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Volles Haus zum Fachgespräch Tierwohl Schwein in Hausstette!

Seit Anfang 2014 betreut die Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen drei Beratungsinitiativen der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz. Zwei Beratungsinitiativen fokussieren auf die Verbesserung des Tierwohls in der Schweinehaltung. Zur Präsentation erster Ergebnisse und Erfahrungen lud die LWK am 17. November 2015 in den Gasthof Tiemerding in Hausstette ein. Über 300 Gäste füllten den Saal bis auf den letzten Platz. Das Interesse der Schweinehalter aus nah und fern war groß.

Die Beratungsinitiativen „Einzelbetriebliche Intensivberatung Schweine haltender Betriebe zur Reduzierung des Risikos von Schwanzbeißen“ und „Tierwohl, Tiergesundheit und Umwelt bei der Mastschweinehaltung verbessern durch Optimierung der Lüftungsanlagen“ sind Teil der MuD Tierschutz, die durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert werden. Projektträger ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

Neben vielen interessierten Landwirten konnten die Veranstalter auch hochrangige Besucher von Bundes- und Landesbehörden, wie z.B. dem Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus Hannover und dem LAVES aus Oldenburg, begrüßen. Mit Hans Heinrich Ehlen und Uwe Bartels befanden sich zwei ehemalige Landwirtschaftsminister des Landes Niedersachsen unter den Zuhörern. Die Presse war mit Vertretern verschiedener Fachzeitschriften sowie Funk und Fernsehen vertreten.

Nach der Eröffnung durch den Vizepräsidenten der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Hermann Hermeling, sprach die parlamentarische Staatssekretärin im BMEL, Frau Dr. Maria Flachsbarth, das Grußwort. Sie betonte den Stellenwert der MuD Tierschutz als Element zur Weiterentwicklung der Nutztierhaltung. Die MuD Tierschutz sind Teil der BMEL Initiative „Eine Frage der Haltung – Neue Wege für mehr Tierwohl“. Dabei komme es nicht nur auf die Haltung der Tiere an, sondern auf die Haltung in den Köpfen der Tierhalter und der Gesellschaft. Da wo es keine Bereitschaft zur Veränderung gebe, müsse die Regierung handeln. Es sei auf Dauer der Gesellschaft nicht zu vermitteln, dass für verbotene nicht-kurative Eingriffe in 99 Prozent der Systeme durch Ausnahmegenehmigungen möglich seien. Ein Instrument, die Landwirte auf neuen Wegen mitzunehmen, seien die MuD Tierschutz: Erst einmal sehen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis umsetzen lassen, dann handeln. Sie bedankte sich bei den Landwirten, die mit ihren Erfahrungen im Projekt und ihrem Engagement ihren Kollegen Mut machten, andere Wege zu gehen.

Den Auftakt der Fachvorträge machte dann Frau Dr. Dippel, Leiterin der AG Schweine im Institut für Tierschutz und Tierhaltung beim Friedrich-Löffler-Institut (FLI) in Celle. Sie gab einen Überblick über den aktuellen Stand der Agrarforschung zu den Verhaltensstörungen beim Schwein. Hierzu zählt das Schwanzbeißen. Besonders in Deutschland laufen dazu seit einigen Jahren wieder verstärkt auch wissenschaftlich begleitete Untersuchungen, zum Teil auch auf Praxisbetrieben. Alle haben dabei das Ziel, Lösungen zu finden, wie unter praktikablen Bedingungen einerseits auf das Kupieren der Schwanzspitze verzichtet werden kann und andererseits trotzdem kaum Schwanzbeißen auftritt. Da dieser Weg noch nicht zu Ende ist, skizzierte sie zum Schluss ihrer Ausführungen auch Anforderungen an das weitere Vorgehen.

MuD-Tierschutz-Beraterin Wilhelmine Grothmann (LWK Niedersachsen) stellte ihre Erfahrungen in der seit 2014 durchgeführten Beratungsinitiative „Einzelbetriebliche Intensivberatung Schweine haltender Betriebe zur Reduzierung des Risikos von Schwanzbeißen“. Ziel dieses Beratungsprojektes war es, die Haltungsbedingungen in der Ferkelaufzucht und Schweinemast auf den teilnehmenden Betrieben zu optimieren und zu stabilisieren, um so die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Schwanzbeißen zu verringern und den Verzicht auf das Kupieren der Schwanzspitze beim Saugferkel zu ermöglichen. . An der Beratungsinitiative nahmen insgesamt 30 Schweine haltende Betriebe teil, die sich auf 16 Betriebsstandorten mit Ferkelaufzucht und Schweinemast verteilten.

Auf diesen Betrieben konnten die Tiere von der Ferkelaufzucht bis zum Ende der Mast begleitet werden. Die größte Herausforderung bei der Erfassung des Schwanzbeißgeschehens sind die zahlreichen beteiligten und betriebsindividuellen Einflussfaktoren. Durch eine umfassende Datenerfassung zu Haltungsbedingungen, Klimaparametern, Futter- und Gesundheitsdaten sowie Management konnten im Projekt systematisch für jeden Betrieb Ansatzpunkte zu Verbesserungen der Haltungsbedingungen herausgearbeitet und gezielt von den Betriebsleitern durch Unterstützung der Beratung optimiert werden. Beim folgenden Betriebsbesuch zeigte eine Erfolgskontrolle, welche Maßnahmen durchgeführt wurden und ob diese erfolgreich waren. In der Folge konnten Maßnahmen gemeinsam weiter optimiert werden oder neue Ansatzpunkte zur „Schwanzbeißprävention“ angegangen werden.

Bei regelmäßigen Arbeitstreffen der teilnehmenden Betriebe wurden verschiedene Themenschwerpunkte zum Schwanzbeißen erarbeitet und diskutiert. Fehler der Lüftungsgestaltung, tiergesundheitliche Aspekte oder Einflussfaktoren der Fütterung standen im Mittelpunkt des Wissensaustauschs unter Fachkollegen. Frau Grothmann zeigte, dass auf allen Betrieben Ansatzpunkte zur Verbesserung gefunden und umgesetzt wurden. Fazit: Es sind in jedem Fall Verbesserungen in den Betrieben erreicht worden. Um das Schwanzbeißgeschehen praxisreif zu reduzieren, sind weitere Maßnahmen und Begleitung der Betriebe notwendig. Unterstützt wurde das Projekt zudem durch die Projektpartner Friedrich-Löffler-Institut (FLI) und Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN).

Zeitgleich startete im Januar 2014 die MuD Tierschutz Beratungsinitiative „Tierwohl, Tiergesundheit und Umwelt bei der Mastschweinehaltung verbessern durch Optimierung der Lüftungsanlagen“. Hierüber berichtete Tierschutz-Beraterin Katrin Peperkorn, die in dem zweijährigen Projekt durch Messungen der Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftgeschwindigkeit, Schadgaskonzentrationen und Lichtverhältnissen von Mastschweineställen die Auswirkungen u.a. auf das Tierwohl und die Tiergesundheit ermittelte. Am Ende soll für jeden teilnehmenden Betrieb eine betriebsindividuelle Optimierung der Klimagestaltung herausgearbeitet werden. Darüber hinaus solle Empfehlungen für die Praxis im Sinne des Tierwohls abgeleitet werden, wobei auf die Möglichkeiten zur Vermeidung von lüftungsbedingten Tierverlusten bzw. Erkrankungen und Verhaltensanomalien, sowie Möglichkeiten zur Reduzierung des Medikamenteneinsatzes, wie auch die Verringerung von Emissionen und der eingesetzten Energie eingegangen wurde.

Auch in dieser Beratungsinitiative fand eine überdurchschnittlich intensive Beratung der Betriebe statt, in deren Verlauf jeder Betrieb einmal im Monat angefahren und die Messdaten erhoben wurden. Erfasst wurden Außenklima, Klima im Zu- und Abluftbereich sowie die Hygiene im gesamten Stall. Zusätzlich wurde ein Referenz-Abteil festgelegt, in dem das Klima und zusätzlich das Verhalten der Tiere dokumentiert wurden . Wo möglich, wurde der Energieverbrauch  (Strom, Gas und Wasser) monatlich erfasst. Fazit: Bereits mit einfachen Maßnahmen wie Kontrolle der Luftzufuhr und gleichzeitiger Messung und Tierbeobachtung konnten Schwachstellen aufgedeckt und z.T. erhebliche Optimierungspotentiale festgestellt werden. Die teilnehmenden Landwirte profitierten von den Arbeitskreistreffen und der intensiven Beratung.

Helmut Wahl, Berater der LWK in Vechta, stellte eine ökonomische Betrachtung von Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls in der Schweinehaltung vor. Zum Abschluss bekamen jeweils zwei Betriebsleiter aus den beiden Beratungsinitiativen die Gelegenheit, sich und ihre Erfahrungen mit den Projekten darzustellen. Für die Beratungsinitiative gegen Schwanzbeißen waren dies Ria und Hannes Schulte aus Meppen sowie Hans-Jürgen Spark aus Werlte. Beide Betriebe betonten, wie wichtig für sie die professionelle und intensive Begleitung bei der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten ist, um mit dem Problem Schwanzbeißen besser umgehen zu können. Sie hoben die positiven Entwicklungen hervor, die sich im Laufe der Beratungsinitiative bereits ergaben, auch wenn die Haltung von unkupierten Schweinen noch nicht ohne Schwanzbeißen funktionierte. „Wir üben weiter – bevor man uns dazu zwingt!“, so das Resümee von Ria Schulte.

Für das Projekt der Lüftungsoptimierung sprachen die Betriebsleiter Renke Dählmann und Mathias Fitschen. „Dieses Projekt, mit Landwirten gemeinsam nach Lösungen zu suchen, ist tausendmal besser, als einfach Verordnungen zu erlassen, ohne die Landwirte mitzunehmen!“ brachte Mathias Fitschen sein Fazit auf den Punkt. Auch dass er „gezwungen“ gwesen sei, sich mit der Materie intensiv zu beschäftigen, betrachtet er als sehr konstruktiv. Beide bestätigten noch einmal die bereits von Frau Peperkorn beschriebenen „Kleinigkeiten“, deren Änderung sich bei Ihnen auf den Betrieben schon deutlich bemerkbar gemacht hätten. Ohne diesen zusätzlichen Blick und Impuls von außen wären diese Schwachstellen weiter unentdeckt geblieben und würden weiterhin Schaden anrichten.

Alle vier Betriebsleiter hoben zum Schluss der Diskussionsrunde noch einmal hervor, wie positiv die Projektteilnahme für Sie war. Am Ende war diese Aussage von den Projektbetrieben eine der wertvollsten Bestätigung, die Frau Grothmann und Frau Peperkorn für ihre geleistete Arbeit bekommen konnten.

Wie geht es weiter: Die Erfahrungen und Ergebnisse aus den Beratungsinitiativen werden in Kürze in praxisorientierten Leitfäden fixiert, um Handlungsempfehlungen für die breite Praxis sicherzustellen.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) fördert die Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz im Rahmen der Initiative "Eine Frage der Haltung- Neue Wege für mehr Tierwohl". Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ist Projektträger, Förderkennzeichen 2813MDT040 und 2813MDT001. www.mud-tierschutz.de

Zusammenfassungen zu den Vorträgen befinden sich im Anhang zu diesem Artikel.


Kontakt:
Stefan Sagkob
Tierhaltung, Versuchs- und Projektwesen Tier, Agrarsystemtechnik
Telefon: 0441 801-609
Telefax: 0441 801-634
E-Mail:


Stand: 05.07.2016



PDF: 24507 - 551.555664062 KB   Vortrag Wilhelmine Grothmann   - 552 KB  
PDF: 24508 - 427.874023438 KB   Vortrag Katrin Peperkorn   - 428 KB  
PDF: 24510 - 453.581054688 KB   Vortrag Dr. Sabine Dippel   - 454 KB  
PDF: 24509 - 440.177734375 KB   Vortrag Helmut Wahl   - 440 KB