP sind in der Ferkelerzeugung auch Bestandsausweitungen förderfähig. Allerdings muss die steuerliche VE-Grenze auch im Zieljahr eingehalten werden. Für flächenarme Ferkelerzeuger bedeutet dies in der Regel das „Aus“ für eine Förderung im AFP. In diesen Fällen sollte überlegt werden, die Ferkelaufzucht in einen anderen Betrieb auszugliedern und die Förderung lediglich für die Sauenhaltung in Anspruch zu nehmen. Somit könnte etwa mit 30 ha LF ein Wachstumsschritt mit Förderung auf etwa 450 Sauen ohne Flatdeck möglich sein. Mit Ferkelaufzucht wären 152 ha erforderlich. Für diesen Betrieb wäre es dann auch interessant, für die Umsatzsteuer zu optieren und sich somit die 19 % Vorsteuer auf die Investitionen vom Finanzamt erstatten zu lassen. Der Nachteil der Regelbesteuerung bei Neubauinvestitionen ohne Ferkelaufzucht ist vernachlässigbar. Nach Vorlage des Verwendungsnachweises und Schlussabnahme können die Betriebe grundsätzlich auch wieder umstrukturiert werden. Der Betriebsleiter des geförderten Betriebes muss aber zu mindestens 50 % am geförderten Betrieb beteiligt bleiben. D.h. der Betrieb Ferkelerzeugung könnte die Flächen an die Ferkelaufzucht, die dann ggf. steuerrechtlich landwirtschaftlich wird, geben und der Ferkelerzeuger würde gewerblich. Ein umsatzsteuerlicher Nachteil würde nicht entstehen, da der Ferkelerzeuger ja bereits optiert.

Die Optimierung betriebswirtschaftlicher, fördertechnischer und steuerlicher Gesichtspunkte in der Unternehmensentwicklung ist anspruchsvoll, aber lohnend und in diesen wirtschaftlich angespannten Zeiten für das Überleben der Ferkelerzeuger unabdingbar.


Kontakt:
Ruth Beverborg
Fachreferentin Betriebswirtschaft, Wirtschaftsberatung
Telefon: 0441 801-304
Telefax: 0441 801-392
E-Mail:


Stand: 10.10.2011