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Beizung von Getreide - kleine Menge, große Wirkung

Die Keimung und Entwicklung der jungen Getreidepflanzen kann von vielen verschiedenen samenbürtigen Krankheiten beeinträchtigt werden. Hier bietet die Saatgutbeizung einen sicheren und preisgünstigen Schutz, um mögliche Qualitätsminderungen und Ertragsverluste einzuschränken. Bei der Beizausstattung sollte auf eine für die Anbausituation geeignete Wirkungsbreite und gute Beizqualität gegeben sein.

Änderungen auf dem Beizmittelmarkt - neu in 2019

Zur Leistungsabsicherung werden neben den bewährten Wirkstoffen auch einige aus der Gruppe der Strobilurine und Carboxamide in die Liste der zugelassenen Beizmittel integriert. Anfängliche Entwicklungen von Produkten mit hohen Carboxamidanteilen, die zu deutlichen Wirkungen auf Blattkrankheiten führten, wurden aufgrund der Resistenzproblematik nicht weiterverfolgt. Die Carboxamidanteile wurden deshalb reduziert. Baytan 3, die erste zugelassene Carboxamidbeize, wurde vom Zulassungsinhaber bereits zum 31.08.2019 widerrufen, hat jedoch noch eine Aufbrauchfrist bis zum 28.02.2021.

Die carboxamidhaltige Universalbeize Vibrance Trio ist seit April 2019 in allen Getreidearten zugelassen. Ebenfalls im April 2019 erfolgte die Zulassung von Rubin plus mit dem Carboxamid Fluxapyroxad, bekannt aus dem Fungizid Adexar, in allen Getreidearten. Seit Herbst 2018 steht für die Bekämpfung der Schwarzbeinigkeit Latitude XL auch für Gerste zur Verfügung.

Die Tabellen 1 und 2 listen die aktuellen Getreidebeizen mit Kosten, Anwendungshinweisen und Wirkungsspektren auf.

Empfehlungen für 2019

Wintergerste

Wichtig in der Gerste ist eine sichere Erfassung von Flugbrand (Foto 1)

und Streifenkrankheit. Hierzu eignen sich die speziellen Gerstenbeizen wie Zardex G und Baytan 3, die auch über eine gute Wirkung gegen Streifenkrankheit verfügen. Desweiteren stehen die Universalbeizen Orius Universal, Landor CT, Rubin TT zur Verfügung, die auch eine Wirkung gegen Schneeschimmel haben. Die carboxamidhaltigen Beizen Baytan 3, Vibrance Trio und Rubin plus wirken darüberhinaus auch gegen die Typhulafäule. Baytan 3 verfügt auch über Nebenwirkungen gegen Frühbefall mit Mehltau sowie samenbürtigen Netzflecken und Rhynchosporium.

Weizen

Bei Winterweizen ist Wert auf eine ausreichende Wirkung gegen Steinbrand, Flugbrand, Fusarium und Septoria nodorum zu legen. Bei späteren Saatterminen ist außerdem der Schneeschimmel von Bedeutung. Beizen mit entsprechendem Wirkungsspektrum sind Rubin TT, Landor CT Arena C und Orius universal sowie Vibrance Trio. In Feldversuchen aus den Jahren 2015 und 2016 zeigten sich keine ertraglichen Unterschiede zwischen den Beizmitteln. Beim Celest fehlt die Flugbrandwirkung, daher sollte es keinesfalls in der Saatgutvermehrung eingesetzt werden.

Wurzelschutz im Weizen - was kann eine Zusatzbeizung?

Weiße Ähren und vorzeitige Abreife zur Erntezeit können auf einen Befall mit Schwarzbeinigkeit hindeuten. Die Schwarzbeinigkeit (Gaeumannomyces graminis) ist die bedeutendste Wurzelkrankheit im Getreide und kann in allen Getreidearten  vorkommen. Zu erkennen ist sie an schwarz verfärbten Wurzeln oder –abschnitten und einem reduzierten Wurzelwerk. Im Dürrejahr 2018 wurde durch Wurzelbefall auf Flächen mit schwacher Wasserführung der Trockenstress noch verstärkt. Von einer Zusatzbeizung mit Latitude bzw. Latitude XL, welches auch für Gerste zugelassen ist, kann grundsäzlich nur eine Teilwirkung erwartet werden. In den letzten Jahren wurden in unseren Versuchen Mehrerträge zwischen 2 und 5 % erzielt. Bei Zusatzkosten von ca. 30 € /dt Saatgut empfehlen wir daher den Einsatz nur auf Schlägen, die Ertragsminderungen durch starken Wurzelbefall erwarten lassen. Mit Latitude gebeiztes Saatgut darf nicht überlagert werden. Latitude muß selbstverständlich mit Standardbeizen kombiniert werden, da es ausschließlich gegen Schwarzbeinigkeit wirkt.

Weizensteinbrand – Achtung bei Fischgeruch!

Der Weizensteinbrand (Tilletia caries)  (Foto 2)

war bis zur Einführung und konsequenten Anwendung wirksamer chemischer Beizmittel die wichtigste Krankheit im Weizen. In den letzten Jahren tritt er auch wieder häufiger auf, insbesondere wo mehrjährig  ungebeiztes Nachbausaatgut verwendet wird, was besonders im Ökolandbau zutrifft. Nicht erkannter Befall kann über viele Jahre zu einem erheblichen Befallsausmaß führen. Die Partien können Probleme in der Vermarktung verursachen und sind auch in der Fütterung sehr kritisch zu sehen. Ab 0,1 Gewichtsprozent Sporen sollte nicht mehr verfüttert werden! Nimmt man im Bestand einen intensiven Geruch nach Heringslake wahr, deutet dies auf stärkeren Befall hin. Derart riechende Partien werden vom Handel nicht angenommen. Die Pflanzen sind im Wuchs verkürzt und von graugrüner Farbe, statt Körnern werden rundliche “Brandbutten“ ausgebildet. Millionen von Brandsporen sind in den „Brandbutten“ des Steinbrands enthalten, die bei der Ernte zerschlagen werden und Erntemaschinen, Stroh, Hofstellen, Getreidelager kontaminieren und auch auf der  Ackerfläche verbleiben. Über Jahre hinweg starker Befall kann auch zu bodenbürtigen Infektionen führen. Die Infektion erfolgt jedoch hauptsächlich über das Saatgut. Die anhaftenden Sporen keimen zeitgleich mit dem Saatgut. Optimal sind 6-10° C bis 14 Tage nach der Saat und Trockenheit. Hier bietet sich dem Erreger ein ausreichendes Zeitfenster zur Infektion. Ein hoher Wassergehalt im Boden kann dagegen die Sporenkeimung reduzieren. Alle im Weizen zugelassenen Beizmittel verfügen über hohe Wirkungsgrade gegen den Weizensteinbrand.

Der Zwergsteinbrand, Tilletia controversa, wird in verschiedenen Ländern, z.B. China, als Quarantäneschaderreger eingestuft. Die Ähren werden noch stärker eingekürzt als bei T.caries, eine Unterscheidung der Sporen von denen des Weizensteinbrandes ist jedoch nur unter dem Mikroskop möglich. Kühle Bedingungen und lange Perioden mit Schneebedeckung in Höhenlagen bieten dem Erreger gute Voraussetzungen. Die Bekämpfung von Zwergsteinbrand ist ausschließlich mit dem Präparat Landor CT möglich. Alle anderen Beizmittel haben keine Wirkung gegen Zwergsteinbrand. In der Saatgutanerkennung zulässig ist höchstens eine Ähre mit Zwergsteinbrand je 150 Quadratmeter.

Roggen und Triticale

In Triticale und Roggen sollte auf eine gute Wirksamkeit gegen Fusarium und Schneeschimmel gelegt werden. Im Roggen sind in manchen Regionen der Stängelbrand und im Triticale Septoria nodorum von Bedeutung.Gut wirksam sind die Präparate Arena C, Celest, Landor CT, Rubin TT und Orius universal.

Biologische und physikalische Alternativen – nicht nur für den Ökoanbau interessant

Viele Wirkstoffe werden in den nächsten Jahren die EU -Zulassung verlieren, darunter auch einige Beizmittelwirkstoffe. Daher sollte man rechtzeitig über Alternativen nachdenken.

Eine gute Möglichkeit bietet die elektronische Beizung, bei der die Erreger am Saatgut durch Elektronenbeschuss abgetötet wird, die Keimfähigkeit jedoch erhalten bleibt. Bodenbürtige Erreger werden nicht erfaßt, da die Wirkung auf den Beizvorgang beschränkt bleibt. Grafik 1 zeigt die Wirkung gegen Weizensteinbrand im Vergleich zu chemischen und biologischen Mitteln. Erste Ergebnisse eines Mittelvergleichs mit künstlicher Infektion zeigen auch Wirkungen gegen den Schneeschimmel (s. Grafik 3).

Die biologischen Beizen Tillecur und Cerall stellen eine weitere Möglichkeit der Steinbrandbekämfpung dar. Tillecur besteht hauptsächlich aus Gelbsenfmehl und kann feucht und trocken angebeizt werden,  wobei der Hersteller bei höherem Sporenbesatz eine feuchte Anbeizung empfiehlt. Cerall ist eine anwendungsfertige wasserbasierte Bakteriensuspension aus Pseudomonas chlororaphis - Stämmen, die an das Bodenleben im Wurzelraum angepaßt sind. Für Gerste und Dinkel ist Cedomon auf der Basis von Rapsöl gegen Streifenkrankheit, Netzflecken und Fusarium zugelassen, im Dinkel auch gegen  Steinbrand. Die beiden Präparate Cerall und Cedomon sind auch als zugelassene Pflanzenschutzmittel im konventionellen Anbau anwendbar.

Seit einigen Jahren führen wir im Pflanzenschutzamt der LWK Niedersachsen gezielte Versuche mit künstlicher Infektion durch, bei denen beide Präparate bei geringeren Sporendichten eine gute Wirkung gegen den Steinbrand zeigen. Bei hohen Sporendichten (3000 Sporen /Korn) kommt Cerall nicht an die Wirkung von Tillecur heran (Grafik 1).

Neben der Versuchsfrage „Wirkungsgrade von Beizmitteln und Verfahren“ wird auch der Einfluß des Ausgangsbefalls am Saatgut auf den späteren Befall untersucht. Hierbei zeigte sich, daß bereits geringer Sporenbesatz vereinzelten Befall im Bestand verursachen kann (s. Grafik 2)

Physikalische Verfahren wie Bürsten des Saatgutes oder thermische Anwendungen mit Heißwasser oder Dampf bieten weitere Alternativen zur chemischen Beizung. Die Heißwasserbeizung wird schon lange genutzt, ist jedoch wegen des hohen Energie- und Zeitaufwandes insbesondere für die Rücktrocknung nicht für große Chargen geeignet. Die Dampfsterilisation stellt eine Weiterentwicklung der Heißwasserbeize dar, bei der auch große Partien effektiv behandelt werden können. Die physikalischen Verfahren haben jedoch auch Schwächen, da die im Embryo sitzenden Erreger wie Flugbrand wegen der Erhaltung der Keimfähigkeit nicht bekämpft werden können. 

Pflanzenbauliche Maßnahmen gegen den Steinbrand

Grundsätzlich sollte nur kontrolliertes Z -Saatgut zur Aussaat kommen. Bei eigenem Nachbau ist eine Untersuchung zwingend angeraten. Die Untersuchung wird im Pflanzenschutzamt Hannover, Sachgebiet Mykologie angeboten. Bei einem Besatz von > 1 Spore bis 10 Sporen/Korn empfehlen wir eine Beizung, bei über 10 Sporen bis 300 sollte eine Beizung zwingend erfolgen, bei > 300 Sporen/Korn empfehlen wir keine Aussaat der betreffenden Partie.

Die Aussaat sollte nicht zu tief und nicht bei ausgeprägter Trockenheit erfolgen. Saatzeiten nach Mitte Oktober, wenn das Temperaturoptimum für den Pilz unterschritten wird, sind zu bevorzugen. In der Fruchtfolge sollte der Abstand zwischen zwei Wirtspflanzen mindestens 3 Jahre betragen. Wenig anfällige Sorten sollten genutzt werden, wie z.B. Tommi, Butaro oder Tambor.


Kontakt:
Petra Henze
Mykologie und abiotische Schadensursachen
Telefon: 0511 4005-2439
Telefax: 0511 4005-2120
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Stand: 03.09.2019