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Artenvielfalt in Obstplantagen: Einsatz für Projektverlängerung

Das laufende Biodiversitätsverbundprojekt des Bundesamtes für Naturschutz hat gezeigt, dass in den Obstplantagen an der Niederelbe große Artenvielfalt herrscht. Der Bundestagsabgeordnete Oliver Grundmann (CDU) will sich laut eines Berichts des "Stader Tageblatts" in Berlin für eine Verlängerung stark machen. In dem Bericht kommt Dr. Karsten Klopp, Leiter des von der Landwirtschaftskammer mit getragenen Obstbauzentrums Esteburg, zu Wort.

Jork - „Sechs Jahre sind ein Wimpernschlag bei der systematischen Erforschung der Artenvielfalt im Obstbau“, unterstrich der Leiter des Obstbauzentrums Esteburg in Moorende (Gemeinde Jork), Dr. Karsten Klopp, laut des "Tageblatt"-Berichts bei einem Treffen auf der Esteburg mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Oliver Grundmann aus Stade, Mitglied im Ausschuss für Umwelt und Naturschutz, auf dem Versuchsbetrieb.

Hohe Artenvielfalt an der Niederelbe

Esteburg-Leiter Klopp stellte dem Parlamentarier die ersten Zwischenergebnisse der bundesweiten Biodiversitätsstudie des Bundesamts für Naturschutz (BfN) vor. Die beteiligten Wissenschaftler hätten nachgewiesen, dass es (auch) an der Niederelbe eine außerordentlich hohe Artenvielfalt gebe – sowohl im ökologischen als auch im integrierten Obstbau.

Außerdem hätten die Untersuchungen im Zuge des Projektes gezeigt, dass die selektiven Pflanzenschutzmaßnahmen im Integrierten und im Ökologischen Obstbau in dem gewässerreichen Sondergebiet an der Niederelbe die Natur nicht schädigen (sondern nur den Schädling).

Ein Indikator dafür sei das Vorkommen von mehrjährigen Libellenarten. Für das weitere Feintuning („noch gezielter“) und die wissenschaftliche Untermauerung hält Klopp als Wissenschaftler allerdings einen längeren Zeitraum für notwendig: Mindestens zehn Jahre sollte das BfN-Projekt laufen, wird Klopp in der Zeitung zitiert. Grundmann will sich jetzt in Berlin bei der Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) dafür starkmachen.

Obstbau und Natur könnten von dem Projekt gleichermaßen profitieren, ist Oliver Grundmann überzeugt. Mittel- und langfristiges Ziel des Obstbaus an der Niederelbe ist es, das regional sowie unter hohen Umwelt- und Sozialstandards erzeugte Obst mit dem Mehrwert „Naturschutzverträglich produziert“ zu vermarkten. 

Kein wirtschaftlicher Obstbau ohne Insektizide 

Grundmann unterstrich, dass er nichts von der Forderung hält, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln pauschal (mengenmäßig) zu reduzieren. „Das ist Ideologie“, sekundierte der CDU-Mann. Der Klimawandel fördere die Etablierung neuer und begünstige existierende Schädlinge. Klopp verwies auf Kirschessigfliege und Grüne Futterwanze. Letztere könne mit Pflanzenschutzmitteln und durch Mahd bekämpft werden.

Die Crux: Beim Ausmähen der Gräben zur Futterwanzenbekämpfung im Sommer würden auch Nützlinge und Pflanzen vernichtet, die Fledermäuse weniger Nahrung in der Wochenstuben-Zeit finden. Die Mini-Wanzen richten durch das Saugen große Schäden an und vernichten Millionen-Werte. Ein Biss – und der Apfel ist wertloses Mostobst. Es gibt keinen natürlichen Gegenspieler.

Kurzum: Ohne den Pflanzenschutzmitteleinsatz sei der Obstbau an der Niederelbe verloren. Ohne wirksame Insektizide werde in Zukunft – insbesondere aufgrund des Klimawandels – kein wirtschaftlicher Obstbau mehr möglich sein, mahnte Klopp. Das würde auch die Artenvielfalt gefährden, die es in dieser Form lediglich dank der Dauerkultur Obstbau gebe.

Die Obstanlagen stehen in der Regel 15 bis 25 Jahre lang – und seien ein wichtiger Rückzugs-, Nahrungs- und Lebensraum – auch für spezialisierte und für bedrohte Arten. Dieser könne und werde weiter aufgewertet, versicherte Klopp laut "Tageblatt" dem Besucher. Dabei dürfe allerdings nicht die Existenz der Betriebe gefährdet werden.

Die gewässerreiche Marschenlandschaft – und die 700 Beregnungsteiche – fördern die Artenvielfalt erheblich. Klopp verwies auf die Aussage des Esteburg-Experten Professor Dr. Roland Weber: „Die Biodiversität wird durch den Klimawandel stärker beeinflusst als durch Insektizide.“ 

Projekt untersucht Möglichkeiten zur Aufwertung

Zum Hintergrund: Im Zuge des bundesweiten Projektes „Potenziale und Praxisprogramm zur Erhöhung der ökologischen Vielfalt in Erwerbsobstanlagen und Streuobstwiesen“ werden in 76 Betrieben im Alten Land sowie am Bodensee, in Sachsen und im Rheinland seit 2016/2017 verschiedene Möglichkeiten zur Aufwertung untersucht – wie Blühstreifen, Windschutzpflanzungen, Ankerpflanzen, Begrünung der Fahrgasse oder Nisthilfen für Insekten und Vögel. Etwa 5,2 Millionen Euro haben das Bundesamt für Naturschutz und die Landwirtschafts- und Umweltministerien der sechs beteiligten Bundesländer bewilligt.

Koordiniert von der Universität Hohenheim, sind Wissenschaftler und Berater der Obstbauversuchsringe wie des Obstbauversuchsrings des Alten Landes und des Öko-Obstbau Norddeutschland Versuchs- und Beratungsrings eingebunden. Das Projekt läuft (bislang) lediglich noch bis Ende Juni 2022.

Biodiversitätsfördernde Managementverfahren, entwickelt im Zuge des Projekts, sollen sich dem Zeitungsbericht zufolge „wie bei einem Schneeballsystem“ auf den Obstbaubetrieben verteilen – und in die Ausbildung sowie die Anbaurichtlinien einfließen.

Wettbewerb, Finanzhilfen und Roboter weitere Themen beim Obstbau-Gespräch

Ob Trockenheit, Hitze oder Dauerregen, der Obstbau kämpft bereits heute mit den Folgen des Klimawandels. Das Problem: Die Altländer haben nach eigenen Angaben mit erheblichen Wettbewerbsverzerrungen zu kämpfen. Während in vielen EU-Staaten bei Mehrgefahrenversicherungen staatlicherseits Zuschüsse von bis zu 65 Prozent bei den Versicherungsprämien ausgezahlt werden, müssen sich die deutschen Obstbauern selbst gegen (klimawandelbedingte) Extremwetterereignisse wie etwa Hagel versichern. Dabei haben sie durch höhere Löhne sowie Umwelt- und Sozialstandards ohnehin schon einen Wettbewerbsnachteil.

Stichwort Steuern: Des Weiteren fordern die Bauern laut "Tageblatt" eine Risikoausgleichsrücklage zur Selbsthilfe (gefüllt in guten Wirtschaftsjahren), ohne dass das Finanzamt gleich zuschlägt. Der Bundestagsabgeordnete Oliver Grundmann will jetzt auf Landes- und Bundesebene für diese Forderungen werben, um die 565 Betriebe an der Niederelbe zu unterstützen.

Esteburg-Leiter Dr. Klopp kündigte an, dass ein Forschungsprogramm zum Thema Roboter in Obstanlagen in Planung ist. Diese könnten (nach dem Wegfall von Herbiziden wie Glyphosat) das Mulchen und Hacken in den Obstplantagen zur Beikrautregulierung voll automatisiert übernehmen. Unter anderem mit Fotovoltaikanlagen leisten die Betriebe schon einen großen Beitrag zum Klimaschutz. Mit dem „grünen Wasserstoff“ könnte in der Zukunft sogar eine klimaneutrale Obstbauregion möglich werden. Von den milliardenschweren Konjunkturprogrammen wolle der Obstbau bei Klimaschutz und Digitalisierung profitieren, wird Klopp im "Tageblatt" zitiert.


Kontakt:
Wolfgang Ehrecke
Pressesprecher
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Dr. Karsten Klopp
Leiter Obstbauversuchsanstalt Jork
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Stand: 08.06.2020