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Grünland pflegen oder sanieren?

Mit zunehmender Befahrbarkeit der Flächen beginnen nun, je nach Schädigungsgrad, die Pflege- und Sanierungsarbeiten auf den Grünlandflächen. Die starke Schädigung vieler Grünlandflächen durch Feldmäuse und ein hoher Verbreitungsgrad von Tipula-Larven erfordern differenzierte Lösungsansätze.

 


Der Vegetationsbeginn im Grünland wurde bereits Ende Februar erreicht. Vorhandene Bestände beginnen bereits sichtbar zu wachsen. Mit zunehmender Befahrbarkeit der Flächen beginnen nun, je nach Schädigungsgrad, die Pflege- und Sanierungsarbeiten auf den Grünlandflächen.

Abschätzung der Schäden

Die beobachteten Schäden reichen von einer großen Zahl vorhandener Mäuselöcher mit noch intakter Grasnarbe, über Flächen mit massiven Verwühlungen, Laufwegen und großen Stellen mit Kahlfraß bis hin zum Totalausfall mit gänzlich abgestorbener Grasnarbe. 

Besonders im nördlichen und nordwestlichen Niedersachsen ist in großen Bereichen eine Sanierung der Flächen unausweichlich. Große Flächenanteile wurden so stark geschädigt, dass eine Narbenerneuerung erforderlich wird (Abbildung 1). Um die gleichzeitig noch vorhandene Feldmauspopulationen zu reduzieren, ist häufig eine intensive Bodenbearbeitung, im Idealfall mit dem Pflug, notwendig. 
Hinsichtlich der Notwendigkeit einer Grünlanderneuerung mit Bodenbearbeitung wurde landesweit ein neues Antragsverfahren vereinbart (lwk-niedersachsen.de;  webcode 01036430). Der Antrag ist zwingend erforderlich für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes aufgrund außergewöhnlicher Umstände. Die Genehmigung ermöglicht eine Grünlandsanierung auch auf Grünland-Ersatzflächen innerhalb der Sperrfrist von fünf Jahren sowie auf Grünland, welches in Agrarumweltmaßnahmen gebunden ist oder in einer Schutz-Gebietskulisse (sDGL) liegt.

Aktuelle Lage

Die Feldmäuse konnten der Witterung des Winterhalbjahres 2019/20 zunächst weitgehend standhalten. Einige Grünlandbestände sind allerdings schon seit dem Spätsommer 2019 kahlgefressen, so dass ein deutlicher Einbruch der Feldmauspopulation aufgrund von Nahrungsmangel eingetreten sein dürfte. Ansonsten sind Populationseinbrüche durch Wassereinbruch infolge Starkregen und Überflutungsereignisse bedingt. 

Grünlandversuche mit verschiedenen Wasserregimen (Swamps) auf einem Hochmoor- sowie einem Niedermoorstandort zeigen einen Zusammenhang mit der Feldmausaktivität deutlich: im Spätsommer 2019 wurde die Aktivität der Mäuse auf den Großparzellen (ca. 100 m2) bonitiert: die Populationsdichte in den stark entwässerten Parzellen war mit >20 Löchern an beiden Standorten sehr groß, während in den feuchten bis teilweise vernässten Parzellen deutlich geringere Aktivität (1 – 9 Löcher)  auftraten (vgl. Abbildung 2)

Nun gilt es die Aktivität der Rest-Population auf den eigenen Grünlandflächen zu überprüfen.

Um die tatsächliche Aktivität der Feldmauspopulation zu prüfen, sollte man sich an der amtlichen Methodik der Pflanzenschutzdienste zur Überwachung ausgewählter Flächen orientieren. Die Ermittlung der Anzahl wiedergeöffneter Löcher als Parameter für das Ausmaß des Befalls (Abundanz) ergab im Herbst 2019 extreme Werte. Als Schwellenwert für Bekämpfungsmaßnahmen  werden 6-9 wieder geöffnete Löcher (wgl) / 250 m2 angegeben,  ein Wert von 20 wgL / 250 m2 gilt bereits als Starkbefall. 
Alte Mäuselöcher können meist nicht von neuen, aktiv belebten unterschieden werden. Dies kann zu Fehleinschätzungen hinsichtlich der Populationsdichte führen. Überprüft werden kann dies, indem auf einer Testfläche von beispielsweise 250 m² die Löcher verschlossen bzw. verschüttet werden. Hierzu eignen sich Arbeitsgänge mit einer Wiesenschleppe oder einem Grünlandstriegel. Es sollten mehrere Felder von mindestens 100 m2 (10 x 10 m) markiert werden, um ein genaueres Gesamtbild zu bekommen. Am darauffolgenden Tag gilt es die Testfläche visuell zu überprüfen und neu geöffnete Mäuselöcher auszuzählen. bei 250 m2 gelten rund 10 wieder geöffnete Löcher auf der benannten Testfläche binnen 24 Stunden als Bekämpfungsschwelle, bei 100 m2 gelten daher bereits 4 wgL (wieder geöffnete Löcher) als relativ hoher Befall. 

Tipulaschäden sind vorprogrammiert

Zusätzlich zu den großen Befallszahlen durch Feldmäuse wurden durch den Pflanzenschutzdienst bereits im Herbst 2019 hohe Befallsraten mit Tipulalarven über der Schadschwelle von mehr als 300 Larven/m2 festgestellt. Diese werden, hauptsächlich im Moorgrünland, ebenfalls zu größeren Schäden führen. Auf diesen Standorten sollte man etwa zeitgleich mit der Feststellung der Mäuseaktivität (wgL/m2) die Befallsrate der Larven von Schnaken (Tipula) ermitteln, indem man Grassoden in Salzwasser (vgl. Abbildung 3) legt und die aufschwimmenden Larven nach etwa 20-30 Minuten auszählt. Auch hier sind sogenannte Schadschwellenwerte hilfreich, um das Risiko der Schädigung durch den Fraß der Larven abzuschätzen. 
Die Larven entziehen sich nach Wässerung der Grassode und schwimmen im Salzwasser auf. Grassoden (25 x 25 cm) entsprechen bei einer Kantenlänge von 25 cm 1/16 m2 – ergo entsprechen die aufschwimmenden Larven einer Grassode (25 x 25 cm) multipliziert mit 16 der Befallsdichte je m2 - die Schadschwelle im Frühjahr liegt bei 100 Larven je m2 und wird nach unseren bisherigen Felderhebungen im niedersächsischen Moorgrünland deutlich überschritten. Aktuelle Untersuchungen in verschiedenen Regionen bestätigen bzw. übertreffen diese Zahlen. Die Gefahr der weiteren starken Schädigung von Grünlandflächen ist insbesondere in den organischen Böden (Moore) aktuell und bis auf Weiteres besonders hoch. 
Der Lebenszyklus der Tipula-Larven lässt erst für die nächsten Wochen sichtbare Schädigungen erwarten. Aktuell sind die Larvenstadien noch relativ klein; dies wird sich aber in den kommenden Wochen mit Erreichen des 4. Larvenstadiums ändern, wenn diese sich in Vorbereitung ihrer letzten Entwicklungsstufe fett fressen vor der Verpuppung im Juni. Die sichtbaren Schäden dürften im April deutlich zunehmen. 
Feuchte bis teilvernässte Flächen beeinträchtigen auch die Entwicklung der Tipula-Larven und können die Befallsraten drastisch senken, wie aktuelle Erhebungen vom Februar 2020 auf den bereits erwähnten Versuchsflächen in der Wesermarsch zeigen (Abbildung 3). Dennoch sind die Befallszahlen alle über der Schadschwelle. Eine mehrwöchige Überstauung der Flächen wäre für die Vermeidung von größeren Schäden geeignet, allerdings sind solche Bedingungen auf dem Wirtschaftsgrünland kaum noch anzutreffen. Von Neuansaaten bei hohem Tipulabesatz ist unter diesen Umständen abzuraten, da die jungen Keimpflanzen kurz nach dem Aufgang abgefressen würden. 

Möglichkeiten der Sanierung

Voraussetzung für Neuansaaten ist eine mäßige Befallsdichte (< 4 wgL/100m2) mit Feldmaus bzw. Tipula (<100 Larven/m2).
Wenn die Restvegetation noch etwa 30-50% Bodendeckung (Deutsches Weidelgras) aufweist kann die Narbe durch gezielte Nachsaaten erhalten werden. Der Einsatz von Schleppe und Striegel kann die Restpopulation der Mäuse stressen und dient auch der Verschüttung der Löcher. Der flache Einsatz (5 cm) einer Kreiselegge sollte dann erwogen werden, wenn auch durch mehrfaches Schleppen oder Striegeln keine ausreichende Verschüttung und Einebnung der Lochmuster erreicht werden kann. 
Bei offensichtlich hoher Feldmauspopulation und geringwertiger Restvegetation kann mit einer tieferen Bodenbearbeitung in (15-25 cm) die Infrastruktur und der Lebensraum der Nager zerstört werden. Bei wendender Bodenbearbeitung mit dem Pflug wird eine Mortalität von 80% berichtet! 
Auf Mineralböden mit guter Tragfähigkeit sowie bei günstiger Wetterlage kann eine nachfolgend einsetzende und mehrfach wiederholte flache Bodenbearbeitung im zeitlichen Abstand von einigen Tagen bis zu Wochen den Wiederaufbau der Feldmauspopulation vermeiden helfen und gleichzeitig Tipulalarven an die Oberfläche befördern, wo sie willkommene Nahrung für Vögel sind. 
Erst nach deutlicher Abnahme der Aktivitäten durch Feldmäuse und Tipula-Larven sollte eine Neuansaat mit geeigneten Grünlandmischungen und ggf. auch Deckfrüchten (Ammengräser) erfolgen. 
Auf Mineralstandorten können Futterengpässe nach Bodenbearbeitung sehr durch Beimengung von Einjährigem Weidelgras oder Ackergrasmischungen verringert werden. Es werden etwa bis 20% bzw. 6-8 kg Einjähriges Weidelgras je 30-40 kg Saatgut je Hektar empfohlen. Die Einjährigen können noch im Ansaatjahr binnen 6-8 Wochen zu einem ertragreichen ersten Schnitt heranwachsen, während die ausdauernden Weidelgräser der Grünlandmischungen zunächst kaum ertragswirksam werden, da sie vor dem Winter nicht in das generative Wachstum übergehen.
Auch die Aussaat mit 40%  einer von Ackergras dominierten Grasmischung (15 kg Standard A2, A3,) bei etwa 35-40 kg Aussaatmenge insgesamt kann Futterlücken schneller schließen als reine Grünlandmischungen. 
Dies birgt aber auch Risiken, denn die Einjährigen und auch sonstige Ackergrastypen werden sich auch in den Folgeschnitten deutlich im Grünlandbestand zeigen. Da sie lückige Bestände ergeben, sollten sie als Übergangslösung im Grünland betrachtet und durch geeignete Bewirtschaftungsmaßnahmen verdrängt werden. Die sicherste Methode dafür ist eine intensive Weidenutzung. Nachsaaten mit Deutschem Weidelgras unterstützen dies. 
Auf Moorstandorten ist eine Grünlanderneuerung mit tiefer Bodenbearbeitung im Frühjahr nicht ratsam. Flache Bodenbearbeitung ist vorzuziehen, um die Befahrbarkeit nicht zu sehr zu beeinträchtigen und den sensiblen organischen Boden vor starker Mineralisierung zu schützen. Auf eine flache Bodenbearbeitung mit der Fräse (10-12 cm) oder der Kreiselegge (5-8 cm) folgt die dünn bemessene Drillsaat eines Ammengrases wie etwa 50 kg Sommerhafer. Anschließend erfolgt ein weniger tiefes Eindrillen oder striegeln der Grünlandmischung und anschließendes Anwalzen, um den Bodenschluß der Grassamen zu optimieren. Eine leichte Kopfkalkung (100 kg CaO/ha) mit granuliertem Kalk begünstigt die Entwicklung der Ansaaten auf dem Moorboden. 
Ammengräser entwickeln sich bei ausreichender Bodenfeuchte sehr zügig und sollten entsprechend frühzeitig geerntet werden, um für die Etablierung der Grünlandmischung Platz zu schaffen. Dies ist auch vor dem Hintergrund der möglichen Aberkennung als Dauergrünlandfläche bei vollständiger Ausbildung der Ammenkultur zu berücksichtigen.
Nach gelungener Etablierung der Ansaaten sollten Sie unbedingt weiter die Flächen beobachten, um rechtzeitig einer erneuten  Ausbreitung der möglichen Restpopulation von Feldmäusen entgegenzuwirken. Der Einsatz von Legeflinten mit entsprechenden Giftködern ist frühzeitig schon bei den ersten bekannten aktiv belebten Nestern anzuraten (Sachkunde Pflanzenschutz ist erforderlich). Auch die Unterstützung natürlicher Feinde durch das Aufstellen von 2-3 Meter hohen Ansitzstangen für Greifvögel kann als flankierende Maßnahme hilfreich sein.  


Kontakt:
Gerd Lange
Berater Grünland und Naturschutzprogramme
Telefon: 04271 945-224
Telefax: 04271 945-222
E-Mail:
Meike Backes
Leiterin Fachbereich Grünland und Futterbau
Telefon: 0511 3665-4453
Telefax: 0511 3665-4508
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Stand: 23.03.2020