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Saatgutbeizung - der erste Schritt zum sicheren Getreideertrag

Flugbrand, Steinbrand, Streifenkrankheit und weitere samenbürtige Krankheiten beeinflussen den Pflanzenaufgang negativ und können lückige Bestände, Mindererträge, aber auch Qualitätseinbußen hervorrufen. Diese wichtigen samen- und bodenbürtige Schaderreger können schon bei der Aussaat durch eine Saatgutbeizung effektiv, gezielt, kostengünstig und umweltschonend mit geringen Wirkstoffmengen bekämpft werden.

Empfehlungen für den Herbst 2020 - was ist neu?

In den letzten Jahren werden neben bewährten Wirkstoffen auch Wirkstoffe aus der Gruppe der Strobilurine und Carboxamide zusätzlich in die Beizmittel integriert, um die Leistungsfähigkeit abzusichern. Diese Wirkstoffe besitzen eine andauernde und breite Wirksamkeit (s. Tab. 1 und 2 pdf-Anhänge). Beispiele für diese Beizen sind Vibrance trio, Rubin plus und Baytan 3. Baytan 3 steht durch den Widerruf seines Wirkstoffes Triadimenol nur noch für die kommende Gerstenaussaat 2020 zur Verfügung. Die Aufbrauchfrist endet am 28.02.21. Die Gerstenbeize Zardex G wird nicht mehr produziert; Restmengen im Markt müssen bis zum Zulassungsende am 31.12.2021 aufgebraucht werden. Das neu zugelassene Difend extra weist als einzige Beize neben Landor CT eine Zwergsteinbrandwirkung aus.

Neue Anwendungsbestimmungen – zunehmend strengere Auflagen

Vibrance trio und Rubin plus dürfen ab Januar 2021 nur noch in „professionellen Beizanlagen“ angebeizt werden. Die zu Grunde liegenden Bestimmungen NT 699 und NT 715 beschränken die Anwendung auf Saatgutbehandlungseinrichtungen mit geprüftem Qualitäts-sicherungssystem. Dadurch soll sowohl die Beizqualität gesichert als auch der Abrieb begrenzt werden. Eine Listung als professionelle Saatgutbehandlungseinrichtung kann aktuell entweder über eine Zertifizierung nach SeedGuard oder direkt über eine Prüfung des JKI erreicht werden. Außerdem müssen ab dem 31.12.2020 alle Beizgeräte in Deutschland amtlich kontrolliert sein.

Die sogenannte „Windauflage“ NH 681, nach der gebeiztes Saatgut nur bei Wind-geschwindigkeiten von weniger als 5m/sec ausgebracht werden darf, gilt bei den Getreidebeizen derzeit nur für Latitude XL.

Beizung in den einzelnen Kulturen Wintergerste

Seit 2019 erreichen uns immer wieder Meldungen zum Flugbrandbefall in Gerstenbeständen, die jedoch nicht auf einzelne Beizmittel zurückgeführt werden konnten. Offensichtlich spielen hier trockene Bedingungen bei der Aussaat eine Rolle für den unzureichenden Schutz des Saatgutes. In der Gerste sollte der Flugbrand (Foto 1) ebenso wie die Streifenkrankheit  sicher bekämpft werden.

Die Gerstenbeizen Baytan 3 und Zardex G werden nur noch kurzfristig verfügbar sein (s.o.). Für Gerste stehen auch die Beizen EfA, Landor CT, Rubin plus, Rubin TT, Orius Universal und Vibrance Trio zur Verfügung, die alle gegen Flugbrand und Streifenkrankheit zugelassen sind. Mit Rubin plus kann auch die Typhulafäule bekämpft werden. Typhula stellt häufig ein Problem auf schwächeren Böden, Grenzstandorten und Tonböden dar.

Beizmittel für Roggen und Triticale

In Roggen und Triticale sollte auf eine sichere Wirkung gegen Fusarien und Schneeschimmel (Microdochium nivale) geachtet werden. Desweiteren sind Septoria nodorum in Triticale sowie Stängelbrand in Roggen von Bedeutung. Eine gute Wirkung haben die Präparate Landor CT, Rubin TT, Rubin plus, Arena C, Celest und Orius Universal. Difend extra hat auch in Triticale eine Zulassung gegen Zwergsteinbrand.

Winterweizen

Bei Winterweizen ist insbesondere Wert auf eine ausreichende Wirkung gegen Steinbrand, aber auch Flugbrand und Fusarienarten zu legen. Schneeschimmel ist vor allem bei späteren Saatterminen von Bedeutung.

Beizen mit entsprechendem Wirkungsspektrum sind  EfA, Landor CT, Rubin TT, Rubin plus, Orius Universal und auch Arena C sowie das neue Vibrance Trio. Diese decken das Erregerspektrum vollständig ab. Versuche unseres Hauses mit künstlicher Infektion zeigten sehr gute Wirkungsgrade bei Vibrance trio und Rubin plus gegen Schneeschimmel und Fusarium culmorum (s. Grafik 2 pdf-Anhang).

Celest sollte im Rahmen der Saatgutvermehrung nicht zum Einsatz kommen, da  die Wirkung gegen Flugbrand fehlt.

Steinbrand - Vorsicht bei Fischgeruch!

Der Weizensteinbrand Tilletia caries (Foto 3) tritt in den letzten Jahren wieder häufiger auf, insbesondere dort, wo mehrjährig eigenes ungebeiztes Saatgut verwendet wird. Das trifft besonders im Ökolandbau zu. Nicht erkannter Befall im Nachbausaatgut kann über Jahre zu einem erheblichen Krankheitsausmaß führen. Befallene Partien ziehen Vermarktungs-probleme nach sich und sind auch in der Fütterung mit gewissem Risiko zu sehen.

Statt Körnern werden in den Ähren „Brandbutten“ ausgebildet, die eine schwarze Masse aus 4-5 Millionen Brandsporen enthalten und stark nach Fisch riechen. Erkrankte Pflanzen fallen im Bestand kaum auf. Sie sind etwas im Wuchs verkürzt und von graugrüner Farbe (Foto 2).  Wahrnehmbarer Fischgeruch deutet auf stärkeren Befall hin. Wenn die Brandbutten  bei der Ernte zerschlagen werden, kontaminieren enorme Sporenmengen Erntemaschinen, Stroh, Lager und Hofstellen sowie Ackerflächen. Bei stark befallenen Beständen können nach der Ernte überdauernde Sporen in den Folgejahren zu bodenbürtiger Infektion führen. Hauptsächlich erfolgt die Infektion jedoch über das Saatgut. Daher ist insbesondere bei Nachbau eine Saatgutuntersuchung auf Sporenbesatz unbedingt anzuraten. Ab einem Besatz von 300 Sporen pro Korn raten wir von einer Aussaat ab. 

Der Zwergsteinbrand (Tilletia controversa) tritt vorwiegend in kühl-feuchten Höhenlagen auf. Die Infektion findet im Gegensatz zu Tilletia caries hauptsächlich über den Boden statt. Die jungen Pflanzen werden früh von den an der Bodenoberfläche keimenden Sporen befallen. Die Einkürzung der Halme fällt stärker aus als bei T.caries. Eine sichere Unterscheidung zwischen den beiden Arten ist allerdings nur anhand der Sporenform unter dem Mikroskop möglich. 

Alle im Weizen zugelassenen Beizmittel verfügen über hohe Steinbrandwirkungsgrade gegen Tilletia caries. Der Zwergsteinbrand Tilletia controversa, kann ausschließlich mit Landor CT und mit Difend extra bekämpft werden.

Alternative Beizmittel und Verfahren – interessant nicht nur im ökologischen Anbau

Elektronische Saatgutbehandlung

Die Elektronenbeizung ist ein physikalisches Verfahren, bei dem die Krankheitserreger am Saatgut mittels Elektronenbeschuß abgetötet werden, die Keimfähigkeit jedoch erhalten bleibt. Da die Wirkung auf den Beizvorgang beschränkt bleibt, werden bodenbürtige Erreger nicht erfaßt, Flugbrand kann ebenfalls nicht bekämpft werden, da der Erreger tief im Embryo sitzt und dieser beim Elektronenbeschuß zerstört werden würde.

Biologische Saatgutbeizen

Mittlerweile haben mit Cerall und Cedomon zwei biologische Beizen eine Pflanzenschutzmittelzulassung. Cerall ist eine wasserbasierte anwendungsfertige Bakteriensuspension aus Pseudomonas chlororaphis-Stämmen, die an das Bodenleben im Wurzelraum angepaßt sind. Die biologische Beize ist in Weizen gegen Steinbrand, Fusarium culmorum und Septoria nodorum, in Roggen und Triticale gegen Fusarium culmorum zugelassen.

Für Gerste und Dinkel gibt es mit Cedomon ein auf Rapsöl basierendes Pseudomonas-Präparat, das gegen Streifenkrankheit, Netzflecken und Fusarium sowie im Dinkel gegen Steinbrand zugelassen ist.

im ökologischen Landbau kann Steinbrand mit den Präparaten Cerall und Tillecur bekämpft werden. Das Pflanzenstärkungsmittel Tillecur (ca. 13,00 €/dt Saatgut) besteht vorwiegend aus Gelbsenfmehl und kann trocken oder feucht angewendet werden.

Aufgrund der großen Bedeutung von Steinbrandbefall führen wir seit 2013  Feldversuche zur Bekämpfung der Krankheit mit künstlicher Infektion (T. caries) durch.

Die Grafik 1 (pdf-Anhang) zeigt den Bekämpfungserfolg verschiedener Präparate in den Jahren 2013, 2016-2018 anhand der Anzahl kranker Ähren pro Parzelle. Beide biologischen Produkte zeigten gute Wirkungen gegen den Steinbrand, wobei die Wirkungsgrade bei Tillecur deutlich höher lagen als bei Cerall und das Niveau der chemischen Vergleichsmittel erreichten. Auch die Elektronenbeizung zeigt gegen den Steinbrand eine gute Wirkung.

Wurzelschutz im Weizen – was bringt eine Zusatzbeizung

Eine direkte Bekämpfung der Schwarzbeinigkeit ist nur mit der Spezialbeize Latitude möglich, die bisher nur für Weizen und Triticale zugelassen war. Mit dem neuen Latitude XL kann der Wirkstoff gegen Schwarzbeinigkeit auch in Gerste genutzt werden. Latitude muß in Kombination mit Standardbeizen gefahren werden, da es nur gegen Schwarzbeinigkeit wirkt. Als Mischpartner sollten Beizen mit Steinbrand- und Schneeschimmelwirkung sowie in Vermehrungsbetrieben auch mit Flugbrandwirkung gewählt werden. Die Zusatzkosten der Latitude-Beizung sind mit knapp 30 €/dt Saatgut erheblich. Ein Einsatz ist deshalb nur für Schläge sinnvoll investiert, auf denen eine entsprechende Ertragsminderung durch starken Befall der Wurzeln mit Schwarzbeinigkeit zu erwarten ist. Dieses ist vor allem bei frühen Aussaaten und engen Getreidefruchtfolgen der Fall. In Wurzelschutzversuchen der LWK Niedersachsen wurden im Weizen Mehrerträge zwischen 2 und 5 % gegenüber einer Standardbeize erreicht.

Insektizidbeizen gegen Brachfliege, Blattläuse, Zikaden als Virusvektoren und zur Abwehr von Krähen sind in Deutschland derzeit nicht zugelassen.


Kontakt:
Petra Henze
Mykologie und abiotische Schadensursachen
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Stand: 06.08.2020