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Pilzbekämpfung in Wintergerste, Winterroggen und Wintertriticale

Fungizidmaßnahmen gezielt nach dem Infektionsgeschehen ausrichten

Nach zwei Jahren mit schwachem Befallsdruck deutet sich derzeit insbesondere in Wintergerste ein höherer Ausgangsbefall an Zwergrost, Netzflecken und Mehltau an. Dennoch beeinflusst erst die Witterung ab dem Beginn des Schossens maßgeblich den ertragsrelevanten Befallsdruck in den Getreidearten. Deshalb sollten ab diesem Termin regelmäßige Feldkontrollen als Grundlage für gezielte und wirtschaftlich sinnvolle Fungizidmaßnahmen erfolgen.

Grundlagen zum Fungizideinsatz

Resistenzentwicklung:

Während in Winterroggen und Wintertriticale die Erreger von Blattkrankheiten wie Gelbrost, Braunrost oder Rhynchosporium noch sicher zu bekämpfen sind, werden in Wintergerste deutliche Lücken bei der Kontrolle von Netzflecken und Ramularia sichtbar. Wirksame Fungizidwirkstoffe gegen Ramularia in Wintergerste, wie die Chlortalonil-haltigen Präparatkombinationen Amistar Opti und Zakeo Opti sind letztmalig bis 20.05.2020 einsetzbar. Versuchsergebnisse deuten darauf hin, dass der Wirkstoff Mefentrifluconazol im Revystar/Revytrex eine zumindest vergleichbare Wirkung wie Prothioconazol gegen Ramularia besitzt. Ebenso lässt die Sensitivität von Netzfleckenisolaten gegenüber Carboxamiden und Strobilurinwirkstoffen nach. Eine Kreuzresistenz zwischen diesen Wirkstoffgruppen ist derzeit nicht bekannt. Daher können sich Carboxamide und Strobilurine mit einer Langzeitwirkung gegenseitig gegenüber einer Resistenzbildung unterstützen. In der Gruppe der Strobilurine besitzt das Pyraclostrobin im Präparat Comet derzeit noch die sicherste Wirkung gegen Netzflecken. Zudem zeigt der Wirkstoff Cyprodinil im Kayak eine gute Wirksamkeit gegen diesen Schaderreger.

Zulassungsveränderungen:

Verschärfte Zulassungsbedingungen zeigen für die kommenden Jahre ihre Auswirkungen. So hat für eine Reihe von Präparaten (Tabelle 1) wie z.B. Capalo, Opus Top oder Matador 2019 die Zulassung geendet, so dass diese Mittel im Rahmen der Aufbrauchfrist in der Fungizidsaison 2020 zum letzten Mal eingesetzt werden dürfen. Gleiches gilt für Chlortalonil-haltige Präparate wie Amistar Opti oder Zakeo Opti. Zudem darf ab sofort in Wintergerste der Wirkstoff Prochloraz nicht mehr eingesetzt werden. Die Begründung liegt darin, dass die akute Referenzdosis in Rinderleber durch das Verfüttern von mit Prochloraz behandelter Gerste überschritten werden kann und folglich wurde der zulässige Rückstandshöchstgehalt auf die Bestimmungsgrenze von 0,03 mg/kg gesenkt. Dies betrifft die Präparate Mirage 50 EC, Eleando, Ampera und Kantik, nicht aber die Anwendung zugelassener Beizen. Die Zulassung in anderen Getreidearten ist hiervon nicht betroffen.

Neuzulassungen:

Für die Bekämpfung von Pilzkrankheiten in Wintergerste, Triticale und Winterroggen stehen zur Saison 2020 zwei neue Präparate zur Verfügung, die den Azolwirkstoff Mefentrifluconazol (Revysol) enthalten (Tab. 2).

Revystar: Enthält den Wirkstoff Mefentrifluconazol mit 100 g/l und wird im Pack mit Flexity vermarktet. Die maximale Aufwandmenge von Revystar beträgt 1,5 l. Der Gewässerabstand ist bei 75% Abdriftminderung auf 1 m zur Böschungsoberkante begrenzt. Revystar ist in Winterweizen, Wintergerste und Triticale zugelassen. Herausstechend war in bisherigen Versuchen die Wirkung gegen Septoria tritici in Winterweizen.

Als zweites Revysol-haltiges Präparat wurde Revytrex zugelassen, das zusätzlich den Carboxamidwirkstoff Xemium (bekannt aus dem Adexar) enthält. Die Zulassung besteht für die Kulturen Gerste, Weizen, Triticale und Roggen. Das Produkt hat einen günstigen Gewässerabstand von 1 m ab 75% Abdriftminderung. Die maximale Aufwandmenge beträgt 1,5 l/ha in Winterweizen und Wintergerste sowie 1,125 l/ha in Triticale und Roggen. Vor allem die Langzeitwirkung gegen Rostarten wird durch den Carboxamid-Anteil entscheidend verbessert. Revytrex wird im Pack mit Comet vermarktet.

Zur Saison 2020 steht mit Input triple ein weiteres Azolfungizid zur Verfügung. Es beinhaltet die Mehltauwirkstoffe Spiroxamine und Proquinazid sowie Prothioconazol. Im Vergleich zum Input Classic ist der Prothioconazolgehalt gleich, der Spiroxaminegehalt wurde jedoch reduziert, so dass ein Gewässerabstand von 1 m bei 90% Abdriftminderung zugelassen wurde.

Eine Auswahl der weiteren zugelassenen Präparate mit Einzelheiten zur Zulassung und Wirkung finden Sie in der anliegenden PDF-Tabelle.

 

Versuche im Gemeinschaftsprogramm der LWK:

Das geringe Befallsgeschehen im Trockenjahr 2019 kann im Fungizidversuch der LWK Niedersachsen, Standort Borwede (Abb. 1), abgelesen werden. Zwergrost war mit einer Befallsstärke von 20 % die wichtigste Krankheit, Mehltauinfektionen waren nur im frühen Bereich festzustellen. Trotzdem wurde durch den Fungizideinsatz in den behandelten Versuchsgliedern ein signifikanter Mehrertrag von mehr als 20% abgesichert. Unterschiede traten weder zwischen den Fungizidvarianten noch zwischen der Ein- oder Zweifachbehandlung auf.

Auf diesem Standort war 2019 eine Einfachmaßnahme in BBCH 39/49 mit Elatus Era Opti in der Bekämpfung als auch in der Ertragsleistung ausreichend.

In einem weiteren Versuch der LWK Niedersachsen an der Bezirksstelle Northeim (Abb. 2) wurde die Wirkung verschiedener Azolpräparate sowie Kontaktwirkstoffe, wie z.B. UPL Schwefel, im Vergleich zum Chlortalonil-haltigen „alten“ Standard geprüft. Zu bekämpfende Krankheiten waren Ramularia und Zwergrost, nachdem weitere Krankheiten durch vorangegangene Fungizidbehandlungen verhindert wurden. Gegen Ramularia und Zwergrost zeigte die Abschlußmaßnahme in BBCH 55 mit Amistar Opti den höchsten Wirkungsgrad. Das neu zugelassene Revystar war in der Wirkung auf Ramularia dem Proline leicht überlegen. Das Kontaktmittel UPL Schwefel war in der Ramularia-Wirkung ebenfalls positiv. Die Kombinationen aus Revystar oder Proline mit Schwefelprodukten waren in der Wirkung und im Ertrag den Soloanwendungen überlegen.

 

2. Empfehlungen

Wintergerste

Einfachfungizidmaßnahme:

Die einmalige Anwendung von Fungiziden in der Vegetationsperiode ist in Wintergerste für die Bestände geeignet, auf denen sowohl ein verzögertes Auftreten an Blattkrankheiten, als auch der Anbau blattgesunder Sorten wie z.B. Toreroo, KWS Keeper oder LG Veronika grundsätzlich die Schadenswahrscheinlichkeit senkt. Bei der Strategie Einfachmaßnahme muss die Spritzung in der Regel ca. 1 Woche früher als die Abschlussmaßnahme in einer Spritzfolge erfolgen. Dadurch besteht grundsätzlich die Gefahr, auftretende Infektionen mit Ramularia nicht mehr sicher zu erfassen. Aus diesem Grund sollte die Aufwandmenge der eingesetzten Präparate, die zwischen BBCH 39 (Fahnenblattstadium) und BBCH 49 (Grannenspitzen) eingesetzt werden, höher sein als in der Spritzfolge. Geeignete Präparatekombinationen wären die Chlortalonil-haltigen Kombinationen Ascra Xpro Opti, Elatus Era + Amistar Opti, Gigant + Zakeo Opti. Bei stärkeren Netzfleckeninfektionen könnte auch das Cyprodinil-haltige Bontima + Zakeo Opti mit voller Aufwandmenge appliziert werden.

Zweifachfungizidmaßnahmen:

Tritt höherer Ausgangsbefall an Blattkrankheiten bereits im Schossen auf, ist eine Zweifachspritzfolge sicherer. Beim ersten Termin bieten sich Präparate wie Capalo, Input Triple oder auch Revystar + Flexity an, die bei Bedarf mit Wachstumsreglern kombiniert werden können. Bei vorrangigem und stärkerem Netzfleckenbefall kann auch das bereits beschriebene Cyprodinil-haltige Kayak zum Einsatz kommen. Häufig tritt gleichzeitig Zwergrost auf, so dass eine Tankmischung aus Kayak (1,2 l/ha) und einem Azol wie Orius (0,8 l/ha) oder auch Rubric (0,6 l/ha) hinzugefügt werden sollte.

Eine zweite Fungizidmaßnahme ab dem Ährenschieben muss gegen späte Infektionen insbesondere gegenüber Ramularia Sicherheit bringen. Hier bieten sich Ramularia-wirksame Kombinationsprodukte aus Amistar Opti/Zakeo Opti plus Elatus Era, Ascra Xpro, Gigant oder  Revytrex an. Macht das Befallsgeschehen statt Ramularia eine stärkere Kontrolle gegen Netzflecken in der Abschlußmaßnahme notwendig, ist eine Carboxamid- und Chlortalonil-freie Tankmischung aus Kayak (1,5 l/ha) + Comet (0,5 l/ha) möglich. Die Fungizidspritzfolge ermöglicht es, die Abschlußbehandlung bis ins Ährenschieben hinauszuzögern. Zu diesem Einsatztermin werden neben den oberen Blättern auch die wesentlich an der Ertragsbildung beteiligten Grannen und Spelzen der Ähren direkt benetzt.

Winterroggen

Stärkerer Befall mit Braunrost trat im Winterroggen in 2018 und 2019 erst nach dem Ährenschieben auf. Das aktuelle Sortenspektrum in Winterroggen besitzt zudem eine Reihe von Sorten mit verbesserter Festigkeit gegenüber Braunrost. Hierzu gehören die Sorten KWS Serafino, SU Composit und KWS Binntto. Eher anfällig gegen Braunrost ist z.B. die Sorte SU Cossani.

Zeigen Feldkontrollen zu Beginn des Schossens (BBCH 31/32) zunehmenden Braunrostbefall an, sollte ein Fungizideinsatz mit rostwirksamen Mitteln wie Ampera (1,0 l/ha), Capalo (1,3 l/ha) oder Osiris mit 1,5 l/ha durchgeführt werden. Dort, wo aufgrund sehr früher Aussaattermine Infektionen mit Halmbruch und Mehltau zu berücksichtigen sind, besitzen Präparate wie Input Triple (1,0 – 1,2 l/ha), Kantik (1,5 l/ha) oder Capalo (1,5 l/ha) in höherer Aufwandmenge Wirkungen gegen diese Krankheiten. Den höchsten Wirkungsgrad gegen Halmbruch besitzt jedoch das Mittel Unix. Entscheidend für die Vermeidung eines hohen Halmbruchrisikos sind allerdings spätere Aussaattermine. Tritt zu Beginn des Schossens Mehltau auf, kann den Azolfungiziden wie Epoxion oder Osiris die Spezialmittel Vegas oder Corbel hinzugegeben werden. Mittel wie Capalo oder Kantik besitzen neben der Rost- auch eine deutliche Mehltauwirkung.

Im Roggen stellt die Abschlußmaßnahme ab BBCH 51 (Abb.5) über Jahre hinweg die wichtigste Fungizidmaßnahme hinsichtlich der Ertragswirkung dar. Bei der Präparateauswahl ist zu beachten, dass eine lang anhaltende Wirkung auf Braunrost gefordert ist. Dies kann über Fungizide sichergestellt werden, die Wirkstoffe aus der Gruppe der Carboxamide und Strobilurine enthalten. Hierzu gehören Mittel wie Elatus Era (0,8 l/ha), Priaxor + Osiris (1,0 + 1,0 l/ha) oder auch die Carboxamid-freien Tankmischungen aus Fandango oder Torero + Folicur (0,7 + 0,7 l/ha). Nur bei sehr spät auftretendem Braunrostbefall ab der Roggenblüte können reine Azol-Präparate wie Osiris (1,5 – 1,8 l/ha), Orius (1,2 l/ha) oder auch Rubric (0,6 – 0,8 l/ha) eingesetzt werden. Diese Präparate dürfen bis BBCH 69 eingesetzt werden.

 

Wintertriticale

Mehltau, Gelbrost und Braunrost sind die wichtigsten Blattkrankheiten, die in Triticale zur Ertragsabsicherung zu kontrollieren sind. Bei geringem Ausgangsbefall im Frühjahr in spät gesäter Triticale nach Mais oder in blattgesunden Sorten reduzieren sich die Fungizidmaßnahmen auf eine Einfachmaßnahme auf den vollständig geschobenen Blattapparat. Hier bieten sich roststarke Kombinationen mit Dauerwirkung wie Elatus Era + Sympara, Ascra Xpro, Revytrex oder auch Gigant an. Diese Mittel können auch in Spritzfolgen als zweite Maßnahme zum Ährenschieben zum Einsatz kommen (Abb. 6). Ein frühzeitiger Befall durch Gelbrost und/ oder Mehltau im Schossen lässt sich mit Azolen wie Ampera, Capalo, Input Triple oder Revystar plus Flexity in reduzierter Aufwandmenge kontrollieren.

Deutliche Effekte auf den Halmbrucherreger lassen sich allerdings nur mit höheren Aufwandmengen erzielen.

Beim Anbau von Triticale nach Mais in Mulchsaatbestellung kann die Situation auftreten, den Bestand gegen Ährenfusariosen absichern zu müssen. Eine entsprechende Zulassung gegen diesen Schaderreger besitzen in Triticale die Fungizide Input Classic mit 1,25 l/ha als auch Osiris mit 2,5 – 3,0 l/ha. Bedenken Sie, dass Fungizideinsätze gegen Ährenfusariosen begrenzte Wirkungsgrade von 50 bis 70 % erzielen. Sinnvoller sind vorbeugende pflanzenbauliche Maßnahmen im Rahmen des Integrierten Pflanzenschutzes wie das Zerkleinern von Maisstoppeln mit anschließender Pflugfurche oder auch der Anbau toleranter Sorten. Durch die Auswahl resistenter Sorten kann die Reduktion des DON-Gehaltes im Erntegut deutlich beeinflusst werden. Triticalesorten mit guter Festigkeit gegen Ährenfusariosen sind z.B. Cedrico, Temuco oder Tantris.

Zusammenfassung:

  • Die Wirkstoffpalette der Fungizide verkleinert sich, nur wenig kommt hinzu (Revysol).
  • Resistenzentwicklungen bei Netzflecken und Ramularia in Wintergerste beschränken eine erfolgreiche Bekämpfung.
  • Die Gesunderhaltung der oberen Blätter und der Ähre ist der Schwerpunkt des Fungizideinsatzes im Getreide.
  • Regelmäßige Feldkontrollen ab dem Schossen sichern einen gezielten und wirtschaftlichen Fungizideinsatz.

Kontakt:
Dr. Joachim Wendt
Leiter Fachgruppe Pflanze
Telefon: 05021 9740-131
Telefax: 05021 9740-138
E-Mail:
Dirk Mußmann
Berater Pflanzenbau und Pflanzenschutz
Telefon: 05021 9740-133
Telefax: 05021 9740-138
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Stand: 02.04.2020