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66. Grünlandtag 2018

Die Haltung von Rindern auf der Weide kommt dem Tierwohl entgegen und ist eine kostengünstige Form, um Fleisch oder Milch zu produzieren. Gängige Praxis ist aber auch die ganzjährige Milcherzeugung im Stall. Für diese Form der Haltung entscheiden sich viele Landwirte aufgrund wirtschaftlicher Vorteile, denn die Weidehaltung kommt für Hochleistungstiere nur bedingt in Frage. Die in Wittmund referierenden Fachleute erörtern dieses Thema auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Forderung nach mehr Weidegang für die Tiere.

 

„Weidehatlung im Fokus“ lautete das Motto der Veranstaltung, zu der am 07.02.2018 etwa 310 Besucher nach Wittmund (Ostfriesland) und am 08.02.2018 circa 120 Gäste nach Harsefeld (LK Stade) kamen.

 


Wesentliche Aussagen des Kammerpräsidenten - Grußwort

Weidehaltung ist eine kostengünstige Form, um Fleisch oder Milch zu produzieren. 

Weidehaltung entspricht dem Bewegungsdrang der Rinder, unabhängig ihres Alters und trägt somit zum Tierwohl bei. Weidende Kühe, Färsen oder Jungrinder prägen im Allgemeinen das Bild in Norddeutschland. Sie sind damit Sinnbild einer flächengebundenen Haltungsform. Die Weidehaltung in unserer Region hat kulturhistorische Wurzeln hat.

Weidehaltung macht Landwirtschaft und hier im konkreten Fall die Milchviehhaltung für die Bevölkerung sichtbar. 

Daher stellt diese Haltungsform zugleich einen wichtigen Imagefaktor der Milchwirtschaft in der Gesellschaft dar.

Andererseits nimmt der Trend für die ganzjährige Milcherzeugung im Stall zu. Diesen Prozess kann man unseren Milchviehhaltern nicht verübeln, denn er ist vielerorts eine wirtschaftliche Entscheidung. Schließlich geht es darum, den Betrieb effizient zu halten und zukunftsfähige Strukturen zu schaffen. Auf die Stückkosten Einfluss zu nehmen, wird bei keinem Wirtschaftsunternehmen in der Industrie in Frage gestellt. Das Streben nach hohen bis sehr hohen Milchleistungen ist daher auch für den Futterbauer eine wichtige und legitime Zielstellung. 

Die Weidehaltung kommt für Hochleistungstiere nur bedingt in Frage.

Wird diese dennoch seitens der Politik und Gesellschaft eingefordert, bedarf es klarer Bekenntnisse.

Vor dem Hintergrund ist es ein großer und begrüßenswerter Schritt, dass seitens des Grünlandzentrums das Weidelabel initiiert wurde. Als unabhängiges Gremium hat das Grünlandzentrum die wichtigen Akteure aus Politik und der Nahrungsgüterwirtschaft an den Tisch geholt und den Impuls zur Weidemilcherzeugung in der Region gegeben.


Wesentliche Aussagen von Dr. Jürgen Müller - Weidehaltung von Milchkühen um jeden Preis?

Die Milcherzeugung der letzten 30 Jahre war durch eine enorme Steigerung der Einzeltierleistung zur Reduzierung der Stückkosten gekennzeichnet. Mit den betriebswirtschaftlich notwendigen Leistungssteigerungen ging auch eine Erhöhung der Anforderungen an die Fütterung einher, die sich in einer Dominanz der Ganzjahresstallhaltung zu Ungunsten der traditionellen Weidewirtschaft niederschlug. Weidende Kühe, einst typisch für die norddeutsche Küstenlandschaft, sieht man nur noch selten.

Eine unbefriedigende Erlössituation infolge liberalisierter Märkte und der Blick auf die Kostenführer der Milcherzeugung im internationalen Maßstab führt nunmehr zu einer gewissen Rückbesinnung auf die Vorzüge der Weidewirtschaft, die in erster Linie auf deren geringe Futterkosten beruht. Diese Rekonjunktur der Milchviehweide in der öffentlichen Wahrnehmung ist indes nur teilweise objektiv, da sie sich auf Erfahrungen völlig anderer standörtlicher und ökonomischer Kulissen beruft. Um die zweifellos vorhandenen Vorzüge der weidebasierten Milcherzeugung zu nutzen, bedarf es neben einer separaten Vermarktung der Weidemilch bestimmter standörtlicher und betriebsstruktureller Voraussetzungen. Hierzu zählen Grünlandstandorte mit hinreichender und ausgeglichener Wasserversorgung, eine günstige Lage der potenziellen Weideflächen zum Stall, eine angepasste Tiergenetik sowie vergleichsweise geringe Faktorkosten (Gebäude, Pachten, Arbeit). Es ist Aufgabe der Beratung, diese Voraussetzungen im Einzelfall zu prüfen und die unternehmerische Entscheidung des Milchviehhalters bestmöglich vorzubereiten. Kostenkalkulationen aus Mecklenburg zeigen, dass bei einem Mehrerlös von mindestens 2,5 Cent je Liter Weidemilch annähernd gleiche Rentabilitäten wie bei alternativer Ganzjahresstallhaltung zu erzielen sind. Erst wenn diese betriebsstrategischen Entscheidungen gut vorbereitet und getroffen sind, geht es darum, die Produktionstechnik der Weidewirtschaft zu optimieren. Dass dies eine weitere große Herausforderung darstellt, zeigen die noch recht großen Differenzen zwischen den in Versuchen bereits erzielten Grundfutteraufnahmen und den tatsächlich bei Betriebserhebungen festgestellten Niveaus. 


Wesentliche Aussagen von Prof. Dr. Friedhelm Taube - Weidemilch ökologisch und effizient produzieren?

Die Weidemilcherzeugung in Norddeutschland erlebt derzeit eine Renaissance. Neben Kostengesichtspunkten und Tierwohlaspekten muss aber auch die Ökoeffizienz berücksichtigt werden, also die möglichen Belastungen der Umwelt je produzierte Einheit Milch. Neben Umweltbelastungen durch Stickstoffverbindungen kommt durch die EU-Gesetzgebung zunehmend auch Phosphor in den Fokus. Der große Vorteil der Weide im Vergleich zu ganzjährigen Stallhaltungssystemen liegt dabei in den niedrigen Ammoniakemissionen und den viel geringeren Energieaufwendungen, während andererseits insbesondere auf sandigen Böden die Nitratauswaschung ein Problem darstellen kann. Um die Ökoeffizienz zu steigern, ist die Leistungssteigerung von der Weide somit eine zentrale Voraussetzung, denn hohe Erträge mit höchsten Energiedichten sparen teures Kraftfutter und Nährstoffimporte über Konzentratfutter in den Betrieb.  Die ersten Ergebnisse aus dem Projekt ‚Ökoeffiziente Weidemilcherzeugung Lindhof‘ in Schleswig-Holstein zeigen, dass die Energiedichte im Weidegras wie in der Winterfuttersilage von Hochleistungssorten des Deutschen Weidelgrases den Wert von Silomais nicht nur übersteigen kann, sondern zusätzlich noch hochwertiges Protein liefert. Dieser große Zuchtfortschritt bei Futtergräsern ist ein Argument, solche Gras- oder Kleegrasbestände auch auf dem Acker einzusetzen und so einseitige Maisfruchtfolgen nachhaltiger zu gestalten. Damit öffnet das Interesse an der Weidemilcherzeugung auch wieder die Augen für die Leistungsfähigkeit von bestens bewirtschafteten Grünlandbeständen.


Wesentliche Aussagen von Siegfried Steinberger - Viel Milch aus Gras – Praxistipps zur Weideführung

Kurz und intensiv weiden!

Eine konsequente Weidehaltung von Milchkühen und vor allem von Jungvieh im System der Kurzrasenweide oder einer intensiven Umtriebsweide ermöglicht eine optimale Nutzung des Grünlandaufwuchses.

In den letzten Jahren konnte zunehmend eine Verknappung der Flächenverfügbarkeit beobachtet werden. Einerseits beanspruchen wachsende Milchviehbetriebe mehr Flächen, andererseits wächst der Bedarf an Flächen für den Anbau nachwachsender Rohstoffe. In vielen Regionen führt dies zu steigenden Pachtpreisen. Neben einer nachhaltigen Ertragssteigerung gilt es, die erzielten Aufwüchse effizient zu nutzen. Dabei sind die Verluste bis hin zur gefressenen Ration so gering wie möglich zu halten.

Hohe Verluste vom Feld bis zur gefressenen Ration

In einem von der LfL durchgeführten Projekt zur „Effizienten Futterwirtschaft“ wurden an den Lehr-, Versuchs- und Fachzentren (LVFZ) die Verlustquellen von der Erntemenge vom Feld bis hin zu den tatsächlich gefressenen Futtermengen erfasst. Dabei wurden „Verluste“ bis zu 30 % der Trockenmasse festgestellt.

Diese Verluste vom Feld bis zum Trog setzen sich unter anderem durch Bröckelverluste, unvermeidliche Verluste durch Milchsäuregärung, Verderb und Futterrest zusammen.

Die Beweidung von Grünlandflächen schließt die oben genannten Verluste von vornherein aus. Allerdings können bei unsachgemäßer Weideführung zum Teil erhebliche Verluste durch Tritt, Verschmutzung und Überalterung der Bestände auftreten. Durch die Wahl des geeigneten Weidesystems gilt es, die Weideverluste zu minimieren. Das System der Kurzrasenweide beruht auf dem Prinzip, dass der tägliche Futterzuwachs mit dem täglichen Verzehr weitgehend übereinstimmt. Das Futterangebot ist dabei knapp zu halten, damit der gesamte Aufwuchs gefressen wird und wird über eine entsprechende Flächenzuteilung gesteuert. Dadurch ergibt sich eine gleichbleibende hohe Futterqualität über die gesamte Weideperiode.

Optimaler Nutzungszeitpunkt

Die in unseren Breiten üblichen Gräser sind im Drei-Blatt-Stadium voll ausgebildet; wird ein weiteres Blatt ausgebildet, stirbt das unterste Blatt wieder ab. So besitzen Gräser stets nur drei funktionsfähige Blätter. Dieses Stadium ist bei einer Aufwuchshöhe von 6 – 8 cm erreicht.

Eine Nutzung als Schnitt erfordert aus Kostengründen eine bestimmte Erntemenge. So nimmt mit zunehmendem Wachstum nur der Stängelanteil merklich zu, da der Blattanteil weitgehend konstant bleibt. Ein zunehmender Stängelanteil bedeutet eine Zunahme an Gerüstsubstanz (Faser) und somit eine rückläufige Verdaulichkeit der organischen Substanz (Energiegehalt in MJ NEL). Der optimale Schnittzeitpunkt ist deshalb immer ein Kompromiss zwischen Ertrag und verwertbarer Futterenergie.

Das System der Kurzrasenweide ermöglicht eine nahezu vollständige Nutzung des Aufwuchses im optimalen Nutzungsstadium. Verdauungsversuche von kurzem Gras (< 8 cm) an Hammeln ergaben eine Verdaulichkeit der organischen Substanz von über 80 % und folglich Energiegehalte von 6,4 bis 7,4 MJ NEL/kg TM.

Da bei konsequenter Weidehaltung keinerlei „Erntekosten“ anfallen, kann der Aufwuchs im optimalen 2,5 – 3 Blattstadium abgeweidet werden. Eine Nutzung von solchen Aufwüchsen führt zu minimalsten Weideverlusten und zu optimalen Energieerträgen je Hektar Weidefläche. Als Weideform der Wahl hat sich die Kurzrasenweide erwiesen. Bei diesem Weidesystem wird der Aufwuchs konstant bei 4 – 6 cm (Deckelmethode, Bild 1) über die gesamte Weideperiode gehalten. Das gedrungene Wuchsverhalten der Gräser bei Dauerbeweidung ermöglicht diese niedrige Aufwuchshöhe, wobei die Assimilationsfläche bis zur Halmbasis reicht.

Kosten der Aufzucht nicht unterschätzen

Grundsätzlich bietet sich Weidehaltung für Jungvieh besonders an, da die Futterqualität den Erfordernissen der Tiere bei sachgerechter Ausgestaltung der Weide voll entspricht.

In einem durchschnittlichen Milchviehbetrieb werden rund 90 % der weiblichen Kälber zur Zucht aufgezogen. Bei einem mittleren Erstkalbealter (EKA) von 30 Monaten liegt der Grobfutterverbrauch der gesamten Jungviehaufzucht bei ca. 45 % des jährlichen Gesamtfutterbedarfes. Deshalb ist der Futtereffizienz in der Aufzucht mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Aufwand für eine stallgebundene Aufzucht wird in der Praxis meist unterschätzt.  Allein die Grobfutterkosten je erzeugte Kalbin betragen bei einem EKA von 30 Monaten etwa 800 €. Ebenso sind die anfallenden Ausbringungskosten für die anfallende Gülle der Jungtiere zu berücksichtigen. Ist man sich erst des Aufwandes und der Kosten bewusst, ist es naheliegend, eine weidebetonte Aufzucht ins Auge zu fassen.

Die hohe Verdaulichkeit und die gleichbleibende Qualität ermöglicht eine optimale Jungviehaufzucht auf der Weide. Gutgeführte Weidebetriebe weiden bereits ihre Kälber ab dem vierten Lebensmonat auf einer Kurzrasenweide. Dadurch werden die Jungtiere sehr früh für ein intensives Grasen geprägt, welches sie zeitlebens behalten. Je nach Intensität der Winterfütterung werden 500 bis über 1.000 g tägliche Zuwächse auf gut geführten Kurzrasenweiden erreicht. Eine Weidebetonte Jungviehaufzucht sowie eine Weidehaltung der Milchkuh erhöhen die Nutzungsdauer und die Milchlebensleistung der Rinder.


Wesentliche Aussagen von Eike Ulken - Weidemilch – Erste Erfahrungen aus Sicht der Vermarktung

Im Nordwesten Deutschlands gehören grasende Kühe zum typischen Landschaftsbild. Damit dies so bleibt hat die Molkerei Ammerland eG die ,.Initiative Weidehaltung" ins Leben gerufen. Bereits seit 2011 können Milcherzeuger an diesem Programm teilnehmen. Derzeit beteiligen sich über Tausend Milcherzeuger am Weidemilchprogramm der Molkerei Ammerland. Voraussetzung ist, dass die Kühe auf der Weide grasen können so wie es das Wetter erlaubt, mindestens aber 120 Tagen im Jahr, sechs Stunden am Tag.

Die Weidegänge werden vom Landwirt in einem Weidekalender genau dokumentiert und sowohl von der Molkerei Ammerland als auch von einem unabhängigen Kontrollinstitut regelmäßig überprüft. Die Abholung sowie die Annahme der Weidemilch in der Molkerei erfolgt separat. Aus ihr werden dann getrennt nach strengen Qualitätsmerkmalen verschiedenste Produkte hergestellt und im Handel angeboten. Eine Bewerbung auf unseren Ammerländer Produkten mit den entsprechenden Begriffen ist deshalb ehrlich, transparent und für den Verbraucher nachvollziehbar.

Verstärkt wird die Kommunikation durch das im Frühjahr 2016 eingeführte "Pro Weideland Weidecharta" - Siegel. Das von dem unabhängigen Grünlandzentrum entwickelte Siegel, stellt erstmalig verbindliche Kriterien für den Begriff "Weidemilch" auf. Die Molkerei Ammerland eG nutzt das Siegel inzwischen nicht mehr nur für die Trinkmilch, sondern seit Mitte 2017 auch für den neu eingeführten Ammerländer Weidekäse.

Insgesamt zeigen die Marktdaten, dass der deutschlandweite Konsum von Trinkmilch in den letzten zwei Jahren rückläufig war, aber der Anteil von Weide-Trinkmilch deutlich zunehmen konnte. Allein im Jahr 2017 ist die Nachfrage nach einem solch gekennzeichneten Produkt um fast 40 % angestiegen.


 


Kontakt:
Dr. Christine Kalzendorf
Beraterin Grünland, mehrj. Ackerfutterbau und Futterkonservierung
Telefon: 0441 801-428
Telefax: 0441 801-432
E-Mail:
Dr. Matthias Benke
Leiter Fachbereich Grünland und Futterbau
Telefon: 0441 801-420
Telefax: 0441 801-432
E-Mail:


Stand: 15.02.2018



PDF: 29366 - 2551.23144531 KB   Vortrag Dr. Müller - Wittmund   - 2551 KB  
PDF: 29365 - 2349.79101562 KB   Vortrag Dr. Müller - Harsefeld   - 2350 KB  
PDF: 29364 - 3155.21777344 KB   Vortrag Prof. Dr. Taube   - 3155 KB  
PDF: 29367 - 3762.87402344 KB   Vortrag S. Steinberger   - 3763 KB