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Forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse im Spannungsfeld von Kostendruck, Wettbewerb und Vereinsgedanke

Forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse werden gerade in letzter Zeit heftig von Politik und Industrie umworben. In Niedersachsen haben die Zusammenschlüsse eine lange Tradition. Sind sie nach fast 90 Jahren am Ziel einer Entwicklung, um als Logistikpartner der Industrie und "Entwicklungshelfer" ländlicher Regionen wahrgenommen zu werden?Die Nutzung im Bereich der LWK Hannover ist gemessen am Basisjahr 1994 bis heute um das 3,1 fache auf derzeit gut 1,2 Mio. fm gewachsen (Grafik). Dies entspricht lediglich einem durchschnittlichen Nutzungssatz der letzten 11 Jahre von 2,7 fm/Jahr und ha. Vergleicht man dies mit den getätig-ten Nutzungen der niedersächsischen Landesforstverwaltung (4,5 fm/Jahr und ha) bei etwa gleicher Nettowaldfläche, wird ein klarer Nachholbedarf im Privatwald sichtbar. Allerdings ist der Privatwald inzwischen zum größten Lieferanten des begehrten Rohstoffs Nadelindustrieholz geworden (Abb. 1). Übrigens werden 90 % des Nadelindustrieholzes von lediglich fünf Verkaufsorganisationen des Privatwaldes vermarktet.

Wollte der Staat vor nicht allzu langer Zeit mehr Einfluss auf den Privatwald gewinnen (siehe Kasten), ist heute ein Rückzug staatlicher Institutionen aus diesem Bereich zu verzeichnen. Die forstwirtschaft-lichen Zusammenschlüsse sind gefordert, ihre Tätigkeiten nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten auszurichten, um bei geringer werdenden staatlichen Transferzahlungen die Dienstleistung für ihre Mitglieder zu gewährleisten und zu intensivieren. Die Landwirtschaftskammer Hannover als Selbstverwaltungsorganisation aller land- und forstwirtschaftlichen Betriebe in der Rechtsform einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (ab 01.01.2006 mit der LWK Weser-Ems fusioniert zur LWK Niedersachsen) stellt als forstlicher Betreuer gegen Gebühr Personal und Sachleistungen den Zusammenschlüssen zur Verfügung. Diese Dienstleistung muss kostendeckend erbracht werden. Wenn die Zusammenschlüsse und ihr Dienstleister am Markt bestehen wollen, müssen sie ihre Geschäfts-prozesse wirtschaftlich gestalten. Dies setzt eine klare Zielausrichtung voraus.

Vom Waldbauverein zur Vermarktungsorganisation

Der preußische Staat wollte zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch ein sog. Forstkulturgesetz den desolaten Zustand des Privatwaldes verbessern und große Ödlandflächen wieder in Bestockung bringen. Das Gesetz wurde nie verabschiedet, aber selbst der Entwurf regte zu spontanen Aktivitäten im Privatwald an [1]. Die Waldbauvereine der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden auf bäuerliche Initiative hin gegründet, mit dem Bestreben, staatlichem Einfluss und Bevormundung zu begegnen. Eine überbetriebliche Zusammenarbeit sollte den bäuerlichen Besitz in die Lage versetzen, forstliche Probleme eigenverantwortlich zu lösen. Diese Motivation hat sich über die Jahrzehnte mit wechselnden geschichtlichen Ereignissen bis heute erhalten. Die späteren Forstverbände und heutigen Forstbetriebsgemeinschaften nahmen schon vor dem 2. Weltkrieg eine Entwicklung vorweg, die andere heute erst anstreben. Reine Beratung wurde durch qualifiziertes Forstpersonal zu aktiver Bewirtschaftung. Eigenleistung des Waldbesitzers in seinem Wald wurde durch fremde Dienstleister abgelöst.

Die naturale Seite

Die Entwicklung des Holzvorrats und der damit verbundenen Nutzung kann in den letzten 10 Jahren im Privatwald im Bereich der LWK Hannover als Erfolg gewertet werden. Verfügte der Privatwald im Jahr 1987 noch über einen durchschnittlichen Vorrat von 179 Vfm/ha ist dieser bis zum Jahr 2002 um 43 % auf 256 Vfm/ha angewachsen (Quelle: Bwi I u. II). Mit 274 Vfm/ha verfügt der Landeswald lediglich um einen 7 % höheren Vorrat.

Die Nutzung im Bereich der LWK Hannover ist gemessen am Basisjahr 1994 bis heute um das 3,1 fache auf derzeit gut 1,2 Mio. fm gewachsen (Grafik). Dies entspricht lediglich einem durchschnittlichen Nutzungssatz der letzten 11 Jahre von 2,7 fm/Jahr und ha. Vergleicht man dies mit den getätigten Nutzungen der niedersächsischen Landesforstverwaltung (4,5 fm/Jahr und ha) bei etwa gleicher Nettowaldfläche, wird ein klarer Nachholbedarf im Privatwald sichtbar. Allerdings ist der Privatwald inzwischen zum größten Lieferanten des begehrten Rohstoffs Nadelindustrieholz geworden (Abb. 1). Übrigens werden 90 % des Nadelindustrieholzes von lediglich fünf Verkaufsorganisationen des Privatwaldes vermarktet.



Abb. 1: Jahreseinschlag der Landesforstverwaltung Niedersachsen und der LWK Hannover über jeweiligemNadelindustrieholzeinschlag. Derbholzeinschlag vermindert um nicht aufgearbeitetes Derbholz. LandNiedersachsen ohne Nationalpark Harz (Quelle: Forstplanungsamt und eigene Erhebungen).

Die Sortimentsstruktur des vermarkteten Holzes hat sich in den letzten 10 Jahren dramatisch verändert. Bis Anfang der 90er Jahre wurden neben Industrieholz große Mengen Stammholz sehr individuellen Nachfragen angedient. Heute spielt Nadelstammholz eine eher unbedeutende Rolle. Die insbesondere nach der Wende entstandenen modernen Großsägewerke haben den Bedarf an Abschnittsortimenten sprunghaften steigen lassen. Gerade diese Nachfrage nach einem genormten Rohstoff, (sog. „Commodities“ wie Öl, Weizen, Kupfer oder Schweinehälften) macht den spürbaren Druck zum Wandel auf unsere Zusammenschlüsse und Dienstleister erklärbar. Diese Nachfrageverschiebung löste innerhalb weniger Jahre einen Wandel im Waldbau, der Aufarbeitungstechnik bis hin zur Logistik aus.

Trotz allem müssen wir feststellen, dass wir in Deutschland die höchsten Gestehungskosten bei vergleichbarem Holzpreis in Europa verzeichnen.

Die wirtschaftliche Seite

Die Tabelle zeigt ausgewählte Kosten und Erlöse am Beispiel eines unserer Betreuungsforstämter der Lüneburger Heide. Der ausgewiesene Überschuss stellt selbstverständlich nicht den Reinertrag einzelner Betriebe dar, da bei dieser Betrachtung Ertrag und Aufwand nicht vollständig erhoben und zugeordnet werden. Die Ergebnisse verdeutlichen allerdings die Verhältnisse und die Entwicklung der privaten Forstwirtschaft der Region. Im Gegensatz zu dem Testbetriebsnetz des Bundes (> 200 ha Betriebsfläche) wird der Durchschnittsbetrieb der Heide mit ca. 12 ha angemessen repräsentiert. Die Zahlen sind sehr aussagefähig, da eine große Holzmenge und eine Vielzahl von Betrieben als Basis dienen.

Das Beispiel zeigt, auf welch niedrigem Niveau die Kiefernbetriebe wirtschaften müssen. Im Jahre 2004 kann der Erlös zwar erheblich gesteigert werden, eine angemessen Kapitalrendite wird aber nach wie vor nicht erzielt. Die Erlössteigerung ist durch eine Sonderkonjunktur des Kiefernindustrieholzes, ausgelöst durch den Produktionsbeginn des Zellstoffwerkes Stendal, zu erklären. Im Durchschnitt der Jahre reichen die Auszahlungsbeträge nicht aus, die laufenden Kosten eines Kiefernaufbaubetriebes zu decken.

 



Tabelle: Ausgewählte Kosten und Erlöse am Beispiel eines Forstamtes der LWK Hannover. Auf einer Mitgliedsfläche von 50.000 ha werden jährlich 150.000 fm Holz der 2.200 Mitglieder vermarktet (75 % Kiefer, 20 % Fichte). Die Beiträge Berufsgenossenschaft schwanken in Abhängigkeit der Betriebsgröße erheblich (z. Z. für Betriebe 5 ha: 56,00 €/J.; 20 ha: 195,20 €/J.; 100 ha: 525,00 €/J.) Die Wasser- und Bodenverbandsbeiträge schwanken zwischen 0 und 20,00 €/ha Waldfläche und Jahr.

 

Gerade ein auf der ganzen Fläche tätiger Dienstleister wie die Landwirtschaftskammer ist in der Lage, aussagefähige Zahlen repräsentativ zu erheben. Dies ist umso wichtiger, da die Politik bei angespannter Haushaltslage ständig versucht, die Transferzahlungen gerade in den vermarktungsschwachen Regionen der Heide zu reduzieren, wenn nicht gar einzustellen. Nach Krieg und Sturm ist der Aufbau des Privatwaldes in Niedersachsen abgeschlossen. Angemessene Pflege der unter 60 jährigen Bestände setzt entsprechende Holzpreise und kostenoptimale Aufarbeitung des Holzes voraus.

Das zunehmende Risiko der Waldwirtschaft gerade in unserem küstennahen Bereich wird unterschätzt. Nicht Brand, sondern Sturm stellt bei fortschreitendem Klimawandel in vorratsreicheren Beständen das Hauptrisiko der Waldbewirtschaftung dar. Die Länderregierungen und der Bund haben auf Sturmereignisse durch Aufarbeitungs- und Wiederaufforstungsbeihilfen bislang reagiert. Eine zugesicherte Risikoabsicherung für die Zukunft wird aber von administrativer Seite nicht gegeben. Der Kapitalverlust durch Sturm ist bislang nicht ersetzt worden. Selbst Steuerermäßigungen nach Kalamitäten (§ 34b EStG) werden ständig reduziert. Versicherer sind, verglichen mit den skandinavischen Ländern, in Deutschland bislang nur mit unattraktiven Angeboten für Sturmschadenspolicen für Wald am Markt.

Die Zusammenschlüsse müssen aus Gründen der Vorsorge für ihre Mitglieder auf das Risiko reagieren. Politik und Versicherer sollten in kürze attraktive Angebote zur Risikoübertragung unterbreiten, nicht zuletzt, um die Investitionsbereitschaft in Waldbestände zu erhöhen und abzusichern.

Klare Positionierung im Markt

Der forstliche Zusammenschluss und sein Betreuer haben die Aufgabe, dem Waldeigentümer eine optimale Wertschöpfung seines Forstbetriebes zu gewährleisten. Zu allererst ist dies durch eine klare Zielausrichtung mit entsprechender Positionierung im Markt zu erreichen. Die Grafik verdeutlicht schematisch einen Zusammenhang zwischen Holzvermarktungsstrategie, Verfügungsfreiheit über Fläche und Produkt und der Auswirkung auf die ländliche Region (Abb. 2).




Abb. 2: Bei sich ändernder Verfügungsfreiheit über Fläche und Produkt ist die Auswirkung auf Betrieb undRegion dargestellt.

 

Der Verkauf des Holzes an der Waldstraße durch den Regiebetrieb stellt auch heute noch den Normalfall der Holzvermarktung dar. Gerade diese Vermarktungsstrategie treibt die Werbungs- und Logistikkosten in die Höhe. Viele auch kleinere Zusammenschlüsse praktizieren eine Vermarktung des „Sowohl als Auch“. Einerseits wird am Stock über Selbstwerber verkauft. Andererseits werden in direkter Nachbarschaft Bestände in Regie durchforstet und das Holz an der Waldstraße übergeben. Dies kann keine zukunftsträchtige Vermarktungsstrategie im Sinne einer klaren Marktpositionierung sein. Frei Werks-Lieferung durch einen Zusammenschluss setzt nicht geringe Investitionen in Maschinen und Personal voraus. Nur Zusammenschlüsse mit einer Flächengröße jenseits von mindestens 50.000 ha sind in der Lage, solche Konzepte zu realisieren. Kleine bis mittlere Zusammenschlüsse, die keine Möglichkeit haben, sich mit anderen zu verbinden oder dies auch nicht wollen, sollten sich von aufwändigen Forstbetriebsarbeiten in Regie trennen. Ihre Aufgabe sollte sich vielmehr auf die Akquisition und Vorbereitung der entsprechenden Waldbestände nebst Anbahnung und Abwicklung des Geschäfts erstrecken.

Will man die angesprochenen Probleme meistern, muss der Zusammenschluss und sein Dienstleister auf Grundlage einer genauen Standortbestimmung klare Ziele im Sinne einer Marktpositionierung entwickeln. Ist man sich über das „Wo will ich hin“ nicht im klaren, kann die Wertschöpfung für das Mitglied nicht optimal gestaltet werden.



Kontakt:
Martin Hillmann
Fachbereich 4.2
Telefon: 0511 3665-1441
Telefax: 0511 3665-1513
E-Mail:


Stand: 05.01.2006