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Lehrfahrt niedersächsischer Schafzuchtverbände nach England

Jährlich im Herbst wird den Schafhaltern der vier niedersächsischen Schafzuchtverbände eine mehrtägige Lehrfahrt angeboten. Die letzte Fahrt führte in den Süden Englands wo interessante Zuchtbetriebe, und prachtvolle Gärten besichtigt wurden. Bei der Fahrt durch die Grafschaften Kent, East Sussex,  Surrey, Hamshire, Wilts und Avon  waren die Teilnehmer angetan von der für Südengland typischen sanft gewellten und abwechselungsreichen Landschaft, geprägt von zahlreichen Hecken und altem Baumbestand.

 In Begleitung von Frau Rawlings vom britischen Texelzuchtverband wurde am ersten Tag das Wollkontor Kent Wool Growers (KWG) in Ashford besichtigt. Die Kooperation wurde bereits 1920 von lokalen Farmern gegründet, um den Absatz und die Verkaufspreise für ihre Schafwolle zu verbessern. Heute hat sie 4000 Mitglieder, aber der Umsatz an Schafwolle ist von einst über 2 Mio. kg auf 800.000 kg zurückgegangen. Allein durch die Auswirkungen der Maul – und Klauenseuche ist der Schafbestand in England um mehr als ein Drittel geschrumpft .Viele Bestände wurden seitdem nicht wieder aufgestockt. Das Kerngeschäft der KWG liegt heute im Verkauf von Tierzuchtbedarf (incl. Medikamente), Gartenartikeln, Outdoorbekleidung und Jagdausrüstung. Da die meisten Schafe in den Monaten Juni/Juli geschoren werden, konzentriert sich das Wollgeschäft auf den Sommer und Herbst. Von erfahrenen Gradern wird die Wolle sorgfältig in bis zu 150 Wollgraduierungen sortiert. Schafhalter, die die Bauchwolle, Locken und verschmutzte Partien aussortieren und die Vliese ordnungsgemäß zusammenlegen, erhalten einen deutlich höheren Preis für ihre Wolle. Jeder Schafhalter kann  bei der Graduierung seiner Wolle zuschauen und erhält innerhalb von 10 Tagen das Geld für die gelieferte Wolle. Nach der Sortierung wird die Wolle in einer eigens entwickelten Presse in Ballen zu je 350 kg gepresst. Mit einem Spezialbohrer /Hohlmesser aus jedem Ballen entnommene Proben werden zunächst zu einer sog. Tastingstelle geschickt, dort bepunktet und anschließend auf den vierzehntägig stattfindenden Wollauktionen versteigert. Die Wollballen verbleiben solange im Wollkontor und werden dann direkt zum Kunden geliefert. Auf diese Weise wird die Wolle von etwa 300.000 Schafen vermarktet. In GB gibt es elf weitere vergleichbare Wollkontore.

Höhepunkt der Reise war der Besuch des Viehmarktes in Ashford wo an einem Tag in wenigen Stunden 8.700 sog. Store Lambs, also Jungschafe oder Zutreter versteigert wurden. Viele englische Schafhalter produzieren ausschließlich Schlachtlämmer und behalten keine eigene Nachzucht. Im Herbst werden  dann die ausgeschiedenen Altschafe durch auf Viehmärkten gekaufte Zutreter ersetzt. Angeboten wurden überwiegend Suffolk – und Texelkreuzungen, Ein – oder Zweifachgebrauchskreuzungen mit anderen Rassen (Mules), die gute Muttereigenschaften mitbringen. Die Jungschafe wurden in Gruppen von bis zu 50  aus einem Betrieb  stammenden Tieren in den Auktionsring getrieben und innerhalb kürzester Zeit versteigert. Während des Austriebs drängten schon die nächsten Tiere in den Ring, der Auktionator sprach ununterbrochen schnell und nur die Insider konnten dem Marktverlauf folgen. Alle Tiere waren elektronisch gekennzeichnet  und die Nummern der Tiere wurden bereits in der riesigen Wartehalle per Lesegerät eingelesen.
In einer kleineren Halle wurden außerdem noch eingetragene Zuchtböcke – überwiegend Texel und Charolais- einzeln versteigert.

Auch Frank Langrish ersteigerte 4 Texelböcke. In seinem Betrieb mit über 3.500 Schafen der Rasse Romney Marsh werden außerdem  South Down Zuchtböcke und selbst gezüchtete Romneyböcke eingesetzt. Langrish ist Vorsitzender der British Wool Marketing Board und auch Präsident der europäischen Wollgruppe. Romneyschafe haben einen ausgeprägten Herdentrieb und beste Muttereigenschaften. Sie gelten als anpassungsfähig und winterfest. Als solche wurden sie weltweit in über 40 Länder exportiert. Im Sommer weiden sie auf den Deichen und den weitläufigen,  unter Schutz stehenden Marschstandorten in Kent und Sussex. Dort wird das Gras sehr kurz abgefressen, um den Kleeaufwuchs zu fördern. Im Winter werden die Mutterschafe mit großen LKW ins Landesinnere gebracht und auf Pensionsweiden  draußen gehalten.  Die meisten Bocklämmer werden kastriert (hier: Gummiring; in Deutschland nicht zulässig), um möglichst ganzjährig Schlachtlämmer vermarkten zu können. Je Mutterschaf werden mehr als 1,2 Schlachtlämmer im Jahr verkauft. Zusätzlich wird überdurchschnittlich viel remontiert Denn in England gibt es auch einen Markt  für mehrjährige Mutterschafe, die zur Zucht an andere Betriebe verkauft werden. In Zusammenarbeit mit der Wissenschaft wird versucht, durch biotechnische Maßnahmen die Fruchtbarkeit in der Population weiter zu erhöhen.

Im nächsten Betrieb wurden 160 Texel Herdbuchschafe gehalten. Tim Healey  ist einer von fast 2000 Züchtern der British Texel Sheep Society und hat seine ersten Zuchttiere aus Schweden importiert. Heute ist die von der holländischen Insel  Texel stammende Rasse die bedeutendste Fleischschafrasse in England. Texel werden genauso wie Suffolk – und Charollaisböcke bei der abschließenden Kreuzung zur Erzeugung von stark bemuskelten Schlachtlämmern eingesetzt. Der Tierbestand ist maediunverdächtig und srapieresistent. Alle drei Jahre werden die Tiere auf Maedi untersucht (in Deutschland in der Regel jährlich), um den Status zu bestätigen. Der Züchter achtet darauf, dass die Tiere schmale Köpfe haben, damit die Muttertiere alleine ablammen können. Das Ablammergebnis liegt bei 170 %. Im Alter von etwa 5 Monaten werden per Ultraschall Muskeldicke und Fettauflage gemessen und die täglichen Zunahmen errechnet. Jährlich werden etwa 60 Zuchtböcke aufgezogen. Bei der Selektion der Böcke im September legt der Züchter außerdem großen Wert auf den Typ der einzelnen Böcke. Schwarze Flecken an den  nicht bewollten Körperteilen und ein Fehlen der Bauchwolle (unterem Bauch und seitlich am Bauch und an der Keule) werden dabei nicht beachtet. Die Zuchtböcke werden in Ashford und auf anderen Auktionsplätzen verkauft. Außerdem werden Zuchttiere und Sperma exportiert. Im nächsten Betrieb, der Trinidad Investment in West Sussex werden 240 Mutterschafe gehalten, je zur Hälfte Texel und Lleyn-Schafe. Der Betrieb mit 80 ha und zahlreichen neuwertigen Stallanlagen und Maschinen wurde vor 4 Jahren errichtet und gehört einem Investor aus Brasilien, der sich hier einen Lebenstraum erfüllt und Freude an züchterischen Erfolgen hat.
Es werden nicht nur Jährlingsböcke für den hiesigen Markt gezüchtet,  sondern auch  Showtiere, die auf den traditionsreichen englischen Schauen schon bald ganz vorne stehen sollen. Durch künstliche Besamung und Embryotransfer soll der Zuchtfortschritt beschleunigt werden. Peter Sutton, der angestellte Schäfer, zeigte uns eine achtköpfige Gruppe hervorragender Mutterschafe, die landesweit in den besten Zuchten selektiert worden war und insgesamt mehr als 100.000 englische Pfund gekostet hatte. Nach Brunstsynchronisation und Brunsterkennung mittels vasektomiertem Suchbock sollten die Tiere am folgenden Tag besamt und später zur Gewinnung von Embryonen gespült werden.
Nach zweimaligem Spülen mit bis zu 20 Embryonen je Spülung wird den Mutterschafen erst mal eine Pause gegönnt. In diesem Betrieb wurden die Zuchttiere der Rasse Lleyn vor allem als Trägertiere und Suchbock verwendet. Ansonsten hat sich die Rasse gerade in den letzten 20 Jahren stark ausgebreitet und ist im Lowland (Flachland) eine der wichtigsten Rassen geworden. Mutterschafe zeichnen sich durch eine gute Fruchtbarkeit (Ablammergebnis über 200 %) und eine hohe Milchleistung aus. Weibliche Tiere sind nur 60 kg und Böcke 90 kg schwer. Das kleine Schaf gilt als leichtlammig, winterhart und äußerst produktiv.
Sehr interessant war auch der Betrieb von Phillip Quick. 150 extrem großrahmige British Holsteins werden auf Stroh gehalten. Die Namen der eingesetzten kanadischen Besamungsbullen waren  vielen Züchtern bekannt. Der andere Betriebszweig, die Zucht von Oxford Down Schafen ist in den letzten Jahren verkleinert worden. Die Hofnachfolger haben kein Interesse an der Schafhaltung. Quick hält noch 43 Mutterschafe. Er war mehrfach bei Züchtern und auf Eliteauktionen in Deutschland zu Besuch und hat Schwarzkopfböcke aus Niedersachsen und Bayern importiert. Der Züchter hatte die Nachkommen der jeweiligen Böcke entsprechend farblich gekennzeichnet und der genetische Einfluss der Schwarzkopfböcke konnte gut nachvollzogen werden. Vor allem die Futterverwertung konnte verbessert werden, aber der Verkauf der Nachkommen der deutschen Schwarzkopfböcke war eher unbefriedigend. Quick betonte, dass die Zahl der Oxfordzüchter in den letzten fünf Jahren wieder auf 80 Betriebe mit etwa 2000 Zuchttieren angestiegen  sei.

Zu den wichtigsten englischen Schafrassen zählt sicherlich das nach der gleichnamigen Grafschaft benannte Suffolk – Schaf. Besucht wurde die Farm von Michael Weaver, dem Präsidenten der britischen Suffolk Sheep Society. Sein Großvater hatte vor über 60 Jahren die Zucht dieser Rasse im Betrieb begründet. Heute werden 170 Mutterschafe gehalten und jährlich bis zu 100 Zuchtböcke erzeugt. Bei der Selektion der Jungböcke stehen vor allem wirtschaftliche Kriterien im Vordergrund. Erwünscht sind hohe tägliche Zunahmen von etwa 500g bei geringer Verfettung und ausgeprägter Muskeldicke. Hierzu werden Rückenmuskeldicke und Fettauflage zweimal im Alter von 8 und 20 Wochen per Ultraschall gemessen. Der Zuchttierbestand ist maediunverdächtig und fast alle Tiere haben hinsichtlich der Scrapieresistenzzucht den Genotyp ARR/ARR. Anders als in Deutschland ist die Genotypisierung von Zuchtböcken in England heute wieder freiwillig. Denn auch in England gibt es nur noch wenige Fälle der klassischen Scrapie (In Deutschland bemüht sich die VDL bereits seit drei Jahren um Änderung der sog. TSE- Verordnung und um Abschaffung der verpflichtenden Genotypisierung). In der englischen Suffolkzucht wurde kaum amerikanische Genetik eingesetzt und demzufolge spielt der Erbfehler Spider Lamb Syndrom (SLS) keine Rolle.  Weaver zeigte uns auch eine sehr einheitliche Gruppe  von Jungböcken, die für einen Bockmarkt vorbereitet werden. Die Tiere waren per Ohrkerbung und mit Blechohrmarken gekennzeichnet. Unseren Züchtern hat besonders der breite Körperbau und der ausdrucksstarke Typ gefallen. Allerdings waren auch einzelne Tiere mit Halsfalten, bewollten Beinen und schwachen Fesseln in der Gruppe. Zum Betrieb Weaver gehören insgesamt  200 ha, davon 70 ha Ackerland und 130 ha Grünland, welches mit Schafen und mit Mutterkühen beweidet wird. Für Dauergrünland besteht auch in England ein Umbruchverbot.
Im Rahmen der sechstägigen Lehrfahrt wurde auch das Weltkulturerbe der Stadt Bath besichtigt. Besonders gelohnt hat sich außerdem der Besuch der drei englischen Gärten Sissinghurst, Wisley Garden und Nymans Garden.
 


Kontakt:
Klaus Gerdes
Tierzucht, Tierhaltung
Telefon: 0441 801-611
Telefax: 0441 801-634
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Stand: 11.03.2016