Webcode: 01030853

Schweinehaltung: Wachsen, ohne größer zu werden!

Zurzeit stehen in vielen schweinehaltenden Betrieben aufgrund der desaströsen Preise im Jahr 2015 die Maßnahmen zur Liquiditätssicherung und Konsolidierung im Vordergrund. Die neuen und sich weiter ändernden Rahmenbedingungen sowie die Ansprüche der Gesellschaft an die Nutztierhaltung bedingen zudem eine große Verunsicherung bei Um- und Neubauten in der Schweinehaltung. Wie sollen Schweinehalter darauf reagieren?

Weder Landwirte noch Berater wissen derzeit, wie ein zukunftsfähiger Schweinestall aussieht. Außerdem gibt es politische Zielkonflikte zwischen Umwelt- und Tierschutz. Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Wege zu einer  gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“, die anstehende Novellierung der Düngeverordnung, die Novellierung des Baugesetzbuches und die Filtererlasse in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig Holstein sind Beispiele für sich erheblich ändernde Rahmenbedingungen in der Schweinehaltung. Diese Änderungen bewirken bei einer angespannten Preissituation nicht nur Planungsunsicherheiten sondern auch erheblich höhere Kosten und einen höheren Arbeitsaufwand in den schweinehaltenden Betrieben. Mit welchen Strategien muss in den landwirtschaftlichen Betrieben reagiert werden?

Controlling aufbauen

Zunächst hat die Sicherstellung der Liquidität, d. h. die Zahlungsfähigkeit des Betriebes oberste Priorität. Liquiditätsplanungen sind hier sehr hilfreich. Außerdem gilt es, die Risiken im Betrieb zu minimieren. Überdurchschnittliche Leistungen und ausreichend Eigenkapital sind dabei die beste Absicherung.

In vielen Betrieben gibt es noch große innerbetriebliche Reserven, die generiert werden könnten. „Wachstum, ohne größer zu werden“ heißt hier die Devise. Betriebszweigabrechnungen als Teilkostenrechnung besser noch als Vollkostenrechnung für die Betriebszweige des Unternehmens und der Vergleich mit den Berufskollegen zeigen hier im Rahmen des Controllings mögliche Leistungsreserven auf. Im zehnjährigen Durchschnitt liegen bei den Schweinemästern die Unterschiede in der direktkostenfreien Leistung (DkfL) zwischen dem oberen und unteren Viertel der Betriebe bei über 40 € je Mastplatz und Jahr. Bei angenommenen 1.500 Mastplätzen ist der Unterschied damit 60.000 € je Betrieb. Die DkfL ist gut geeignet, um die produktionstechnische Effizienz zu beurteilen.  Aber nur, wer seine Vollkosten kennt, kann die Rentabilität des Betriebszweiges Ferkelerzeugung oder Schweinemast vollständig beurteilen. In Übersicht 1 (s. anliegendes Dokument) sind die Ergebnisse der Betriebszweigauswertung aus dem Arbeitskreis Unternehmensführung Hannover für die Jahre 2012 bis 2015 dargestellt: Im letzten Wirtschaftsjahr 2014/2015 lag die DkfL mit 19,48 € je 100 kg Zuwachs am niedrigsten. Nach Abzug der Gemeinkosten betrug das Betriebszweigergebnis bzw. der Gewinn 5,58 €/100kg Zuwachs. Dieses Ergebnis ist allerdings nicht geeignet, um sich mit anderen Betrieben zu vergleichen. Erst unter Ansatz der kalkulatorischen Kosten ergibt sich das kalkulatorische Betriebszweigergebnis oder der Unternehmergewinn. Dieser lag im WL 2014/2015 mit 0,64 € gerade noch im Positiven. Das kalkulatorische Betriebszweigergebnis gibt an, welcher Gewinn nach Entlohnung von Arbeit, Boden und Kapital verbleibt. Erst dieses Ergebnis der Vollkostenrechnung stellt sicher, dass sich die Wirtschaftlichkeitsberechnung auf alle Leistungen und Kosten bezieht. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Betriebe in dieser Auswertung steuerrechtlich landwirtschaftlich betrieben werden und damit der Pauschalierungsvorteil enthalten ist. Außerdem haben diese Betriebe weder Gülleverwertungskosten noch Kosten für Abluftreinigung. Andernfalls wäre das kalkulatorische Betriebszweigergebnis 2014/2015 deutlich negativ ausgefallen.

Die schweinehaltenden Betriebe sind in den vergangenen Jahren insbesondere aufgrund der Vieheinheitenregelung sowie der Baugesellschaften, gewerblichen Energiebetriebe (PV, Biogas, Wind) in immer neuen Gesellschaften und Unternehmungen gewachsen. Übersicht 2 in der Anlage zeigt ein solches „landwirtschaftlich geprägtes Unternehmen“ mit 5 Betrieben. In der Beratungspraxis ist dies ein noch recht einfaches Organigramm. Durch die Aufgliederung wird es für die Unternehmerfamilie aber auch für Dritte wie Berater und Banker zunehmend schwieriger, einen Überblick über die wirtschaftliche Situation des Gesamtunternehmens zu erhalten. Nur ein sogenannter „Konzernabschluss“ oder konsolidierter (con = zusammen und solidare = festigen) Abschluss über alle 5 Betriebe, bei dem die internen Verflechtungen, die unterschiedlichen Bilanzstichtage sowie die unterschiedlichen Umsatzsteuersysteme bereinigt werden, ermöglicht einen Überblick über die Gewinnsituation, die Gesamtvermögenslage und die gesamten externen Verbindlichkeiten. Dies ist gerade in derzeitigen Preiskrisen sehr wichtig. Viele Banken fordern daher auch den konsolidierten Jahresabschluss. Das Rating der Bank und damit die Zinskonditionen verbessern sich in den meisten Fällen, wenn ein Konzernabschluss vorgelegt wird.

Pacht und Kauf von Ställen

Geht es in der langfristigen Entwicklungsstrategie trotz aktueller Preiskrise um Betriebserweiterungen, so können diese aufgrund der Änderung des Baurechts im Jahr 2013 auf vielen Betrieben nicht realisiert werden. Somit wird die Zupacht oder der Kauf von Stallanlagen als Entwicklungsoption interessanter. Leider oder gut –je nach Situation des Betroffenen- kommen zunehmend Stallanlagen auf den Pacht- und Kaufmarkt. Sowohl bei Pacht als auch beim Kauf einer Stallanlage sind viele Aspekte zu beachten: So sollte der QS-Standard und die Anforderungen des Tierschutznutztierhaltungsverordnung mit einem Produktionsberater in einem solchen Stall intensiv überprüft werden. Wichtig ist auch, ob dieser Stall mit oder ohne Abluftreinigung betrieben werden kann, da die Abluftreinigung neben zusätzlichen Kosten auch einen höheren Arbeitsaufwand bedingt. Des Weiteren sollte der maximal zahlbare Pacht- oder Kaufpreis individuell für jeden Betrieb ermittelt werden. Denn es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob dieser Stall steuerrechtlich gewerblich oder landwirtschaftlich betrieben werden oder der anfallende Wirtschaftsdünger innerbetrieblich oder mit hohen Kosten überbetrieblich verwertet werden kann.

Übersicht 3 im anliegendem Dokument zeigt ein Berechnungsbeispiel für einen 1.000 er Schweinemaststall, Baujahr 2007, in 10 km Entfernung vom Betriebsstandort. Nach diesem Muster kann der Pachtpreis individuell ermittelt werden. Bei einem hier unterstellten sehr guten Leistungsniveau hat dieser Betriebsleiter für seine Kalkulation eine mögliche DkfL von 80 € je Stallplatz und Jahr angesetzt. Würde dieser Stall steuerrechtlich gewerblich betrieben, wären es nur 62 € je Stallplatz und Jahr. Aufwendungen für Unterhaltung, Versicherung und Sonstiges werden mit 4.000 € jährlich für den Stall angesetzt. Des Weiteren spielt neben der Größe, dem Alter und dem Zustand des Stalles auch die Entfernung vom Wohnsitz des Betriebsleiters eine große Rolle. In dem Beispiel sind es 10 km Entfernung. Je km wurden für den Sach- und Personalaufwand 1 € angesetzt. Für 10 € je m3 (brutto) wird in diesem Fall die anfallende Gülle überbetrieblich verwertet. Für mögliche Risiken sind 10 % der DkfL angesetzt worden. Außerdem veranschlagt der Unternehmer einen Gewinnanspruch in Höhe von 10.000 €. Unter diesen Annahmen  beträgt der maximale Pachtpreis je Stallplatz und Jahr etwa 29 €. Bei durchschnittlicher Leistung oder gewerblicher Mast könnten unter gleichen Annahmen nur ca. 15 € je Stallplatz und Jahr gezahlt werden. Der Marktpreis für Stallanlagen entwickelt sich durch Angebot und Nachfrage. Der maximal zahlbare Pachtpreis sollte aber individuell mit dem eigenen Leistungsniveau und den eigenen Gegebenheiten ermittelt werden, denn wenn der Nachbar einen Pachtpreis von z. B. 25 € je Mastplatz zahlen kann, heißt das nicht, dass das auch auf die eigenen Situation überragbar ist.

Die Aspekte, die bei der Zupacht von Ställen berücksichtigt werden sollten, müssen auch beim Kauf von Stallanlagen Beachtung finden. Es kommen allerdings weitere Gesichtspunkte hinzu: Bei einem Kauf des Stalles sollte der Käufer sich das Umfeld des Stalles und damit die Immissionslage genau ansehen. Wie ist zum Beispiel der Abstand zu Wald-, Wohn-, Gewerbe- oder FFH-Gebieten? Außerdem ist die Baugenehmigung mit der genehmigten Platz- und/oder Tierzahl sehr wichtig. Auch bei der Pacht sollte der Pachtpreis an den aktuell zulässigen Stallplatz gekoppelt werden, d. h. rechtliche Veränderungen der m2 je Tier müssen Berücksichtigung finden. Auch die Auflagen in der Baugenehmigung spielen eine entscheidende Rolle. Zu guter Letzt spielen mögliche Renovierungskosten und auch die Höhe möglicher Rückbaukosten bei Aufgabe des Schweinestalles eine Rolle.

Übersicht 4 in der Anlage zeigt eine mögliche Vorgehensweise bei der Kaufpreisermittlung, die der der Pachtpreisermittlung sehr ähnlich ist. Letztendlich wird hier der maximal zahlbare Pachtpreis auf die unterstellte Restnutzungsdauer , in diesem Beispiel 12 Jahre, mit einem angenommenen Zinssatz – hier 2 %- kapitalisiert. Mögliche Renovierungskosten werden abgezogen und damit ergibt sich ein erster Anhaltswert für anstehende Kaufpreisverhandlungen.

Kompetenz als Unternehmer stärken

Neben der fachlichen Qualifikation sind zukünftig aufgrund der stark veränderten Rahmenbedingungen soziale Kompetenzen der Schweinehalter und der „Blick für das Tier“ noch stärker gefragt. Persönliche Fähigkeiten in der Kommunikation, der Kreativität, der Innovation, dem Veränderungs- und Risikomanagement sind zukünftig wichtig. Hinzu kommen Unternehmereigenschaften wie Kritikfähigkeit und Belastbarkeit. Hier können Unternehmer-/Unternehmerinnenschulungen und Arbeitskreise Unternehmensführung, die einen Blick über den eigenen Tellerrand ermöglichen, kreative Ideen und wichtige Impulse für die persönliche und betriebliche Entwicklung  geben. Dabei kann die gut geplante Betriebsaufgabe genauso eine unternehmerische und richtige Entscheidung sein wie der Kauf eines Stalles.

Fazit:

  • Aufgrund der angespannten Preissituation stehen in schweinehaltenden Betrieben derzeit Maßnahmen zur Konsolidierung und Liquiditätssicherung im Vordergrund.
  • Der Tierschutz, die flächengebundene Tierhaltung und die Nachhaltigkeit haben an Bedeutung gewonnen: Entwicklungsmöglichkeiten von schweinehaltenden Betrieben sind dadurch eingeschränkt. Unsicherheiten entstehen bei Um- und Neubaumaßnahmen. Kosten und Arbeitsaufwand werden steigen!
  • Wachstum in viehintensiven Regionen erfolgt zukünftig vorwiegend qualitativ: Intensives Controlling mit Liquiditätsplanung, Kostenrechnung und Konzernabschlüssen ist dafür notwendig!
  • Veränderungen bergen Risiken und Chancen! Chancen sind z. B. Pacht und Kauf von Betrieben oder die Diversifikation in- und außerhalb der Landwirtschaft.
  • Eine individuelle Unternehmensstrategie ist notwendig; d.h. keine „Blaupause-Lösungen“.
  • Persönliche Fähigkeiten in der Kommunikation, der Kreativität, der Innovation, dem Veränderungs- und Risikomanagement sind zukünftig gefragt.

 


Wünschen Sie eine Beratung zur nachhaltigen Unternehmensentwicklung, so sprechen Sie die Unternehmensberaterinnen und Unternehmensberater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen gerne an!

 

 


Kontakt:
Ruth Beverborg
Leiterin Sachgebiet Betriebswirtschaft, Wirtschaftsberatung
Telefon: 0441 801-304
Telefax: 0441 801-313
E-Mail:


Stand: 28.04.2016