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Reagieren, bevor die Ampel rot zeigt

Liquidität, Stabilität, Rentabilität: Das magische Dreieck der Unternehmensführung! Auf vielen Betrieben bereitet die mangelnde Zahlungsfähigkeit derzeit Kopfzerbrechen. Fallende Erzeugerpreise, schwankende Märkte und hohe Tilgungsleistungen lassen die Reserven schrumpfen.

Landwirtschaftliche Betriebe reagieren zunehmend anfälliger auf Preisschwankungen. Der steigende Fremdkapitalanteil, zusätzliche Mitarbeiter und der erhöhte Pachtflächenanteil verlangen von den spezialisierten Unternehmen eine zunehmend vollkostendeckende Produktion. Ein individuelles Risikomanagement mit Fokus auf die Liquidität ist überlebenswichtig für alle Betriebe, insbesondere für wachsende Unternehmen.

Durch das aktuell langanhaltende Preistief bei tierischen Produkten wirkt finanzieller Druck auf die Betriebe. Die Talsohle an den Märkten scheint noch nicht erreicht zu sein, gleichzeitig belasten Steuervorauszahlungen und -nachzahlungen sowie Kapitaldienste vorangegangener Investitionen die Zahlungsfähigkeit der Betriebe - rote Zahlen auf den Betriebskonten sind die Folge.

Finanzierungskraft ermitteln

Bernd Wessels bewirtschaftet einen Betrieb mit 240 Sauen und 85 ha landwirtschaftlicher Fläche. Der Großteil der erzeugten Ferkel wird nach der Aufzucht verkauft, nur ein geringer Teil wird bis zur Schlachtreife selbst gemästet. Die Erlöspreise der Ferkel orientieren sich an der Nordwest Ferkelnotierung für 200er Ferkelpartien und 25 kg Lebendgewicht. Preiszuschläge werden für erhöhte Ferkelgewichte, große Ferkelgruppen und den erreichten Impfstatus erzielt. Leider fallen mit den derzeit niedrigen Ferkelpreisen auch die Zuschläge geringer aus. Getreide und Silomais bestimmen die Nutzung der Ackerflächen, die Ernte wird direkt an den Landhandel bzw. der Mais an die nahegelegene Biogasanlage verkauft.

Aufgrund des derzeit niedrigen Ferkelpreises befürchtet Wessels in einen Liquiditätsengpass zu geraten. Kann er seinen Zahlungsverpflichtungen überhaupt noch nachkommen? Der junge Betriebsleiter möchte den Cashflow, eine Kennzahl der Liquidität, berechnen. Übersetzt bedeutet das Wort Cashflow „Finanzierungskraft“. Der Cashflow I gibt an, wie viel Geld innerhalb einer Periode für Privatentnahmen, Tilgung und Investitionen zur Verfügung steht. Die Zwischengröße Cashflow II errechnet, wie viel Geld für die Ablösung lang- und mittelfristiger Verbindlichkeiten, für die Ausschüttung von Gewinnen sowie für Investitionen zur Verfügung steht. Cashflow III ermittelt abschließend den Geldbetrag, der nach Abzug von Tilgungen für Ersatz- und Neuinvestitionen übrig bleibt (sh. pdf-Dateianhang Berechnung Cashflow).

Bernd Wessels nimmt seinen letzten Jahresabschluss zur Hand. Die Berechnung der Liquiditätskennzahl ist unter Zuhilfenahme der BMEL-Codes ganz einfach! Enthält Ihr Jahresabschluss diese Codes nicht, können Sie einen entsprechenden Jahresabschluss bei Ihrer Buchstelle anfordern.

Aufgrund der geringeren Ferkelpreise weist sich der Cashflow III mit nur 10.000 € positiv aus – nicht gerade viel für Ersatz- und Neuinvestitionen. Allein durch unverhoffte Reparaturen könnte dieses „Polster“ sehr schnell aufgebraucht sein. Wessels überschlägige Berechnung zeigt: Bei 6.700 verkauften Ferkeln pro Jahr reicht schon eine Preisreduzierung von 1,50 € je Ferkel aus, damit der Cashflow III ins Negative rutscht.

Ein negativer Cashflow III bedeutet, dass ein Teil der Auszahlungen in der betrachteten Periode nicht durch die Einzahlungen gedeckt werden kann. Es würde ein Fehlbetrag entstehen, der z.B. durch die Inanspruchnahme kurzfristiger Kredite gedeckt werden müsste.

Im letzten Wirtschaftsjahr war die Liquidität auf dem Betrieb Wessels gegeben, alle Rechnungen konnten bezahlt werden – jedenfalls zum Bilanzstichtag, wie die Kennzahlberechnung zeigt. Wie aber wird sich die Liquiditätssituation in den kommenden Monaten darstellen?

Märkte unter Druck

Die geringen Erlöspreise auf dem Schlachtschweinemarkt spiegeln sich auf den Ferkelmarkt wieder. Im Durchschnitt des Wirtschaftsjahres (WJ) 2013/14 wurden die Ferkel (Nord-West Notierung, auf 25 kg-Basis, 200er Gruppen) mit 53 €/Ferkel netto ohne jegliche Zuschläge notiert bzw. mit 69 €/Ferkel brutto inkl. Zuschlägen. Im folgenden WJ 2014/15 sank die Notierung um durchschnittlich ca. 10 € auf 42 €/Ferkel netto bzw. auf 58 €/Ferkel brutto inkl. Zuschlägen. Die Prognose für das WJ 2015/16 sieht zurzeit ähnlich schwach aus.

Wie aus der Grafik  hervorgeht (sh. pdf-Dateianhang Marktchart Ferkelpreise), liegen die durchschnittlichen Direktkosten der Ferkelerzeugung bei knapp 47 €/Ferkel brutto (im Schnitt der letzten beiden Wirtschaftsjahre, geschätzt für das WJ 2014/15) bei einem Gewicht von gut 30 kg. Als Direktkosten werden die Kosten für Bestandsergänzung, Futter, Tierarzt, Besamung, Strom, Wasser, Versicherungen und Tierseuchenkasse bezeichnet. Gleichzeitig sind die Vollkosten der Ferkelerzeugung in der Grafik 1 mit knapp 67 €/Ferkel abgetragen, denn wer in neuen Ställen wirtschaftet und mit zusätzlichen Arbeitskräften arbeitet, hat einen höheren Kostenansatz. Für die Errechnung der Vollkosten werden je Sau 11 Akh zu je 18 €/Akh berechnet, sowie 333 € brutto je Sau für Abschreibung, Zinsen und Unterhaltung der Ställe.

Im WJ 2014/15 wurde im Herbst/ Winter ein deutliches Preistief verzeichnet. Die Direktkosten der Ferkelerzeugung konnten dabei zwar gerade gedeckt werden, die Vollkosten aber nicht. Ein ökonomischer Grundsatz besagt: Sind die Direktkosten nicht gedeckt, lohnt sich die Produktion nicht. Diesen Grundsatz kann zwar von einem Schweinemäster umgesetzt werden, in dem die Wiederbelegung der Ställe terminlich geschoben wird, für einen Ferkelerzeuger kann dieses bekanntlich nicht gelten.

Liquiditätsplan erstellen

Betriebsleiter Wessels ist in Anbetracht der jetzigen Ferkelpreise und der Marktprognosen alarmiert. Wie kann er die Liquiditätssituation der nächsten Monate abschätzen? Mit Hilfe eines Liquiditätsplans möchte Wessels alle monatlich anfallenden Einzahlungen und Auszahlungen gegenüberstellen (Tipp: Eine Excel Anwendung können Sie bei Renke Harms (renke.harms@lwk-niedersachsen.de) anfordern). Die Differenz zwischen Einzahlungen und Auszahlungen verändert den Kontostand und zeigt damit direkt die „kritischen“ Monate an. Um nun einen Blick in die Glaskugel zu erhalten, spiegelt Wessels die Zahlungen des letzten Wirtschaftsjahres in die Zukunft, passt dabei aber beispielsweise die Höhe der Betriebsprämien (jährliche Abnahme der Prämienhöhe) und die des Kapitaldienstes (ebenfalls jährlich abnehmend falls keine neuen Investitionen) an.

Wie aber werden sich die Ferkelpreise, die wichtigste Einnahmequelle des Betriebs, entwickeln? Neben der saisonal schwachen Preisphase spielt der voraussichtlich schwache Schweinefleischpreis eine große Rolle bei der Notierung der Ferkel. Bernd Wessels hält drei Preisszenarien bis zum Sommer 2016 für möglich. Es wird unterstellt, dass die Zuschläge bei besserer Marktlage sich positiv entwickeln.

  • Szenario 1: Die Märkte erholen sich überdurchschnittlich gut und die Ferkelnotierung steigt, wie auch im Wirtschaftsjahr 2013/14, auf durchschnittlich 53 €/Ferkel netto bzw. auf 74 €/Ferkel brutto inkl. Zuschlägen (14 €/Ferkel) bis zum Sommer 2016.
  • Szenario 2: Der Ferkelmarkt verlässt die Preistiefphase und steigert die Notierung, ähnlich dem Wirtschaftsjahr 2014/15, auf durchschnittlich 42 €/Ferkel netto bzw. auf 60 €/Ferkel brutto inkl. Zuschlägen (12 €/Ferkel) bis zum Sommer 2016.
  • Szenario 3: Bernd Wessels hält eine Notierung von 33 €/Ferkel netto bzw. 47 €/Ferkel brutto inkl. Zuschlägen (10 €/Ferkel) bis zum Sommer 2016 für möglich, wenn die Nachfrage weiterhin schwach bleibt und sich der Ferkelmarkt nicht erholt.

Die Grafik (sh. pdf-Dateianhang Liquiditiätsplan Wessels) zeigt, dass sich die niedrigen Ferkelpreise, selbst bei der optimistischen Einschätzung, schon im Winter negativ auf dem Konto bemerkbar machen. Durch die Auszahlung der Agrarförderung im Dezember können die Kontostände bei der optimistischen und auch bei der durchschnittlichen Betrachtung ins Haben gerückt werden. Spätestens ab dem Frühjahr, wenn zeitgleich die Kosten im Pflanzenbau ansteigen, zeigen sich die niedrigen Ferkelpreise der Szenarien 2 und 3 noch deutlicher auf dem Betriebskonto. Vorbeugendes Handeln ist die Devise!

Sofortmaßnahmen ergreifen

Um das Risiko fehlender Liquidität einschätzen zu können ist es empfehlenswert, einen Liquiditätsplan aufzustellen und diesen regelmäßig zu aktualisieren. Fehlende Liquidität ist ein Risiko, das es nicht zu unterschätzen gilt. Um kurzfristigen Liquiditätsengpässen entgegenzuwirken, können Sofortmaßnahmen ergriffen werden.

Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig einen individuellen Lösungsweg zu finden. In enger Zusammenarbeit mit einem Wirtschaftsberater und der Bank kann zunächst ein besserer Überblick über den Betrieb gewonnen werden um dann ein Krisenpaket zu schnüren. Eins ist sicher: Den Kopf in den Sand zu stecken, war noch nie die richtige Lösung!

Wenn auch Sie einen besseren Überblick über Ihren Betrieb gewinnen möchten oder Unterstützung in Krisenzeiten suchen, wenden Sie sich an die Wirtschaftsberaterinnen und -berater der LWK.


Weitere Informationen zum Thema Finanzierung und Liquidität finden Sie in folgenden Artikeln:

Die Liquidität im Blick

Liquidität planen und Engpässe überstehen!

Zu jedem Zweck die richtige Kreditform wählen

Lohnt sich die vorzeitige Ablösung bestehender Kredite?

Finanzierung von Bodenkäufen

Wenn die Liquidität am Ende ist?....


Kontakt:
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Betriebswirtschaft, Unternehmensberatung
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E-Mail:


Stand: 27.10.2015



PDF: 24264 - 207.620117188 KB   Berechnung Cashflow   - 208 KB  
PDF: 24265 - 94.5615234375 KB   Marktchart Ferkel   - 95 KB  
PDF: 24266 - 94.0244140625 KB   Liquiditätsplan Wessels   - 94 KB