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Landessortenversuche 2010: Sommer-Braugerste

Wie bereits im Vorjahr vermutet, ist der Anbau von Braugerste erneut stark zurück gegangen. Die niedersächsische Anbaufläche belief sich zur Ernte 2010 nur noch auf rund 10.000 Hektar. Auch für das Anbaujahr 2011 erwarten die Marktteilnehmer keine nennenswerte Ausdehnung. Nachfolgend finden Sie die aktuellen Versuchsergebnisse.

Die einheimischen Mälzereien waren bis weit in das Jahr 2010 hinein mit alterntiger Ware aus 2009 versorgt. Große Hoffnungen auf steigende Erzeugerpreise konnten somit zum Zeitpunkt der Anbauentscheidung durch die Erfasser nicht gemacht werden. Zudem führten die Erfahrungen der letzten Jahre mit unzureichenden Erzeugerpreisen dazu, dass erneut viele Flächen mit Alternativkulturen bestellt wurden. Große Konkurrenz üben hier nach wie vor die Bioenergiepflanzen aus. Die große Hitze Ende Juni und Anfang Juli sowie die schwierigen Erntebedingungen des letzten Sommers sind allen noch in Erinnerung. Die hieraus resultierenden Qualitätseinbußen führten dazu, dass die Anforderungen einer Braugerstenqualität in vielen Fällen nicht erfüllt werden konnten und die Gerste in den Futtertrog wanderte. Die Kombination aus reduzierten Anbauflächen und unzureichenden Qualitäten erbrachte eine niedersächsische Gesamt-Braugerstenmenge von rund 55.000 Tonnen - ein historischer Tiefstand. Das frühere Ziel, den Bedarf Niedersächsischer, Bremer und Hamburger Mälzereien zu mindestens 50 Prozent mit einheimischer Ware abzudecken, ist somit inzwischen leider illusorisch. Nach der Ernte 2010 werden für 2011 keinen Übermengen erwartet. Die Versorgung der Mälzereien könnte knapp ausfallen. Auch das weltweite Angebot fällt, in erster Linie witterungsbedingt, knapp aus. Die Preisaussichten zur Ernte 2011 sind also recht positiv. Dieses Signal wird aber in vielen Fällen zu spät kommen, da die Anbauentscheidung und Flächenplanung für die nächste Vegetation häufig schon im Herbst,  also vor der Aussaat der Winterungen, gefällt wird.

Erträge der Sorten

Niedersachsen ist aufgrund der Standortbedingungen und der Möglichkeit der intensiven Feldberegnung seit jeher ein Bundesland, in welchem beste Braugerstenqualitäten erzeugt werden können. Um Informationen für die richtige Sortenwahl zu liefern führt die Landwirtschaftskammer Niedersachsen nach wie vor umfangreiche Prüfungen durch.

Die Sorte Quench präsentiert sich wie schon in den vergangenen Jahren sowohl im Ertrag als auch in den agronomischen Eigenschaften sehr stark. Aus ertraglicher Sicht gleichauf liegt Streif, die jedoch in ihren Malz- und Braueigenschaften nicht überzeugen konnte und daher aus dem Landessortenversuch ausscheiden wird. Die dritte mehrjährig geprüfte Sorte Marthe zeigt, dass sie im Ertrag mit den neueren Züchtungen nicht mithalten kann und liefert ein deutlich unterdurchschnittliches Ergebnis. Grace schneidet nach einem sehr guten Ergebnis im letzten Jahr aktuell eher schwächer ab. Hier bleibt abzuwarten, wie sich die Sorte zur Ernte 2011 entwickelt. Unter den erstmalig geprüften Kandidaten präsentieren sich KWS Bambina und Propino leicht oberhalb des Standardmittels. Sunshine dagegen zeigt sich schwächer. Alle drei Sorten haben eine Verarbeitungsempfehlung des Berliner Programms bekommen, so dass nun ein weiteres Prüfjahr zeigen wird, wie diese Kandidaten unter den niedersächsischen Standortgegebenheiten im Ertrag abschneiden.

Verarbeitungsqualitäten

Neben dem Ertrag sind vor allem die qualitativen (Gerste, Malz, Würze, Bier) und verarbeitungsrelevanten (Mälzerei, Brauerei) Eigenschaften der Sorten für eine Anbauempfehlung  ausschlaggebend.

Neben den cytolytischen und proteolytischen Eigenschaften der Sorten werden im Verarbeitungsprozess die beta-Glucan Gehalte und das Verhalten in der Filtration immer wichtiger. In allen Qualitätsparametern hat erneut die im Vorjahr uneingeschränkt empfohlene Sorte Quench überzeugt. Hohe Vollgerstenanteile, geringe Eiweißgehalte, hohe Extraktausbeuten, gute Malzmürbigkeit sowie geringe beta-Glucan Gehalte und höherer Durchfluss in der Filtration spiegeln die Qualität dieser Sorte wider. Marthe zeigt leichte Schwächen in der Malzmürbigkeit, erreicht deutlich geringere Extraktgehalte und fällt vor allen Dingen im höheren beta-Glucan Gehalt auf. Streif hat in den Vorjahren bereits aufgrund qualitativer Mängel keine Anbauempfehlung erreichen können. Die im 2. Jahr geprüfte Grace wird mälzungstechnisch gut beurteilt,  erreicht jedoch nicht die sehr guten Extraktausbeuten der Sorte Quench. Ferner zeigte sie in  diesem Jahr auch leichte Geschmacksprobleme in der Bierverkostung. Unter den  erstmals geprüften Sorten hat KWS Bambina qualitativ  die Nase vorn. Die Sorte zeichnet sich wie Quench durch einen hohen Extraktgehalt aus und ist auch in den cytolytischen  Eigenschaften und dem geringen beta-Glucan Gehalt gut zu bewerten. Ohne Probleme verarbeiten lassen sich Propino und Sunshine. Alle drei Sorten haben als Ergebnis der Untersuchungen aus dem Berliner Programm eine Empfehlung für weitere Praxisversuche erhalten.

Die Anbauempfehlung der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des niedersächsischen Braugerstenanbaus für den  Konsumanbau beschränkt sich in diesem Jahr auf die Sorte Quench.

Vor dem Hintergrund der Qualitätssicherung sollte im Braugerstenanbau stets eine Fungizidanwendung in Erwägung gezogen werden. Hier sollte sich die Betrachtung nicht allein auf ökonomische Gesichtspunkte beschränken. Gerade in dieser Produktionsrichtung spielt die Qualität des erzeugten Erntegutes eine sehr große Rolle. Auch bei relativ gesunden Sorten kann daher der komplette Verzicht auf die Anwendung von Fungiziden bezüglich der Qualität ein höheres Risiko darstellen.

 


Kontakt:
Andreas Lege
Getreide, Öl- und Eiweißpflanzen
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Stand: 28.02.2011