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Bleibt der Rübenanbau rentabel?

Die Lage ist unübersichtlich: Auf dem Zuckermarkt nehmen die Preisschwankungen zu, das Kartellamt hat wegen scheinbarer Preisabsprachen der Zuckerfabriken zugeschlagen, die Zuckerverarbeiter bereiten Schadenersatzklagen in Millionenhöhe gegen die Zuckerrübenverarbeiter vor und jetzt steht die Anbauplanung für 2017 an. Die Nordzucker hat Ihre Preismodelle für 2017 veröffentlicht und nun muss jeder Landwirt überlegen, ob und wie viel seines Lieferanspruch er selber anbauen will und ob es sich finanziell lohnt, sich um die „freien Rübenmengen“ zu bewerben. Dr. Mathias Schindler von der Landwirtschaftskammer beschreibt, mit welchem Rechenweg Sie Ihre Entscheidung finden können.

Das Für und Wider im Zuckerrübenanbau entspricht mathematisch interpretiert, einem komplexen Gleichungssystem mit einigen festen Größen und vielen Variablen, leider mehr als Gleichungen, so dass es keine definitiv beste Lösung sondern immer „Wenn–Dann“-Ergebnisse gibt. Entscheidend sind die Rübenpreise (quasi fest), die Preiserwartungen für die Alternativkulturen (i.d.R. Getreide und/oder Raps), die zumindest über Kontrakte eigentlich auch schon „festgemacht“ werden könnten, wenn man jetzt schon die Erntemengen 2017 wüsste. Ach ja, die variablen Produktionskosten muss man ja auch noch schätzen! Daraus folgen drei Arbeitsbereiche: Preise bzw. Preiserwartungen, Ertragsprognosen und Kostenvorausschätzungen.

Welche Preise sind realistisch?

Die Nordzucker bietet für den Rübenanbau in 2017 drei Preismodelle an:

Wer sich schnell und für einen dreijährigen Vertrag entscheidet, kann für seine Lieferanspruchsmenge 22,44 €/t Rüben (Basispreis bei 16% Zucker), 4,26 €/t Zuckerzuschlag (bei 17,9 statt 16%), 3,00 €/t Rübenmarkvergütung und 1,30 €/t Früh-/Spätlieferausgleich, also in der Summe 31 €/t netto bzw. 34,32 €/t als Pauschalierer (+10,7% Umsatzsteuer) bekommen („Windhund“-Modell).

Flexibler bleibt, wer den einjährigen Vertrag wählt. Das kostet aber, denn sowohl Grundpreis als auch Zuckerzuschlag fallen niedriger aus (20,76+3,94+3+1,30), sodass sich mit 29 €/t (netto) bzw. 32,10 €/t (für den Pauschalierer) ein um 2,00 (bzw. 2,21) €/t niedrigerer Preis ergibt („Standard“-Modell).

Im dritten Modell wird der Rübenanbauer am Verkaufserfolg der Nordzucker beteiligt Der Rübenpreis hängt vom erreichbaren Zuckerpreis ab. Als Ausgangsbasis wird 440 €/t Zucker angenommen und dann gibt es 22,59 €/t Basispreis, 4,29 €/t Zuckerzuschlag und 1,30 €/t Früh-/Spätlieferausgleich. Die Rübenmarkvergütung hängt von der Lage auf dem Futtermittelmarkt ab und wird hier mit 3 €/t angenommen. Macht zusammen 31,18 €/t Rüben (bzw. 34,52 für den Pauschalierer) und damit etwas mehr als im Drei-Jahres-Vertrag. Bei einem Zuckerpreis von 437,31 €/t ergibt sich in diesem Modell der gleiche Preis wie im „Windhund“-Modell. Der Preis des „Basis“-Modells ergibt sich bei einem Zuckerpreis von 407,83 €/t. Diese beiden Werte könnte man evt. auch als die Preisspanne interpretieren, den die Nordzucker für die kurzfristige Marktentwicklung erwartet. Werden aber nur 400 €/t Zucker erlöst, sinkt der Preis auf 28,48 €/t (20,32+3,86+3+1,3) bzw. 31,53 €/t (für Pauschalierer). Je 10 €/t Zuckerpreisrückgang sinkt der Rübenpreis um 0,57 €/t (inkl. Zuckerzuschlag: 0,6783 €/t). Lässt sich Zucker z. B. mit 450 €/t „besser“ verkaufen, steigt der Rübenpreis um 0,61 €/t (inkl. Zuckerzuschlag: 0,7259 €/t). Wegen der Risikobeteiligung, die den Nordzucker-Lieferanten bekannt vorkommen dürfte und mit dem sie zeitweise gar nicht so schlecht bedient waren, könnte man das Angebot auch als das „Zocker“-Modell betiteln.

Wer aktuell Kontrakte für 2017 abschließt, erreicht bei Weizen etwa 155 €/t (171,60 €/t als Pauschalierer) und bei Raps 367 €/t (355 €/t+ 3,5% Ölzuschlag) bzw. 406,70 €/t als Pauschalierer. Ob der Rapspreis nachhaltig von der früher geltenden 2:1 Relation zum Weizenpreis abweichen wird, ist nicht sicher, aber die Kontrakte für 2017 weisen zurzeit noch die Relation 2,36:1 aus. Für die anderen Getreidearten kann der Preis dann mit den üblichen durchschnittlichen Abschlägen aus dem Weizenpreis ermittelt werden. Schwieriger ist die Schätzung beim Silomais: Aufgrund des konstanten Bedarfs führen schon kleine Ertragsschwankungen zu größeren Preisausschlägen. Hier werden mit 25,70 €/t (Pauschalierer: 28,50 €/t) angenommen. Wer sich bei der Preisschätzung auf die oft propagierte Formel stützt, den Durchschnittspreis der letzten fünf Jahre zugrunde zu legen, würde bei Weizen mit 194,10 €/t (Pauschalierer: 214,90) und bei Raps mit 403,50 €/t (Pauschalierer: 446,70 €/t) vermutlich zu optimistisch kalkulieren.

Erträge und Kosten realistisch schätzen

Hier bietet sich schon eher die Methode des fünfjährigen Durchschnittes an. Werden als Alternativkulturen zu den Rüben neben Weizen, Raps und Mais auch Gerste, Triticale und Roggen einbezogen, bietet es sich an, zwei Rechengänge für unterschiedliche Standorte als Beispiele anzubieten. Die Ertragsannahmen sind den Übersichten 1 und 2 zu entnehmen.

Auch bei den Schätzungen der variablen Kosten können die Ergebnisse aus den letzten drei bis fünf Jahren hilfreiche Anhaltspunkte liefern. Die in den Vergleichsrechnungen angenommenen Wertansätze sind ebenfalls in den Übersichten 1 und 2 dargestellt.

Weil es nicht um eine Vollkostenrechnung geht, sondern um einen Vergleich der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit, kann alles das weggelassen werden, was für alle Kulturen gleich ist (Gemeinkosten, Abgaben, Prämien, Pachten).

Rübenanbau auf guten Standorten bleibt wirtschaftlich

Bei Ertragserwartungen von 800 dt/ha Rüben, 95 dt/ha Weizen, 45 dt/ha Raps und 515 dt/ha Silomais (Verkauf als stehender Bestand nacherntig gewogen) schlägt die Rübe auf Basis des einjährigen Vertragspreises den Silomais ganz knapp (26 €/ha) und liegt etwa 78 €/ha vor dem (derzeit relativ gut bezahlten) Raps. Je nach Getreideart besitzt die Rübe hier einen Vorteil von 343 €/ha (Weizen) bis 516 €/ha (Roggen) bzw. 0,43 bis 0,64 €/dt Rüben. Wird nicht die Kultur mit der geringsten Wirtschaftlichkeit (meist Gerste oder Weizen) sondern ein Fruchtfolgemix verdrängt, so ist von einem durchschnittlichen Vorteil von etwa 223 €/ha bzw. 0,28 €/dt Rüben auszugehen. Wer dreijährige Verträge abschließen kann („Windhund“-Verfahren, nur für vertragliche Lieferansprüche), bekommt brutto 0,22 €/dt, also 177 €/ha mehr und hängt dann mit der Rübe auch den Silomais mit 203 €/ha Differenz (26+177) klar ab.

Auf leichteren Böden wird es für Rüben schwer

Sind die Erträge mit 600 dt/ha Rüben, 35 dt/ha Raps, 400 dt/ha Silomais (an der Waage) und 65 dt/ha Weizen und Futtergerste bzw. 70 dt/ha Triticale und Roggen anzusetzen, dürften im „Basis“-Szenario derzeit sowohl Silomais als auch Raps mit Vorteilen von 146 bzw. 40 €/ha (0,24 bzw. 0,07 €/dt Rüben) deutlich besser abschneiden als die Rüben, die gegenüber dem Getreide Vorteile von 175 bis 249 €/ha (0,29 bis 0,42 €/dt Rüben) erreichen. Steht die Rübe der durchschnittlichen Fruchtfolge mit den Schwerpunkt-Kulturen Silomais und Futtergerste gegenüber, so geht der Wirtschaftlichkeitsvergleich mit 65 €/ha (0,11 €/dt) knapp zugunsten der Rübe aus.

Kommen dreijährige Verträge zum Einsatz, so verbessert sich die Wettbewerbsposition der Rübe um 132 €/ha (+0,22 €/dt), so dass die Rübe dann doch mit einem Plus von 92 €/ha (0,153 €/dt) etwas besser abschneidet als der Raps. Im Vergleich mit dem Silomais bleibt die Rübe trotzdem nur 2. Sieger, ihr fehlen 14 €/ha (0,02 €/dt) zum Gleichstand. Somit lässt sich das in der Praxis beobachtbare Verhalten, dass Silomais auf den leichteren Standorten überproportional angebaut wird, auch mit ökonomischen Auswertungen begründen.

Was passiert bei anderen Preis-Relationen?

In den Übersichten 3 und 4 wird mittels einer „Preiskreuz“-Matrix dargestellt, wie sich die Wirtschaftlichkeit zwischen Rüben und Weizen bei unterschiedlichen Marktentwicklungen und konstanten Erträgen und Kosten entwickelt. Durch „Fettdruck“ hervorgehoben ist die oben diskutierte „Basis“-Prognose. Farblich/Grau unterlegt sind die Konstellationen, bei denen wirtschaftliche Gleichheit entsteht:

Beispiele: Auf besseren Standorten (Übersicht 3) wird der Weizen im Preismodell „Standard“ (2,90 (netto) bzw. 3,21 €/dt (brutto)) bei 20,77 €/dt (brutto; netto: 18,76 €/dt) konkurrenzfähig (6. Spalte; 4. Zeile). Auf leichteren Standorten ist die Rübe weniger „stark“ und hat ihren Vorteil gegenüber dem Getreide bereits bei 20,09 €/dt Weizen (brutto; netto: 18,15 €/dt) eingebüßt (Übersicht 4).

Wer auf gutem Standort lebt und die Risiken des „Zocker“-Modells nicht scheut, erhält auch Perspektiven. Geht der Zuckerpreis auf Talfahrt bis 330 €/dt, sinkt sein (Brutto-)Preis auf 26 €/t Rüben. Da könnte er seinen Weizen auch gleich für 15,60 €/dt (brutto) anbieten! Steigt der Zuckerpreis aber auf 506 €/t, gibt es für die Rüben fast 40 €/t (brutto), gleichbedeutend mit 27,25 €/dt für den Weizen. Das wirkt sehr verlockend.

Auf leichteren Böden spielt sich das Ganze auf niedrigerem Preisniveau ab, aber – bedingt durch die Ertragsrelationen – mit größeren Ausschlägen. Im „worst“-case ergibt sich ein Gleichgewichtspreis von 14,45 €/dt Weizen (brutto), das „best“-case Szenario entspricht einem Weizenpreis von 27,20 €/dt (brutto).

Fazit

Egal ob drei- oder einjähriger Vertrag: Die Nordzucker hat den Rübenpreis natürlich knallhart kalkuliert, aber doch mit etwas Fingerspitzengefühl (und natürlich dem DNZ!) so ausgehandelt, dass für den Anbauer ein kleiner Wettbewerbsvorteil bleibt, zumindest im Vergleich zum Getreide.

Dieser fällt gegenüber Weizen auf besseren Standorten mit ca. 0,43 €/dt Rüben (brutto) im „Basis“-Modell besser aus als auf leichten Böden (0,29 €/dt Rüben, brutto).

Das „Windhund“-Modell mit Dreijahres-Vertrag verspricht ein zusätzliches „Plus“ von 0,22 €/dt Rüben (brutto), aber nur, wenn die einjährigen Verträge in den nächsten beiden Jahren mit den gleichen Konditionen wieder angeboten werden.

Das „Zocker“-Modell mit der Kopplung von Rüben- und Zuckerpreis wirkt durchaus interessant, weil die positive Marktentwicklung etwas besser „belohnt“ wird als die negative „bestraft“.

Vermutlich finden sich aber am Schluss nicht nur „Lieferanspruchs“- und „freie“ Mengen sondern auch drei verschiedene Vertragstypen bei den Rübenanbauern, weil ein Teil dreijährig (gesichert) abgeschlossen wurde, ein Teil einjährig festgemacht wurde und mit einer Teilmenge ein bisschen „gezockt“ wird.


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Dr. Mathias Schindler
Unternehmensberatung, Betriebswirtschaft
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Stand: 29.06.2016