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Zu jedem Zweck die richtige Kreditform wählen

Dank des niedrigen Zinsniveaus gibt es Kredite inzwischen schon fast umsonst. Da somit zwar Zinszahlungen fast entfallen, aber die Rückzahlung des geliehenen Geldes trotzdem erheblichen Kapitaldienst erfordert, ist die Wahl der richtigen Kreditform immer noch mitentscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg der finanzierten Investition. Welche Kriterien zu beachten sind, damit zum Finanzierungszweck auch der richtige Kredit gefunden wird, wird in diesem Beitrag diskutiert.

Die Finanzierung optimal gestalten! Diese Forderung immer zu erfüllen ist gar nicht so einfach. Neben den unterschiedlichen Kreditformen spielen dabei nämlich auch die finanziellen Spielräume des Unternehmens eine Rolle. Es nützt nichts, wenn der Kredit extrem günstig ist, die Liquiditätsentwicklung aber die erforderlichen Kapitaldienstzahlungen nicht zulässt. Deswegen sind folgende Bereiche zu analysieren

1. Welche Kreditform ist sinnvoll?


2. Welcher jährliche Kapitaldienst ist tragbar?
3. Wann steht die erforderliche Liquidität zur Verfügung?
4. Wie lange soll ich die Konditionen festschreiben?

1. Die Kreditformen
Prinzipiell sind sechs verschiedene Formen der Kreditbeschaffung unterscheidbar. Der Überziehung des Girokontos (Nr. 1) sehr ähnlich ist die Aufnahme von Lieferanten- oder Händlerkrediten (Nr. 2). Beide sind innerhalb des vereinbarten Gesamtrahmens sowohl im Abruf als auch in der Rückzahlung sehr flexibel sind: Es muss immer nur der tatsächliche Bedarf und nicht der Gesamtrahmen genutzt werden. Allerdings sind meist die Zinsen deutlich höher. Je nach Verhandlungsgeschick sind Zinssätze zwischen 6 und 12% möglich. Zudem gibt es richtig Schwierigkeiten, wenn der vereinbarte Kreditrahmen mal überschritten wird. Welche Finanzierungsfehler hier passieren können, zeigt Abbildung 1.
Zunächst war auf dem Girokonto ein ständig zu hoher Kontostand, der durch eine Geldanlage angepasst wurde. Dann wurde im Vertrauen auf baldige Erlöseingänge eine Investition übers Girokonto „zwischenfinanziert“. Statt der erwarteten Erlöse entstand so ein „eingefrorener“ Kontokorrentkredit. Durch den laufenden Zahlungsverkehr wurde dann sogar der vereinbarte Höchstbetrag für die Kontoüberziehung (Dispokredit) zweimal überschritten. Dafür gibt es einen negativen „Schufa“-Eintrag und ein Schreiben der Bank, mit dem der Kontoausgleich durch Umfinanzierung der Investition angeboten wird.
Beim  Händler-/Lieferantenkredit ist es ähnlich. Vielleicht sind die Zinsen günstiger, aber Vorsicht: Wer den Kontostand durch die Verrechnung einer Warenlieferung ausgleicht, kann nicht mehr verhandeln sondern nur noch zu einem vielleicht schlechteren Preis abliefern.
Ebenfalls zur Finanzierung des Tagesgeschäftes dienen die Betriebsmittelkredite (Nr. 3). Hier wird mit Laufzeiten von maximal einer Produktionsperiode der Abruf eines bestimmten Gesamtbetrages innerhalb bestimmter Fristen ebenso vertraglich fixiert wie die Termine und die Teilbeträge der Rückzahlung. Hier geht die Flexibilität bei der Inanspruchnahme verloren, dafür wird aber der Zinssatz deutlich günstiger (aktuell 4-6%).
Zur Finanzierung von Investitionsgütern sollten länger laufende Kredite genutzt werden. Hier werden Tilgungsdarlehen (Nr. 4), Annuitätendarlehen (Nr. 5) und Festdarlehen (Nr. 6) unterschieden.
Während bei Tilgungsdarlehen jedes Jahr der gleiche Betrag zurückgezahlt (getilgt) wird und sich deshalb durch die sinkende Zinslast ein abnehmender Kapitaldienst ergibt, steigt bei Annuitätendarlehen die Tilgung entsprechend dem Zinsrückgang an, so dass der Kapitaldienst konstant bleibt. Festdarlehen zeichnen sich dadurch aus, dass über die ganze Laufzeit nur die Zinsen gezahlt werden und eine Kreditrückzahlung erst am Ende der Laufzeit in einem Betrag erfolgt.
Wie in Abbildung 2 gezeigt, „kostet“ ein Annuitätendarlehen über 116.000 € bei 10 Jahren Laufzeit und 5% Zinsen etwa 15.023 €/Jahr, während ein Tilgungsdarlehen mit anfänglich 17.400 € zunächst mehr und am Schluss mit 12.180 € deutlich weniger „kostet“. Das Festdarlehen ist zunächst für 5.800 € zu haben, allerdings wird im letzten Jahr auch die Rückzahlung erforderlich und dann sind es 121.800 €. Werden die Gesamtzahlungen verglichen, so sind für das Tilgungsdarlehen 31.900 € an Zinsen fällig und für das Annuitätendarlehen sind es 34.225 €, während im Festdarlehen insgesamt 58.000 € an Zinsen gezahlt werden müssen. Je schneller das Darlehen zurückgezahlt wird, desto geringer ist die Summe der zu zahlenden Zinsen.
Soll also möglichst schnell zurückgezahlt werden, bieten sich Tilgungsdarlehen an. Wird dann auch noch eine Sondertilgungsmöglichkeit vereinbart – üblich sind bis zu 10% des Kreditbetrages – erhöht dies den Tilgungsspielraum und die Flexibilität beträchtlich. Tilgungsdarlehen werden meistens für Maschinenfinanzierungen eingesetzt, weil dort mit zunehmendem Alter und steigender Abnutzung das Reparaturkostenrisiko steigt; dann ist es gut, wenn der Kapitaldienst rückläufig ist.
Sind dagegen über einen längeren Zeitraum keine oder nur geringe Reparaturkostensteigerungen zu erwarten (wie z. B. bei Gebäudehüllen), so sind Annuitätendarlehen wegen der konstanten Ratenhöhe bei liquiditätsschonendem geringeren Ausgangsniveau attraktiver. Annuitätendarlehen werden bankseitig auch vorgeschlagen, wenn aufgelaufene Schulden umfinanziert werden sollen, weil man sie schon länger nicht losgeworden ist.
Festdarlehen bieten sich immer dann an, wenn am Ende der Kreditlaufzeit entweder das Objekt zu annähernd dem anfänglichen Kaufpreis wieder verkauft werden kann oder andere sichere Geldquellen die fällige Tilgung abdecken können. Wer dafür aber auf zukünftige Baulandverkäufe, Erbschaften oder Lottogewinne setzt, verspekuliert sich damit meistens. Auch das oft angepriesene Modell der Kombifinanzierung aus einem betrieblich absetzbaren Kredit und einer Ansparung im Privatbereich ist bei genauerer Analyse häufig nur für die Bank und den Vermittler (Provision) vorteilhaft. Für den Kreditnehmer rechnet es sich nur in Extremszenarien, wenn geringe Unterschiede zwischen dem Spar- und dem Kreditzins, sehr hohe Grenzsteuersätze und noch nicht ausgeschöpfte Sparer-Freibeträge gleichzeitig auftreten. Die Kombination der letzten beiden ist allerdings eher selten. Die einzig sinnvolle Einsatzmöglichkeit für Festdarlehen ist die Finanzierung wertbeständiger Objekte wie Immobilien an Gunststandorten oder Landkäufe.
2. Kreditlaufzeit an Nutzungsdauer anpassen
Billiges Geld darf nicht dazu verleiten, Kredite mit besonders langer Laufzeit zu wählen. Hier gilt es, die goldene Finanzierungsregel zu beachten: „Die Kreditlaufzeit sollte maximal so lang sein wie die wirtschaftliche Nutzungsdauer des finanzierten Objektes – aber auch nicht wesentlich kürzer.“.
Sind Maschinen zu finanzieren, so sollten sich die Kreditlaufzeiten zwischen 4 und 8 Jahren bewegen. Kürzere Laufzeiten werden kaum tragbar sein, wenn die Maschine ihren Kapitaldienst selbst verdienen soll (z. B. über den Maschinenring oder beim Lohnunternehmer) und bei längeren Laufzeiten steigt das Risiko, dass die Maschine bereits abgängig ist und dann die Ersatzmaschine nicht nur ihre eigene Finanzierung sondern auch noch Teile der Finanzierung der Vorgängerin tragen muss.
Für Finanzierungen von Gebäudehüllen können durchaus 20 bis 25 Jahre Laufzeit vereinbart werden. Weil bei Immobilien derartige Planungshorizonte nicht unüblich sind, machen Laufzeiten unter 10 Jahren dafür wenig Sinn.
Ferner sollte in diesem Zusammenhang geprüft werden, ab wann die Investition selbst Erlöse erbringt, die zu Ihrer Finanzierung mit beitragen können. Für Maschinen passiert dies meist im ersten Jahr, so dass hier kein tilgungsfreies Jahr erforderlich ist. Werden dagegen in der Tierhaltung neue Kapazitäten geschaffen, vergehen zwischen den ersten Planungen und den ersten Erlösen aus der Produktion oft mehr als ein Jahr. Dieser Zeitraum sollte durch Vereinbarung von tilgungsfreien Jahren tilgungsfrei gestellt werden, um in der Phase, wo noch keine Erlöse fließen, die Liquiditätsbelastung so gering wie möglich zu halten. Werden die in dieser Zeit erforderlichen Zinsen als Zwischenfinanzierungskosten in den Gesamtkapitalbedarf mit eingeplant. So lässt sich die Liquidität auch vollständig schonen. Dies belastet den späteren Kapitaldienst aber dann zusätzlich.

3. Liquiditätsverlauf im Unternehmen prüfen
Anhand der Entwicklung der summierten Kontostände ist schnell feststellbar, wann im Jahr das Liquiditätspolster besonders gut ist und wann finanzielle Durststrecken entstehen. So ist für reine Ackerbaubetriebe zu erwarten, dass spätestens ab Mitte Mai, wenn nur noch Ausgaben anfallen, die Liquidität besonders zurückgeht und oft im September erhebliche Anteile der Ernte verkauft werden müssen, um Liquidität für die anstehenden Pachtzahlungen und den neuen Betriebsmittelbedarf bereit zu stellen. Wenn dann im Dezember mit einer Entspannung durch die Prämienzahlungen aus Brüssel gerechnet werden kann, macht es Sinn, jährliche Kapitaldienstzahlungen zu vereinbaren.
Wenn im Betrieb aufgrund relativ regelmäßiger monatlicher Verkäufe ein gleichmäßiger Liquiditätsverlauf auftritt, sind monatliche Raten für den Kapitaldienst sinnvoller, weil da die Belastung gleichmäßiger und in viel kleineren Schritten auftritt.
Leider gibt es beide Optionen bei der Rentenbank, die ansonsten meist durch sehr günstige Konditionen auffällt, (noch) nicht. Dort sind nur viertel- oder halbjährliche Kapitaldienstzahlungen möglich.

4. Konditionenfestschreibung nach Plan
Wer einen Kredit aufnimmt, geht einen Vertrag ein und bindet sich damit für die sogenannte Festschreibungsdauer sowohl an den Zinssatz, als auch an die Ratenhöhe und die Zahlungstermine. Soll davon abgewichen werden, ist dies nur in gegenseitigem Einvernehmen möglich. Das Aussetzen einzelner Raten in wirtschaftlich schlechteren Phasen ist auch im Interesse der Bank, wenn dadurch die langfristige Zahlungsfähigkeit erhalten bleibt und deshalb meist gegen eine geringe Gebühr machbar.
Anders sieht es beim vorzeitigen Ausstieg aus dem Gesamtvertrag aus, den sich die Bank meist mit einer saftigen Vorfälligkeitsentschädigung vergüten lässt. Obwohl es für deren Berechnung inzwischen gesetzliche Vorgaben gibt, kommen hier schnell 4- bis 5-stellige Beträge zustande, so dass sich der Ausstieg nur dann lohnt, wenn bei der Neufestschreibung deutlich günstigere Zinsen realisierbar sind und zudem das Zinsniveau in der nächsten Zeit deutlich steigen wird.
Aktuell kann man aber mit Festschreibungen von 5 bis 10 Jahren nicht viel falsch machen. Längere Festschreibungen sind auch möglich und das EU-Recht besagt, dass ein Ausstieg aus Festschreibungen nach dem 10. Jahr sogar ohne Vorfälligkeitsentschädigung möglich ist. Deshalb sollte die Festschreibungsdauer aktuell eher länger als kürzer sein, dann wird man auch nicht von steigenden Zinsen überrascht.

Fazit
In der Übersicht 1 sind noch einmal die wichtigsten Aspekte der diskutierten sechs Finanzierungsmöglichkeiten nebeneinander gestellt.
Wer sich bei der Kreditauswahl Gedanken zu Form, Laufzeit, Bindungsdauer, Tilgungsbeginn und Ratenzahl macht, bei der Hausbank auch nach Rentenbankmitteln fragt und noch ein Angebot vom Mitbewerber einholt, der sich bei Interesse an Neukunden oft richtig anstrengt, hat die wesentlichen Parameter im Blick. Die A-, B- oder C-Konditionen werden ohnehin durch gute Produktionstechnik und langfristig vorbildliches Verhalten gegenüber der Bank auf anderen Gebieten als in der direkten Abfrage bestimmt.

Unterstützung bei der  Auswahl der richtigen Kreditform erhalten Sie bei Ihren betriebswirtschaftlichen Beratern vor Ort. 


Kontakt:
Dr. Mathias Schindler
Unternehmensberatung, Betriebswirtschaft
Telefon: 0511 3665-4350
Telefax: 0511 3665-994350
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Stand: 03.06.2015