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Kälber lieben Vollmilch

Das Vertränken von Vollmilch ist auf Grund der niedrigen Milchpreise und der drohenden Superabgabe wieder aktuell. Vollmilch ist ein hochwertiges Futtermittel mit viel Fett, Eiweiß und Laktose und somit sehr energiereich (ca. 19 MJ ME/kg TS). Demgegenüber weisen Milchaustauschfutter (MAT) deutlich weniger Fett auf, während der Eiweißgehalt in vergleichbarer Größenordnung liegt. So enthält eine MAT-Tränke mit z. B. 21 % Rohprotein und 18 % Rohfett bei einer Dosierung von 150 g MAT/l Wasser rd. 30 g Rohprotein und 25 g Fett je l.

Übersicht 1:  Energiebombe Vollmilch (Angaben je kg, DLG, 1997)

Trockensubstanz
g

Rohprotein
g

Rohfett
g

Zucker
g

ME
MJ

140

37

45

51

2,7

Da die Vollmilch häufig geringere Inhaltsstoffe als die oben aufgeführten aufweisen dürfte, ist in diesen Fällen auch mit einem niedrigeren Energiegehalt zu rechnen. Eine Verdünnung der Milch mit z. B. 20 % Wasser kann zwar zur Temperierung der Tränke genutzt werden, reicht aber nicht aus, um den geringeren Fettgehalt des Milchaustauschers zu erreichen. Wichtig ist, dass im Falle einer Verdünnung der TS-Gehalt nicht unter 10 % sinkt, da sonst die Labgerinnung beeinträchtigt wird und es zu Verdauungsstörungen kommen kann. Verteilt auf mehrere Mahlzeiten und unter Beachtung der Hygiene sind bei einer Menge von 6 bis 8 l/Tag allgemein keine Probleme zu erwarten.

Wie die Vollmilch eingesetzt wird, hängt von den innerbetrieblichen Voraussetzungen ab. Sie kann warm oder kalt, süß oder gesäuert, mit und ohne MAT verabreicht werden. Süße Milch muss frisch und körperwarm (38° C) vertränkt werden. Nicht angesäuerte Milch lässt sich auch im Tauchkühler kühlen und über  Tränkeautomaten (müssen für Vollmilch geeignet sein, z.B. Kombi- oder Frischmilchautomaten) warm verfüttern. Das Ansäuern der Milch erfolgt über den Zusatz von Ameisensäure. Hierdurch wird die Milch konserviert und sofort dicksauer gelegt, der pH-Wert sinkt auf ca. 4,5. Aus Sicherheitsgründen sollte die aggressive Ameisensäure mit Wasser im Verhältnis   1 : 9 verdünnt werden, d. h. in 9 l Wasser wird 1 l 85 %ige Ameisensäure gegeben. Pro Liter Milch werden dann 30 ml verdünnte Ameisensäure dosiert. Um die dicke Milch wieder fließfähig zu machen, ist ein Vorratsbehälter mit Rührwerk erforderlich. Zu beachten ist, dass für den Säureeinsatz ein vereinfachtes HACCP-Konzept vorgeschrieben ist.

Bedarfswerte

Wie hoch ist der Energiebedarf von Kälbern? Dazu gibt es wissenschaftliche Empfehlungen aus den 90er Jahren. Die Werte beziehen sich auf eine Umgebung von etwa 25 °C.

Übersicht 2:  Energiebedarf (MJ ME/Tag) von Kälbern (GfE, 1997, verkürzt)

Lebendgewicht

kg

Tageszunahmen (g)

500

600

700

800

50

100

150

17,1

24,4

30,5

18,8

26,1

32,3

 

27,9

34,1

 

29,8

36,0

Für die Deckung des Energiebedarfs eines 50 kg schweren Kalbes mit 500 g Tageszunahmen sind je nach Milchinhaltsstoffen  6,3 bis 7 l Milch/Tag nötig. Damit wird auch der Proteinbedarf gedeckt. Je 1 °C unter 25 °C wird ein Zuschlag zum Erhaltungsbedarf von 1 % berechnet. Das bedeutet für ein 50 kg schweres Kalb (Erhaltungsbedarf 10 MJ ME/Tag) bei einer Temperatur von - 5 °C einen Zuschlag von 3 MJ ME, um seine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Das heißt, dass dem Kalb bei dieser Kälte mehr als 1 l zusätzlich angeboten werden muss

Wie viel Vollmilch?

Der DLG-Arbeitskreis Futter und Fütterung hat 2011 ca. 6 l Vollmilch je Kalb und Tag in den ersten fünf bis sechs Lebenswochen empfohlen. Ein Versuch mit ad libitum-Vollmilchfütterung bis zu einem Alter von drei Wochen und einer rationierten MAT-Tränke   (6 l mit 120 g/l) zeigt bessere Leistungen bei Vollmilcheinsatz. Auch im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp wurden mit der ad libitum-Vollmilchfütterung in den ersten zwei bis drei Wochen und anschließender MAT-Tränke gute Erfahrungen gemacht. Warum auch nicht? Nirgendwo wird die Milchaufnahme nach der Geburt limitiert, es sei denn in der Kälberaufzucht, damit sich die Tiere schneller zum Wiederkäuer entwickeln. Versuche haben hier aber vielfach schon zu einem Umdenken in Richtung intensive Aufzucht geführt.

Erfolgt die Kälberaufzucht über zehn Wochen, sollten nach der ad libitium-Fütterung etwa 6 l Vollmilch/Tag von der 4. bis zur 6. Woche vertränkt und danach die Mengen reduziert werden.

In der Mutterkuhhaltung ernähren sich die Kälber anfangs ausschließlich von Muttermilch. Der Unterschied zur herkömmlichen Kälberaufzucht besteht aber u.a. darin, dass die Kälber nach Belieben saufen und draußen auch Mineralstoffe aufnehmen können, wobei aber Defizite in der Versorgung, z.B. bei Selen, nicht selten beobachtet werden. Für die Kälberaufzucht wird empfohlen, Vollmilchaufwerter/-ergänzer in den ersten Wochen nach Herstellerangaben beizumengen, um die größtenteils nicht bedarfsdeckenden Spurenelement- und Vitamingehalte der Vollmilch auszugleichen. Insbesondere Eisen, Kupfer und Selen sind im Defizit, hingegen sind die  Mengenelemente Calcium und Phosphor ausreichend enthalten.

Verwertung der Milch

Energetisch entspricht 1 kg MAT etwa 5,5 bis 6 l Vollmilch. Bei einem MAT-Preis von z.B. 200 €/dt ergibt sich eine Verwertung von 0,33 bis 0,36 €/l Milch. Wird ein MAT ohne Magermilchpulver (Nullaustauscher) eingesetzt, der z.B. 165 €/dt kostet, sinkt der Wert auf 0,28 bis 0,30 €. In Abhängigkeit vom MAT- und Milchpreis und vom zusätzlichen Aufwand für den Vollmilcheinsatz (Arbeit, Technik, Vollmilchergänzer) muss jeder Betrieb für sich kalkulieren, ob sich diese Form der Verwertung lohnt und ob die Milchtränke über einen längeren Zeitraum gewährleistet ist. Möglicherweise kommt die kontinuierliche Vertränkung an die zu verkaufenden Bullenkälber für einige Betriebe eher in Betracht.


Kontakt:
Andrea Meyer
Fütterung von Rindern und Schweinen, Futterberatungsdienst e.V.
Telefon: 0511 3665-4479
Telefax: 0511 3665-4521
E-Mail:


Stand: 17.03.2015