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Zukünftige Herausforderungen familiengeführter Veredlungsbetriebe

Wer als Veredlungslandwirt im nordwestdeutschen Raum die Zukunft seines Betriebes sichern wollte, setzte in der Vergangenheit auf Kapazitätswachstum. Die Anzahl der Ställe wuchs, die Zahl der gehaltenen Tiere stieg deutlich an. Dieses Konzept greift vielfach nicht mehr. Arnold Krämer, Leiter der Bezirksstelle Emsland der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, beantwortet die Frage, wohin die Reise landwirtschaftlicher Familienbetriebe zukünftig gehen könnte.


 

 

Nordwestdeutschland ist die Hochburg der Schweine- und Hähnchenmast. Speziell in Südoldenburg und im Emsland in Niedersachsen sowie im nördlichen Münsterland in Nordrhein-Westfalen stehen die Ställe oft dicht an dicht. Die Konzentration auf die Tiermast und – ihr folgend – natürlich auch auf die ihr vor- und nachgelagerten Stufen wirkte in dieser noch vor 50 Jahren als Armenhaus Deutschlands eingestuften Region als „Lokomotive“ der wirtschaftlichen Entwicklung. Heute findet man dort eine breit aufgestellte mittelständische Wirtschaft und Arbeitslosenraten von teilweise unter 3%.

Freude macht vielen Betrieben die Hähnchenmast, während in der Schweinemast insgesamt zu wenig Geld in der Kette verdient wird. Bei den Hähnchen kämpfen nicht nur die deutschen sondern auch die benachbarten niederländischen Schlachtereien um den Rohstoff Hähnchen - Integration im Wettbewerb nicht zum Nachteil der Landwirte. Der Pro-Kopf-Verbrauch steigt immer noch leicht, und die Handelsketten können deshalb  nicht übermäßig viel Druck ausüben. Abgestimmte Produktionskonzepte ließen (in Verbindung mit dem Nachfragesog) in den Jahren seit etwa 2005 auch den durchschnittlichen Erzeuger in dieser Region vollkostendeckend arbeiten. Selbst hohe Futterkosten konnten in der Regel von den Schlachtunternehmen an den Handel weitergegeben werden. Die Geflügelmast macht eine volle Kostendegression möglich: Futtermittel werden in ganzen Lkw-Zügen angeliefert, Tiere in solchen gebracht und abgeholt. Die „Integratoren“ (Schlachthofbetreiber und Futtermittellieferanten) haben kein Interesse daran, dass Produzenten aufhören, im Gegenteil. Deshalb war bisher der Strukturwandel, bezogen auf die Anzahl der Betriebe, außerordentlich gering.

Anders sieht es in der Schweinemast aus.  Bereits vor den aktuellen Exportrestriktionen war der wirtschaftliche Druck bei einem Selbstversorgungsgrad von EU-weit rund 110% viel größer. Nach wie vor sind die landwirtschaftlichen Strukturen unter Kostengesichtspunkten nicht optimal, auch wenn in den letzten ein bis zwei Jahren z. B. im Emsland 20-30% der Sauenhalter ihre Ferkelerzeugung eingestellt haben.  Es kommt hinzu, dass (bezogen auf die gesamte Wertschöpfungskette) bisher weder Arbeits- noch Umweltkosten vollständig abgebildet werden. Das wird erst dann der Fall sein, wenn auch die durch den Mindestlohn steigenden Schlachtkosten und die Entsorgungskosten der Gülle im Schweinepreis adäquat widergegeben werden.

Die zukünftigen Herausforderungen für die Veredelungsbetriebe im Nordwesten sollen in drei Thesen detaillierter dargestellt und diskutiert werden.

These 1: Ein jahrelang erfolgreiches „Geschäftsmodell“ ist an seine Grenzen gekommen. Gesetzgeber und Verwaltungen haben auf die Bremse getreten. Nötig ist eine abgestimmte Steuerung der Standortentwicklung – auch im Interesse der Landwirte!

Noch vor einigen Jahren konnten Landwirte gerade in den veredlungsintensiven Regionen bei einer günstigen Gesetzeslage mit einer wohlwollenden Behandlung ihrer Bauanträge rechnen. Das ist Geschichte: Neubauten werden heute kaum noch genehmigt. Zusätzlich fordern die zuständigen Behörden die bereits in der Vergangenheit gemachten Auflagen und Nebenbestimmungen immer konsequenter ein. Das gilt sowohl für den technischen Betrieb von Stallanlagen wie auch für den Nachweis der Verbringung von Gülle und Mist. Damit nimmt der ökonomische Druck für die Landwirte deutlich zu.

Viele Landwirte, die gerade vor dem Hintergrund der überaus erfolgreichen Vergangenheit dem „alten Fortschrittsmodell“ anhängen, stehen dem geänderten Verwaltungshandeln verständnislos gegenüber. Sicherlich gibt es auch Unterschiede zwischen den Landkreisen und in der einzelbetrieblichen Betroffenheit.  Aber die Veränderungen sind Realität und werden die Zukunft ebenso stark bestimmen wie etwa die Märkte.  Mit den politischen „Farben“ haben sie immer weniger zu tun: Es war der von einer satten „schwarzen“ Mehrheit regierte Landkreis Emsland, der zuerst massiv die Änderung des Baurechts eingefordert hatte und nach dem Bauboom bei Hähnchen-, Legehennen- und Schweinställen schon vor der Rechtsänderung als der Vorreiter einer restriktiven Genehmigung von Stallneubauten in Erscheinung trat– Stichwort: „Keimgutachten, Brandschutzgutachten“.

Die Widerstände gegen eine starke räumliche Agglomeration von Ställen waren in der Vergangenheit weniger stark als in vieharmen Regionen Deutschlands oder Niedersachsens, weil die Menschen zumindest ahnten, wem und was sie teilweise ihren Wohlstand zu verdanken hatten. Auch wenn produktionstypische Gerüche den meisten vertraut und akzeptiert waren, tauchte - wenn Stallbauten dann doch zu nahe an die Wohnbebauung heran rückten - die Frage auf: „Wer schützt die Menschen vor den Tieren?

Verwunderlich ist nur, warum der Berufsstand selbst nicht irgendwann die Standortfrage stellte: „Wer schützt die Tiere vor den Tieren?“ Die mit dem engen Nebeneinander von Tierhaltungsanlagen verbundenen Risiken und Kosten sind schon länger auch in Nordwestdeutschland bekannt. Dafür stehen Ortsnamen wie Damme, Gehlenberg oder Garrel. In den Niederlanden wurden schon vor vielen Jahren die Ballungszentren der Veredelung in Brabant und Gelderland – mit viel Geld – systematisch ausgedünnt. Im Nordwesten Deutschlands sind dagegen nachteilige Agglomerationen ortsweise ungeplant neu entstanden, weil die rechtlichen Voraussetzungen (sicherlich schwierig genug zu formulieren) für ein Verhindern nicht bestanden. Dadurch finden sich jetzt teilweise auf engstem Raum neben Hähnchenmastställen auch Ställe zur Bruteierproduktion und Freilufthaltungen zur Produktion von Konsumeiern. Der aktuelle ILT- Ausbruch in der Hähnchenmast des Emslandes zeigt beispielhaft, welche Anstrengungen und Kosten von allen Beteiligten zu tragen sind, wenn es zu Seuchenfällen oder schwer bekämpfbaren Tiererkrankungen kommt.  Aber auch Tierleistungen und Produktionskosten stellen sich unter  den Normalbedingungen negativer dar als in typischen „Gesundlagen“ der Tierhaltung.

Wer als Politiker die volkswirtschaftliche Bedeutung der Tierhaltung ernst nimmt, und Deutschland nicht zu einem Importland für Lebensmitteln „verkommen“ lassen will, muss sich deshalb ernsthaft Gedanken darüber machen, wie zukünftig eine sinnvolle Standortsteuerung für Tierhaltungsanlagen aussehen könnte. Das geänderte Baurecht hat aktuell nur für Stillstand und eine gewisse „Atempause“ gesorgt.

These 2: Betriebe wachsen aktuell und in nächster Zeit fast nur noch durch die Übernahme von Flächen und bestehenden Stallkapazitäten.

Die Wachstumsdynamik gerade im Tierbereich war – nicht nur in Nordwestdeutschland – sehr stark vom Vorbild der Nachbarschaft geprägt: „Wenn der Nachbar baut, müssen wir wohl auch“ oder „Was der kann, können wir auch“! Mit dem wirtschaftlichen Erfolg stieg aber auch der Anreiz, noch mehr zu verdienen („Geld verdienen macht Spaß“) oder seine eigenen Grenzen zu testen (was geht noch?). Es gab und gibt sicherlich sehr unterschiedliche Motive für das, was sich landwirtschaftliche Unternehmer zutrauen.

Doch das traditionelle Wachstumsmodell funktioniert – wie dargestellt – nicht mehr.  Künftig werden die Unternehmer an einem Standort vielfach mit dem auskommen müssen, was vorhanden ist. Sie werden, um quantitativ wachsen zu können, Kapazitäten von anderen übernehmen oder „auswandern“.

Wer den Betrieb in der Vergangenheit nicht ausreichend entwickelt hat, weil z. Bsp. die Nachfolgefrage noch nicht entschieden war,  der wird es insbesondere bei knapper Eigentumsfläche besonders schwer haben oder gar nicht mehr schaffen.

Festmachen wird sich dieser Prozess, dessen Anfänge bereits deutlich zu erkennen sind, an der immer teurer werdenden Fläche. Über den Hebel „Fläche“ trennt sich ökonomisch die Spreu vom Weizen. Wer heute nachhaltig 150.000 € Gewinn und mehr macht – und das sind gar nicht so wenige Landwirte in dieser Region, der kann – auch wenn es „weh tut“ - teuer pachten oder kaufen, auf diese Weise seine Produktions- und Einkommensbasis absichern und vielleicht auch wieder in Stallkapazitäten investieren. Entfernungen von 30 oder 40 km zum Stall sind heute vereinzelt schon anzutreffen.

Wer beim Verdrängungswettbewerb über die Fläche nicht mithalten kann oder will, dem bietet sich immerhin die Chance des Ausstiegs zu hohen Pachtpreisen für die Eigentumsfläche und ein oft auch attraktives Arbeitsplatzangebot in der Region. Die Heimat muss heute – anders als vor 50 oder 100 Jahren niemand mehr verlassen.

These 3: Produktionskompetenz muss gepaart sein mit hoher Organisationskompetenz.

Trotz „quasiindustrieller“ Produktionsstrukturen prägen Familienbetriebe das Bild auch der nordwestdeutschen Landwirtschaft. Das wird auch weitgehend so bleiben: Wenn alles passt, die Familie „funktioniert“, alle an einem Strang ziehen und keine Energie in familiären Auseinandersetzungen vergeudet werden, ist der Familienbetrieb wirtschaftlich unschlagbar. Dennoch: Ein paar Risiken werden in den kommenden Jahren stärker zutage treten.

Viele typische Familienbetriebe sind heute Vater-Mutter-Sohn-Betriebe mit zusammen 2,5 AK und gewissen familiären Arbeitskraftreserven. Doch was passiert, wenn die ältere Generation nicht mehr mitarbeiten kann oder will? Dann sitzt der Sohn – womöglich ohne Ehefrau oder mit einer, die ihr Lebensglück nicht im Stall sucht – allein auf dem Betrieb, den er ohne fremde Hilfe nicht mehr weiter führen könnte. Die Außenwirtschaft ist oft schon - zumindest in Teilen - an den Lohnunternehmer delegiert. Für die Arbeit im Stall braucht er dann aber nicht nur 1,5  sondern 2 bis 3 ständige familienfremde Mitarbeiter. Die müssen gefunden, geführt und im Erfolgsfalle möglichst dauerhaft an den Betrieb gebunden werden, alles Dinge, die man nicht in der Fachschule oder im Studium lernen kann.

Steigende Pachtanteile erfordern nicht nur Aufmerksamkeit im Büro, sondern auch eine soziale Präsenz, zu der mancher sich auch heute schon mehr Zeit nehmen sollte.

Erfolgreiche landwirtschaftliche Unternehmer im Nordwesten bewirtschaften aufgrund verschiedener steuerlicher Vorschriften juristisch fast immer eine Vielzahl von kleineren oder auch größeren steuerlich getrennten Wirtschaftssubjekten. Fünf und mehr steuerliche Abschlüsse, fast immer auch auf verschiedene Bilanzstichtage datiert, sind in Familienbetrieben keine Seltenheit mehr. Sie machen die Analyse schwierig, vermehren die Dokumentations- und Meldepflichten und kosten viel Zeit und Geld, was oft verdrängt wird, wenn sogenannte Pauschalierungsvorteile aus der Umsatzbesteuerung berechnet werden.

Gerade in Familienbetrieben ist das Risiko groß, dass Betriebsleiter den Anforderungen, die außerhalb der klassischen „Landwirtearbeit“ scheinbar unaufhaltsam zunehmen, auf lange Sicht nicht gerecht werden können. Die Betriebe müssen aber nicht nur produktionstechnisch auf der Höhe sein, sondern auch organisatorisch und in ihren Rechtsbeziehungen unangreifbar sein. Nur dann sind sie wirklich stark, und das ist mindestens so wichtig wie ihre Größe. Größe allein war nie ein Kriterium für wirtschaftlichen Erfolg.

Die zunehmende Bedeutung dieser Zusammenhänge haben einige Landwirte in ihrem Wachstumsdrang bisher offensichtlich unterschätzt.

Auch in der Produktionstechnik werden die zeitlichen Anforderungen steigen. Mit arbeitssparendem technischem Fortschritt ist kaum noch zu rechnen. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht. In den großen Mastställen ist keinerlei Arbeitsreduzierung mehr möglich. Die Arbeitsteilung ist nahezu perfekt organisiert. Selbst die Reinigungs- und Desinfektionsarbeiten sind an Spezialistenteams ausgelagert. Viel größer werden die arbeitswirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen für die leistungsstarken Betriebe im Nordwesten, wenn technischer Fortschritt, den man sich auf den Höfen zusammen mit Zuchtunternehmen, Stalleinrichtungsfirmen  und weiteren Akteuren des vor- und nachgelagerten Sektors in den letzten Jahrzehnten erarbeitet hat, vom Staat  wieder „zurückverordnet“ wird. Die gesellschaftlichen und politischen Diskussionen darüber sind mit aller Wucht entbrannt.

Fazit

Der Mauerfall vor 25 Jahren hat auch im Nordwesten Deutschlands als „Motivator“ gewirkt. Dass Bestandsgrößen in ganz neuen Dimensionen möglich sind und beherrschbar bleiben, haben viele Landwirte durch Augenschein oder auch eigene unternehmerische Tätigkeit erfahren. Technischer Fortschritt erlaubte es den besten Betrieben, über die knappen Margen ihrer Produktbereiche hinaus Pioniergewinne zu erzielen. Damit sind viele Betriebe nochmals rasant gewachsen, flankiert von einem ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen vor- und nachgelagerten Bereich.

Dieses Entwicklungsmodell wird jedoch erschüttert. Das quantitative Wachstum ist sozusagen wegen zu großen Erfolges zum Stillstand gekommen. Gleichzeitig sind neue Risiken und Herausforderungen erkennbar, die in ihrer Schärfe nicht in allen Regionen Deutschlands wirksam werden, die aber auch dort beachtet werden müssen.

 


Kontakt:
Arnold Krämer
Leiter Bezirksstelle Emsland
Telefon: 05931 403-101
Telefax: 05931 403-111
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Stand: 09.11.2015