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Agrarminister Meyer: Zu viel Gülle und Gärreste auf den Feldern

Die guten Nachrichten im jüngsten Nährstoffbericht: Die Menge an Gülle, Mist und Gärresten ist 2015/16 zwar deutlich gesunken, und das Flächendefizit wurde halbiert. Doch die Novelle des Düngerechts stellt die Landwirte künftig vor große Herausforderungen.

Hannover - Licht und Schatten beim bereits zum vierten Mal von der Landwirtschaftskammer (LWK) im Auftrag des niedersächsischen Agrarministeriums vorgelegten Nährstoffbericht: Von Anfang Juli 2015 bis Ende Juni 2016 sind in Niedersachsen rund 58,7 Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger, also Gülle, Mist und Gärreste, angefallen – eine Million Tonnen weniger als im Vorjahreszeitraum. Ein Grund: Die Zahl an Schweinen, Hühnern und Puten geht zurück. Überdies sank der Stickstoffüberschuss leicht von 80.000 Tonnen auf 70.000 Tonnen, da über den Handel erheblich weniger Mineraldünger in Niedersachsen abgesetzt wurde. „Doch es bleibt dabei: Es sind zu viel Gülle und Gärreste auf unseren Feldern. Stickstoff und Phosphat belasten Böden, Wasser und Klima“, sagte Agrarminister Christian Meyer. Er präsentierte den Nährstoffbericht heute (Mittwoch) mit LWK-Präsident Gerhard Schwetje und Franz Jansen-Minßen, Leiter der vom Land neu geschaffenen und bei der LWK angesiedelten Düngebehörde. 

Optimistisch stimme ihn, „dass wir es auf Basis des geltenden Düngerechts geschafft haben, das Flächendefizit zu halbieren“, so Meyer. Fehlten zuvor in den Überschussregionen etwa 40.000 Hektar für eine ordnungsgemäße Ausbringung von Wirtschaftsdüngern, so sind es laut Nährstoffbericht nun noch 20.000 Hektar. Meyer: „Gemeinsam mit den Bauern können wir es also schaffen. Ziel muss eine an die Fläche gebundene Tierhaltung sein. Dazu können Tierwohlinitiativen mit mehr Platz pro Tier sowie weniger Tiere pro Stall erheblich beitragen.“ Zur Wahrheit gehöre jedoch auch, „dass die vom Bund wegen Verstoßes gegen die EU-Nitratrichtlinie endlich auf den Weg gebrachte Novellierung des Düngerechts die Lage wiederum verschärfen wird“.


Neue Düngeverordnung sieht strengere Grenzwerte vor


Im Klartext: Die neue Düngeverordnung, die noch der Zustimmung des Bundesrats bedarf, sieht strengere Grenzwerte vor. So sind ab dem Jahr 2020 lediglich noch 50 statt bisher 60 Kilogramm Stickstoff pro Hektar sowie ab dem Jahr 2023 nur noch zehn statt 20 Kilogramm Phosphat pro Hektar an Nährstoffüberschüssen gestattet. Die Folge: Sobald das neue Düngerecht in Kraft ist, steigt laut Nährstoffbericht das Flächendefizit in den Überschussregionen wieder auf mehr als 100.000 Hektar. Sie fehlen dann für eine ordnungsgemäße Ausbringung von Wirtschaftsdünger. Wie gravierend die Veränderung sein wird, zeigt diese Bilanz: Nach aktuellem Düngerecht halten sämtliche Landkreise die Stickstoff-Obergrenze für Wirtschaftsdünger ein. Die neue Verordnung berücksichtigt jedoch alle organischen Dünger und damit auch pflanzliche Gärreste. Das heißt: Fünf Landkreise würden dann die Obergrenze verfehlen und sieben andere Landkreise nahe der zulässigen Marge von pro Hektar 170 Kilogramm Stickstoff aus Wirtschaftsdünger sein.

LWK-Präsident Gerhard Schwetje lobte unterdessen, „dass sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die gemeldete Menge an Wirtschaftsdüngern und Gärresten bei beachtlichen 165.000 Einzelmeldungen um 1,5 Millionen Tonnen auf 35,4 Millionen Tonnen erhöht hat“. Zudem seien aus der Überschussregion Weser-Ems zusätzlich etwa 200.000 Tonnen Wirtschaftsdünger verbracht worden. Schwetje: „Insgesamt beträgt die transportierte Menge aus dieser Region rund 2,8 Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger und Gärreste.“

Zugleich mahnte Schwetje, dass zwar der landesweite Stickstoff-Überschuss von 80.000 auf jetzt 70.000 Tonnen gesenkt worden sei. „Aber das bedeutet leider immer noch einen zu hohen Einsatz von Mineraldüngern.“ Schwetjes Appell an die Bauern: „Der Mineraldüngereinsatz ist nach dem Pflanzenbedarf zu kalkulieren – und zusätzlich muss künftig unter Berücksichtigung der in Niedersachsen zur Verfügung stehenden großen Mengen an organischen Düngern wie Gülle, Mist und Gärresten noch mehr Mineraldünger durch Wirtschaftsdünger ersetzt werden.“ Der Leiter der neuen Düngebehörde, Franz Jansen-Minßen ergänzte: „Wir haben bei den organischen Nährstoffen nach wie vor ein Mengen- und Verteilproblem.“ Und: „Das lässt sich künftig nicht allein über die Verteilung lösen.“


Minister: Dürfen vor den Herausforderungen für unsere Landwirtschaft nicht die Augen verschließen


Für Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer ist eines klar: „Wir dürfen vor den Herausforderungen für unsere Landwirtschaft nicht die Augen verschließen.“ Das neue Düngerecht auf Bundesebene hätte wegen der übermäßigen und seitens der EU zu Recht kritisierten viel zu hohen Nitratbelastung in Deutschland schon vor Jahren installiert sein müssen, so Meyer. „Aber der Bund hat die Lösung des Problems auf die lange Bank geschoben.“ Die Überdüngung sei eine der Hauptursachen für Boden- und Gewässerbelastung, die Landwirtschaft stehe daher in besonderer Verantwortung. „Es werden weiterhin zu viele Tiere auf zu wenig Platz gehalten“, sagte der Agrarminister. Besonders Niedersachsen als Agrarland Nummer 1 in Deutschland sei von den Folgen betroffen. Meyer: „Während bundesweit nach dem jüngsten Nitratbericht der Bundesregierung etwa 28 Prozent der Grundwasser-Messstellen eine höhere Belastung als den zulässigen Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter aufweisen, sind es in Niedersachsen sogar rund 38 Prozent.“ Von den gemäß der EU-Wasserrahmenrichtlinie bewerteten 90 vollständig in Niedersachsen liegenden Grundwasserkörpern seien 47 Prozent in einem chemisch schlechten Zustand. Das entspreche einer Flächenausdehnung von etwa 60 Prozent der Landesflächen.

Meyer sagte, nicht nur in Niedersachsen, sondern auch deutschland- und europaweit stehe die Landwirtschaft vor einem Umbruch. „Es muss Verbesserungen etwa beim Tierschutz und bei Emissionen aus den Ställen geben“, so der Minister. „Notwendig ist aber auch ein Wandel beim Umgang mit Natur und Umwelt. Wir müssen Böden und Gewässer besser schützen.“ Nur so sei eine Trendwende zu erreichen. Er sei „sehr stolz“, dass Niedersachsen wegen der Überdüngung erste erfolgreiche Konsequenzen gezogen habe. Der Agrarminister verwies in diesem Zusammenhang auf den vom Land mit 2,3 Millionen Euro unterstützten Aufbau einer bei der Landwirtschaftskammer angesiedelten Düngebehörde. „Damit schaffen wir rund zwei Dutzend neue Stellen für wirksame Kontrollen.“ Zur effizienten düngerechtlichen Überwachung werde neben einer risikoorientierten Überprüfung überdies die elektronische Nutzung und Verrechnung bereits existierender Daten beitragen. „Wir werden die schwarzen Schafe aus dem Verkehr ziehen. Wer trotz Beratung weiter gegen Vorgaben verstößt, muss irgendwann mit einem Bußgeld rechnen. Und das kann bis zu 150.000 Euro betragen.“


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Stand: 22.02.2017