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Wachstum in der Schweinemast- Was geht noch?

Die Novelle des Baugesetzbuches, die Filtererlasse in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die Tierschutzdebatte sowie anstehende Änderungen der Düngeverordnung und der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung verursachen in schweinehaltenden Betrieben erhebliche Planungsunsicherheiten und zusätzliche Kosten. Was ist bei Wachstumsüberlegungen zu beachten und wie rechnen sich diese unter den neuen gesetzlichen Vorgaben?

In diesem Jahr wurde das Baugesetzbuch novelliert. Danach verlieren baurechtlich nichtlandwirtschaftliche Stallbauvorhaben ihren Anspruch auf Genehmigung im Außenbereich, wenn die Größenordnungen einer standortbezogenen Vorprüfung der Umweltverträglichkeit (1.500 Schweinemastplätze, 560 Sauen oder 4.500 Aufzuchtferkel) überschritten werden. Sie können dann nur noch mit einem Bebauungsplan realisiert werden. Damit unterliegen sie der Planungshoheit der Kommunen und es gibt keinen Rechtsanspruch mehr. Baurechtlich nichtlandwirtschaftlich bedeutet ohne überwiegend eigene Futtergrundlage. Für 1.500 Schweinemastplätze sind ca. 55 ha Futterfläche nachzuweisen. Die flächengebundene Schweinehaltung hat damit deutlich an Bedeutung gewonnen. Somit können in einzelbetrieblichen Pacht- oder Kaufpreiskalkulationen neuerdings neben einer angestrebten Wirtschaftsdüngerverwertung auf eigenen Flächen, steuerlichen Aspekten auch baurechtliche Gründe für eine scheinbar „überteuerte“ Flächenpacht sprechen. Insbesondere wenn die letzten „Hektare“ darüber entscheiden, ob ein Stall steuerlich aufgrund der Vieheinheitenregelung und/oder baurechtlich aufgrund der geforderten Futterfläche gewerblich eingestuft wird, werden sehr hohe Pachtpreise gezahlt.

 In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind mit der Einführung der Filtererlasse bei Neubauten ab einer Größenordnung von 2.000 Schweinemastplätzen, 750 Sauenplätzen sowie bei 6.000 Ferkelaufzuchtplätzen Abluftreinigungsanlagen vorgeschrieben, die Staub, Ammoniak und Geruch abscheiden. Der Filter ist danach auch erforderlich, wenn keine nachteiligen Wirkungen für Anwohner und Umwelt zu erwarten sind. Die Erlasse sehen unter bestimmten Bedingungen auch die Nachrüstung vorhandener Stallanlagen ab 1.500 Mastplätzen mit Filter vor. Der Nachweis der Abscheidung laut Filtererlass ist erbracht, wenn die Anlagen DLG zertifiziert sind. Die Installation derartiger Abluftreinigungsanlagen verursacht erhebliche Mehrkosten. Kostengünstigere Biofilter, bei denen die Abluft durch organische Materialien wie Hackschnitzel gedrückt wird, sind zur Verminderung von Ammoniak nach den Anforderungen der DLG und damit für den Filtererlass nicht zugelassen. Hier kommen nur Rieselbettfilter, chemische Wäscher mit biologischer Stufe und die sogenannten kombinierten Anlagen mit 2 oder 3 Stufen in Frage. 

Auswirkungen auf den Einzelbetrieb

Im Folgenden soll an einem Beispielsbetrieb aufgezeigt werden, wie sich die neuen rechtlichen Regelungen auf einen bestehenden Schweinemastbetrieb auswirken können. Der ausgewählte Betrieb hat zurzeit 2.100 Schweinemastplätze auf einer Hofstelle und bewirtschaftet 135 ha LF. 64 ha LF sind für durchschnittlich 760 €/ha gepachtet. Die anfallende Gülle kann auf eigenen Flächen verwertet werden. Die Phosphatbilanz des Betriebes ist ausgeglichen. Es werden 5.880 Mastschweine im Jahr verkauft. Die Ferkel werden mit ca. 31 kg zugekauft und es werden 5.880 Mastschweine und damit 5.880 * 0,10 Vieheinheiten (VE) = 588 VE erzeugt. Aufgrund der vorhandenen Fläche dürfen 592 VE erzeugt werden, so dass der Betrieb steuerrechtlich landwirtschaftlich ist und für die Umsatzsteuer pauschaliert. Die erzielten Leistungen liegen mit 28 € je Schwein im oberen Viertel, so dass der Betrieb im langjährigen Mittel einen Gewinn in Höhe von 153.309 € erreicht. 

Nachträgliche Anordnung der Abluftreinigung

Würde dieser Betrieb zum Beispiel aufgrund der in Niedersachsen vorgesehenen Überprüfung und Feststellung des Nichteinhaltens von notwendigen Abständen zu empfindlichen Pflanzen und Ökosystemen eine Abluftreinigungsanlage nachrüsten müssen, so könnte sich die wirtschaftliche Situation des Betriebes wie folgt verändern: Es wird angenommen, dass der Filter für 100.000 € brutto und der notwendige Lagerraum mit ca. 700 cbm (Lagerdauer 8 Monate) für das Abschlämmwasser für 40.000 € brutto errichtet werden kann. Damit wird jedes erzeugte Mastschwein mit zusätzlichen Festkosten (AfA, Zinsen, Unterhaltung) in Höhe von 2,82 € (s. Übersicht 1) belastet. Hinzu kommen 3,97 € für den Betrieb des Filters (Strom, Säure, Wartung, Frischwasser, Arbeit, Ausbringkosten Abschlämmwasser), d. h. ca. 7 € je Schwein bzw. bei 2,8 Umtrieben ca. 19 € je Mastplatz. Damit würde der Gewinn des Betriebes um 39.637 € auf 113.672 € sinken (s. Übersicht 2). Einzelbetrieblich können diese Werte je nach vorhandenen Verhältnissen, Anforderungen der Genehmigungsbehörde und Anlagentyp der Abluftreinigung erheblich schwanken.

 Neubau Maststall ohne Filter

 Plant dieser Betrieb die Erweiterung der Schweinemast um 1.500 Mastplätze auf insgesamt 3.600 Mastplätze, so ist zu prüfen, ob die überwiegend eigene Futtergrundlage für ein baurechtlich privilegiertes Bauvorhaben im Außenbereich gegeben ist. Für die 3.600 Mastplätze sind ca. 130 ha Futterfläche erforderlich, so dass die vorhandene Fläche reichen würde. Allerdings sind 64 ha der 135 ha LF gepachtet und bei der Anrechnung von Pachtflächen als Futterflächen durch die Baugenehmigungsbehörden ist noch einiges unklar. Erste Rechtsprechungen besagen, dass die Pachtflächen langfristig gesichert sein müssen. Der unbestimmte Rechtsbegriff „langfristig“ wird derzeit von den Genehmigungsbehörden allerdings unterschiedlich ausgelegt. 

Als nächstes ist zu ermitteln, ob der neue Stall steuerrechtlich landwirtschaftlich und damit umsatzsteuerlich pauschalierend betrieben werden kann. Der Betrieb erzeugt 10.080 Mastschweine * 0,10 VE = 1008 Vieheinheiten. Dafür wären 412 ha LF erforderlich. Der neue Stall soll daher in einer Kooperation gemäß § 51 a Bewertungsgesetz (BewG) zusammen mit einem Ackerbaubetrieb als Kommanditgesellschaft (KG) betrieben werden. Der Ackerbaubetrieb erhält die Gülle kostenneutral und ein Entgelt in Höhe von 4.200 € für die 420 zur Verfügung gestellten Vieheinheiten. Außerdem entstehen Kosten für eine zusätzliche Buchführung, die hier mit 3.000 € veranschlagt wurden. Für zusätzliche Beiträge zur Berufsgenossenschaft und sonstige Betriebsausgaben wurden 2.900 € angesetzt. An zusätzlichen Lohnkosten sind 13.500 € (1.500 Mastplätze * 0,5 Akh/Platz * 18 €/Akh) berechnet. Der neue Stall soll für 500 € brutto je Mastplatz, insgesamt für 750.000 € erstellt werden. Für das Umlaufkapital sind 217.000 € berechnet. Der Stallneubau wird mit Fremdmitteln finanziert. Der Gewinn könnte unter diesen Annahmen um 41.707 € auf 195.016 € steigen, wobei der zusätzliche Arbeitsaufwand bereits mit 18 € je Stunde entlohnt und das eingesetzte Kapital mit 2,8 % verzinst wurde. 

Neubau Maststall mit Filter

Liegt der oben genannte Betrieb in einer viehintensiven Region in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen, so greift für diesen Betrieb der Filtererlass, wenn der neue Stall nicht als getrennte Anlage mit eigener Erschließung, getrennter Versorgung und steuerlicher Trennung realisiert werden kann. Mit 3.600 Schweinemastplätzen in einer Anlage ist für den neuen Stall eine Abluftreinigung, die Ammoniak, Staub und Geruch abscheidet, vorzusehen. Für den Filter wird ein Investitionsvolumen von 75.630 € netto und für den Lagerraum (Lagerdauer 8 Monate) für das Abschlämmwasser 25.210 € netto veranschlagt. Zudem wird unterstellt, dass der Betrieb in einer viehintensiven Region steuerrechtlich gewerblich als eigenständiger Gewerbebetrieb eingerichtet wird. Die anfallenden 1.800 cbm Gülle werden für 10 €/cbm überbetrieblich verwertet, so dass zusätzliche Kosten in Höhe von 18.000 € netto entstehen. Das anfallende Abschlämmwasser kann im vorhandenen landwirtschaftlichen Stammbetrieb verwertet werden, da die Stickstoffbilanz noch einen Bedarf 8.100 kg N aufweist, obwohl die Phosphatbilanz bereits ausgeglichen ist. Für die Ausbringung der 750 cbm Abschlämmwasser auf die eigenen Flächen werden 1.500 € veranschlagt. Der Gewinn sinkt durch diese Investition aufgrund der hohen „Zusatzkosten“, wie Filter, überbetriebliche Gülleverbringung und steuerliche Gewerblichkeit von 153.309 € auf 137.104 €. 

Fazit

Die Novelle des Baugesetzbuches, die Filtererlasse, anstehende Veränderungen der Düngeverordnung und der Tierschutznutztierhaltungsverordnung verursachen in Schweinehaltungsbetrieben hohe Kosten und erhebliche Planungsunsicherheiten. Eine mögliche Nachrüstung von Abluftreinigungsanlagen in Schweinehaltenden Betrieben führt zu hohen wirtschaftlichen Verlusten.Technische Entwicklungen mit Kostensenkungspotenzial bei den Abluftreinigungsanlagen sind daher dringend erforderlich.Neue Wachstumsgrenzen ergeben sich über den Filtererlass (2.000 Mastplätze, 750 Sauenplätze, 6.000 Ferkelplätze) oder über die Novelle des Baugesetzbuches bei baurechtlich gewerblichen Anlagen (1.500 Mastplätz, 560 Sauenplätze, 4.500 Ferkelplätze). Interessant werden Überlegungen, wie getrennte Anlagen unterhalb dieser Größenordnungen realisiert werden können. 

Flächenarme Veredelungsbetriebe in viehintensiven Regionen stoßen an absolute Wachstumsgrenzen aufgrund der Novelle des Baugesetzbuches sowie an wirtschaftliche Wachstumsgrenzen aufgrund der hohen Kosten für eine Abluftreinigung, für die Gülleverwertung und für die steuerliche Gewerblichkeit. In diesen Betrieben wird man sich zukünftig verstärkt auf qualitatives Wachstum (Leistungsreserven heben), die Erweiterung über Pacht oder Kauf von Nachbarbetrieben und Möglichkeiten der Diversifizierung (auch außerlandwirtschaftlich) konzentrieren. 

In flächen- und leistungsstarken Betrieben in Ackerbauregionen, insbesondere wenn die Gülle kostenneutral oder mit einem Düngewert verwertet werden kann und zudem keine Abluftreinigung erforderlich ist, ist eine Investition in die Schweinehaltung nach wie vor wirtschaftlich interessant. 

Zukünftig werden neben der Unternehmerpersönlichkeit, dem Leistungsniveau, den finanziellen und arbeitswirtschaftlichen Möglichkeiten insbesondere die Flächenausstattung des Unternehmens (Steuerlich und baurechtlich landwirtschaftliche oder gewerbliche Schweinehaltung?) und der Standort (Güllewert oder Kosten für die überbetriebliche Gülleverwertung? Abluftreinigung erforderlich - ja oder nein?) über die Wirtschaftlichkeit eines Stallneubaus in der Schweinehaltung entscheiden. Eine individuelle, strategische Entwicklungsplanung wird unabdingbar sein. Dabei sind Überlegungen einer Verlagerung des Produktionsstandortes von einem viehintensiven Standort in eine vieharme Region einzubeziehen. Außerdem ist zukünftig ein geschicktes Bauantragsmanagement für Stallneubauten unumgänglich. Letzteres trifft viehintensive Regionen mit vornehmlichen Fragen zur Abluftreinigung und zur Steuerung von Tierhaltungen über die Bauleitplanung wie auch vieharme Regionen mit vermehrten Fragen zur Öffentlichkeitsarbeit, zum privilegierten Bauen mit überwiegend eigener Futtergrundlage sowie zur Produktionstechnik und zur steuerlichen Optimierung gleichermaßen.

 


Kontakt:
Ruth Beverborg
Fachreferentin Betriebswirtschaft, Wirtschaftsberatung
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Stand: 10.12.2013