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Landessortenversuche 2017: Winterroggen

Die Attraktivität des Roggenanbaus leidet seit gut zwei Jahren unter den schwachen Preisen für Brotroggen. Dadurch ist es erklärlich, dass auch für die diesjährige Ernte wiederum ein leichter Anbaurückgang laut den vorläufigen Zahlen des statistischen Landesamtes Niedersachsen auf nunmehr unter 120.000 ha zu verzeichnen ist. Da viele Bestände bedingt durch wiederholte Niederschläge über einen längeren Zeitraum nicht zum optimalen Zeitpunkt geerntet werden konnten, ist es derzeit noch nicht klar, wieviel der Roggenernte auch als Brotroggen zur Verfügung steht. Die Erträge scheinen gegenüber dem Vorjahr etwas höher auszufallen. In den klassischen Roggenanbaugebieten waren in diesem Jahr trockenheitsbedingte Schäden eher die Ausnahme.

 

Anbaustatistik Winterroggen
Jahr Anbaufläche (ha) % der Ackerfläche Ertrag (dt/ha)
2009 149.849 7.9 64.1
2010 120.579 6.5 49.3
2011 118.647 6.3 52.5
2012 137.172 7.3 64.5
2013 149.935 8.0 72.3
2014 128.768 7.2 70.8
2015 135.075 7.1 71.2
2016 121.400 6.4 65.5
2017* 118.800 6.3 68.0*

* vorläufig


Ergebnisse der Sorten

In den diesjährigen Prüfungen wurden mit KWS Binntto und KWS Eterno zwei neu vom Bundessortenamt zugelassene Hybridsorten zusätzlich zu den zwei- und mehrjährig geprüften Hybridsorten getestet. Mit Conduct steht außerdem eine etablierte Populationssorte als Vergleich in den Versuchen. Die geprüften Sorten stammen aus den Züchterhäusern Hybro/Saaten-Union und KWS Getreide, wobei einzelne Sorten durch andere Vertriebsfirmen vermarktet werden.

Die Landessortenversuche Winterroggen wurden in drei Anbauregionen, den Sandböden West und Nord, sowie auf den leichteren westlichen Lehmstandorten getestet. Standortergebnisse aus NRW fließen für die westlichen Regionen mit ein.

Erstmalig wird in den Ertragstabellen der drei Anbauregionen auch ein mehrjähriger Durchschnittsertrag mit Angabe der dahinterstehenden Anzahl Versuchsergebnisse ausgewiesen. In diesem Durchschnittsertrag, der aus den vorliegenden Versuchsergebnissen aus den Jahren 2014 bis 2017 berechnet wird, sind – wenn vorhanden – auch Ergebnisse aus sogenannten Vorversuchen, wie Wert- und EU-Prüfungen enthalten. Durch Einbeziehung dieser zusätzlichen Ergebnisse können auch die im LSV ein- und zweijährig geprüften Sorten bereits verlässlicher beurteilt werden. Diese Ergebnisse werden durch das bundesweit anerkannte Berechnungsverfahren, der sogenannten Hohenheim-Gülzower-Serienauswertung, berechnet. Zu beachten ist ferner, dass 2017 ausschließlich die geprüften Hybridsorten als Verrechnungsbasis herangezogen wurden. Somit verteilen sich die Relativergebnisse stärker um den Durchschnitt von rel. 100. Die gleiche Bezugsbasis wurde auch für die Darstellung der mehrjährigen Sortenleistungen zu Grunde gelegt.

Neben den Ertragsleistungen, die im Folgenden für die Anbauregionen detailliert vorgestellt werden, sind aber auch weitere Beurteilungskriterien wichtige Gesichtspunkte bei der Sortenwahl. Um als Brotroggen verkauft werden zu können, ist eine hohe Fallzahl als Qualitätskriterium ein wichtiger Aspekt. Generell für den Verkauf der Ernteware ist entscheidend, dass kein oder nur ein sehr geringer Anteil an Mutterkorn (siehe Absatz Problematik Mutterkorn) vorhanden ist. Aber auch die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und Mängel in der Standfestigkeit gilt es zu berücksichtigen, die in der Tabelle der Sorteneigenschaften dargestellt sind.

Von den 2017 geprüften Sorten konnten vor allem die beiden neu zugelassenen Sorten KWS Binntto und KWS Eterno ertraglich in allen drei Anbauregionen überzeugen. Auch in der unbehandelten Stufe, wo auf den Einsatz von Wachstumsreglern und Fungiziden verzichtet wird, erreicht KWS Binntto dank guter Einstufungen gegenüber Krankheitsbefall sehr gute Leistungen.

Die Leistungen der Sorten in den drei Anbauregionen stellen sich wie folgt dar:

In der Anbauregion der Sandböden West erreichen 2017 neben den bereits erwähnten Sorten KWS Binntto und KWS Eterno auch SU Composit, SU Cossani, SU Nasri und KWS Gatano hohe Erträge. Mehrjährig betrachtet erreichen SU Performer, SU Forsetti, SU Cossani und SU Nasri die besten Leistungen. SU Composit fällt aufgrund der schwachen Ergebnisse in 2016 zurück. Die zweijährig geprüften Sorten KWS Daniello und KWS Gatano erreichen knapp durchschnittliche Leistungen

SU Performer zeigt sich auf den Sandböden Nordhannover als sehr ertragskonstant und erreichte von den mehrjährig geprüften Sorten die höchsten Erträge. Überzeugen konnte auch die zweijährige Sorte KWS Daniello.

KWS Binntto und KWS Eterno erzielen, wie bereits erwähnt, auch in dieser Anbauregion die höchsten Erträge.

Mehrjährig betrachtet erreicht SU Performer, gefolgt von SU Forsetti und der zweijährig geprüften Sorte KWS Daniello die besten Leistungen. SU Cossani, SU Composit und SU Nasri fallen wie auch KWS Gatano etwas ab.

Auf den Lehmböden konnte SU Composit neben den beiden neuen Sorten KWS Binntto und KWS Eterno ein sehr gutes Ergebnis erzielen. SU Performer unterstreicht die hohe Ertragskonstanz, während SU Forsetti die sehr guten Leistungen des Vorjahres nicht ganz wiederholen konnte. Schwache Erträge in 2017 liefern SU Cossani und SU Nasri ab.  KWS Daniello kann das gute Vorjahresergebnis nicht ganz wiederholen und KWS Gatano konnte hier auch im zweiten Jahr noch nicht voll überzeugen.

Für die Populationssorte Conduct kann zusammenfassend über die drei Anbauregionen festgestellt werden, dass sie mit einem durchschnittlichen Minderertrag von ca. 15 % aus ertraglicher Sicht keine Alternative zu Hybridsorten darstellt. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Nachbau von Hybriden, aber auch synthetischer Sorten, auf Grundlage des Sortenschutzgesetzes verboten ist. Auch aus ackerbaulicher Sicht ist von einem Nachbau abzuraten, weil hier Versuchsergebnisse bei beiden Sortentypen unwirtschaftliche Ertragsrückgänge gezeigt haben.


Qualitätsergebnisse

Die Hektolitergewichte erreichen 2017 nicht ganz die sehr guten Werte der beiden Vorjahre. Mit durchschnittlich 74,7 liegen sie dennoch auf einem hohen Niveau.  Dabei erreichen die Sorten SU Forsetti, SU Performer und SU Composit die besten Werte und bestätigen die hohen Werte der Vorjahre.

Die Fallzahl, als Schnellbestimmungskriterium für die Backqualität, ist in diesem Jahr stark vom Zeitpunkt der Beerntung abhängig. Frühzeitig gedroschene Bestände erreichen sehr hohe Werte von über 250. Die später gedroschenen Versuche erreichten noch Werte oberhalb von 120 Sekunden. In der Praxis, insbesondere wenn die Bestände erst ab Mitte August mit zuvor wechselnden Kornfeuchten gedroschen werden konnten, ist eine Brotroggenqualität u. U. nicht mehr gewährleistet.

Im Durchschnitt der bislang untersuchten sechs Versuche ist festzustellen, dass KWS Binntto und SU Performer die höchsten Werte erreichten. Aber auch die anderen Sorten erreichen noch gute Werte. Insgesamt betrachtet sind die Unterschiede zwischen den Hybridsorten nicht stark ausgeprägt. Ausnahme hierbei ist lediglich die Populationssorte Conduct, die Werte von unter 120 Sekunden aufweist. Für die tatsächliche Beschreibung des Backverhaltens von Roggen ist der so genannte Amylogrammwert, der in keiner direkten Beziehung zur Fallzahl steht, von wesentlich größerer Bedeutung; allerdings gibt es zur Ermittlung dieses Parameters noch keine geeignete Schnellbestimmungsmethode.

Fungizid- und Wachstumsreglereinsätze 2017

Der Verzicht auf den Wachstumsreglereinsatz hatte auf vielen Versuchsstandorten starkes Lager in der unbehandelten Stufe zur Folge. Dementsprechend waren die Ertragsunterschiede zwischen der behandelten und unbehandelten Variante stärker ausgeprägt und rechtfertigten den Einsatz auf den meisten Standorten. In Einzelfällen musste auf die Beerntung dieser Parzellen aufgrund zu starken Lagers verzichtet werden. Generell konnten durch die Kombination Wachstumsregler plus Fungizideinsatz wirtschaftliche Mehrerträge erzielt werden. Vor allem die Bekämpfung des Braunrostes war eine sinnvolle Maßnahme. Durch die gute Kombination von Standfestigkeit und einer geringen Anfälligkeit gegenüber Krankheiten, vor allem Braunrost, konnte sich die neue Sorte KWS Binntto auszeichnen und erreichte auch bei Verzicht auf Wachstumsregulatoren und Fungiziden die höchsten Erträge. Ein Verzicht auf die Behandlungsmaßnahmen wirkte sich auch bei den Sorten KWS Daniello, KWS Gatano und SU Nasri weniger negativ aus.


Problematik Mutterkorn

Das Besatz von Mutterkorn spielte in diesem Jahr nicht die große Rolle, wie es regional in 2016 der Fall war. Dennoch wird das Thema Mutterkornbesatz vom Erfassungshandel und den Mühlen sehr sensibel betrachtet und sollte bei der Sortenwahl entsprechend berücksichtigt werden.

Ein Befall mit diesem Pilz ist von Bedeutung für Nahrungs- und Futtergetreide wegen der im Mutterkorn enthaltenen Alkaloide und deren Toxizität für Mensch und Tier. Roggen ist aufgrund seines offenen Abblühverhaltens besonders gefährdet, doch auch andere Getreidearten wie Weizen, Triticale u.a. können betroffen sein.

Im Handel herrschen strenge Grenzwerte für den Besatz mit Mutterkorn. Diese liegen bei Getreide, das für die menschliche Ernährung Verwendung findet bei 0,05 % Gewichtsprozent, für Futtergetreide bei 0,1% Gewichtsprozent.

Neben produktionstechnischen Möglichkeiten zur Vermeidung des Auftretens von Mutterkorn spielt die Sortenwahl eine entscheidende Rolle. Die Sorten aus dem Hause Hybro/Saaten-Union werden mit einer 10 %igen Zumischung von Populationssorten, die über ein höheres Pollenschüttungsvermögen verfügen, vermarktet. Hierdurch wird die Gefahr des Mutterkornbesatzes gemindert. Sehr hoch anfällige Sorten werden von diesem Züchterhaus mittlerweile nicht mehr weiterverfolgt. Zahlreiche Sorten aus dem Hause KWS Getreide hingegen sind laut Einstufung des Bundessortenamtes günstiger gegenüber Mutterkornbeatz eingestuft und benötigen diese Beimischung nicht. In diesem Merkmal als vorwiegend unproblematisch eingestuft sind die Sorten KWS Gatano, KWS Daniello sowie die neue Sorte KWS Eterno. SU Performer hingegen wird als mittel bis hoch anfällig beschrieben. Die Sortenunterschiede werden, wenn auch auf einem geringen Niveau, in den aktuellen LSV-Ergebnissen erkennbar.


Sortenbeschreibung und -empfehlungen

SU Forsetti überzeugt in den drei Anbauregionen mit hohen Erträgen. Bis auf die diesjährigen schwächeren Leistungen auf den Sandböden West liefert die Sorte konstante Ergebnisse über die Jahre. Im Merkmal Mutterkorn und Fallzahl wird sie durchschnittlich bewertet, die Anfälligkeit gegenüber Braunrost ist zu beachten.

SU Cossani konnte in der Anbauregion Sandböden West durch konstante Erträge überzeugen, zeigte 2017 in den beiden anderen Regionen allerdings Schwächen. Gegenüber der Anfälligkeit für Mutterkorn ist sie durchschnittlich eingestuft, weist aber hohe Fallzahlen auf. Zu beachten ist die Schwäche im Merkmal Braunrost.

SU Nasri ist ebenfalls für die Anbauregion Sandböden West zu empfehlen, wobei sie ertraglich wie die Sorte SU Cossani einzustufen ist. Gegenüber Braunrostanfälligkeit ist sie günstiger zu beurteilen.

Die Sorte SU Composit ist für die Anbauregion Lehmböden zu empfehlen, da sie dort hohe Erträge liefert, hinsichtlich Krankheiten keine Schwächen zeigt und gute hl-Gewichte erreicht bei leicht unterdurchschnittlichen Fallzahlen.

KWS Daniello ist vor allem für die Sandstandorte Nord dank guter Erträge zu empfehlen. Gleichzeitig besitzt sie eine gute Einstufung gegenüber Mutterkornbesatz, mittleren bis guten Fallzahlen und wird insgesamt als wenig anfällig gegenüber Krankheiten eingestuft. Zu beachten ist die Schwäche in der Standfestigkeit.

Die Sorte SU Performer erreicht in allen drei Anbauregionen mehrjährig betrachtet überdurchschnittliche Erträge und überzeugt überdies durch eine sehr hohe Ertragskonstanz und hohe Fallzahlen. Gegenüber der Anfälligkeit von Mutterkornbesatz weist sie allerdings Schwächen auf, sodass sie zur Brotroggenproduktion nur eingeschränkt empfohlen werden kann.

KWS Gatano erreicht in allen drei Anbaugebieten nur leicht unterdurchschnittliche Ergebnisse. Für den Anbau spricht, dass sie vom Bundessortenamt im Merkmal Mutterkornbesatz von den aktuell geprüften Sorten am besten eingestuft ist. Die neue Sorte KWS Binntto überzeugt durch beste Ertragsleistungen, hohe Fallzahlen bei gleichzeitig geringer Anfälligkeit gegenüber Lager und Krankheiten. Im Merkmal Mutterkornbesatz ist sie durchschnittlich eingestuft. Sie ist somit klar für den Probeanbau zu empfehlen. KWS Eterno liefert in den Regionen Sandböden Nord und Lehmböden vergleichbar gute Erträge, zeigt jedoch bei der Lager- und Mehltaueinstufung Schwächen.


Zusammenfassung

Der Roggenanbau hat insbesondere auf den leichteren, trockenheitsbeeinflussten Sandstandorten nach wie vor eine hohe Anbaubedeutung. Um den Anbau wirtschaftlich zu gestalten, sollte der sichere Anbau als Brotroggen im Vordergrund stehen. Daher sind neben der Ertragsleistung vor allem auch die Anfälligkeit gegenüber Mutterkornbesatz und eine geringe Lager- und Krankheitsanfälligkeit wichtige Kriterien bei der Sortenentscheidung.  Aus beiden Züchterhäusern stehen anbauwürdige Sorten zur Verfügung, die bei angepasster Produktionstechnik nach wie vor auch einen wirtschaftlichen Winterroggenanbau ermöglichen.


Kontakt:
Carsten Rieckmann
Getreide, Öl- und Eiweißpflanzen
Telefon: 0511 3665-4357
Telefax: 0511 3665-4500
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Stand: 22.09.2017