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Schafzucht im Baltikum

Im Juli dieses Jahres war Michael Gertenbach, Schafzuchtberater bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, einer Einladung nach Lettland gefolgt um dort über Schafzucht in Deutschland zu berichten und ein Seminar zur Tierbeurteilung in der Schafzucht zu leiten.

Im Oktober 2011 hatte die Landwirtschaftskammer Niedersachsen einen Lehrgang zur Tierbeurteilung und Zuchtwertschätzung bei Schafen angeboten.
Zu diesem Seminar kamen auch 4 TeilnehmerInnen aus Lettland. Die 3 Teilnehmerinnen aus Lettland leiten den dortigen Schafzuchtverband, organisieren und dokumentieren die Leistungsprüfungen und die Zuchtwertschätzung. Zu ihnen gehörte auch Frau Prof. Dr. Daina Kairiša, die Vorsitzende des Lettischen Schafzuchtverbandes. Organisiert hatte die Anreise und Teilnahme der Schafzüchter Joachim Schultheiß. Er war früher als Berufsreiter in Lettland beschäftigt und lebt dort seit 18 Jahren. Seit 7 Jahren hat er eine kleine Farm ca. 80 km nördlich von Riga und züchtet Suffolk und Dorper. Sein Einkommen erwirtschaftet er noch mit dem Verkauf von Baumaschinen. Sein Ziel ist es jedoch, von der Schafhaltung und Schafzucht zu leben. Er ist mittlerweile stellvertretender Vorsitzender des Lettischen Schafzuchtverbandes.

Am 21. und 22. Juli hatte der Lettische Verband die angrenzenden Länder Estland, Litauen und Weißrußland zu den jährlichen Schaftagen eingeladen. Am Samstag haben die Vertretungen der Länder im Rahmen einer „Internationalen Konferenz zur Schafproduktion“ über den Stand der Schafhaltung und -zucht in ihren Verbänden berichtet.
In Estland gibt es nach den Bestandsmeldungen 1.950 Betriebe mit 87.100 Schafen. Der Estnische Schafzuchtverband hat 170 Mitglieder. Im Zuchtbuch werden zwei Rassen geführt. Ein Schwarzköpfiges (Estonian Blackhead) und ein Weißköpfiges Fleischschaf (Estonian Whitehead). Die Zucht der Schwarzköpfe begann 1926 mit der Einkreuzung von Shropshire und Oxford Down in die heimischen Schafe. Zur Züchtung der Weißköpfe wurden die Rassen Texel, Dala (Norwegen), Dorset, Ile de France und Finnisches Landschaf eingesetzt. Seit 1958 sind die zwei so entstandenen Rassen als Estonian Blackhead (EB) und Estonian Whitehead (EW) anerkannt.  Der Rahmen und das Gewicht der Rassen (Schafe 70-80 kg, Böcke bis 100 kg) sind deutlich geringer als bei den Deutschen Weißköpfen und Schwarzköpfen. In Estland gibt es lediglich 11 Herdbuchzuchtbetriebe. Die Leistungsdaten zu den Rassen werden auch in anderen Reinzuchtbetrieben erhoben (siehe Kasten).

Leistungsdaten der Schafrassen

Leistungsdaten Estland 2011

 

EB

EW

Anzahl geprüfter Betriebe

16

13

Durchschn. Bestandsgröße

82

102

Befruchtungsergebnis (%)

94,7

83,2

Ablammergebnis (%)

159

163

Tägliche Zunahme (g)

224

231

Gewicht im Alter von 100 Tagen (kg)

26,6

27,1

Aus Litauen gab es keine Zahlen zum Schafbestand. Der Bestand schwankt angeblich auch sehr stark. Die litauischen Schwarzköpfe machen ca. 50 % des Bestandes aus. Es gibt ca. 5.000 Betriebe und über 30 Rassen. Die Zuchtarbeit ist schwierig und es gibt kaum eine Nachfrage nach Zuchttieren und auch keine Exporte von Zuchtschafen. In der Vergangenheit wurde sehr viel Getreide exportiert. Der Staat hat erkannt, dass die Fleischproduktion und somit auch die Schafhaltung stärker gefördert werden müssen und ein auf 3 Jahre festgelegtes Programm zur Entwicklung der Schafzucht und -haltung finanziert. Die weitere Entwicklung ist fraglich. Das Interesse an Milchschafen ist in jüngster Zeit stark gestiegen. Zur Produktion von Schafmilch wurden Lacaune Schafe importiert.

In Lettland gibt es ca. 80.000 Schafe. Im Zuchtbuch wurde traditionell nur das Lettische Schwarzkopfschaf geführt. Insgesamt werden in 38 Zuchtbetrieben ca. 4.000 Herdbuchtiere gehalten. Die Herdbuchzucht und Leistungsprüfung ist gut organisiert. Geprüft werden auf Station auch Kreuzungslämmer. Die Leistungen der Lettischen Schwarzköpfe sind etwas besser als die der Estnischen Schwarzköpfe. Das Ablammergebnis liegt bei 170% und die täglichen Zunahmen bei 300 g. 2011 wurden 200 Zuchtböcke gekört, 74% waren Lettische Schwarzköpfe.
In allen Ländern des Baltikums werden Zuchtböcke anderer Rassen importiert und zur Verbesserung der Fleischleistungen eingesetzt. Der Züchter J. Schultheiß ist jedoch (nach seiner Aussage) der einzige Herdbuchzüchter im gesamten Baltikum, der mit Suffolk und Dorper andere als die heimischen Rassen züchtet. Die Suffolk stammen aus dem Zuchtbetrieb Breyhahn, Breiholz (SH), die Dorper kommen aus BW vom Züchter Eberhard Lang. Auch in diesem Jahr wird J. Schultheiss wieder neues Zuchtmaterial aus Deutschland importieren, wozu er auch die Fleischschafauktion in Rodenkirchen (Weser-Ems) besuchen wird.

Auf der Prüfstation des Lettischen Verbandes wurden am Sonntag im Rahmen einer Tierschau Zuchtschafe, Zuchtböcke und Kreuzungslämmer aus Estland und Lettland präsentiert. Die Schau begann mit einer Parade der Zuchttiere. Anschließend gab es erst mal einen Live Auftritt einer (in Lettland) bekannten Schlagersängerin. Dann standen wieder die Schafe im Mittelpunkt mit einem Kurzseminar zur Tierbeurteilung. Bei der Bewertung von Böcken, Schafen und Lämmern verschiedener Rassen wurde erläutert, worauf in Deutschland bei der Beurteilung von Wolleigenschaften, Bemuskelung und Exterieur geachtet wird. Alle Besucher und Teilnehmer der Lettischen Schaftage waren sehr interessiert am Austausch über die Grenzen des Baltikums und an den Informationen aus Deutschland. Zwischen Lettland und den Niedersächsischen Schafzuchtverbänden ist ein weiterer Austausch von Erfahrungen im Rahmen von Lehrgängen in Niedersachsen und Lettland geplant. Der Lettische Schafzuchtverband hat im Rahmen eines Projektes weitere Fördermittel zu Finanzierung der weiteren Zusammenarbeit beantragt.

Die Nachfrage nach Zuchttieren und Know-how zur Steigerung der Produktivität in der Schafzucht und Lammfleischproduktion ist im Baltikum sowie auch in anderen osteuropäischen Staaten sehr hoch. Auch wenn es nach Ansicht der Vertreter der Baltischen Zuchtverbände (zurecht) nicht angestrebt wird, die heimische Zucht durch importierte Rassen zu ersetzen, gibt es eine wachsende Nachfrage nach Böcken und Zuchtschafen produktiver Fleisch- und Milchschafrassen.
Dieser Austausch mit Lettland ist allein durch den Kontakt zu dem Züchter J. Schultheiß entstanden. Auf der Eurotier, der größten Tierzuchtmesse der Welt, wird es vom 13. bis 16. November weiteren Austausch am Messestand mit Informationen zur Schafhaltung in Deutschland geben um alte Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Die niedersächsischen Schafzuchtverbände und die Bayerische Herdbuchgesellschaft werden dort gemeinsam Zuchtschafe der Rassen Ostfriesisches Milchschaf, Merinolandschaf, Schwarzkopf, Texel und Bergschaf präsentieren.


Kontakt:
Michael Gertenbach
Berater Schafzucht, Schafhaltung
Telefon: 0441 801-617
Telefax: 0441 801-634
E-Mail:


Stand: 11.03.2016