Webcode: 01034831

67. Grünlandtag 2019

Perspektiven der Milchwirtschaft unter globalen Märkten“ lautete das Motto der Veranstaltung, zu der am 06.02.2019 etwa 120 Besucher nach Harsefeld (LK Stade) und am 07.02.2018 circa 260 Gäste nach Spohle (LK Ammerland) kamen. Die Chancen für Milchviehbetriebe liegen im Export: So lautet eine der wichtigsten Erkenntnisse des 67. Grünlandtages der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen.

Die Anforderungen an die Landwirtschaft mehren sich beträchtlich: Es gilt, die Belange des Verbrauchers und der Gesetzgebung mit dem Globalisierungsprozess in Einklang zu bringen.

 

Wesentliche Aussagen des Kammerpräsidenten: Grußwort

Mit den Rahmenbedingungen des Welthandels auf der einen Seite und den Wünschen nach Nachhaltigkeit, Biodiversität, Gewässer-, Grundwasser-, Insekten- und Naturschutz auf der anderen Seite treffen ganz unterschiedliche Aspekte aufeinander. Die klimatischen Veränderungen zeigen, dass man an neuen Strategien zur Landbewirtschaftung nicht vorbeikommt. Dabei sind viele neue Strategien in Diskussion wie zum Beispiel die Klimastrategie, die Nutztierstrategie, die Digitalstrategie sowie die Ackerbaustrategie.

Letztere ist aktuell auf den Weg gebracht worden. Mit der Ackerbaustrategie sollen gesellschaftliche Belange und die Umweltwirkung des Ackerbaus einschließlich des Futterbaus stärker berücksichtigt werden. In knappen Worten gefasst, geht es hierbei um eine Rückbesinnung auf Grundregeln einer fachlich ordnungsgemäßen Bewirtschaftung. Dazu gehören im Wesentlichen

  • die Erhaltung und Steigerung der Bodenfruchtbarkeit
  • und die Berücksichtigung der Fruchtfolgesysteme.

Eine bodenschonende Feldbearbeitung und der Schutz vor Erosion und Schadverdichtungen verstehen sich hierbei von selbst.

Im Bereich der Tierhaltung sind die Landwirte aus dieser Region nach wie vor überdurchschnittlich bereit, große Investitionen in Bau und Umbaumaßnahmen zu tätigen. Damit wird das Ziel verfolgt, sowohl die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe als auch die Ansprüche des Tierwohls für die Zukunft zu verbessern.

All das wird diskutiert, weil es eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung in der Landwirtschaft einerseits und der Gesellschaft andererseits gibt. Es sollte das Interesse der Landwirtschaft sein, in der Mitte der Gesellschaft zu stehen und sich in diese Auseinandersetzungen mit einzubringen.

Der Milchbauer muss sich in diesem Zusammenhang neben den Diskussionen um Nitrat im Grundwasser, Ammoniakemmissionen etc. auch den Themen wie Weidemilch, gentechnikfreie Milch oder auch Heumilch stellen. Der Handel ist an solchen Labels natürlich interessiert, da es seine Wettbewerbsfähigkeit steigert. Doch sind diese Wünsche auch für den Futterbauer praktisch umsetzbar, wenn gleichzeitig unter den Bedingungen der globalen Marktwirtschaft gewirtschaftet werden muss und aktuell ein geringerer Finanzrahmen der Direktzahlungen diskutiert wird?

Zu diesem Fragenkomplex möchten wir gleich Antworten und Impulse von unseren Fachreferenten hören.

 

Wesentliche Aussagen von Ludwig Börger: Gesellschaftliche Ansprüche -  Herausforderungen für die deutsche Milchwirtschaft

Die Weiterentwicklung der Milcherzeugung ist eine Erfolgsgeschichte! Moderne Milchviehställe ermöglichen heute ein deutlich höheres Maß an Tierwohl als in der Vergangenheit und erleichtern gleichzeitig die Arbeiten der Tierhalter. Es ist Aufgabe des landwirtschaftlichen Berufsstandes, dass diese Erfolgsgeschichte erzählt und fortgesetzt wird.

In den vergangenen Jahren rückte auch die Milchviehhaltung in den Fokus öffentlicher Debatten. Nicht nur politische Gruppierungen nutzen diese teilweise skandalisierten Diskussionen, um sich zu profilieren. Auch die Unternehmen des Lebensmittelhandels wollen sich mit Aktivitäten in diesem Feld differenzieren. Als landwirtschaftlicher Berufsstand müssen wir deshalb davon ausgehen, dass die Anforderungen an die Milchviehhaltung zunehmen werden. Sollte hierbei der Gesetzgeber nicht aktiv werden: Die Marktpartner aus Industrie und Handel werden es mit Sicherheit.

Ein deutlicher Wink war im Jahr 2016 die „Gentechnikfreiheit“ als neuer Standard bei der Trinkmilch. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich für die „glyphosatfreie“ Herstellung von Eigenfuttermitteln nicht mehr ausschließen. Erste größere Molkereien aus Süddeutschland sind bereits über dieses Stöckchen gesprungen. Mit der Anbindehaltung steht bereits das nächste Thema auf der Agenda.

Standardsetzung ist ein Instrument, um zusätzliche Wertschöpfung heben zu können. Langfristig erfolgreich kann sie aber nur sein, wenn sie auf Augenhöhe vereinbart wird und ein Mehrwert für alle Beteiligten gewährleistet ist. Die Wunschkataloge der Handelsunternehmen gilt es deshalb unter allen Beteiligten zu diskutieren. Dieser Diskussionsprozess wird mittlerweile über den QM-Milch e.V. institutionalisiert. Seit Frühjahr 2018 sitzen Vertreter des LEHs als Gäste im QM-Fachbeirat, in dem zuvor ausschließlich Vertreter aus Land- und Molkereiwirtschaft diskutierten. Noch bleibt abzuwarten, ob dieses Format langfristig von allen Seiten akzeptiert wird. Die ersten Runden zeigen, dass der Austausch zwar mühsam, jedoch für alle Akteure der Kette gewinnbringend sein kann.

Schon heute wird die Einhaltung des QM-Standards für die Erzeugung fast aller Milchprodukte eingefordert. Darauf kann aufgebaut werden, denn die Aktivitäten der Branche finden offensichtlich schon heute breite Akzeptanz. Große europäische Molkereien haben darüber hinaus vor Jahren mit eigenen Nachhaltigkeitsaktivitäten Pfeiler gesetzt, an denen sich nun der Rest der Branche orientiert. Vor diesem Hintergrund ist im Frühjahr 2017 das Pilotprojekt „Nachhaltigkeitsmodul Milch“ gestartet. Projektpartner sind das Thünen-Institut, der QM-Milch e.V. sowie das Projektbüro Land und Markt und der LKV Nordrhein-Westfalen.

Praxispartner sind bundesweit 34 Molkereien und inzwischen haben weit mehr als 5.000 Milcherzeuger an der Nachhaltigkeitsbefragung teilgenommen. Mit den Ergebnissen bekommen Molkereien und Landwirte fundierte Einblicke in die Nachhaltigkeit ihrer Milcherzeugung. Damit wird die Basis für eine molkereiinterne Diskussion über gemeinsame Ziele geschaffen. Wichtig ist hierbei für den Deutschen Bauernverband: Nachhaltigkeitsprogramme dürfen nicht als Alleinstellungs- oder Profilierungsmerkmal einzelner Unternehmen verstanden werden, sonst geraten sie zur Beliebigkeit und schaffen keinen Mehrwert für die Milcherzeuger. Die in solchen Aktivitäten liegenden Potentiale können nur dann erschlossen werden, wenn sie als Branchenlösungen umgesetzt werden.

 

Wesentliche Aussagen von Mathias Klahsen: Wettbewerbsfähigkeit und Perspektiven der deutschen Milchwirtschaft auf globalisierten Märkten

Nicht nur bei uns in Europa, sondern auch bei weiteren Hauptmilchexporteuren haben Dürren im vergangenen Jahr deutliche Spuren hinterlassen. Die Auswirkungen gehen dabei weit über die eigentliche Dürreperiode, in der in erster Linie die Milchproduktion durch Hitzestress gehemmt wurde, hinaus. Durch Mindererträge und somit knappen Futtervorräten in 2019 wird eine Verlangsamung der Milchproduktionssteigerung erwartet. In Deutschland machen sich die Auswirkungen der Dürre aktuell durch eine nur moderat steigende Milchanlieferungsmenge unter Vorjahresniveau bemerkbar. Die demgegenüber stehende Nachfrage nach Milchprodukten wird laut EU Kommission in 2019 am EU-Binnenmarkt um 0,7 % und im Export um beachtliche 4,5 % steigen.

Marktchancen werden sich durch einen steigenden Bedarf im asiatischen Raum ergeben. China wird als Importland auch in 2019 eine herausragende Rolle am Weltmilchmarkt einnehmen und gewisses Potential für den heimischen Markt bieten. Positive Aussichten für den lokalen Markt durch den zollfreien Handel mit Milchprodukten bietet außerdem das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan „JEFTA“. Am Markt für Magermilchpulver ist durch den umfangreichen Abbau der EU-Interventionsbestände deutliche Entspannung eingetreten. Von ursprünglich rund 380.000 t waren zuletzt nur noch etwa 4.000 t in der öffentlichen Intervention. Weitere positive Tendenzen durch festere Preisentwicklungen sind derzeit an den Börsen zu beobachten.

Die Stimmung am Milchmarkt wird aktuell durch den Brexit und das hohe Milchaufkommen in Neuseeland gedrückt, wo im Jahr 2018 ein neuer Anlieferungsrekord erzielt worden ist.

Ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU hätte insbesondere Auswirkungen auf den Käsemarkt, da das Vereinigte Königreich umfangreiche Mengen an Käse aus der EU und somit auch aus Deutschland importiert.

Sollten die Auswirkungen des Brexit auf den heimischen Milchmarkt weniger gravierend ausfallen als befürchtet, dann könnte der Milchpreis durch das geringere Rohstoffangebot und die steigende Nachfrage am Weltmarkt deutlich ansteigen. Ein Jahresdurchschnittspreis in Höhe von 34-35 Cent/kg Milch wäre dann realistisch.

Einen Anstieg der Milchpreise haben die hiesigen Milchviehhalter bitter nötig, da die Produktionskosten stark angestiegen sind. Milchleistungsfutter hat sich beispielsweise gegenüber dem Vorjahr um gut 18 % verteuert. Auch beim Grundfutter sind die Preise durch ein knappes Angebot um über 28 % bei Grassilage gestiegen. Auf der Erlösseite lag der Milchpreis im November 2018 rund 10 % unter dem Vorjahreswert.

 

Wesentliche Aussagen von Anna-Lena Niehoff: Einzelbetrieblich wettbewerbsfähig bleiben – Wesentliche Stellschrauben

Aus den Vergleichen von Vollkostenauswertungen milchviehhaltender Betriebe der Wirtschaftsjahren 2014/15 – 2016/17 wird erkennbar, dass das obere Viertel der ausgewerteten Betriebe nicht nur deutlich mehr Milch je Kuh erzeugt, sondern zudem in fast allen Kostenbereichen günstiger produziert. Dadurch ist es den erfolgreicheren Betrieben möglich gewesen, selbst im schlechten Milchwirtschaftsjahr2015/2016 zumindest die Produktionskosten zu decken. Die Schere zwischen den Betrieben weitet sich!

Vollkostenauswertungen sind höchst betriebsindividuell, deren Erstellung Zeit, Disziplin und auch Geld kostet. Anhand dieser Auswertungen können aber Rückschlüsse auf die eigene Produktionstechnik geschlossen, Stärken und Schwächen identifiziert und Lösungsansätze erarbeitet werden. Die gewonnenen Ergebnisse müssen mit einem Berater oder mit Berufskollegen (z.B. in Arbeitskreisen) diskutiert werden, um diese einordnen zu können; nur so werden die reinen Zahlen auch mit Leben gefüllt!

Die Antwort auf die Frage, was das obere Viertel der Auswertung besser macht als die Grundgesamtheit, ist einfach: Optimierung in allen Bereichen! Das obere Viertel produziert auf einem hohen Niveau, erzielt hohe Milchleistungen je Milchkuh und sticht mit einer hohen Produktivität hervor! Gebäude, Maschinen und Arbeitskräfte sind insgesamt besser ausgelastet und verursachen geringere Kosten je Einheit. Die Gründe fürs „besser sein“ sind vielfältig, aber sicherlich bedingt durch ein starkes Augenmaß und zwar sowohl im Herdenmanagement als auch am Schreibtisch.

Die wesentlichste Stellschraube, um einzelbetrieblich wettbewerbsfähig zu sein, ist der Betriebsleiter selbst. Hier steckt der Schlüssel zum Erfolg! Allerdings gibt es genügend Gründe für schlechte Laune, die die Motivation zur Veränderung und zur Optimierung der betrieblichen Abläufe rauben: Die politischen (rechtliche Rahmenbedingungen, Unsicherheit, Bürokratie), familiären (fehlende Hofnachfolge, hohe Arbeitsbelastung), sozialen (fehlende Akzeptanz) und ökonomischen (niedrige Erzeugerpreise, fehlende Stabilität) Herausforderungen nehmen deutlich zu.

Wer mit einer positiven Grundeinstellung den Veränderungen begegnet und dabei den Blick auf die Chancen und Möglichkeiten dieser richtet, der wird seine gesteckten Unternehmerziele erreichen.

 

 


Kontakt:
Dr. Christine Kalzendorf
Beraterin Grünland, mehrj. Ackerfutterbau und Futterkonservierung
Telefon: 0441 801-428
Telefax: 0441 801-432
E-Mail:
Meike Backes
Leiterin Fachbereich Grünland und Futterbau
Telefon: 0511 3665-4453
Telefax: 0511 3665 4508
E-Mail:


Stand: 18.02.2019



PDF: 31446 - 1512.45703125 KB   GLT 2019 Vortrag Ludwig Börger   - 1512 KB  
PDF: 31447 - 2900.36816406 KB   GLT 2019 Vortrag Mathias Klahsen   - 2900 KB