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Wer bestimmt die Zukunft unserer Landwirtschaft?

Beraterhochschultagung diskutiert Spannungsfeld der Ansprüche

Pressemitteilung vom 02.11.2017

Göttingen – „Die Vorstellungen über die Zukunft der Landwirtschaft sind vielfältig und gehen zum Teil weit auseinander.“ Das sagte Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, am Donnerstag (2. November) auf der Beraterhochschultagung in Göttingen. „Bauern – Wissenschaft – Politik – Gesellschaft: Wer bestimmt die Zukunft unserer Landwirtschaft?“ lautete das Thema der Tagung, zu der Landwirtschaftskammer, Universität Göttingen, Niedersächsisches Landwirtschaftsministerium, Arbeitsgemeinschaft der Beratungsringe Weser-Ems und Landvolk Niedersachsen eingeladen hatten.

In seiner Begrüßung der gut 150 Besucher skizzierte Schwetje das Spannungsfeld, in dem landwirtschaftliche Produktion heute stattfindet. „Ein knallharter Markt, gesellschaftliche Erwartungen, politische Vorgaben, aber auch ein zunehmend spürbarer Klimawandel sind riesige Herausforderungen, denen sich unsere Landwirtsfamilien tagtäglich zu stellen haben“, sagte der Kammerpräsident. Gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Widersprüche seien da wenig hilfreich.

Der Wissenschaft kommt nach Auffassung Werner Hilses die Aufgabe zu, vorauszuschauen, Thesen zu untermauern und dabei zu helfen, Probleme zu lösen. „Gerade bei Letzterem kann sie den Landwirten wertvolle Hilfe anbieten“, sagte der Landvolk-Präsident. Parallel dazu erwartet er einen ehrlichen Umgang mit wissenschaftlich fundierten Fakten. Sie dürften in der politischen Bewertung nicht zur Beliebigkeit verkommen. Das schade der unabhängigen Forschung ebenso wie der verantwortungsvollen Politik. „Leidtragende sind die Landwirte, die letztlich nicht mehr einschätzen könnten, was tatsächlich noch gilt“, so der Landvolk-Präsident.

In acht Vorträgen wurden aktuelle Arbeiten und Forschungsergebnisse aus der agrarwissenschaftlichen Fakultät und der Beratungspraxis vorgestellt und diskutiert. Unter anderem referierte Dr. Vinzenz Bauer von der Landwirtschaftskammer über den Einfluss der Märkte auf die Zukunft landwirtschaftlicher Betriebe, den er als „beträchtlich“ einstufte. Daher komme der Marktbeobachtung und der konsequenten Anpassung an kurz-, mittel- und langfristige Trends eine besondere Bedeutung in der Betriebsführung zu. „Zusammenschlüsse von Erzeugern sind dafür geeignet, die Marktposition zu stärken und Beratung effizient zu organisieren“, so Dr. Bauer. Damit könnten sich landwirtschaftliche Betriebe zukunftssicher entwickeln.

Die laufende Kostenkontrolle im Bereich der Arbeitserledigung ist nach Auffassung von Prof. Dr. Jan-Henning Feil von der Universität Göttingen eine der großen künftigen ökonomischen Herausforderungen der Landwirtschaft. Er stellte eine Studie vor, in der erstmals eine Prozesskostenrechnung für die Landwirtschaft entwickelt wurde. „Damit und unter Zuhilfenahme einzelbetrieblicher Daten einer Farmmanagementsoftware können die Arbeitserledigungskosten den Prozessen und den einzelnen Früchten als Kostenträger zugeordnet werden“, erklärte der Wissenschaftler. Die Ergebnisse eigneten sich auch zu überbetrieblichen, prozessorientierten Vergleichen.

Zu „Herausforderungen und Eckdaten der zukünftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)“ referierte Dr. Jens Schaps von der EU-Kommission. „Künftig wird es ein wichtiger Aspekt der GAP-Ausgestaltung sein, Agrarstützung und Anforderungen an eine umwelt- und klimaschonende Wirtschaftsweise besser zu verknüpfen“, so Dr. Schaps. Technischer Fortschritt müsse dabei sinnvoll genutzt und gefördert werden, insbesondere mit Blick auf den „effizientesten Umgang“ mit den knapper werdenden Ressourcen. Er forderte eine weitere Professionalisierung der Agrarproduktion und sieht dabei einen „besser organisierten Generationswandel“ als eine zentrale Aufgabe an. Der Einstieg junger Landwirte in die Landwirtschaft müsse zudem attraktiv bleiben.

In zwei Foren wurden Aspekte der Pflanzenproduktion und der Tierhaltung beleuchtet. Optische Sensoren zur Erkennung von Pflanzenkrankheiten stellte Privatdozentin Dr. Anne-Katrin Mahlein, Institut für Zuckerrübenforschung (IfZ), Göttingen, vor. Sie zeigte Möglichkeiten und aktuelle Entwicklungen aus der Forschung, wie diese Technik für die Erfassung und Bewertung von Merkmalen von Nutzpflanzen eingesetzt werden kann.

Prof. Dr.-Ing. Frank Beneke, Universität Göttingen, sieht in der „Zustandserkennung in Erntegut, Maschinen und Prozessen“ eine Aufgabe für Agrartechnik und Praxis. Wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung der Landwirtschaft ist es nach seiner Auffassung, technische Möglichkeiten einer solchen Zustandserkennung in ganzheitliche Bewirtschaftungskonzepte zu integrieren und mit pflanzenbaulichem Wissen zu verknüpfen.

Mit den „Anforderungen an die Nutztierhaltung aus tierwissenschaftlicher Sicht“ setzte sich Prof. Dr. Nicole Kemper, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, auseinander. Nach ihrer Auffassung ergeben sich in der Umsetzung einer möglichst hohen Tiergerechtheit auch Zielkonflikte. Als Beispiel nannte sie tierhygienische Anforderungen an eine möglichst hohe Biosicherheit. Hier gelte es, Wissenslücken zu schließen, Vor- und Nachteile abzuwägen, und gemeinsam Lösungen zu finden.

„Moralische Ansprüche an eine moderne Nutztierhaltung“ verdichten sich nach Aussagen von Prof. Dr. Peter Kunzmann, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, in den Begriffen Tierwohl und Nachhaltigkeit. Während beide Begriffe für sich definiert werden könnten, sei die Frage weitgehend ungeklärt, wie Tierwohl und Nachhaltigkeit sich zueinander verhielten. Auch hier könne es Gegensätze geben. Praktiken, die beide Güter zugleich realisierten, wären ein Schlüssel zu einer modernen Landwirtschaft mit Tieren.

 


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Stand: 02.11.2017