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Grenzen des Wachstums erreicht?

Unternehmen, auch landwirtschaftliche, sind „selbstgebastelte Abenteuerspielplätze“. Kein Betrieb gleicht dem anderen. Struktur, Ausrichtung, Komplexität, Effizienz, Stabilität,– die Vielfalt in den Dörfern und Regionen ist riesengroß, selbst wenn die natürlichen Standortbedingungen wie z.B. in Grünlandregionen weitgehend identisch sind. Dazu kommen ganz unterschiedliche Ansprüche und Wertvorstellungen der Personen, die auf den Höfen leben und arbeiten. Dies alles hat Auswirkungen auf die Zukunftsfähigkeit des einzelnen Unternehmens und damit auf die beruflichen Perspektiven der jungen Menschen, die als potentielle Hofnachfolger in den Startlöchern stehen oder ihre berufliche Ausbildung bereits abgeschlossen haben und schon ganz oder teilweise in Verantwortung stehen.

 

Grenzen sind erkennbar
Wenn jetzt die „Leitplanken“ oder Rahmenbedingungen für viele landwirtschaftliche Betriebe durch die Politik aus unterschiedlichen Gründen neu justiert werden, ist besonders aufmerksam und auch kritisch zu analysieren, was das für die jungen Menschen bedeuten kann oder muss. Aber unabhängig von politischen Plänen für eine andere, „grünere“ Landwirtschaft ist auch klar: Ein weiter so wie bisher gibt es ohnehin nicht. Die ungeheuer dynamische Entwicklung des landwirtschaftlichen Sektors in den letzten 10 bis 20 Jahren kann für die Zukunft nicht einfach fortgeschrieben werden. Viele Betriebe stoßen auch ohne staatliche Eingriffe an wirksame Grenzen, Grenzen des Pachtmarkts, Grenzen der räumlichen Konzentration von Stallhaltungsanlagen, Grenzen der gesellschaftlichen Akzeptanz u.ä. Außerdem: Die landwirtschaftlichen Produktmärkte sind deutlich weniger aufnahmefähig als noch vor Jahren.
Das Gefühl, dass sich etwas ändert, ändern muss, ist deshalb zunehmend auch unter Landwirten verbreitet. In diesem Zusammenhang aber von „Grenzen des Wachstums“ zu sprechen, ein Schlagwort, das erstmals 1972 vom Club of Rome im Blick auf die sicherlich begrenzten natürlichen Ressourcen von Mutter Erde formuliert wurde, geht doch zu weit. Warum?
Wachstum ist etwas Naturgesetzliches. Alles was lebt, wächst; was nicht mehr wächst, ist tot. In der Natur kann das immer wieder gut im jahreszeitlichen Verlauf beobachtet werden. Wenn ein Baum im Frühjahr nach der Winterruhe nicht mehr grün wird, ist er tot. Bilden sich aber neue Blätter, findet auch Wachstum statt, die Jahresringe sind der Beweis dafür. Und das gilt unabhängig vom Alter des Baumes. Dieses Bild kann uneingeschränkt auf (landwirtschaftliche) Unternehmen übertragen werden. Wenn landwirtschaftliche Unternehmen nicht wachsen, sind sie zumindest auf längere Sicht nicht überlebensfähig. Wachstum ist lebensnotwendig!

Unternehmen müssen nicht unbedingt groß sein, sie müssen stark sein
In unserer marktwirtschaftlichen Ordnung befinden sich die Unternehmen immer im Wettbewerb und müssen sich behaupten. Dieser ist in der Landwirtschaft geradezu ein Überlebenskampf, wenn man sich vergegenwärtigt, dass alle 10 Jahre 20 bis 30 % der Betriebe in Deutschland die Hoftore – meist für immer – schließen und der „Rest“ entsprechend immer größer wird. Das damit verbundene Schlagwort vom „Wachsen oder Weichen“ ist seit Jahrzehnten bekannt und wird fast immer automa-tisch und reflexhaft in Verbindung gebracht mit der Forderung nach immer größeren Ställen und immer größeren Bewirtschaftungseinheiten. Da ist es kein Wunder, dass viele Landwirte und ihr wirtschaftliches Umfeld beim Thema Wachstum nur an Kapazitätswachstum denken, und bei erkennbaren Begrenzungen am jeweiligen Standort in große Ängste und scheinbare Ratlosigkeit verfallen. Haben die Akteure vielleicht einen einseitigen oder sogar falschen Wachstumsbegriff?
Ein Unternehmen muss nicht unbedingt groß sein, es muss stark sein (wie z.B. BMW auf dem Automobilmarkt). Das dafür aus ökonomischen Gründen (Stichwort: Kostendegression) bestimmte Mindestgrößen erforderlich sind, ist selbstverständlich und kein Widerspruch. Aber Größe allein sichert keine erfolgreiche Zukunft. Kapazitätswachstum sollte immer zur Verbesserung der Marktstellung (im Einkauf, im Verkauf und bei der Beschaffung von Produktionsfaktoren, hier insbesondere bei der Fläche über Pacht oder Kauf) beitragen und es muss immer mit Produktivitätsverbesserungen einhergehen. Dies gelingt aber nur dem, der die Größe auch beherrscht. Ist das nicht der Fall, weil man z. B. vor lauter eigener körperlicher Arbeit wichtige Aufgaben der Unternehmenskontrolle vernachlässigt, oder mit Fremd-Arbeitskräften nicht umgehen kann, oder Fehler im Ein- und Verkauf nicht abstellt, wird z. B. von Tierhaltern nicht selten im wahrsten Sinne des Wortes „nur Scheiße produziert“. Gewinn und Lebensqualität, nicht Umsatz heißt das unternehmerische und persönliche Ziel! Wachstum ohne Produktivitätsverbesserung ist „Krebs“, der in der Regel vorzeitig zum wirtschaftlichen Tod führt.

Technischer Fortschritt ist treibende Kraft
Vor diesem Hintergrund stellen sich die Herausforderungen für junge Landwirte heute auf vielen auch gut strukturierten und erfolgreich geführten Betrieben etwas anders dar als für ihre Väter. Diese mussten in den meisten Regionen aufgrund der knappen Ausstattung mit Eigentumsflächen vor allem und vorrangig in größere Ställe investieren. Sie waren in der Regel „ökonomisch Getriebene“. Der enorme technische Fortschritt ermöglichte es in den zurückliegenden Jahrzehnten, mit den Familienarbeitskräften das Vielfache an Tieren zu halten und ein Vielfaches der Fläche zu bewirtschaften, als das was ihren Großvätern möglich war. Mit dem wachsenden Angebot an Agrarerzeugnissen sanken real die Preise und nur wer zügig und konsequent nicht nur den Arbeit sparenden, sondern auch den sonstigen technischen Fortschritt (z. B. Züchtung, Organisation) nutzte, konnte bisher wirtschaftlich überleben. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, lautet das hierzu passende Sprichwort.
Wer diese Feststellungen akzeptiert, wird sehr schnell auch einsehen, was Wachstum wirklich bedeutet, nämlich Lernen! Lernen! Lernen!  Lernen, technischen Fortschritt zu erkennen, ihn vielleicht sogar selbst entwickeln, ihn immer aber konsequent zu nutzen. Das geht zweifellos vielfach einher mit Kapazitätserweiterungen, immer aber mit effizienterer Organisation und Erledigung aller Aufgaben der Unternehmensführung. Nur so und nicht anders wird der Einzelne sich immer wieder einen Vorsprung vor den Berufskollegen erarbeiten können. Und weil es vermutlich insgesamt keine Grenzen des Lernens gibt, sondern nur individuelle Begrenztheiten, gibt es auch keine Grenzen des Wachstums.

Was wirksam wird
Für die Zukunft sind zwei Faktoren für die Entwicklung landwirtschaftlicher Unter-nehmen von besonderer Bedeutung.
1. Der technische Fortschritt wird sicherlich wesentlich weniger „Quantensprünge“ aufweisen als in den letzten Jahrzehnten und langsamer verlaufen. Die Verbesserungen in der Arbeitsproduktivität z.B. durch strohlose Haltungssys-teme, durch Arbeitsteilung und Spezialisierung oder durch die Technisierung der Außenwirtschaft lassen sich in dem bisher erlebten Ausmaß nicht wiederholen. Die Zuchtfortschritte in der Tierhaltung werden geringer. Die Ertragszuwächse bei pflanzlichen Kulturen fallen zunehmend kleiner aus. Fortschritte werden vielleicht sogar durch staatliche Vorschriften wieder rückgängig gemacht. Die Diskussionen zu strohlosen Haltungssystemen, zu vermeintlichen Qualzuchten sind ein Hinweis darauf. In der Außenwirtschaft sind durch die Flächen- und Bewirtschaftungsstrukturen zumindest in Westdeutschland klare Grenzen gesetzt. Der technische Fortschritt wird sich verlangsamen. Andererseits werden die Zeiträume, in dem die Mehrzahl der existierenden Unternehmen technischen Fortschritt umsetzen, zunehmend kürzer werden als in der Vergangenheit, weil die „trägen“ Berufskollegen oft schon nicht mehr aktiv sind.
2. Das bisherige Wachstum in der sogenannten flächenunabhängigen Veredelung wird sich in vielen Regionen nicht fortsetzen lassen, weil die Tierhaltung auch bei vollständigem Futterzukauf eben doch flächenabhängig ist. Viele Standorte lassen keine Erweiterungen zu, im Gegenteil: Die räumliche Konzentration ist so weit fortgeschritten, dass in einzelnen Gemeinden der Bogen längst überspannt ist. Die überbetriebliche Verwertung der Nährstoffüberschüsse kostet zunehmend richtig Geld. Der Biogasboom hat die Probleme noch einmal verschärft. Die Flächenkosten steigen enorm an. Sie können aus dem reinen Ackerbau nicht getragen werden und müssen massiv quersubventioniert werden. Die kommende Novellierung der Dünge-Verordnung und eine zunehmende Überwachung der Betriebe werden den ohnehin schon vorhandenen ökonomischen Druck massiv erhöhen.
Die Konsequenzen liegen auf der Hand: In vielen Regionen Westdeutschlands haben junge Landwirte nur noch sehr eingeschränkte Chancen, wenn die elterlichen Betriebe Entwicklungsrückstände aufweisen und man in klassischen Produktionsfeldern investieren möchte. (Ausnahme: es sind umfangreiche Eigentumsflächen verfügbar). Wer aber hinsichtlich der Produkte, der Wertschöpfungstiefe und seiner Ausdauer flexibel, kreativ und anpassungsfähig ist, kann auch unter solchen Voraussetzungen noch erfolgreich Landwirtschaft betreiben.

Potentiale nutzen
Dort wo die Eltern in der Vergangenheit große Produktionskapazitäten aufgebaut haben, kommt es zunächst immer darauf an, die damit verbundenen Einkommenspotentiale auch nachhaltig zu realisieren. Wenn das bisher schon der Fall ist, umso besser. Dann können sich die jungen Menschen zunächst darauf konzentrieren, die oft sehr komplexen und unübersichtlichen Strukturen (landwirtschaftliche Betriebe existieren neben gewerblichen Tierhaltungen und §51a-Gesellschaften mit Dritten sowie weiteren gewerblichen Unternehmungen z.B. zur Biogaserzeugung) kennen und beherrschen  zu lernen. Gleichzeitig hat man hier die Chance, seine Wettbewerbsstellung im Dorf und in der Region weiter auszubauen, weil über die z. T. enorme Eigenkapitalbildung der Kauf oder die Pacht von Ställen und Flächen stark erleichtert ist. Unter solchen Voraussetzungen wird auf diesen Höfen auch heute oft schon mit ständigen Fremdarbeitskräften gearbeitet. Es sind meist mehrere tragende Betriebszweige vorhanden, die jeweils optimal geführt werden müssen. Hier gibt es gute Möglichkeiten, Teilverantwortung zu übertragen und den Hofnachfolger persönlich und unternehmerisch wachsen, d.h. sich entwickeln zu lassen. Der erfolgreiche Umgang mit ständigen Fremd-Arbeitskräften und mit Geschäftspartnern kann hier in besonderer Weise vorgelebt und eingeübt werden. Aus dem jungen Spezialisten für einen Betriebszweig kann so nach und nach auch ein Generalist werden mit den Fähigkeiten, große und sehr große Unternehmungen zu leiten.
Dort wo die vorhandenen Einkommenspotentiale bisher nicht ausreichend genutzt werden können, sind die Herausforderungen oft wesentlich größer. Hier ist es gerade die junge Generation, die die notwendigen Veränderungen bewirken muss. Die ältere Generation ist dazu oft nicht in der Lage, weil sie zumindest teilweise in alten, hier „schlechten“ Gewohnheiten verharrt. In solchen Konstellationen gibt es nicht nur genügend Möglichkeiten sondern sogar die Notwendigkeit, sich zu entfalten und mit den Herausforderungen auch persönlich zu wachsen. Entscheidend wird hier sein, ob die junge Generation die notwendigen Freiräume schon früh eingeräumt bekommt, um mit der Familie gemeinsam die Verbesserungsprozesse einleiten und realisieren zu können, die zum Überleben notwendig sind. In diesem Zusammenhang wird der Satz: „Wachsen heißt Lernen“ ganz besonders anschaulich und verständlich, weil hier mit dem „besser“ auch gleichzeitig mehr und kostengünstiger produziert wird, ohne dass der Baukran aufgestellt werden muss.
Schon vor mehr als dreißig Jahren haben Berater immer wieder davon gesprochen, dass auf den Höfen an den kleinen Schrauben zu drehen sei. Im Nachhinein betrachtet, muss man feststellen, dass vor allem die großen Hebel und Stellschrauben bedient werden mussten, um ausreichende Kapazitäten und Potentiale zu schaffen. Wer parallel auch gleichzeitig die kleinen Schrauben gut eingestellt hat, steht heute hervorragend da. Wer nur die kleinen Schrauben bedient hat, hat oft den Anschluss verpasst.
Wenn sich - wie vermutet - der technische Fortschritt langsamer entwickelt und die objektiven Begrenzungen der Standorte landwirtschaftlicher Produktion wirksam werden, bekommen die vielen kleinen Schrauben zukünftig aber einen ganz anderen Stellenwert. Wem dies zu wenig attraktiv ist, wer weniger geduldig hinsichtlich der betrieblichen Entwicklung ist und wer vor allem „große Räder“ drehen will, der muss zukünftig in vielen Fällen bereit sein, sich einen anderen Standort als den des elterlichen Betriebes zu suchen. Die Chancen dafür sind in Europa nicht schlecht. Niederländer und Dänen machten es den Deutschen in Ostdeutschland und Osteuropa häufig vor. Und hier galt ganz besonders: Wachsen heißt Lernen!

Zusammenfassung:
Es gibt keine Grenzen des Wachstums, weil es grundsätzlich keine Grenzen des Lernens gibt. Erfolgreiche Unternehmen sind nicht immer besonders groß. Sie sind stark und wettbewerbsfähig, weil technischer Fortschritt in seiner ganzen Vielfalt zügig und konsequent umgesetzt und das „Handwerk“ der Unternehmensführung beherrscht wird. Junge Landwirte finden als (potentielle) Hofnachfolger sehr unter-schiedliche betriebliche Voraussetzungen vor. An manchen Standorten in West-deutschland ist das klassische, bisher erlebte Betriebswachstum nicht mehr möglich. In der Vergangenheit sind von der Elterngeneration oft Kapazitäten und damit verbundene Einkommenspotentiale geschaffen worden, die in ihrer Größe und Komplexität beherrscht werden müssen. Dies zu lernen ist oft eine große Herausforderung für junge landwirtschaftliche Unternehmer. Wer dies schafft, wird auch in Zukunft über Flächen- und Stallerwerb am angestammten Standort erfolgreich wachsen können. Wer als junger landwirtschaftlicher Unternehmer ganz besondere Herausforderungen sucht, muss in aller Regel bereit sein, die Heimatregion zu verlassen.


Kontakt:
Arnold Krämer
Leiter Bezirksstelle Emsland
Telefon: 05931 403-101
Telefax: 05931 403-111
E-Mail:


Stand: 11.11.2013