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Zukunft Landwirtschaft: Leicht und schwer zugleich

Deutschland ist ein reiches Land. Fast alle Waren und Dienstleistungen sind in Hülle und Fülle vorhanden. Wer sich unter diesen Umständen selbstständig machen will, hat es meist schwer. Er muss sich sehr viele Gedanken machen über seine potentiellen Kunden und sein Absatzpotenzial. Reicht es mittel- und langfristig aus, um die notwendigen Investitionen rentabel zu machen? Gibt es genügend Kunden, die ausreichend hohe Preise für die Produkte zu zahlen bereit sind? Wenn ja, wo sitzen sie, wie sind sie anzusprechen und zu gewinnen? Wer Finanzkapital benötigt, muss sich anstrengen, um mit seinem Unternehmenskonzept die Banken zu überzeugen, auch wenn Fremdkapital bei den extrem niedrigen Zinsen gegenwärtig nicht sehr teuer und reichlich vorhanden ist.

Um wie viel anders sieht das im Bereich der Landwirtschaft aus. Wer als Landwirt seine Produktion erweitert, bekommt die Milch, die Schweine, das Getreide ohne weiteres abgenommen. Er hat in aller Regel auch bei gesättigten Märkten keine Absatzprobleme. Allerdings und das wird vielen im Moment schmerzlich bewusst, hat man aktuell ein großes, vermutlich länger währendes Preisproblem in bestimmten Teilmärkten, weil dort die Kunden der Landwirte, Molkereien und Schlachthöfe nicht in der Lage sind, die Kosten in der landwirtschaftlichen Erzeugerstufe über den Handel an den Endverbraucher zu überwälzen und kostendeckende Erzeugerpreise zu zahlen. Zumindest gilt das z.Z. für die große Masse der Milch- und Schweineproduzenten, die ökonomisch nicht zurechtkommen.

Eine weitere Besonderheit kommt hinzu. Wenn der wachstumswillige Landwirt für den Bau, den Kauf oder die Pacht neuer Ställe, für den Kauf von Grund und Boden oder für die zusätzliche Pachtung ganzer Betriebe Geld benötigt, gibt es nur selten Finanzierungsprobleme. Und wenn die bisherige Hausbank ihm eine Wachstumsinvestition nicht zutraut, wird in der Regel immer eine andere Bank oder ein sonstiger Kreditgeber aus dem vor- und nachgelagerten Sektor zur Finanzierung bereit sein. Neben der Objektsicherung durch Ställe oder Großmaschinen steht den meisten Landwirten und den Kreditgebern das Grundbuch zur Verfügung. Letztere haben keine Probleme, die gewünschten Kredite zu bewilligen, wohl wissend, dass sie im Fall des Scheiterns nur sehr selten Verluste durch Wertberichtigungen zu verzeichnen haben.

Wenn also ein wachstumswilliger Landwirt, und insbesondere ein junger, ehrgeiziger Hofnachfolger abgesehen von den aktuell schwierigen Baugenehmigungsbedingungen in einigen Landkreisen relativ wenig Widerstand und Probleme bei seinen Plänen zu erwarten hat, sollte er sich zumindest ausreichend Gedanken über die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten in seinem Geschäftsfeld machen.

Das, was er produziert, ist in der Regel - markttechnisch gesehen - ein austauschbarer, homogener Rohstoff, der von seinen Kunden (Handel, Verarbeiter) ausschließlich unter rationalen Gesichtspunkten abgenommen und bezahlt wird. Das Preisniveau kann er nur sehr begrenzt über einzelne Qualitätskriterien positiv beeinflussen. Er ist „Preisnehmer“ und ökonomisch geht es nur darum, dass seine betrieblichen Stückkosten bei der Milch, beim Schwein, beim Getreide nachhaltig niedriger sind als der Stückpreis, den er beim Verkauf dieser Produkte erzielt. Ansonsten wird er so wie viele Berufskollegen vor ihm seine Hoftore schließen müssen. Und das gilt unabhängig davon, ob jemand landwirtschaftliche Rohstoffe konventionell oder ökologisch erzeugt.

Bei der betrieblichen Stückkostenberechnung sind unterschiedliche Positionen zu berücksichtigen. Im Vordergrund stehen fast immer die Direktkosten, die z.B. bei Sauen und Kühen ca. 75 bzw. 65 % der Gesamtkosten ausmachen, während es bei Mastschweinen und Hähnchen rund 85 - 90 % sind. Trotzdem dürfen auch bei den Mastverfahren die übrigen Kostenblöcke wegen ihrer absoluten Höhe nicht vernachlässigt werden. Es sind dies die Kosten der Arbeitserledigung, Gebäudekosten, Flächenkosten und allgemeine Kosten wie z.B. für die Buchführung oder die rechtliche Absicherung des Unternehmens. In der anliegenden pdf Datei ist beispielhaft die Kostenstruktur für die Milchviehhaltung und die Sauenhaltung in emsländischen Familienbetrieben dargestellt. Die Zahlen stammen aus Vollkostenrechnungen für 2014/15 und dürften so ähnlich auch in allen anderen Regionen Niedersachsens anzutreffen sein. Sie zeigen eindrucksvoll, wie weit die Milch- und Ferkelproduzenten aktuell  von einer angemessenen Bezahlung ihrer Erzeugnisse entfernt sind.

Zu den Stückkosten gehören in den einzelnen Kostenblöcken völlig selbstverständlich immer die tatsächlichen Kosten bzw. Ausgaben für die fremden Produktionsfaktoren. In Form von Löhnen, Pachten und Zinsen stellen sie Einkommen für Dritte dar und müssen auch unter wirtschaftlich ungünstigen Bedingungen, sprich schlechten Erzeugerpreisen gezahlt werden. Die eigenen Produktionsfaktoren (eigene Fläche, eigene Arbeit, Eigenkapital in Form von Gebäuden, Vieh oder Feldinventar) müssen kalkulatorisch aber ebenfalls Berücksichtigung finden. Die Entlohnung dieser Faktoren ist das Einkommen der Landwirtsfamilie und das soll - abgesehen von außerlandwirtschaftlichen Einkommensquellen - letztlich durch das landwirtschaftliche Unternehmen erwirtschaftet werden. In der heutigen Realität westdeutscher Familienbetriebe werden neben eigenen Produktionsfaktoren in mehr oder weniger großem Umfang immer auch fremde Produktionsfaktoren (Pachtfläche, Fremdarbeitskräfte, Fremdkapital) genutzt. Und hiermit hängt das ökonomische Grundproblem wachsender landwirtschaftlicher Betriebe zusammen.

Familienbetriebe, die vor 30, 40 oder 50 Jahren ausschließlich mit eigener Fläche, eigenen Familien-Arbeitskräften und Eigenkapital bewirtschaftet wurden, haben entweder den sich in früheren Jahrzehnten stark entwickelnden technischen Fortschritt genutzt oder aber längst die Hoftore geschlossen. Der technische Fortschritt in seinen ganzen Facetten, hat es möglich gemacht, je Arbeitskraft mehr Tiere zu versorgen, mehr Flächen zu bewirtschaften, höhere naturale Erträge im Stall oder auf dem Feld zu erwirtschaften. Im reinen Familienbetrieb können heute statt 15 Kühen, 80, 100 oder 150 Kühe mit einer Herdenleistung von über 10000 kg Milch/ Kuh und Jahr gemolken werden. Statt 50 Sauen werden 300 oder 400 Sauen mit nicht nur 16 sondern aktuell vielleicht 30 Ferkeln pro Sau und Jahr gehalten. Ermöglicht  wurde diese Entwicklung auch durch die Konzentration auf wenige Betriebszweige und eine zunehmende Arbeitsteilung mit dem vorgelagerten Sektor. Z.B. wurde die Eigenremontierung in der Sauenhaltung  weitgehend aufgegeben, die Futterherstellung an Mischfutterhersteller ausgelagert, Reinigungs- und Desinfektionsarbeiten werden von Dienstleistern durchgeführt.

Die Produktivität je landwirtschaftlicher Arbeitskraft konnte durch die Nutzung des technischen Fortschritts in den letzten 50 Jahren um rund 800 % gesteigert werden. Wer den technischen Fortschritt zügig nutzte, konnte seine Stückkosten deutlich senken und seine Gewinne zusätzlich über den Mengeneffekt deutlich steigern. Die Einkommen flossen unter diesen Bedingungen überwiegend in den Geldbeutel der Landwirtsfamilie.

Mit der steigenden Produktivität in den landwirtschaftlichen Betrieben und dem größeren Mengenangebot kam es aber auch zu deutlich negativen Effekten. Für nahezu alle landwirtschaftlichen Produkte sind die Preise durch das Überangebot kaum gestiegen sondern real, also unter Berücksichtigung von Inflation und allgemeiner Kostensteigerung immer gesunken. Exporte ins europäische und außereuropäische Ausland konnten diesen Effekt nicht kompensieren, sondern höchstens entlastend wirken. Die Folge waren trotz sinkender Stückkosten auch sinkende Stückgewinne, die durch den Mengeneffekt im Einzelbetrieb aufgefangen werden mussten. Wo dies nicht gelang, kam es zwangsläufig zur Betriebsaufgabe.

Seit geraumer Zeit müssen die meisten Landwirte feststellen, dass ihnen der technische Fortschritt kaum noch hilft. Die großen Entwicklungsschübe insbesondere im Bereich des Arbeit sparenden technischen Fortschritts durch strohlose Haltungsformen und die überbetrieblichen Nutzung großer und leistungsfähiger Maschinen in der Außenwirtschaft sind wohl Geschichte. Dagegen hat der biologisch-technische Fortschritt durch die Züchtungen im Bereich der Schweineproduktion und der Geflügelproduktion in den letzten zehn Jahren noch einmal einen richtigen Leistungsschub in den Betrieben ausgelöst. Dieser Fortschritt wird aber, obwohl er allen Verbrauchern in Form von sinkenden Nahrungsmittelpreisen zugutekommt, von einer kritischen Öffentlichkeit und ebenso kritischen politischen Gruppen zunehmend infrage gestellt. Es besteht die große Gefahr, dass der technische Fortschritt, den sich Landwirte zusammen mit dem vor- und nachgelagerten Sektor erarbeitet haben, durch die Politik „zurück verordnet“ wird. Bei den Aktivitäten zum Thema Tierwohl zeigt sich, dass sich Arbeits- und Kapitalproduktivität verschlechtern, wenn freiwillig oder verordnet, herkömmliche Haltungsverfahren verändert werden und mehr Zeit und auch Kapital (z.B. durch ein größeres Platzangebot für Tiere) zur Betreuung und Aufzucht der Tiere aufgewendet werden müssen. Die Stückkosten werden steigen und das in einer Situation, die ohnehin schon bei Milch und Ferkeln Schwierigkeiten bereitet, eine ausreichende Kostendeckung zu erzielen.

Die Verlangsamung oder aber sogar Rückführung von technischem Fortschritt in der Landwirtschaft hat jedoch ökonomisch noch einen ganz anderen, bisher eher wenig beachteten Effekt. Wer als gut strukturierter und optimal organisierter Familienbetrieb aus welchen Gründen auch immer in Zukunft wachsen will, kann dies nur mit Fremdarbeitskräften, mit zusätzlichen Pachtflächen, (alternativ mit hohen Entsorgungskosten für organische Nährstoffe) und in der Regel auch nur mit Fremdkapital. In einer solchen Situation muss in jedem Fall vollkostendeckend gearbeitet werden, weil die zusätzlichen Fremdfaktoren entlohnt werden müssen, bevor überhaupt ein möglicher Unternehmergewinn in den Geldbeutel der Landwirtsfamilie fließt. Damit haben wir eine ganz andere ökonomische Situation als in den zurück liegenden Jahrzehnten, wo mit Hilfe von Wachstumsinvestitionen der technische Fortschritt umgesetzt und die Effizienzgewinne ausschließlich oder zu großen Teilen bei der Familie verblieben.

Die Familienbetriebe müssen beim Übergang in die Fremdarbeitsverfassung bei gleichzeitig stagnierendem technischen Fortschritt  weit überdurchschnittlich effizient wirtschaften. Daran kann es keinen Zweifel geben. Ansonsten werden die Betriebe scheitern. Die Großbetriebe im Osten liefern dazu genügend negative Beispiele, obwohl dort die Flächenkosten und die Löhne deutlich niedriger sind als in weiten Teilen Niedersachsens und insbesondere im  südlichen Weser- Ems-Gebiet. Aber auch in westdeutschen Großbetrieben sind diese Zusammenhänge erkennbar. Sicherlich sind Degressionseffekte bei großen Stallanlagen und großen Flächen zu verzeichnen. Die dadurch bedingten Kostenentlastungen können aber im Einzelbetrieb deutlich geringer ausfallen als die wachsenden Kostenbelastungen durch höheren Organisations- und Kontrollaufwand und insbesondere direkte oder indirekte Flächenkosten. Das Thema Nährstoffentsorgung rollt ja erst noch mit voller Wucht auf die Betriebe in Weser-Ems zu, wenn  gleichzeitig Düngeverordnung und Kontrolldichte verschärft werden.

Wer gute Mitarbeiter findet und gut damit umgehen kann, darf sich hinsichtlich seiner Wachstumspläne grundsätzlich mehr zutrauen. Das gleiche gilt für die Landwirte, die relativ viel Eigentumsfläche mitbringen und die Pachten weniger stark quersubventionieren müssen. Chancen und Risiken jenseits der „Familienbetriebsgröße“ hängen aber in erster Linie davon, welche Agrarrohstoffe erzeugt werden. Die Märkte für Milch, Ferkel, Hähnchen, Eier, Getreide oder Kartoffeln sind nicht nur aktuell ganz unterschiedlich zu beurteilen, so dass die bisherige Unternehmensausrichtung und -struktur ganz unterschiedliche Strategien und Entscheidungen zu Folge haben muss. Die Zeit pauschaler Empfehlungen zur Unternehmensentwicklung war zwar schon länger vorbei. Dies müsste allen Akteuren in der Landwirtschaft und ihrem Umfeld in der aktuellen, für viele Familien krisenhaften Situation, besonders bewusst werden.

Zusammenfassung und Fazit

  • Landwirtschaftliche Betriebe haben selten oder nie Absatzprobleme. Sie befinden sich jedoch als Preisnehmer in einem intensiven, über die Kosten ausgetragenen Verdrängungswettbewerb.
  • Die Stückkosten entscheiden über die Existenzfähigkeit der Betriebe. Diese müssen unter Berücksichtigung auch der kalkulatorischen Faktorkosten nachhaltig niedriger sein als der Erzeugerpreis.
  • Der technische Fortschritt hat in den letzten Jahrzehnten enorme Produktivitätsfortschritte ermöglicht, was den heute existierenden Betrieben das Überleben gesichert, gleichzeitig aber den Endverbrauchern real stark gesunkene Lebensmittelpreise beschert hat.
  • Der technische Fortschritt verlangsamt sich, wird teilweise sogar freiwillig oder unfreiwillig zurück genommen und erhöht damit die Stückkosten, die auf den Verbraucher überwälzt werden müssen.
  • Gut organisierte Familienbetriebe, die größeres Wachstum über Fremdkapital, Pachtfläche oder Fremdarbeitskräfte realisieren wollen, müssen besonders effizient, sprich immer vollkostendeckend arbeiten, weil die fremden Produktionsfaktoren vorab entlohnt werden müssen, bevor ein Unternehmergewinn realisiert werden kann.
  • Chancen und Risiken einer solchen Wachstumsstrategie sind vor allem abhängig von den bedienten Märkten, der Eigenkapitalausstattung incl. Fläche sowie der Fähigkeit, gut mit fremden Menschen zusammen arbeiten zu können.
  • Betriebliche Entwicklungspläne sind vor dem Hintergrund der Marktaussichten und der politischen Rahmenbedingungen wesentlich kritischer und individueller als noch vor Jahren und Jahrzehnten zu prüfen und zu hinterfragen.

 


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Kontakt:
Arnold Krämer
Leiter Bezirksstelle Emsland
Telefon: 05931 403-101
Telefax: 05931 403-111
E-Mail:


Stand: 23.10.2017



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