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Den Raps im Herbst bremsen? Wieviel Sicherheit wird benötigt?

Im Herbst stellen sich im Rapsanbau folgende Fragen: Wie intensiv soll der Raps eingekürzt werden? Wie stark wird die Winterfestigkeit gefordert? Mit welchen Frösten im nächsten Winter zu rechnen ist, ist natürlich nicht bekannt. Aus den Versuchen und Praxiserfahrungen lassen sich Erkenntnisse ableiten, die hier vorgestellt werden sollen.

 

Die heute im Anbau befindlichen Rapssorten verfügen in einem optimalen Entwicklungsstadium über eine relativ gute Winterfestigkeit. Als optimal mit guter Winterfestigkeit und hoher Regenerationskraft sind Pflanzen anzusprechen, die mit 8 – 12 Blättern in den Winter gehen, über eine tief reichende Pfahlwurzel mit großem Wurzelhalsdurchmesser verfügen und deren Sprossachse eng am Boden anliegt, sich also noch nicht gestreckt hat. Dabei sollten im Idealfall 30 - 45 Pflanzen pro m² vorhanden sein. Ende September sollte ein normal entwickelter Rapsbestand etwa 4 – 6 Laubblätter je Pflanze ausgebildet haben.

Besonders bei frühen Saatterminen, üppiger Stickstoffversorgung und bei hohen Bestandesdichten besteht die Gefahr, dass sich die Sprossachse bereits im Herbst abhebt. In dichten Beständen treiben sich die Pflanzen aus der Standraumkonkurrenz um Licht nach oben. Mit der Streckung des Stängels kommt der Vegetationskegel in eine deutlich exponiertere Lage und ist damit stärker durch Fröste gefährdet. Gerade zum Frühjahr hin, wenn sich der Raps langsam wieder auf Wachstum einstellt sind diese bereits gestreckten Pflanzen durch stärkere Wechselfröste gefährdet.

Um nun die Rapspflanzen insgesamt in einem weniger auswinterungsgefährdetem Stadium zu halten und die Toleranz gegenüber Frösten insgesamt zu erhöhen, können im Herbst Fungizide mit wachstumsregulierenden Effekten eingesetzt werden.

Im Sinne des Integrierten Pflanzenschutzes sollte aber auch schon im Vorfeld geprüft werden, wie dieses Ziel mit minimalem Pflanzenschutzeinsatz z.B. durch die Auswahl der richtigen Sorte und eines nicht zu frühen Bestelltermins erreicht werden kann. Aber auch bei den Sorten sind Unterschiede zu beobachten: So ist z.B. bei der Liniensorte Arabella, aber auch bei den Hybridsorten Attletick, Arazzo, und Avatar die Gefahr der Sprossstreckung vor Winter geringer, als bei eher wüchsigen Typen wie z.B. DK Exstorm, DK Expansion, Fencer, Hattrick, Alvaro KWS und Architect. Eine mittlere Position nehmen dabei die Sorten Bender, DK Exception, Penn und Trezzor ein.

Zur Wachstumsregulierung im Winterraps im Herbst ist eine breite Produktpalette zugelassen, Tabelle 1 zeigt den aktuellen Zulassungsstand. Die Präparate Carax und Toprex bewirken eine stärkere Wachstumsregulierung. Die genannten vollen Aufwandmengen sind in der Regel nicht notwendig und können in den meisten Fällen reduziert werden. Die Präparatewahl und gewählte Aufwandmenge richtet sich in erster Linie an den erwarteten Einkürzungsbedarf.

Grundsätzlich greifen die wachstumsregulierenden Fungizide in den Hormonhaushalt der Pflanzen ein und können damit auch eine Belastung für die Rapspflanzen darstellen. Besonders bei sehr kleinen Rapspflanzen können frühe Wachstumsreglereinsätze stark belasten, so dass eine optimale Herbstentwicklung dieser Pflanzen gefährdet sein könnte. Auch Rapsbestände, die unter Trockenstress leiden bzw. durch Herbizidmaßnahmen geschwächt sind, sollten nicht reguliert werden. Bei sehr ungleichen und dünnen Beständen ist daher der Wachstumsreglereinsatz erst dann zu empfehlen, wenn auch die kleineren Pflanzen mindestens drei, besser vier echte Laubblätter gebildet haben. Sind Rapsbestände aufgrund von ungünstigen Wachstumsbedingungen sehr schwach entwickelt, kann auf den Einsatz von wachstumsregulatorisch wirkenden Azolen ganz verzichtet werden. In schwachen Beständen könnten späte Anwendungen mit deutlich reduzierten Aufwandmengen noch die Verbesserung der Widerstandskraft gegenüber Frösten genutzt werden.

Auf der anderen Seite hat sich gezeigt, dass in vitalen Beständen gerade zu den früheren Terminen mit reduzierten Aufwandmengen hohe Wirkungsgrade erzielt werden können. Der optimale Anwendungstermin der Präparate liegt bereits ab dem Vier-Blattstadium des Rapses insbesondere dann, wenn eine frühe Saat wüchsiger Sorten bei hohem Stickstoffniveau eine zügige Entwicklung der Bestände erwarten lässt. Erreichen die Pflanzen in üppigen Beständen dieses Stadium bereits Anfang September, sollte gegen die Gefahr des Überwachsens ein Präparat mit starker einkürzender Wirkung wie z.B. Carax in reduzierter Aufwandmenge zur Anwendung gelangen.

Hält eine wüchsige Wetterlage im Herbst länger an, kann in sehr üppigen Beständen eine Folgebehandlung etwa in BBCH 18 erforderlich werden.

Im Allgemeinen wird der optimale Termin zur Wachstumsregulation (4 – 5 Blattstadium) in der 2. Monatshälfte September erreicht, so dass i.d.R. der einmalige Azoleinsatz mit 40 – 60 % der zugelassenen Aufwandmenge ausreichend ist. Verspätete Maßnahmen im 6 – 8 Blattstadium erfordern mindestens 75 % der zugelassenen Mittelaufwandmenge um vergleichbare Wirkung zu erzielen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2 Versuchsergebnisse

Die Zusammenfassung der Ergebnisse von vier Exaktversuchen zur Wachstumsregulierung in Winterraps 2017/18 der Standorte Hannover, Nienburg und Northeim führten zu keinen signifikanten Ertragsunterschieden (Abb. 2). Aber gerade die Einkürzung der wachstumsregulierenden Fungizide im Herbst wurde sehr deutlich. Am Standort Nienburg wurde die Wuchshöhe bonitiert am 21.11. von ca. 15 cm auf 7 cm reduziert. Eine signifikante Auswirkung auf den Ertrag konnte dabei nicht erzielt werden. Werden die Kosten mit einbezogen, ergaben sich gerade beim relativ schwach entwickelten Raps in Nienburg damit auch negative Erlösdifferenzen. Insgesamt ist die Ertragsleistung aller Präparate und auch der Spritzfolgen eher gering und bestätigt die langjährigen Ergebnisse der Bezirksstelle Nienburg (Abb. 3).

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 3 Hohes Kompensationsvermögen und geringe Ertragsleistung von Fungiziden

Versuchsreihen der Bezirksstelle Nienburg ermöglichen eine langfristige Beurteilung der Ertragswirkung des Azol-Einsatzes im Winterraps (Abb. 3).

In dem langen Untersuchungszeitraum 1998 bis 2018 mit unterschiedlichen Boden- und Witterungsbedingungen zeigte sich bei ausschließlicher Herbstanwendung auf der Grundlage von 29 Versuchen im Mittel eine überraschend geringe Ertragswirkung von nur 0,3 dt/ha. In dieser Versuchsserie wiesen 43 % der Varianten eine positive Direktkosten-freie Erlösdifferenz auf. Frühjahrsmaßnahmen waren im Mittel mit 0,6 dt/ha Mehrertrag geringfügig besser. Die Kombination aus Herbst- und Frühjahrsmaßnahmen zeigte bei einer Schwankungsbreite von -7 bis 8 dt/ha eine Ertragswirkung von durchschnittlich 0,7 dt/ha, wobei im untersuchten Zeitraum nur 27 % der Behandlungen wirtschaftlich waren.

Die langjährige Betrachtung verdeutlicht, dass die Herbstanwendung der wachstumsregulierenden Fungizide lediglich eine Risikoabsicherung durch Verbesserung der Winterfestigkeit darstellt. Die Anwendungen sind daher insbesondere dort sinnvoll, wo aufgrund einer üppigen Herbstentwicklung oder stärker frostgefährdeten Lagen eine erhöhte Gefahr von Auswinterungsschäden besteht.

 

 

 

Abb. 4 Wachstumsreglereinsatz zur Erhöhung der Winterfestigkeit im Herbst

Situation

Anwendung in BBCH:

14

16

18

verhaltener Wuchs, mäßige Herbstentwicklung

keine Anwendung nötig

früh aufgelaufene Bestände, zügige Entwicklung

Orius 0,6 - 0,7 l/ha
o. Folicur* 0,5 - 0,6 l/ha
o. Matador 0,6 - 0,7 l/ha
o. Tilmor 0,7 - 0,8 l/ha

 

sehr wüchsige Bedingungen, sehr üppige Herbstentwicklung

Carax 0,5 - 0,6 l/ha
o. Toprex 0,35 - 0,5 l/ha
o. Caramba 0,7 l/ha
o. Folicur* 0,7 l/ha

 

Carax 0,4 l/ha
o. Folicur* 0,5 l/ha

Carax 0,5 l/ha
o. Folicur* 0,7 l/ha

*besondere Gewässerabstandsforderung beachten

Phoma lingam

Die zur Wachstumsregulierung eingesetzten Fungizide besitzen auch eine Teilwirkung gegen Phoma. Der Erreger der Wurzelhals- und Stängelfäule muss insbesondere unter befallsfördernden Bedingungen wie anhaltend feucht - warmer Witterung im Herbst sowie milden Wintern und in engen Rapsfruchtfolgen beachtet werden. Mikrorisse im Bereich des Wurzelhalses verursacht durch Wind, Hochwasser und Frost können als Eintrittspforten für den Pilz dienen. Im Herbst ist der Pilz durch die schwarzen Sporenbehälter in den weißgrau verfärbten Flecken auf den Blättern zu sehen. Zu Schäden führt Phoma lingam erst, wenn es auch zu einem Befall am Stängel kommt. Hier kann der Erreger durch Vermorschungen den Nährstofftransport behindern und so die Kornausbildung deutlich beeinträchtigen. 

In der Vergangenheit war jedoch aus Versuchen keine Wirkung der Fungizidmaßnahmen auf diese Wurzelfäule abzuleiten. Eine Reduktion des Blattbefalles war in Jahren mit stärkerem Befall durchaus bonitierbar, es konnte jedoch kein Zusammenhang zwischen dem Blattbefall und dem stärker ertragswirksamen Stängelbefall nachgewiesen werden. Um Schäden durch Phoma lingam zu begrenzen sollte eine gesunde Fruchtfolge eingehalten werden. Auf der anderen Seite sind deutliche Effekte durch die Wahl einer Sorte mit hoher Toleranz gegenüber Phoma zu erzielen. Eine geringe Anfälligkeit gegenüber Phoma weisen z.B. die Sorten Treffer, Genie, Raptor, DK Exstorm und Flyer auf. Entsprechend der Einstufung zur Toleranz gegen Phoma zeigten anfälligere Sorten wie z. B. PR46W20, PR46W26, Marathon, Mercedes, PX104 und Frodo KWS häufig stärkere Schäden am Wurzelhals.

Durch die Auswahl einer gegenüber der Wurzelhals- und Stängelfäule toleranten Sorte ist das Befallsrisiko durch diese Krankheit deutlich zu begrenzen. Die Wirkungsgrade der Fungizidspritzungen sind dagegen sehr begrenzt. Phoma-Infektionen sind im Herbst über einen langen Zeitraum möglich, die Fungizide können dagegen nur einen sehr begrenzten Zeitraum wirken. Es ist zu erwarten, dass bei frühen Infektionen die Wahrscheinlichkeit, dass der Pilz bis zum Wurzelhals vordringt größer ist, als bei späteren Infektionen. Es kann aber selbst bei vollen Aufwandmengen der Präparate nur von einem schwachen Wirkungsgrad der Maßnahme ausgegangen werden, da nur geringe Wirkstoffmengen an den zu schützenden Wurzelhals gelangen. Weiterhin kann der mögliche Infektionstermin witterungsabhängig zwischen Ende September bis Ende November hinein liegen, d. h. er ist in vielen Fällen nicht deckungsgleich mit dem optimalen Termin zur Wuchsregulation. Der Erfolg der Fungizidmaßnahme hängt also davon ab, dass die Spritzung in der frühen Hauptinfektionszeit platziert wird, um überhaupt Effekte gegen den Schaderreger erwarten zu können. Die Fungizidmaßnahmen im Herbst sind daher im Schwerpunkt auf die Verbesserung der Winterfestigkeit ausgerichtet. Das Schadrisiko durch Phoma sollte dagegen über die Sortenwahl begrenzt werden.

Zusammenfassung:

  • Der Einsatz von Azolen im Herbst dient vornehmlich der Verhinderung des Überwachsens der Rapsbestände.
  • Frühe Bestelltermine erhöhen das Risiko des Schossens.
  • Frühe Behandlungstermine zum 4. Laubblattstadium des Rapses sind in gut entwickelten Beständen anzustreben.
  • In dünnen Beständen mit schwach entwickelten Einzelpflanzen kann auf wachstumsregulierende Fungizide ganz verzichtet werden.
  • Aktuelle Rapssorten verfügen über ein starkes Regenerations- und Kompensationsvermögen.
  • Die Auswahl von Rapssorten mit geringer Anfälligkeit gegenüber Wurzelhals- und Stängelfäule senkt das Befallsrisiko.

Die Trockenheit 2018 hinterlässt ihre Spuren! In vielen Teilen Niedersachsens konnte der Raps in diesem Jahr nur unter schwierigen Bedingungen bestellt werden. Fast immer war das Keimwasser knapp, so dass die Saat verzögert und ungleichmäßig aufläuft. Oft sind derzeit dünne Bestände zu sehen, nicht alle Samen sind hier zum Auflaufen gekommen. Besonders auf leichteren Böden ist die Saat oft zu tief abgelegt worden, was ebenfalls zu einem verminderten und verzögerten Feldaufgang geführt hat. In diesen Fällen sollte die Wachstumsregulierung im Herbst mit Bedacht erfolgen. Ist die Gefahr des Überwachsens auszuschließen, kann auf den Einsatz der Fungizide im Herbst verzichtet werden. Ist eine Anwendung zur Wachstumsregulierung gewünscht, sollte diese relativ spät ab dem 6. Blattstadium des Rapses erfolgen. Frühere Anwendungen können die Herbstentwicklung verzögern und sich damit negativ auf das Ertragspotential auswirken. Weiter sollten niedrig dosierte milde Produkte wie z.B. 0,5 l/ha Folicur oder 0,5 l/ha Orius verwendet werden.

 

Foto 1: Gut sichtbare Wirkung der Wachstumsregulierung im Herbst

    

Foto 2: Pflanzenverluste durch wachstumsregulierende Fungizide im Herbst 2017


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Lüder Cordes
Berater Pflanzenbau und Pflanzenschutz
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Manfred Kettel
Berater Pflanzenbau und Pflanzenschutz
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Stand: 21.09.2018