Bezirksstelle Uelzen

Der Jahresabschluss - Quelle der Erkenntnis oder ein Buch mit sieben Siegeln?

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Wie halten Sie es mit dem Jahresabschluss? Ist er die Grundlage für intensive Gespräche mit ihrem Berater und in ihrem Arbeitskreis oder ein notwendiges Übel, das schnell im Regal verschwindet?

Der Jahresabschluss
Der Jahresabschluss bringt es an den Tag.Rolf Fricke

Herausforderungen

Zwei Herausforderungen gilt es zu meistern, um den Abschluss als Controlling Instrument zu nutzen: Erstens: Er muss spätestens nach der Herbstbestellung vorliegen, um ihn für die Winterarbeit nutzen zu können. Zweitens: Es sollten Vergleichszahlen von ähnlich gelagerten Betrieben zur Verfügung stehen. Das ist das Salz in der Suppe der Abschlussanalyse.

Punkt eins müssen Sie mit Ihrer Buchstelle klären. Für Punkt zwei, die Vergleichszahlen, lassen sich die Auswertungen des Testbetriebsnetzes heranziehen, wenn keine Zahlen aus Beratungsringen oder Arbeitskreisen vorliegen.

Tabelle 1 zeigt einige Kennzahlen aus dem Durchschnitt der drei Wirtschaftsjahre 2021/22 bis 2023/24. Sie stammen von Haupterwerbsbetrieben aus dem Testbetriebsnetz Niedersachsen. Falls Sie die Zahlen mit den eigenen vergleichen wollen, sind einige Punkte zu beachten.

Größe ist nicht alles

Der erste Blick fällt auf die Betriebsgröße, was für die Interpretation der Kennzahlen wichtig ist: Größere Betriebe haben Vorteile durch die sogenannte Kostendegression. Sie können ihre Festkosten auf mehr Fläche verteilen und eventuell auch günstiger ein- und verkaufen. Diese strukturellen Vorteile haben mit der Betriebsleiterfähigkeit unmittelbar nichts zu tun. Ebenso der Anteil an Pachtfläche und das regionale Pachtpreisniveau, was vor allem für Acker- und Futterbaubetrieben bedeutend ist.

Spätestens der zweite Blick landet beim Gewinn als der zentralen Erfolgskennzahl. Die absolute Höhe ist nur bedingt aussagekräftig, da ebenfalls größenabhängig. Der Gewinn je Hektar sagt dann bei Acker- und Futterbaubetrieben mehr über die Rentabilität des Betriebes.

Und der dritte Blick könnte zum Fremdkapital gehen. Auch hier ist der Bezug auf die Fläche nur für die Betriebe mit flächengebundener Produktion sinnvoll, also für Ackerbau- und Futterbaubetriebe. Für die Stabilität aller Betriebsformen ist die Kennzahl „Fremdkapital je Hektar Eigentumsfläche“ relevant, die in der Testbetriebsstatistik leider nicht ausgewiesen ist. Zum Fremdkapital gehört der Zinsaufwand. Bei beiden Positionen zeigen sich Unterschiede zwischen den drei Gruppen der Testbetriebe. Wenn in Gebäude investiert werden muss, wie im Futterbau und der Veredelung, ist der Fremdkapitaleinsatz deutlich höher als im Ackerbau, wo der Investitionsschwerpunkt auf den Maschinen liegt.

Was am Ende bleibt

Was ist von dem erwirtschafteten Gewinn letztlich übriggeblieben? Die Veränderung des Eigenkapitals gibt Auskunft: Wurde der Gewinn komplett für die privaten Entnahmen verbraucht? Hat er vielleicht sogar nicht einmal dafür gereicht (negative Veränderung des Eigenkapitals)? Wurde ein Teil des Gewinns nicht entnommen und hat sich dadurch das Eigenkapital des Betriebes erhöht? Abzulesen ist diese Kennzahl direkt aus der Passivseite der Bilanz, auf der das Eigenkapital und das Fremdkapital steht. Hier gibt es im BMEL Abschluss die Spalten „Geschäftsjahr“, „Vorjahr“ und „Veränderung“.

Alle bisher genannten Kennzahlen lassen sich ohne große Rechenoperationen direkt aus dem Abschluss ermitteln. Sie geben einen ersten Eindruck, wie der eigene Betrieb hinsichtlich Rentabilität und Stabilität im Vergleich zur Testbetriebsgruppe dasteht.

Wichtig ist aber auch die Liquidität des Betriebes. Aus dem Saldo aller Einnahmen und Ausgaben des Wirtschaftsjahres mussten die kompletten Privatentnahmen bestritten werden (Lebenshaltung, private Versicherungen, private Steuern, Altenteil, Bildung von Privatvermögen u.a.). Gegebenenfalls haben Einlagen aus dem Privatbereich in den Betrieb die Liquidität erhöht. Weiterhin mussten die Tilgungen der betrieblichen Darlehen bezahlt werden. Der Betrag, der dann übrigbleibt, wird als Cashflow III bezeichnet. Er sollte positiv sein und kann zur Finanzierung von Investitionen eingesetzt werden. Ist er negativ, musste neues Fremdkapital für die Tilgung bestehender Kredite aufgenommen werden.

Der Cashflow

Wie lässt sich der Cashflow III ermitteln? Erfreulicherweise recht einfach:
Gewinn + Abschreibungen (diese Summe steht vereinfachend für den Saldo aller Einnahmen und Ausgaben) abzüglich der Differenz aus Privatentnahmen und Privateinlagen. Hiervon sind dann nur noch die Tilgungen abzuziehen. Ergibt sich für Ihren Betrieb ein positiver Cashflow III?

Nach der Beurteilung der eigenen Betriebssituation kommt die Ursachenforschung. Wie hoch sind die Erträge und Aufwendungen in der Pflanzen- und Tierproduktion in Relation zur Vergleichsgruppe? Da der Jahresabschluss im wesentlichen Eurobeträge und wenig Naturaldaten enthält, kann die Ursachenforschung nur an der Oberfläche bleiben.

Tiefere Erkenntnisse liefert eine Betriebszweigabrechnung auf Vollkostenbasis. Auch hier ist der Jahresabschluss die Grundlage, die aber durch weitere Aufzeichnungen ergänzt wird (z.B. Schlagkartei, Futterberechnungen). Kennen Sie Ihre Erzeugungskosten für eine Dezitonne Weizen? Falls nein, würden Sie sie gerne kennen? Tabelle 2 zeigt das Ergebnis einer Betriebszweigabrechnung aus unseren betriebswirtschaftlichen Arbeitskreisen. Wenn Sie ihre Produktionskosten kennen, fällt die Entscheidung für oder gegen ein Angebot zur Preisabsicherung der nächsten Ernte leichter. Und im Vergleich mit den Berufskollegen werden die Schrauben sichtbar, die Sie drehen sollten, um Ihre Ergebnisse weiter zu verbessern.

Es gibt also viele Gründe, um sich mit den eigenen Zahlen intensiver auseinanderzusetzen. Da das alleine nicht soviel Spaß macht, wie in der Gruppe, und auch der Erkenntnisgewinn in der Gruppe höher ist, spricht viel dafür, sich einem Arbeitskreis anzuschließen. Fragen Sie in Ihrer Dienststelle der Landwirtschaftskammer nach. Die Arbeitskreise der Kammer sind über ganz Niedersachsen verteilt.

Kennzahlen aus dem Durchschnitt der drei Wirtschaftsjahre 2021/22 bis 2023/24
Kennzahlen aus dem Durchschnitt der drei Wirtschaftsjahre 2021/22 bis 2023/24Rolf Fricke
Ergebnis einer Betriebszweigabrechnung aus betriebswirtschaftlichen Arbeitskreisen
Ergebnis einer Betriebszweigabrechnung aus betriebswirtschaftlichen ArbeitskreisenRolf Fricke