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Im Herbst die "Füße" des Winterrapses gesund und stabil halten

Über Stellschrauben, den Rapsanbau wirtschaftlich zu gestalten. Im Rahmen des Integrierten Pflanzenschutzes stehen dem Rapsanbauer zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, einen guten Ertrag zu erzielen und dabei die Anbaukosten im Griff zu behalten.

 

Extreme Witterungskalamitäten, Schädlingsresistenzen, niedrige Erträge und geringe Erlöse führten 2018/19 deutschlandweit zu einer Reduzierung des Rapsanbaus um fast ein Drittel. Doch Liebhaber dieser Kultur lassen sich nicht so schnell entmutigen und wissen ihre Vorzüglichkeit innerhalb der Fruchtfolge zu schätzen.

Auch wenn Witterung und Weltmarktpreise vom einzelnen Landwirt kaum beeinflusst werden können, gibt es Stellschrauben, den Rapsanbau wirtschaftlich zu gestalten. Im Rahmen des Integrierten Pflanzenschutzes stehen dem Rapsanbauer zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, einen guten Ertrag zu erzielen und dabei die Anbaukosten im Griff zu behalten.

Die „preiswerteste“ Pflanzenschutzmaßnahme im Anbau landwirtschaftlicher Kulturen ist immer die Sortenwahl. Ohne ein Cent mehr zu bezahlen, entscheidet der Landwirt beim Saatguteinkauf darüber, ob er sich eine ertragsstarke, gesunde Sorte mit hoher Winter- und Standfestigkeit auf den „Acker stellt“ oder eher eine mit Schwächen in den genannten Parametern.

Das aktuelle „Repertoire“ der Landessortenversuche (LSV) der Landwirtschaftskammer Niedersachsen 2018/19 bietet der landwirtschaftlichen Praxis für den Anbau 2019/20 Rapssorten mit hohem Ertragspotential und guten Resistenzeigenschaften gegenüber Pilzkrankheiten wie der Wurzelhals- und Stängelfäule (Phoma lingam) an. Zu nennen wären hier beispielhaft die Sorten: DK Exception, Bender oder Alvaro KWS (u.a.) mit ausgeprägter Phoma-Resistenz. Eine Übersicht mit detaillierter Bewertung geprüfter Sorten hinsichtlich Phoma-Resistenz und Winterfestigkeit gibt Tabelle 1.

Die Ertragsrelevanz dieser Krankheit ist schwer zu quantifizieren. Der Herbstbefall gilt als gefährlicher, da durch frühzeitige Wurzelhalsvermorschungen befallene Pflanzen absterben können. Das kann Einzelpflanzen betreffen, aber auch komplette Schläge. Infektionsfördernd für diese Krankheit sind feuchtwarme Witterungsverhältnisse im Herbst in engen Rapsfruchtfolgen. Der Pilz überdauert mehrere Jahre im Boden an befallenem Rapsstroh, vor allem an Resten des Wurzelhalses, die sich besonders langsam zersetzen. Angewehte Askosporen und mit Spritzwasser verteilte Pyknosporen können im Herbst erste Infektionsstellen verursachen. Auf diesen weiß-gräulichen Blattflecken bilden sich dann die schwarzen Pyknidien, aus denen erneut Sporen in großer Zahl entlassen werden. Die Blattflecken selber beeinflussen das Rapswachstum nur wenig. Jedoch kann der Pilz das Pflanzengewebe am Wurzelhals (insbesondere bei Frühinfektionen) befallen, dort die Leitungsbahnen abschnüren und somit die Wasser- und Nährstoffversorgung der Pflanze zum Erliegen bringen.

Da Phoma-Infektionen des Rapses im Herbst vom Auflauf bis zum Wintereintritt möglich sind, ist der Anbau einer Phoma-resistenten Sorte die effektivste Maßnahme gegen diesen Schaderreger. Es gibt noch keinen optimalen Behandlungstermin für zugelassene Fungizide gegen diese Krankheit. Steht aufgrund infektionsfördernder Witterungsverhältnisse und vorhandener Sortenanfälligkeit bei der Herbstanwendung von Fungiziden die Bekämpfung von Phoma lingam im Vordergrund, sollten Fungizide mit hohem Azolanteil gewählt und mit voller Aufwandmenge in die Hauptinfektionszeit appliziert werden.

Der im Rapsanbau zumeist praktizierte Applikationstermin von Fungiziden im 4-6-Blattstadium dient vor allem der Wuchsregulierung des Bestandes. Das Abheben des Vegetationskegels beim Raps im Herbst, das schlussendlich zu einer drastisch reduzierten Winterfestigkeit der Pflanzen führen würde, gilt es zu vermeiden.

Jedoch zeigen langjährig durchgeführte Versuche der Landwirtschaftskammer Niedersachsen immer wieder, dass die Anwendung von Fungiziden im Herbst selten von Wirtschaftlichkeit getragen ist. Im Mittel der vergangenen Jahre (2011 – 2019) liegen die wirtschaftlichen Mehrerträge bei ca.1,0 dt/ha. Mitunter wurden auch Mindererträge (zumeist unter Stressbedingungen bzw. auf ertragsschwachen Standorten) „produziert“.

Das bestätigen auch die aktuellen Versuchsergebnisse aus dem Jahr 2018/19 (Abb. 1), wo der Einsatz von Wachstumsreglern auf sechs Standorten miteinander verglichen worden ist: Einmalbehandlung im Frühjahr bzw. Herbst, Doppelanwendung Frühjahr und Herbst sowie Splitting im Herbst plus Frühjahrseinsatz. Keine der geprüften Varianten hatte einen wirtschaftlichen Mehrertrag im Ergebnis. In fünf von sechs Fungizidvarianten wurde sogar im Vergleich zur unbehandelten Kontrolle Ertrag „weggespritzt“.

Der Anbauer muss sich also auch an dieser Stelle fragen, welche Möglichkeiten ihm präventiv im Rahmen der Herbstaussaat (außerhalb des chemischen Pflanzenschutzes) zur Verfügung stehen, um ein „Überwachsen“ des Bestandes vor Vegetationsende zu verhindern und gleichzeitig die Winter- und Standfestigkeit zu fördern.

Aussaattermin und Aussaatstärke spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Erklärtes Ziel ist es, dass die Einzelpflanze vor Winterbeginn 8 – 10 Laubblätter, eine Pfahlwurzel von 15 – 20 cm Länge mit einem Wurzelhalsdurchmesser von Ø 8 – 10 mm ausbildet. Aussaattermin und Aussaatstärke müssen daraufhin abgestimmt werden.

In norddeutschen Regionen hat sich über die Jahre ein Aussaattermin ab dem 20. August bis ca. 10. September herauskristallisiert und bewährt. Frühere Aussaaten, bereits Anfang August, bergen das Risiko, bei einem sich anschließenden langen und warmen Herbst, dass sich die Pflanzen vor Vegetationsende zu strecken beginnen.

Im Gegensatz dazu kann auch bei verspäteter Aussaat (Mitte / Ende September) das anvisierte Bestandsziel möglicherweise nicht mehr erreicht werden. Ein frühzeitiger Wintereinbruch könnte abrupt das Wachstum beenden und die Pflanzen zu klein und schwach mit einem sehr hohen Auswinterungsrisiko in die kalte Jahreszeit schicken.

Ausgleichend kommt hier auch die Sortenwahl ins Spiel. Bei einem (witterungsbedingten) Spätsaattermin sollte bewusst eine Hybridsorte gewählt werden, da Hybrid-Rapssorten sich im Vergleich zu Liniensorten durch eine höhere Triebkraft und Schnellwüchsigkeit auszeichnen.

Gerade in sehr dichten Beständen, wo die Pflanzen um Wasser, Nährstoffe und Licht miteinander stark konkurrieren, ist die Neigung zur Streckung sehr hoch. Deshalb sollte von vornherein die Aussaatstärke in Abhängigkeit von der Sorte, der Nährstoffversorgung des Standortes und dem Aussaattermin (optimal zwischen 35 und 45 keimfähigen Körnern / m2) gewählt werden. Je früher gesät wird, umso niedriger ist die Aussaatstärke zu wählen, je später – umso höher. Anhaltspunkte dazu gibt Tabelle 2 „Empfehlungen zum Aussaattermin und zur Aussaatstärke von Winterraps“.

Pflanzenschutz die Möglichkeit regulierend einzuschreiten. Die in Tabelle 3 dargestellte Auswahl von zugelassenen Wachstumsregulatoren und Fungiziden für die Herbstanwendung im Winterrapsanbau 2019 lässt wenig Neuerungen erkennen. Alte, bekannte Wirkstoffe (wie z.B. Tebuconazol oder Metconazol) werden von verschiedensten Firmen unter neuen Handelsnamen vermarktet. So findet man zum Beispiel das Tebuconazol nicht nur im Folicur, sondern auch in weiteren 16 aktuell in Deutschland für den Winterrapsanbau zugelassenen Pflanzenschutzmitteln (Stand 12.08.2019) wieder. Trotz gleichen Wirkstoffes können die Zulassungen der einzelnen Pflanzenschutzmittel unterschiedliche Aufwandmengen, Anwendungstermine und Auflagen beinhalten.

In Tabelle 4 sind verschiedene Strategien zur Wuchsregulierung dargestellt. Am stärksten einkürzend wirken die Mittel Carax (0,6 – 0,75 l/ha) und Toprex (0,35 – 0,5 l/ha). Liegt der Schwerpunkt des Fungizideinsatzes auf der Phoma-Profilaxe, sind, wie bereits erwähnt, Mittel mit höherem Azol-Anteil zu bevorzugen wie z.B. Tilmor, Toprex, Folicur, Caramba, Matador u.a. Der Gewässerabstand bei den genannten Präparaten liegt bei 1 m (90 %). Für Folicur gilt dieses nur für die Indikation „Winterfestigkeit“.

 

Aufgrund der diesjährigen sehr warmen und extrem trockenen Witterungs- und Bodenverhältnisse ist die Rapsaussaat vielerorts zu späteren Terminen -  Ende August / Anfang September - erfolgt. In milderen Lagen wird noch bis Mitte September gedrillt. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass sich in diesem Herbst die Bestände überwachsen oder stark mit Phoma infizieren werden, sodass der Einsatz von wachstumsregulierenden Fungiziden nur in Ausnahmefällen wirtschaftlich sinnvoll sein wird. Einkürzungsmaßnahmen sollten deshalb auch in 2019 immer schlagspezifisch im Vorfeld abgeklärt werden.

Vor dem Hintergrund anstehender EU-Neubewertungen von Wirkstoffen werden vermutlich einige Pflanzenschutzmittel langfristig der landwirtschaftlichen Praxis wegbrechen. Ein Grund mehr, sich künftig mit der Gestaltung von Fruchtfolge, Bodenbearbeitung, Sortenwahl und Aussaatverfahren noch intensiver zu beschäftigen. Alle „Register“ des Integrierten Pflanzenschutzes müssen gezogen und intensiv ausgeschöpft werden, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf das absolut notwendige Maß zu beschränken bzw. zu erübrigen.


Kontakt:
Heidrun Meißner
Leiterin Fachgruppe Pflanze
Telefon: 0541 56008-130
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Stand: 16.09.2019