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Spanien: Praktikum auf der Dehesa San Francisco bei Santa Olalla del Cala / Andalucia

Erfahrungsbericht von Ex-Praktikant Georg 'Jorge' Peper

Um Euch und vor allem mir selbst einen Zugang zur vielschichtigen Erfahrung 'Dehesa' zu erleichtern, zäume ich das Pferd einfach mal von hinten auf: Die letzten Wochen nach dem Praktikum in Spanien im Februar 2019 hing ich richtig durch, war antriebslos, gereizt, widerwillig, unzufrieden und wollte am liebsten durchschlafen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Was war denn los? Klar, der Himmel grau, die Luft klamm und der Bremer Wind pfiff mir ins Gesicht. Aber ich glaube, dass das, was einen traurig zurücklässt, tiefer geht als die physiologische Reaktion auf Wind und Wetter. Es ist das einfache und bescheidene Leben, das nicht viel braucht, um sich zu genügen. Wenn ich so darüber nachdenke, hatten wir auf der Dehesa mit den (für mich) wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu tun, nämlich: Wie gestalten wir den Tag? Was machen wir? Wie machen wir es? Wie wohnen wir gemeinsam? Was möchte ich heute ausprobieren, lernen? Wie gehen wir mit unserer Umgebung um – Menschen, Tiere, Pflanzen, Boden? Eine richtig geile, sehr lebendige Alltäglichkeit war das für mich und auch wenn sich das etwas verkopft anhören mag: Ich habe mein Lachpensum im Januar bereits für das gesamte Jahr 2019 abgeleistet, wie viel Spaß wir hatten, das konnte ich niemanden hier in Deutschland auch nur annähernd begreifbar machen, aber gut, dass wir es erlebt haben und es also auch keiner weitergehenden Erklärung bedarf.

Die Arbeit

Auch hier konnte ich den wahren Wert im Nachhinein deutlicher erkennen, als es mir während der Ausführung der konkreten Tätigkeiten bewusst war. Die Eicheln zu pflanzen, die Verbiss-Protektoren auf- und abzubauen, um ihnen eine behütete Kindheit zu ermöglichen, experimentell die Widerstandsfähigkeit der Eichen gegen den Pilz zu erhöhen (indem wir eine huminhaltige Säure auf die Jungpflanzen ausbrachten) oder den Kork vom Holz zu schlagen, um ihn weiterzuverarbeiten, all das hatte mit dem nachhaltigen und sorgsamen Umgang mit den heimischen Bäumen zu tun, während man sie als Mensch gleichzeitig auch für sich nutzt. Die Gräben zu vertiefen, zu säubern und vor Verwilderung zu bewahren, war einerseits Schutz der Infrastruktur, andererseits wichtig, um den Wasserfluss in den regnerischen Zeiten zu regulieren und das Wasser dorthin fließen zu lassen, wo es gebraucht wird, nämlich an den Pflanzen und den Trinkbecken für die Tiere. Mit Antonio und Andres die Tiere füttern fahren, die Zäune so umstellen, dass die Schafe die verbuschten Areale abfressen, die abgefressenen Flächen mit der Hacke zu roden, ja Tiere zu haben bedeutet sehr viel mehr Arbeit als sie einfach auf die Weide zu stellen und sie irgendwann zu schlachten (das dachte ich bisher als Stadtkind). Das Haus sauber zu halten, die hungrigen Mäuler zu stopfen, die Dreckwäsche von den fleißigen Bienchen zu waschen, Gemüse anbauen, Beete anlegen: Ich könnte die Liste wohl noch ziemlich lange weiterführen, aber ich möchte damit sagen, dass die Arbeit immer am Ökosystem und ihren Zusammenhängen orientiert: Tiere, Pflanzen, Boden, Wasserfluss und Weideland so zu bearbeiten, dass sie möglichst in einem guten und sinnvollen Gleichgewicht liegen. Das heißt ja nicht, dass es keine Probleme dabei gäbe, aber an diesem Ziel entlangzuarbeiten, finde ich sehr spannend und sinnvoll, weil es Arbeit in einem Horizont ist, der weitergeht als die eigene Nasenspitze. Und ja übrigens: Wir sind ja auch Teil des Ökosystems 'Dehesa' und schauen natürlich auch, dass für uns das rausspringt, was wir brauchen oder eben verkaufen können und dass wir nicht leben wie Kanalratten. Ja, das ist eine komplett andere Sicht aufs Arbeiten, als ich das aus meinem Betrieb kenne und ich erledige diese Arbeit weiterhin, aber es wirkt auf mich doch zunehmend uninspiriert. Aber ich möchte diese Erfahrung auf der Dehesa San Francisco gerne ins Positive wenden und als Anlass in meinem Leben nehmen, wieder Neues auszuprobieren und Veränderungen herbeizuführen, unter der mir die schöne gärtnerische Arbeit mit dem Boden und den Pflanzen wieder mehr Freude und Sinnstiftung bereitet.

El pueblo y la gente

Auch abseits der täglich verrichteten Arbeit ging es hoch her und jeden Tag, den man abseits der Dehesa verbrachte, gab es immer viel zu entdecken. Ich denke an den ersten Ausflug nach Santa O', an dem wir die alten Männer mit ihren Schirmmützen gemeinsam auf den Bänken sitzen und schnacken sahen und ich mich wunderte, denn keiner der alten Leute wirkte dort vereinsamt oder verbittert, wie ich es aus der Stadt und gerade vom Friedhof her doch sehr gut kenne. Die Leute in den Autos auf der Hauptstraße, die sich alle Nase lang zu hupen, obwohl sie sich wahrscheinlich eh zigmal pro Tag sehen oder die 40- bis 50-jährigen Frauen in den Straßen Zufres, die in ihrer Lautstärke und ihrem Enthusiasmus den Ultras von Werder Bremen starke Konkurrenz gemacht hätten oder das Weihnachtsfest, das mir mehr wie ein großer, lauter, brausender Faschingsumzug vorkam als wie besinnliche Weihnachten. Ich weiß nicht, woran es liegt, an der dörflichen Gemeinschaft, der vielen Sonne oder den übersichtlicheren Gegebenheiten und familiäreren Strukturen, aber die Leute wirkten irgendwie entspannter auf mich. Der Kontrast kam bei der Rückkehr am Frankfurter Flughafen und Hauptbahnhof natürlich knallhart auf uns zurück: Hetzende, eilende Menschen, die mit Tunnelblick durch die Massen stratzen, um sich der alle Sinnesreize überfordernden Umwelt schnellstmöglich zu entziehen. Erst da wurde mir klar, dass ich den ganzen letzten Monat niemanden hetzen gesehen hatte. Ja, da ist mir klar, dass deutsche Städte erstmal echt verwirrend und verwunderlich auf Leute wirken müssen, die das gar nicht kennen. Aber der urbane Sog ist irgendwie zu stark, um sich ihm entziehen zu können, wenn man dort lebt.

El grupo muy amable

So, zum Ende hin möchte ich nochmal zu uns kommen, unserer kleinen, aber überaus feinen Gruppe aus den niedersächsischen und natürlich bremischen Niederungen, die gemeinsam den „feurigen Süden Spaniens, Andalusien“ entdeckte, wie es so schön in Roberts Reiseführer hieß.

Dazu muss ich sagen, dass ich in meinem Leben hier in Bremen eher der Typ Einzelkämpfer bin, der sich zwar gern mit Leuten trifft, aber doch gut und gern die Hälfte des Tages lieber sein eigenes Ding macht und seinen eigenen Rhythmus folgt und es dementsprechend auch nicht gewohnt ist, sich ständig auf andere Menschen einzulassen und sich anderen Rhythmen anzupassen. Zunächst reagierte ich die erste Woche ziemlich überreizt, eine Situation, in der ich in Bremen schon lange das Weite gesucht hätte. Naja, aber ich konnte ja nicht weg, Pech gehabt, bzw. hatte ich damit wohl eher Glück, denn so war ich gezwungen, wie man so sagt, mit dem Fluss zu schwimmen. So bekam ich die wunderbare Gelegenheit, all die Leute, zumindest die meisten, einen Ticken tiefer kennenzulernen als es mir mein vorschnell urteilender erster Blick erlaubt hätte, denn es ist wirklich großartig und passiert mir eigentlich ständig: Sobald ich Menschen näher kennenlerne, mag ich sie für gewöhnlich immer mehr, da ich die kleinen Dinge sehen kann, die sie liebenswert machen. Dafür war der Graben natürlich der geborene Ort, der von trautem, schweigendem Nebeneinanderher arbeiten über gute Gespräche und dem Üben von spanischen Liedern bis hin zu genialsten Gedankenspielchen und großartigen Lachorgien alles bot, was mein Herz braucht. Der letzte Posten hatte dabei an guten Tagen Anteile bis zu 95 %.

Abends beisammen zu sitzen, Karten zu zocken, 'Till I die' zu hören und Mandarinen zu essen war bei heimeliger Ofenwärme natürlich stets ein willkommener Tagesabklang, genauso wie der allmorgendliche Check-In mit Müsli und der beeindruckend guten Laune, die schon morgens oft genug bestand. Ich hatte oft einfach so ohne ersichtlichen Grund gute Laune, das kenne ich von mir eigentlich gar nicht und das verbuche ich auf das Konto unserer Gemeinschaft, die für mich etwas total Frisches, Neugieriges und viel Begeisterung hatte. Klar, es ist nicht jeden Tag Friede, Freude, Eierkuchen, aber das ist bei 13 individuellen Personen irgendwie auch kein Wunder. Im Nachhinein dachte ich manchmal, ob bestimmte Konflikte nicht offener und mehr miteinander hätten geführt werden können, wobei ich davon auch was auf meine eigene Kappe nehmen muss, aber danach ist das natürlich leichter zu erkennen und sich alternative Verhaltensweisen vorzustellen, als wenn ich in die Situation verstrickt bin. Aber das meine ich eher als Anregung für zukünftige Konflikte, denn eine Gruppe oder eine menschliche Beziehung ohne Konflikte habe ich noch nie erlebt und die Hoffnung darauf auch weitestgehend aufgegeben – vielleicht ganz gut so. Denn Konflikte sind meiner Meinung nach auch richtig wichtig, damit eine Gruppe sich findet und jeder so seine Position findet. Aber dass alles Sonnenschein dort sein wird, stand ja auch nicht auf dem Flyer, auch wenn die Sonne wirklich viel geschienen hat.

So, zum Schluss möchte ich Euch allen danken, was ich mit Euch erleben, entdecken und lernen konnte in dieser Zeit und wünsche jedem von Euch, aus dieser Erfahrung viele gute Erinnerungen und coole Ideen für die Zukunft mitzunehmen. Bei mir ist das definitiv passiert und in Bezug auf die schönen vergangenen Erfahrungen möchte ich mit den Worten enden, die auf gefühlt jedem zweiten Grabstein in Bremen stehen und fortan auch für unser Praktikum auf der Dehesa San Francisco gelten sollen: „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah!“.

Dies sind die Termine 2019/2020 für Praktika im Ausland.


Kontakt:
Dr. Dietrich Landmann
Bildungsbeauftragter national / international
Telefon: 05551 6004-131
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